Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Machen Sie im Job auch nur noch das Allernötigste?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Ampelstreit: Habeck und Lindner, in Starrsinn vereint?

  2. Hilferuf eines Ingenieurs: Wie gefährlich ist die Lage am AKW Saporischschja?

  3. »Quiet Quitting«: Haben Sie innerlich auch schon gekündigt?

1. Habeck und Lindner, in Starrsinn vereint?

Im Barockschloss Meseberg haben Olaf Scholz und seine Ministerinnen und Minister heute den ersten von zwei Tagen in Klausur verbracht . Eine gute Gelegenheit, wichtige Entscheidungen zu treffen, damit Deutschland durch den Winter kommt. Sollte man meinen.

Tatsächlich aber stehen einige besonders drängende Themen nicht mal auf der Tagesordnung, wie ein Team aus unserem Hauptstadtbüro recherchiert hat. Weil SPD, Grüne und FDP uneins sind über weitere Entlastungspakete, über Gas und Atom, soll zuerst der Koalitionsausschuss tagen, bevor das Kabinett sich rührt. Ohne die Mitwirkung von Partei- und Fraktionsspitzen könne nichts beschlossen werden, hieß es.

Man reibt sich erstaunt die Augen. Von wem wird Deutschland eigentlich regiert? Von SPD-Chef Lars Klingbeil statt von Olaf Scholz? Von Grünenchefin Ricarda Lang statt von Annalena Baerbock und Robert Habeck? Und muss Christian Lindner immer erst den FDP-Fraktionschef Christian Dürr um Erlaubnis fragen?

Mein Kollege Michael Sauga  hat noch eine andere Erklärung für die ständige Ampelstreiterei. Es liege an Sturheit, vor allem von Habeck und Lindner . Beide zeigten sich gerne frisch und modern, so Michael, doch tatsächlich verhielten sie sich wie Besitzstandswahrer: »In zentralen Fragen der Energie- und Wirtschaftspolitik weigern sie sich beharrlich, die notwendigen Konsequenzen aus Russlands Wirtschaftskrieg gegen Europa zu ziehen. Sie sind für die Zeitenwende – solange sie ins Parteiprogramm passt.«

Bei Habeck sei es etwa das sture Nein zur Atomkraft, das eine vernünftige Energiepolitik behindert, auch wenn sich seit heute deutlicher abzeichnet, dass die verbliebenen deutschen Atomkraftwerke etwas länger in Betrieb bleiben könnten. Bei Lindner sei es die Verbohrtheit, mit der sich die Liberalen wirkungsvollen Hilfen für die Opfer von Russlands Energiekrieg entgegenstemmen. »Rufen die einen ›Atom‹, brüllen die anderen ›Übergewinne‹, und am Ende stehen untaugliche und teure Kompromisse wie der Tankrabatt, das 9-Euro-Ticket oder die Gasumlage, die der Regierung gerade um die Ohren fliegt.«

Grüne und FDP seien von vielen jungen Menschen gewählt worden, schreibt Michael: »Aber sie regieren gerade wie Traditionsvereine, die den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.«

2. Hilferuf eines ukrainischen AKW-Ingenieurs

Wie gefährlich ist die Lage am umkämpften ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja? Immer wieder wurde das Werkgelände in den vergangenen Tagen beschossen. Russen und Ukrainer machen sich gegenseitig für die Angriffe verantwortlich. Das Gelände wird von russischen Soldaten kontrolliert, ukrainische Ingenieure halten es unter Lebensgefahr in Betrieb. Inzwischen ist ein Team der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) auf dem Weg, um die Schäden am Werk und die Sicherheitssysteme zu untersuchen.

