Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Türsteher Scholz und der Klub der Guten

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend, das sind heute unsere drei Fragezeichen:

  1. Willkommen im Klub – Was steckt hinter der Scholz-Idee zur Rettung des Weltklimas?

  2. Im Stich gelassen – Verheizt Putin seine Wehrpflichtigen an der Front?

  3. Entlassungen bei Tech-Firmen – Vom High Potential zum NPC?

1. Scholz wirbt für den Klimaklub

Bundeskanzler Olaf Scholz hat auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm al-Scheich für einen Klimaklub geworben, für eine Art Handelsabkommen von Staaten, die bereit sind, ihre Industrien so schnell wie möglich klimafreundlich umzubauen. Scholz sagte, die Idee sei, gemeinsam Regeln und Standards zu verabreden, damit es nicht zu Verzerrungen des Wettbewerbs komme. »Die Zeit wird knapp. Die nächste industrielle Revolution muss nun starten«, forderte er.

Nun erspare ich mir an dieser Stelle alle schalen Sprüche über die Klimabilanz eines Megaevents, zu dem mehr als 20.000 Besucherinnen und Besucher zumeist mit dem Flugzeug angereist sind, um sich dann vor Ort in E-Autos chauffieren zu lassen, deren Batterien zumindest teilweise mit Diesel-Aggregaten aufgeladen werden. Es braucht auch keinen weiteren Kommentar, der darauf hinweist, dass zwar 110 Staats- und Regierungschefs in Ägypten weilen, aber leider nicht die Staatschefs von China und Indien, obwohl sich das Weltklima ganz ohne sie nicht retten lassen wird.

Und, nein, auch der deutschen Delegation muss man nicht schon wieder vorhalten, dass sie den anderen Ländern gern Ratschläge für ökologisch korrektes Verhalten erteilt, selbst aber gerade viele klimaschädliche Kohlekraftwerke hochfährt, um klimafreundliche Atomkraftwerke demnächst abschalten zu können.

Ich glaube, dass, bei aller berechtigten Skepsis gegenüber neuen Gremien, Scholz’ Klimaklub-Vorschlag eine gute Idee ist. Sie geht auf den Wirtschaftsnobelpreisträger William D. Nordhaus zurück. Dieser hatte schon vor Jahren erkannt, dass es bei den internationalen Klimaverhandlungen allzu viele Bremser und Trittbrettfahrer gibt, die ein Vorankommen behindern.

Im Klimaklub hingegen sollen sich nur jene versammeln, die aus freien Stücken ehrgeizige Ziele verfolgen. Sie bilden eine Achse der Guten, schließen sich zu einer Freihandelszone mit gemeinsamen Klimastandards zusammen. Die Klubmitgliedschaft ist freiwillig, setzt aber Kooperationsbereitschaft und eigene Investitionen voraus, die dann wiederum mit konkreten Handelsvorteilen belohnt werden. Wer nicht mitmacht, hat dann Pech gehabt und muss damit rechnen, im Geschäft außen vor zu bleiben.

Die Idee des Klimaklubs wirft noch viele Detailfragen auf. Aber sie erscheint mir allemal besser, als ständig über CO2-Einsparvorgaben zu diskutieren, an die sich ohnehin kaum jemand hält. Und auch auf die irrationale und letztlich lebensfeindliche Wachstumskritik vieler Klimaaktivisten wäre so ein Klub grüner Volkswirtschaften, die sich dem klimaverträglichen Wachstum verschreiben, eine gute Antwort.

2. Wie Putin seine Soldaten verheizt

Spätestens seit Wladimir Putin die Teilmobilmachung angeordnet hat, ist der Krieg in vielen russischen Familien angekommen. Zehntausende Wehrpflichtige sollen bereits an die Front geschickt worden sein, um gegen die Ukraine zu kämpfen. Allerdings ergeht es ihnen dort oft schlecht, wie eine wachsende Zahl russischer Frontberichte nahelegt. Innerhalb weniger Tage sollen Hunderte Wehrpflichtige getötet worden sein – von Putin verheizt in einem sinnlosen Kampf.

Der britische »Guardian« berichtet  wie ein russisches Bataillon in der Nähe von Luhansk zerrieben wurde. Das Blatt stützt sich auf die Aussagen eines russischen Überlebenden. »Ich habe gesehen, wie Männer vor mir auseinandergerissen wurden, der größte Teil unserer Einheit ist verschwunden, zerstört. Es war die Hölle«, wird der Mann zitiert. Von 570 Wehrpflichtigen hätten nur 130 überlebt.

Weil es weitere, ähnliche Berichte gibt, wächst bei einigen Kriegsbeobachtern in Russland die Unzufriedenheit über den Umgang mit den eigenen Leuten. Die Journalistin Anastasia Kaschewarowa, sonst eine Putin-Unterstützerin, warf Kommandeuren vor, sie würden ungeschulte Männer mobilisieren. Die Wehrpflichtigen würden »ohne Kommunikation, ohne die notwendigen Waffen, ohne Medikamente, ohne die Unterstützung der Artillerie im Stich gelassen«.

