Arno Frank

Die Lage am Abend Ist der Krieg nicht GAU genug?

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Kiew – Was können wir wissen?

  2. Berlin – Was sollen wir tun?

  3. Lemberg – Was dürfen wir hoffen?

1. Was können wir wissen?

Gegenüber von Nikopol am Dnjepr liegt das AKW von Saporischschja. Bei Google Maps steht, es sei derzeit »geöffnet«. Den Nachrichten ist zu entnehmen, dass es gebrannt hat. Zumindest stand ein Gebäude auf dem Grundstück in Flammen, nachdem es von russischen Truppen beschossen wurde, die es inzwischen besetzt haben. Es ist jetzt also vermutlich eher geschlossen. Hoffen darf man, dass davon keine Gefahr ausgeht.

Die Nachricht hat weltweite Sorge hervor- und ins Gedächtnis gerufen, was da so alles in der Ukraine herumsteht – nachdem vor ein paar Tagen bereits am Sarkophag von Tschernobyl gekämpft worden war. Von den Gefechten um Saporischschja wissen wir, weil wir automatisierte Aufnahmen gesehen haben, wie dieser Krieg ohnehin ein Waffengang der Dashcams, Handy- und Überwachungskameras zu sein scheint. Was auch immer die zeigen im Krieg der Bilder.

Gesichert ist, dass der russische Vormarsch langsam vorankommt und die ukrainische Marine vorsorglich ihr eigenes Flaggschiff versenkt hat, das zu Reparaturzwecken in einem Schwarzmeerhafen auf Reede lag. Russische Panzer bleiben auch gern liegen . Leider gibt es sehr, sehr viele davon.

Wohin genau die fahren und was sie im Schilde führen, sollen die Russen nicht wissen. BBC, Deutsche Welle und die letzten unabhängigen einheimischen Medien sind größtenteils nicht mehr zu erreichen . Wie es in Kiew zugeht, berichtet für uns Christoph Reuter.

2. Was sollen wir tun?

Worte genau wählen. Genau genommen müssten wir uns neue Worte ausdenken. Für mein Schreiben an dieser Stelle bin ich in der vergangenen Woche zweimal kritisiert worden. Einmal bemängelte ein Leser, dass ich von »militärischem Mumpitz« gesprochen hatte, wo doch eine Panzerfaust in den richtigen Händen alles andere als unbrauchbarer Unsinn sei. Ein andermal galt die Beschwerde dem Verb »gefallen« als Umschreibung für Soldaten, die in diesem Krieg zu Tode gekommen sind. Der Leser hielt den Begriff für euphemistisch. Wer hinfällt, stehe wieder auf. Wer fällt, nicht.

Ich glaube, dass nicht nur die sprachlichen »Bilder unerträglich« sind, wie es gern heißt. Unerträglich ist, was sie zeigen. Das ist ein Unterschied ums Ganze.

Aufpassen beim Berichten über das Brutale muss man, sich nicht in Behutsamkeiten zu verspinnen. Sonst ist es nicht mehr weit bis zu russischen Sprachregelungen, die das Geschehen verschleiern. Schon wird über den berühmtesten Roman von Lew Tolstoi gewitzelt, er müsse nun »Militärische Sonderoperation und Frieden« heißen.

Auf der Suche nach passenden Begriffen stößt man zwangsläufig auf einen Werkzeugkasten im Keller, verstaubt und mit klemmendem Deckel. Darin dann Werkzeuge wie »heldenhaft«, »patriotisch«, »Opferbereitschaft« und, ja, »Gefallene«. Wer treffendere Worte kennt, möge sie benutzen.

Benutzen können die Ukrainer nun immerhin deutsche Helme, die, man freut sich fast über das Zivile daran, mit dem Reisebus ins Land gekommen sind . Friedrich Merz spekuliert – unter bestimmten Bedingungen – bereits über ein mögliches Eingreifen der Nato. Und der Historiker Adam Tooze überlegt, wozu symbolische Gesten eigentlich gut sind .

3. Was dürfen wir hoffen?

Hoffen dürfen wir paradoxerweise gleichzeitig, dass das Gemetzel ein Ende haben und die Ukraine standhalten wird . Zwei Entwicklungen, die einander ausschließen. Hoffen müssen wir, dass ukrainische Atomkraftwerke nicht – versehentlich oder absichtlich – in Störfallrichtung gebombt werden. Man sollte meinen, der Krieg wäre GAU genug. Hoffen sollten wir, dass Präsident Selenskyj auch das wohl vierte Attentat überlebt. Hoffen ist angebracht im Hinblick auf die Wirkung der Sanktionen .