Meinem Kollegen Alexander Sarovic  ist es gelungen, mit einem der verbliebenen ukrainischen Kraftwerksmitarbeiter in Kontakt zu treten, nennen wir ihn »Ihor«. Sein richtiger Name kann zu seinem Schutz nicht genannt werden; viele seiner Angaben lassen sich ohne direkten Zugang zur Anlage nicht überprüfen, sind aber plausibel. Die Lage spitze sich immer mehr zu, berichtet Ihor. Hier Auszüge aus seiner Lageschilderung:

»Der Beschuss hat zuletzt zugenommen . Die Besatzer feuerten aus dem Industriegebiet, einer Grauzone zwischen der Stadt Enerhodar und dem Kernkraftwerk. Und sie schossen diesmal auch aus der Nähe des Reaktors. Das war neu.«

»Diesmal schossen sie auch mit Haubitzen und nicht mit Mörsern wie zuvor. Ich weiß es, weil ich den sehr lauten Beschuss gehört und die Vibration gespürt habe.«

»Die Besatzer sind wütender geworden, strenger bei ihren Durchsuchungen. Ich erinnere mich an einen Stromausfall, bei dem das Drehkreuz am Eingang nicht mehr funktionierte. Als die Mitarbeiter kamen, wussten die Russen nicht, wen sie hereinlassen sollten und wen nicht. Sie waren vollkommen verwirrt und überfordert.«

»Ich erhoffe mir (von der IAEA) eine Art Bericht mit der Empfehlung, das Gebiet zu entmilitarisieren: Das Militär soll auf mindestens 30 Kilometer Abstand zur Anlage gehen. Aber vor allem will ich, dass sie die Russische Föderation als nuklearterroristischen Staat ächten und die schärfsten Sanktionen gegen Rosatom verhängen.«

»Ich bin sicher, dass man eines Tages Bücher über das schreiben wird, was wir hier durchleben. An den Universitäten wird man diesen Fall lehren; schließlich hat es auf der Welt noch keinen solchen gegeben. Das ist nuklearer Terrorismus.«

Das Gesprächsprotokoll mit Ihor ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Es macht klar, wie dramatisch die Lage am größten Atomkraftwerk Europas ist.

Lesen Sie hier mehr: »Diesmal schossen sie auch mit Haubitzen 

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • CDU und CSU fordern weitere Stärkung der Bundeswehr: Die Unionsfraktion legt außenpolitische Linien fest: Dem SPIEGEL liegt ein Papier vor, wonach die Bundeswehr mehr Geld und die Ukraine schwere Waffen bekommen soll. Zudem gehen CDU und CSU auf Distanz zu China.

  • Visa-Bann gegen Russen spaltet die EU: In der EU ist heftiger Streit über ein Einreiseverbot für Russen entbrannt. Einige Länder fordern einen generellen Stopp der Visavergabe, Berlin und Paris sind dagegen. Nun steht wohl ein erster Showdown bevor .

  • Iran liefert Drohnen an Russland, Ukraine startet Offensive bei Cherson: Die russische Armee hat Drohnen aus Teheran erhalten – ist aber unzufrieden. Im Süden der Ukraine laufen heftige Gefechte. Und: Botschafter Melnyk und ein CDU-Politiker streiten.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

3. Ich und mein Job: Kein Handschlag mehr als nötig?

Millionen Menschen auf der Welt haben sich in den vergangenen Tagen das Internetvideo eines Nutzers namens »Zaidleppelin« angesehen, der ihnen offenbar aus dem Herzen spricht: »Ich habe jüngst den Begriff ›quiet quitting‹ gelernt«, sagt der Mann. »Man kündigt nicht seinen Job, aber man verabschiedet sich von der Idee, dessen Anforderungen immer überzuerfüllen. Man erfüllt immer noch seine Pflichten, aber fühlt sich nicht länger an eine Mentalität gebunden, die vorschreibt, Arbeit sei dein Leben. Das ist sie nicht, und dein Wert als Person wird nicht durch deine Tätigkeit definiert.«

Wörtlich übersetzt heißt »quiet quitting« stille Kündigung. In Deutschland würde man wohl eher sagen: Da hat sich einer innerlich verabschiedet und arbeitet gerade noch so viel, dass er nicht gefeuert wird.

Kein Handschlag mehr als unbedingt nötig: Würde nur ein Bruchteil jener, die den Beitrag im Internet gesehen haben, tatsächlich so denken und handeln, hätten die Unternehmen ein Problem.

