Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Auf dem Weg zur Zweikommafünf

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Klimawandel – Wie wappnen sich die Deutschen, da das Ziel von höchstens 1,5 Grad globaler Erwärmung offenbar verfehlt wird?

  2. Unfalltod einer Radfahrerin – Wie stark haben Klimaschutzaktivisten die Rettung der Verunglückten wirklich behindert?

  3. Kanzlerbesuch in China – Was hat Olaf Scholz in Peking erreicht?

1. Die Erderwärmung wird wohl um bis zu 2,5 Grad steigen – dagegen müssen sich auch die Deutschen mit Schutzmaßnahmen rüsten

In Hamburg war es heute 12 Grad warm und oft nur leicht bewölkt, das ist für einen Novembertag in dieser Stadt durchaus angenehm – und noch vor ein paar Jahren hätten sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieser in ihrer Geschichte oft von Regen und Kälte geplagten Stadt wohl vorbehaltlos über so ein Wetter gefreut. Inzwischen zeigen sich selbst Ureinwohner des deutschen Nordens, die auf ihr kühles Temperament stolz sind, beunruhigt über den Klimawandel. Als im Sommer viele deutsche Wetterstationen ein Allzeithoch der bislang gemessenen Temperaturen verkündeten, knackte Hamburg am 20. Juli die 40-Grad-Schwelle. Mit 40,1 Grad wurde der alte historische Rekord um fast drei Grad übertroffen.

Die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte stellt klar, dass das große Ziel, die globale Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen, offensichtlich verfehlt wird. Getrieben von immer neuen Hitzewellen befindet sich die Erde längst auf dem 2,5-Grad-Pfad.

Von diesem Sonntag an wird im ägyptischen Scharm El-Scheich bei der 27. Uno-Klimakonferenz über Klimaanpassung und Klimaschutz verhandelt. Mein Kollege Alfred Weinzierl, der die Titelstory mit Unterstützung der Kolleginnen Lisa Duhm und Susanne Götze und des Kollegen Tobias Großekemper verfasst hat, schildert, wie Deutschlands Bürokratie wichtige Aktionspläne der Kommunen bislang ausbremst. Er schreibt: »In Deutschland gibt es keine Erkenntnislücke, es gibt ein Umsetzungsproblem.«

Bereits 2008 hat der Bund mit großem Tamtam die sogenannte Deutsche Anpassungsstrategie ins Leben gerufen. Doch mehr als viele bunte Broschüren, Risikoanalysen des Umweltbundesamtes und ein Förderkatalog für Einzelmaßnahmen sind dabei nicht herausgekommen. Ob eine Flussauenlandschaft zur Überflutungsfläche umgewidmet oder ein öffentlicher Parkplatz entsiegelt und in einen Park verwandelt wird, das entscheiden bis heute Deutschlands Kommunen, also Oberbürgermeister, Bürgermeisterinnen und Landräte jeweils nach Gusto – und Wahlkalkül.

Deutschland hinkt im Vergleich zu diversen anderen Industrienationen bei der Klimaanpassung hinterher. In den USA und in Frankreich etwa ist das Bewusstsein für den Schutz der Bevölkerung gegen Hitze merklich ausgeprägter. Einzelne US-Bundesstaaten riefen wie Kalifornien im Juli 2021 sogar den Notstand aus – dort wurden am wärmsten Punkt, dem Death Valley, an einem Tag 54 Grad gemessen. Aufgrund solcher Hitzerekorde, aber auch aufgrund von Waldbränden und extremer Wasserknappheit, haben manche Regionen der USA ihre Infrastruktur angepasst. In Kalifornien gibt es sogenannte Cooling-Centers, also mit Klimaanlagen gekühlte Räume im Rathaus oder in örtlichen Behörden, die in einer Hitzewelle für Schutzbedürftige offen stehen.