Hoffnung sollte vor allem mit den Flüchtlingen sein. Bei jenen, die noch im Land sind wie denen, die es bereits in Sicherheit geschafft haben – und ihrerseits hoffen, dass ihre Liebsten keinen Schaden nehmen. Ganz egal, ob das die letzten Juden von Odessa  sind, Studenten aus Uganda oder Menschen, »die aussehen wie wir« (wie auch immer »wir« aussehen). Hoffnung gibt, dass endlich auch Ungarn seine Grenzen für Schutzsuchende geöffnet hat . Und hoffen wir auch, dass diese Menschen eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Weil es das ist, was Vertriebene gern wollen. Nach Hause.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute...

...ist eine Gespenstergeschichte. Marc Hujer und Veit Medick haben sich dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder angenähert , der in seiner Wohnung in Hannover gerade alles verspielt. Freundschaften, Reputation, sogar seinen Platz in den Geschichtsbüchern; zweifelhaft ohnehin, ob er in diese als »großer Sozialdemokrat« eingegangen wäre. Seine Treue zu Putin und Gazprom gibt nicht nur langjährigen Weggefährten große Rätsel auf. »Die Uhr tickt« (SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil) schon seit einer ganzen Weile. Könnte aber sein, dass sie bereits stehen geblieben ist, dass Schröder sich bereits entschieden hat, auf verlorenem Posten auszuharren. So, als käme alles irgendwann wieder in Ordnung. »Das Gespenst von Hannover« beschreibt die Tragik eines sozialen Parvenüs, der immer überall dazugehören wollte – und nun aus Sturheit alles verliert. Mein Kollege Marc Hujer kennt Schröder schon lange. Sein Eindruck: »Der Mann hat sich verrannt, und noch kommt er weder vorwärts noch zurück.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Lena Meyer-Landrut, 30, hat sich nicht über ihre schwierige Kindheit oder ihre schwierige Jugend, sondern über ihre schwierigen Jahre als Twentysomething beklagt. Seit sie 2010 mit 19 Jahren den »Eurovision Song Contest« gewonnen hat, fühle sich ihr Leben an wie »eine sehr lange Coronaphase – was Erfahrungen, Partys und das eigene Erproben von Grenzen angeht«. Wer permanent damit leben muss, dass hinter jeder Mülltonne ein Paparazzo lauert, begeht wohl die eine oder andere Dummheit weniger. Was traurig ist, einerseits. Andererseits könnte das der Preis sein für eine Prominenz, nach der so manche Altersgenossinnen von Lena Meyer-Landrut sich vergeblich verzehren – und das ganz ohne Werbevertrag etwa mit einem Autohersteller, in dem sie erklären können, wie kinderleicht sich ein neuer Mercedes im Internet konfigurieren und bestellen lässt. Sie habe eben, räumt sie ein, »andere Grenzerfahrungen gemacht«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie zweiter Forscher aus Singapur, die in der Zeitschrift ›Frontiers in Marine Science‹ veröffentlicht worden ist.«

Cartoon des Tages

Foto:

Chappatte

Und am Wochenende?

In der Sendung »Lebenszeit« ging es heute am Vormittag im Deutschlandfunk um »Ängste, Sorgen, Unsicherheiten« und den schweren Stand, den Optimismus oder auch nur Zerstreuung in diesen Zeiten hat. Kontemplativen Naturen sei hiermit, falls sie es nicht ohnehin schon in Dauerschleife hören, »Für Alina« oder »Spiegel im Spiegel« von Arvo Pärt empfohlen. Wer etwas noch Besänftigenderes bräuchte, der müsste schon zu harten Medikamenten greifen.

Ablenkung mit bedeutend höherer Oktanzahl für kindlichere Gemüter gibt es bei Netflix, wo seit dem 18. Februar die alberne »The Cuphead Show« läuft. Das ist ein schrilles Zeichentrickvergnügen um, wie der Titel schon sagt, tassenköpfige Helden auf den Tintenfass-Inseln, »gemalt mit Pinseln«, und zwar angelehnt an den Stil frühester Disney-Animationen in den Dreißigerjahren.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung und einen friedlichen Abend. Herzlich
Ihr Arno Frank

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