Meine Kollegin Maren Hoffmann ist dem Phänomen nachgegangen. Sie schreibt: »Arbeitsrechtlich gesehen geht es darum, die eigene Arbeitsleistung zu reduzieren, ohne vertragliche Pflichten zu verletzen. Jeder, der schon mal in einer größeren Organisation tätig war, weiß: Wenn man sich penibel an vorgeschriebene Arbeitsabläufe hält, statt selbst mitzudenken, kann man den Arbeitsfluss ziemlich ins Stocken bringen.«

Doch dem Arbeitgeber zu schaden, darum scheint es beim stillen Kündigen oft gar nicht zu gehen. Sondern vielmehr darum, sich der in manchen Jobs offenbar üblichen Selbstausbeutung zu verweigern. Maren schreibt: »Etliche der›quiet quitter‹ sehen die innere Kündigung als Burn-out-Prophylaxe«, als Selbstfürsorge. Arbeit sei für diese Leute kein Lebensinhalt, sondern Mittel zum Zweck. Unbezahlte Überstunden mehrten nicht länger ihren Lebenssinn. Und warum sollte man Aufgaben zusätzlich übernehmen, für die man gar nicht bezahlt wird?

Das scheint mir die Stimmung in einigen mir bekannten Berufswelten tatsächlich treffend wiederzugeben. Womöglich lautet die deutsche Übersetzung von »quiet quitting« einfach »Dienst nach Vorschrift«. Oder wie es eine Twitteruserin ausdrückte: »In Germany we don’t say ›quiet quitting‹, we say Arbeitszeitgesetz and I think that’s beautiful.«

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Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Senator prophezeit »Straßenschlachten« – sollte Trump vor Gericht müssen: Lindsey Graham ist US-Senator und enger Vertrauter von Donald Trump. Im Falle eines Prozesses gegen den Ex-US-Präsidenten rechnet er mit Ausschreitungen. Manche verstehen das als Aufruf zur Gewalt.

  • Diese Maßnahmen zum Energiesparen gelten ab Donnerstag: Die Bundesregierung will mit einem Maßnahmenpaket die Stromversorgung sichern. Betroffen sind davon vor allem Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, aber auch Privatleute.

  • China bietet Europa überschüssiges Flüssiggas an: Norwegen, Katar – und bald China? In der Energiekrise könnte die Volksrepublik mit LNG-Lieferungen einspringen. Das würde die Abhängigkeit von Russland verringern, hätte aber in mehrfacher Hinsicht auch seinen Preis.

Meine Lieblingsgeschichte heute

»Die Ringe der Macht«

»Die Ringe der Macht«

Foto: [M] DER SPIEGEL; Amazon Prime Video

Weite Teile der Menschheit oder jedenfalls meines Freundeskreises fiebern dem 2. September entgegen. Dann startet auf Amazon Prime die erste Staffel von »Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht« . Mehr als eine Milliarde Dollar soll das damit wohl teuerste Filmmärchen aller Zeiten gekostet haben, was allerdings nur angemessen ist, schließlich ist »Der Herr der Ringe« nach der Bibel, den Worten des Vorsitzenden Mao Zedong und dem Koran ja auch eines der meistverkauften Bücher aller Zeiten.

Was genau erwartet uns in der Serie? Meine Kollegen Arno Frank und Oliver Kaever  haben im aktuellen SPIEGEL alle wesentlichen Informationen zusammengetragen, die vor dem Start zu bekommen waren. Vor allem sprachen sie mit den beiden Hauptverantwortlichen für die Entwicklung der Story, den beiden Showrunnern JD Payne und Patrick McKay. Die Männer, beide 41, haben sich gegen zahlreiche andere Bewerber durchgesetzt, weil sie kein kleines Pre- oder Sequel im Kopf hatten, sondern gleich die ganze Tolkien-Welt, die Tausende und Abertausende von Jahren, all die Figuren, Reiche, Völker und Kreaturen. »Wir wollen etwas machen, das das literarische Erbe ehrt«, sagen die beiden im SPIEGEL.

Payne und McKay kennen sich aus der Highschool, sie sind seit 25 Jahren befreundet. Ihre gemeinsame Leidenschaft für Literatur, Popkultur, Mythologie brachte sie zusammen. Die »Der Herr der Ringe«-Serie wird wohl so etwas wie ihr Lebensprojekt.