In Deutschland fehle es nicht am Geld, sondern oft am politischen Willen – und am Personal, das sich um Klimaanpassung kümmert, schreiben die Kollegen. Hamburg zum Beispiel soll zu einer sogenannten Schwammstadt werden, damit die Stadt besser gegen Starkregen und Überschwemmungen geschützt ist, mit einer Gründachstrategie. Die steht in einem schon 2015 verabschiedeten Klimaplan. »Dachbegrünung kann einen Großteil des Regens zurückhalten, die Niederschläge gelangen mit Verzögerung und in geringerem Maße in die Kanalisation. So weit die Theorie der guten Absicht«, heißt es in der SPIEGEL-Titelstory: »In der Praxis ist noch viel zu tun: In Hamburg sind erst fünf Prozent der Dachflächen begrünt.«

»Die Politik hat bisher gern so getan, als ob man doch noch das 1,5-Grad-Ziel erreichen kann«, sagt mein Kollege Alfred. »Das ist von den Wissenschaftlern aber längst abgeräumt, deshalb muss sich die Politik dem Faktum auf der Konferenz stellen: Wir sind auf dem 2,5-Grad-Pfad.« Umso dringlicher sei es, dass wir uns den neuen Gegebenheiten anpassen. »Das ist keine Kapitulation, sondern nur ein Akt der Vernunft – um den Menschen das Leben mit dem neuen Klima leichter zu machen und sie vor Lebensgefahr zu schützen und um die materiellen Schäden zu mindern.«

2. Die am Montag in Berlin verunglückte Radfahrerin ist tot – aber nach derzeitiger Kenntnis trifft die Klimaaktivisten, die einen Stau auslösten, keine Schuld

Heute haben Polizei und Staatsanwaltschaft in Berlin mitgeteilt, dass die bei einem Unfall mit einem Betonmischer am Montag lebensgefährlich verletzte Radfahrerin gestern Abend gestorben ist.
Der Unfall hat für bundesweite Diskussionen gesorgt, weil ein Spezialfahrzeug, das helfen sollte, die Verletzte unter dem Lkw zu befreien, nach Angaben der Feuerwehr einige Zeit durch einen Stau auf der Stadtautobahn aufgehalten wurde. Der Stau soll durch eine Aktion der Klimaprotestgruppe »Letzte Generation« ausgelöst worden sein.

Die Polizei ermittelt deswegen gegen zwei Blockierer, einen 63-Jährigen und einen 59-Jährigen, wegen unterlassener Hilfeleistung und der Behinderung Hilfe leistender Personen. Die Aktivisten hatten sich offenbar an einer Schilderbrücke auf der A100 festgeklebt. Die Gruppe »Letzte Generation« sprach heute den Angehörigen der Radfahrerin ihr Beileid aus. »Wir sind geschockt«, sagte Carla Hinrichs, die Sprecherin der Aktivistinnen und Aktivisten. Zugleich kündigte die Gruppe an, weiterzumachen: »Die Bundesregierung soll unseren Protest beenden – jetzt, indem sie die Krise in den Griff bekommt«, hieß es in einer Mitteilung. »Bis dahin geht der Widerstand weiter.«

Ich finde es erst mal verständlich, dass sich der Ton in den Reaktionen auf die Aktionen der Klimaprotestgruppe nach dem Unfall verschärft hat .

In sozialen Netzwerken werden die Aktivistinnen und Aktivisten heftig angefeindet. Ob es da hilft, dass die »Süddeutsche Zeitung« inzwischen von einem internen Vermerk der Feuerwehr berichtet, der Stau habe nach Einschätzung der behandelnden Notärztin keine Auswirkungen auf die Rettung der verunglückten Radfahrerin gehabt? Dem Vermerk zufolge habe die Notärztin die Frau ungehindert versorgen können. Zudem habe die Medizinerin entschieden, dass der Betonmischer gar nicht mit dem Spezialfahrzeug angehoben werden solle.

Hendrik Zörner, der Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbands, hat die Kritik der »Letzten Generation« an den Medien heute zurückgewiesen. »Ich sehe keine Hetze in der Berichterstattung«, sagte er. Der Unfall sei ein »Ereignis, das polarisiert«.

Die Aktivistengruppe hatte nach dem Unglücksfall eine »Welle der Vorwürfe, Unwahrheiten und Hetze« beklagt. Sie wirft der »Medienlandschaft« vor, dass sie »eine Situation in dieser Form fiktiv aufbauscht und damit demokratischen Protest in einer Krisensituation delegitimiert«.