Nun sollten wir nicht traurig sein, wenn es der Ukraine erfolgreich gelingt, sich gegen russische Angreifer zur Wehr zu setzen. Im Gegenteil. Putins Armee hat kein Mitleid verdient. Trotzdem sollten wir auch daran denken, dass unter den toten Russen zunehmend junge Männer sind, die sich nicht freiwillig zum Krieg gemeldet haben.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Usmanow hortete wohl auch einen Chagall: Ohne Kunst geht nichts: Mit rund 30 Werken bedeutender Maler an Bord soll die Jacht des Putin-Vertrauten Alischer Usmanow auf den Meeren unterwegs gewesen sein. Fündig wurden die Fahnder bei einer Durchsuchung in Hamburg.

  • Selenskyj spricht von »Hunderten toten Russen« täglich, Nordkorea bestreitet Waffenlieferungen: In der Region Donezk erleidet Russland erhebliche Verluste – und muss laut ukrainischer Regierung zu Verhandlungen gezwungen werden. Die USA sichern Kiew Beistand zu. Und: Verwirrung um Waffen aus Pjöngjang.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

3. Jobangst im Silicon Valley

Für viele Beschäftigte von Amazon, Twitter und Apple ist es eine neue Erfahrung: Sie müssen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Auf das Silicon Valley rollt eine Entlassungswelle zu, berichtet meine Kollegin Ines Zöttl. Eben noch umworbene High Potentials werden über Nacht zu Streichkandidaten degradiert, als seien sie nicht mehr als NPCs, Non-Player-Characters in einem Computerspiel.

Bereits Anfang Oktober sollen Abteilungsleiter des Facebook-Konzerns Meta den Auftrag erhalten haben, 15 Prozent des Personals in eine Kategorie namens »Benötigt Hilfe« einzugruppieren, ein Euphemismus für Minderleister. Nun bekommen viele Betroffene die Kündigung.

Beim kalifornischen Bezahldienstleister Stipe wurden rund 1100 Entlassungen ausgesprochen. Bei Twitter ließ der neue Chef Elon Musk fast 3700 Leute feuern, einige davon allerdings wohl versehentlich. Der Fahrdienst Lyft gab bekannt, 13 Prozent seiner 5000 Leute loswerden zu wollen. Amazon-Chef Jef Bezos verordnete einen Einstellungsstopp: Es sei an der Zeit, »die Schotten dichtzumachen«.

Was sind die Gründe für den Kahlschlag? Ines schreibt, dass sich die Techindustrie auf weltweite Rezessionsszenarien einstelle. Der globale Absatz von Computern und Smartphones schwächelt. Die sozialen Netzwerke leiden darunter, dass ihre Anzeigenkunden sparen. Außerdem seien die Konzerne in den letzten Jahren oft schneller gewachsen, als es ihnen guttat. Ihre Personalkosten stiegen; das Humankapital wurde zum Ballast in der Bilanz.

Womöglich kommt einigen Konzernen die Gelegenheit aber auch ganz recht, um in der Belegschaft aufzuräumen, obwohl die Gewinne munter weitersprudeln. Apple jedenfalls hat gerade einen neuen Quartalsrekord bei Umsatz und Gewinn gemeldet.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

  • China droht dem Westen: Gerade noch war Kanzler Scholz in Peking – zeigt China nun sein wahres Gesicht? In einem Rundumschlag kanzelt das Außenministerium gleich mehrere westliche Regierungen ab. Ein Land hingegen wird umworben.

  • Was den Demokraten und Joe Biden bei den Midterms droht: Die Zwischenwahlen in den USA werden gerne genutzt, um die Regierung abzustrafen. Die ersten Wahllokale im Osten des Landes haben geöffnet. Die News.

  • WM-Botschafter aus Katar nennt Homosexualität »geistigen Schaden«: »Lass uns über Schwule reden«, sagt der katarische WM-Botschafter Khalid Salman – und gibt dann Hanebüchenes von sich. Das Interview wurde durch das WM-Organisationskomitee rasch abgebrochen.

  • Wirtschaftsweise sagen milde Rezession voraus: Der Sachverständigenrat rechnet nach SPIEGEL-Informationen damit, dass die Preise im kommenden Jahr noch schneller steigen als 2022 – obwohl die Wirtschaft schrumpft.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Bin das etwa ich im Spiegel?