Arno und Oliver schreiben:  »Ein wenig, so Payne, fühlten die beiden sich wie Frodo und Sam, zwei der Figuren aus »Der Herr der Ringe«: »Das waren auch nicht die größten Helden von Mittelerde, nicht die Weisesten oder Stärksten – aber sie waren es, denen der Ring gegeben wurde.«

Besonders beeindruckt hat mich, dass Payne und McKay sogar Lieder in den von Tolkien erdachten Sprachen schrieben. Die Texttreue ging so weit, dass für unterschiedliche Völker auch unterschiedliche Versmaße benutzt wurden. »Das sei subtil«, schreiben meine Kollegen, aber wer darauf achte, der werde es hören.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Abhängig vom Kanzler: Scholz zögert, die Koalition streitet – und diesem Mann könnte das zum Verhängnis werden: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Unterwegs mit einem Sozialdemokraten, der zunehmend fassungslos nach Berlin blickt .

  • So will Habeck den Strompreis-GAU verhindern: Nach den Gaspreisen geraten auch die Strompreise außer Kontrolle. Verbrauchern drohen gewaltige Mehrkosten, Industriebetrieben das Aus. Diese Spirale will der Wirtschaftsminister unterbrechen – mit drastischen Eingriffen .

  • Warum verstromen wir in Deutschland immer noch Gas? Deutschland muss Gas sparen, doch in den Kraftwerken wird es noch immer zur Stromerzeugung eingesetzt – was den Strompreis derzeit kräftig treibt. Daten und Grafiken zeigen, warum ein Komplettverzicht dennoch unrealistisch ist .

  • Verlangen wir unseren Kindern zu viel ab? Viele Schülerinnen und Schüler leiden darunter, dass sie dauernd etwas leisten müssen, sagt die Erziehungsforscherin Margrit Stamm – hier gibt sie Ratschläge, wie Eltern ihren Kindern Stress ersparen und sie besser unterstützen können .

Was heute weniger wichtig ist

  • Babyblues: Kylie Jenner, 25, hat nach der Geburt ihres zweiten Kindes eine schwere Zeit durchgemacht. »Ich sollte gerade wirklich glücklich sein«, so der Realitystar in einem nun veröffentlichten Video. »Ich habe gerade erst ein Baby bekommen, aber ich habe etwa drei Wochen lang pausenlos geweint.« Jenner hatte im Februar bekannt gegeben, dass sie Mutter eines Sohns geworden ist. Mit ihrem Freund, dem US-Rapper Travis Scott, hat sie bereits Tochter Stormi. Die Unternehmerin gab zunächst den Namen Wolf Webster für ihren Sohn bekannt, schrieb aber einige Wochen später, dass sie sich für einen anderen Namen entschieden habe. Als Teil des Kardashian-Clans hat Jenner allein auf Instagram mehr als 300 Millionen Follower. Der Beginn der zweiten Staffel »The Kardashians« ist für den 22. September angekündigt.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Demnach äußerten sich fast 58 Prozent der Befragten zustimmund zu einer längeren Saisonpause.

Cartoon des Tages: Natur erklären

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Noch bis nächsten Montag können Sie in Düsseldorf den Caravan Salon besuchen, die weltgrößte Messe für Wohnwagen und Wohnmobile. Da ich gefühlt alle Ferien meiner Kindheit und Jugend auf Campingplätzen verbracht habe, blicke ich mit Staunen auf den Komfort, der inzwischen geboten wird. Hersteller Hymer bietet in seinen Mobilen inzwischen sogar verschiedene »Lichtszenarien« an, die sich mit einem Fingerschnipp an- und ausschalten lassen. Das muss dieses »Glamping« ein, das Glamour-Camping, von dem meine Frau seit einiger Zeit redet.

Sollten Sie es nicht nach Düsseldorf schaffen: Mein Kollege Jürgen Pander liefert einen guten Überblick über das Messeangebot, natürlich mit Bildergalerie. Mein Favorit ist der »Grand Empire 120« aus dem Hause Morelo, ein zwölf Meter langes Luxusgefährt mit ausfahrbarem Alkoven und einer Rundsitzgruppe im Heck. Oder das kleine, romantische Zweipersonenzelt.

Und wovon träumen Sie? Schreiben Sie mir gerne: alexander.neubacher@spiegel.de 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

Herzlich Ihr Alexander Neubacher

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