»Ich glaube, es gibt hier eine aufgestaute Empörung, die sich am ungeeigneten Objekt entlädt«, sagt mein Kollege Guido Mingels, der in den vergangenen Tagen über den Fall berichtet hat. »Die Wut über die Klimaaktivisten, die mit ihren Methoden die autofahrende Gesellschaft in Geiselhaft nehmen, ist ja sogar nachvollziehbar. Aber es gibt nach jetzigem Stand keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Protestaktion und dem Tod der Fahrradfahrerin.«

3. Olaf Scholz zog seinen Besuch in Peking heute fast trotzig durch – und glaubt, er habe »ein bisschen Bewegung« gebracht

Es gibt eine berühmte Oper namens »Nixon in China« von John Adams, die 1987 uraufgeführt wurde, 15 Jahre nach dem historischen Ausflug des US-Präsidenten Richard Nixon nach Peking. Ich habe die Oper schon einmal auf der Bühne gesehen und finde sie musikalisch grandios, inhaltlich und politisch aber merkwürdig – weil zumindest mir nicht ganz klar ist, ob das Libretto Nixons Besuch, der das Eis zwischen den Supermächten brach, nun feiern oder kritisieren will. Ob es über Olaf Scholz’ heutigen Besuch in Peking eines Tages eine Oper geben wird?

Mein Kollege Christoph Hickmann berichtet aus Peking , dass Scholz seine möglicherweise heikelste Dienstreise einigermaßen entschlossen angetreten hat. Auf dem Rollfeld in China wurde Scholz vom chinesischen Handelsminister begrüßt. Später führte er Gespräche mit Staats- und Parteichef Xi Jinping und mit Ministerpräsident Li Keqiang und saß bei einem Abendessen mit Wirtschaftsvertretern.

Zu Hause in Deutschland hat man Scholz zuletzt vorgeworfen, dass er deutsche Infrastruktur dem Zugriff Chinas ausliefere, weil er einem chinesischen Staatskonzern den Einstieg in ein Terminal des Hamburger Hafens ermöglichte. Am Zeitpunkt seiner Reise gab es auch international Kritik. Heute zog Scholz trotzig sein Ding durch. Die Frage sei, schreibt mein Kollege, »ob das auf Dauer geht: dass ein Bundeskanzler sein Ding macht«.

»Ich bin sehr froh, dass ich hier sein kann und wir miteinander sprechen können«, sagte Scholz heute. Er verstehe die Kritik an seiner Reise auch deshalb nicht, so Christoph, weil er sich doch gerade von der Chinapolitik seiner Vorgängerin absetzen will, ihm sei manches daran etwas zu freundlich gewesen. Auf der Pressekonferenz am Nachmittag sprach Scholz unter anderem über Taiwan und die Ukraine. Er sagte, dass Russlands Angriffskrieg »die internationale Friedensordnung infrage« stelle. Es sei wichtig, dass China seinen Einfluss auf Russland geltend mache.

Im persönlichen Gespräch, behauptet Scholz, könnten schwierige Themen nun mal besser angesprochen werden, auch Chinas Umgang mit Menschenrechten hat er wohl thematisiert. Ob er seinen Kritikern etwas sagen möchte? Dies hier, sagt Scholz, sei ein Besuch gewesen, der zum richtigen Zeitpunkt »ein bisschen Bewegung in festgefahrene Strukturen gebracht hat«.

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Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Aufträge für die deutsche Industrie brechen unerwartet stark ein: Zuletzt hat die deutsche Industrie deutlich weniger neue Aufträge erhalten, besonders das Auslandsgeschäft schwächelt. Zwei wichtige Branchen leiden hierzulande besonders.

  • Flugchaos in Spanien wegen herabgestürztem Rest einer chinesischen Allrakete: Eine chinesische Rakete vom Typ »Langer Marsch 5B« ist am Freitagmorgen wieder in die Erdatmosphäre eingetreten – über Spanien. Die Folge: Passagiere in Barcelona, Tarragona und Ibiza müssen noch den ganzen Tag mit Einschränkungen rechnen.

  • »Hofft das Beste, aber bereitet euch auf das Schlimmste vor«: Twitters Angestellte geben sich gegenseitig Tipps für ihre letzten Stunden oder Tage im Unternehmen. Sie sollen mit Überwachung, rechtswidrigen Entlassungen und der Notwendigkeit rechnen, vor Gericht Beweise vorzulegen.

  • Indigene in Peru nehmen 70 Touristen als Geiseln: Im peruanischen Amazonasgebiet halten Indigene Dutzende Touristen gefangen – darunter Frauen und Kinder. Sie fordern, dass ihre Regierung massive Umweltschäden nach einem Pipelineleck vor Ort untersucht.