Als meine Kollegin Christina Pohl neulich nach dem Aufwachen ihr Gesicht im Badezimmerspiegel betrachtete, fiel ihr eine neue Furche auf, eine »tiefe Rinne«, wie sie schreibt, die sich von der Oberlippe vorbei am Nasenflügel bis fast zum linken Auge zog. Offenbar hatte sie beim Zubettgehen vergessen, ihre Lesebrille abzusetzen. Über Nacht hatte sich diese dann tief in die Haut eingegraben und Christianas Gesicht, wie sie selbst sagt, in eine »Knautschzone« verwandelt, die sich erst im Laufe des Tages wieder auffaltete. »Hauterschlaffung«, lautete ihre Diagnose, offenbar in Folge von Kollagenabbau.

Christina hat auf Ratgeberseiten nach Tipps gesucht, wie dem Knittergesicht vorgebeugt werden kann. Sie las von speziellen Schlafmasken und Kissenbezügen aus Satin oder Seide, die den nächtlichen Gesichtsabrieb verringerten. Oder man legt sich geschminkt ins Bett wie Joan Collins in »Denver Clan« und hofft, dass die Farbe am nächsten Morgen nicht verschmiert ist.

Ich muss gestehen, dass ich mich in Christinas Schilderung gut einfühlen kann. Früher wachte ich morgens auf und sah erfrischt aus. Heute erkenne ich mein eigenes Gesicht nicht, sondern halte es für das Passbild des späten Chet Baker. Insofern stimmt es nicht, wenn Christina glaubt, die Nachtfalten seien für Männer kein Thema.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Die Inflationsraten werden fallen«: Die Preise steigen – und mit ihnen die Zinsen. Doch Finanzmarktexperte Ulrich Kaffarnik glaubt, dass dieser Trend schon bald wieder vorbei sein könnte. Hier erklärt er, was Anleger jetzt tun können .

  • Diese Rennen entscheiden über die Macht in Amerika: Es sind die bislang teuersten Wahlen der US-Geschichte: 17 Milliarden Dollar haben die Parteien in die Midterms gesteckt. Den Demokraten droht eine schmerzhafte Niederlage. Das sind die spannendsten Entscheidungen .

  • Arme-Würstchen-TV: Es geht wieder rund im Buckingham Palast: Die fünfte Staffel der TV-Serie »The Crown« fokussiert sich auf den Rosenkrieg zwischen Charles und Diana. Aber glauben Sie nicht alles, was Sie sehen .

  • »Sie wurde ganz langsam die Treppe heruntergeführt«: Ein achtjähriges Kind wird fast sein ganzes Leben lang von Mutter und Großeltern in einem Haus gefangen gehalten. Erst durch konkrete Hinweise an das Jugendamt wird es befreit. Wie konnte das geschehen? 

Was heute weniger wichtig ist

Sexy Avenger: Chris Evans, 41, ist von der US-Zeitschrift »People« zum »Sexiest Man Alive« gekürt worden. Der »Captain America«-Darsteller folgt damit auf Show-Größen wie Brad Pitt, George Clooney, David Beckham, John Legend und zuletzt Paul Rudd (»Ant-Man«). Evans sagte, seine Mutter sei jetzt sicher besonders stolz auf ihn und reagierte auf die Auszeichnung mit einer politischen Botschaft. Er rief dazu auf, sich an den US-Zwischenwahlen zu beteiligen.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Der Mann hatte zuvor ausführlich geschildert, wie er als damals 28-Jähriger die Frau in der Oktobernacht als Opfer ausgesuchte, ihr dann mit einem Messer folgte, sie in einem Park bedroht und sie anwies, mit ihm zu gehen.

Cartoon des Tages: So nicht!

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Auf der Videoplattform YouTube sorgt eine Show für Furore, in der Internet-Promis vor einer Insel bei Panama aus dem Hubschrauber springen, an Land schwimmen und sich dann eine ganze Woche allein in der Wildnis behaupten müssen. Die erste Staffel von »7 vs. Wild«, veröffentlicht vor gut einem Jahr, wurde pro Folge fast fünf Millionen Mal aufgerufen. Die neue Staffel ist sogar noch erfolgreicher gestartet.

Nun gibt es inzwischen viele Survival-Shows, auch im normalen Fernsehen. Doch anders als die in Wahrheit durchgeplanten und teilweise gefälschten TV-Formate birgt die YouTube-Sendung echte Risiken und Herausforderungen für die Teilnehmer. Sie sind wirklich auf sich gestellt, ihnen stehen keine Kameraleute zur Seite. Als etwa der Twitch-Star Jens Knossalla alias »Knossi« nach seinem Landgang völlig erschöpft in das Mikrofon seiner Kamera redet, ist er zwar kaum zu verstehen, wirkt aber absolut glaubwürdig.

»Dschungel ohne Camp«, schreibt mein Kollege Markus Böhm und zitiert aus dem Kommentar eines Zuschauers: »Wer braucht noch Fernsehen, wenn man sone geile YouTube-Serie hat?« 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

Herzlich

Ihr Alexander Neubacher

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.