  • Höhner-Sänger Krautmacher tritt nicht mehr auf: Die Ehefrau von Höhner-Frontmann Henning Krautmacher ist schwer erkrankt. Deshalb will der 65-Jährige ab sofort nicht mehr auf der Bühne stehen. Die Kölner Band hat bereits Ersatz gefunden.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Auf der Suche nach meinem inneren Schattenkind

Meine Kollegin Anja Rützel hat einen Online-Selbsthilfekurs für 99 Euro bei Stefanie Stahl absolviert. Stahl, Psychologin und Autorin, hat mit »Das Kind in dir muss Heimat finden« den psychologischen Ratgeber-Bestseller der vergangenen Jahre geschrieben. Anja lässt sich den Inhalt direkt von Stahl selbst erzählen. Für die Kursgebühr darf sie sich vier Videomodule ansehen, ein paar Audiomeditationen inklusive. »Ich finde es als selbst psychisch lädierter Mensch nicht grundsätzlich schlecht, dass viele Themen rund um die psychische Gesundheit seit einiger Zeit zum Psychotainment verpoppt werden«, schreibt meine Kollegin. Von den Kursanleitungen fühlt sie sich jedoch öfter an Hundetraining erinnert. Aus dem Kurs entlassen wird sie von der Bestsellerkönigin Stahl »mit dem krachend banalen Versprechen, am Ende werde zumindest fast alles gut werden«.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • So gefährlich sind Chinas geheime Polizeistationen in Europa: China soll Dutzende inoffizielle Polizeistationen im Ausland aufgebaut haben. Die Regierung stellt sie als harmlos dar. Doch ein Dissident berichtet, wie deren Mitarbeiter ihm im Exil nachstellten und ihn bedrohten. Der SPIEGEL-Report .

  • Opposition? Ist Mist: CDU und CSU hadern noch immer mit dem Machtverlust, die neue Rolle als Regierungstreiber füllen sie nicht aus. Das liegt auch an Parteichef Merz – schon laufen sich Konkurrenten warm .

  • Der Spagat zwischen Skandal und Sport: Die Handball-EM beginnt. Das deutsche Team ist ambitioniert und will sich für Olympia qualifizieren. Doch was macht der Skandal um Missbrauchsvorwürfe mit den Spielerinnen? 

  • »Wenn es richtig frostig wird, werden die Speicher schnell leer gesaugt«: Reicht das Gas? Wie lange müssen wir durchhalten? Klaus Müller, der Präsident der Netzagentur, erklärt, was auf die Deutschen zukommt – und warum er nicht zur Energiespar-Ikone werden möchte .

Was heute weniger wichtig ist

  • So sad the Song: Alfons Schuhbeck, 73, gerade erst wegen Steuerhinterziehung verurteilter Starkoch, hat in München vor Publikum gesungen. Am Ende der Premiere einer Dinnershow im Münchner »Teatro« trug er die Lieder »Sweet Caroline« von Neil Diamond und »Can’t Help Falling in Love« von Elvis Presley vor. Über seine Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von mehr als drei Jahren durch ein Münchner Gericht, gegen die Schuhbecks Anwälte Revision einlegen wollen, sagte der sichtlich mitgenommene Fernsehkoch: »Die letzten beiden Wochen waren nicht so der Hit bei mir.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der Bundeskanzler mahnte indirekt zum Schutz der Minderheiten in China an.«

Cartoon des Tages: Grüße von Wladimir

Illustration: Chappatte

Und heute Abend?

Könnten Sie die von Ihnen bezahlten Rundfunkgebühren nutzen und sich in der Mediathek des Senders Arte den dort derzeit verfügbaren Film »Undine« von Christian Petzold ansehen. Ich habe eine Schwäche für dieses surreale Liebesdrama mit Paula Beer, die für Ihre Darstellung einen Silbernen Bären bei der Berlinale 2020 gewonnen hat, und dem immer interessanten Schauspieler Franz Rogowski.

Der Film verlegt den Mythos um die legendäre Nixe, die treulose Männer tötet, in das Berlin von heute. Mein Kollege Lars-Olav Beier findet den Film nicht ganz so gut wie ich. Statt sich wie ich für die Liebenden im Wasser zu begeistern, erinnern sie ihn an »Fische in einem Aquarium«.


Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Herzlich,
Ihr Wolfgang Höbel

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