Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Kommt jetzt das Gröl-Embargo gegen »Layla«?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Klimaprogramme der Regierung – großer Wurf oder Minimallösung?

  2. Reisechaos – nur weg, aber wie?

  3. »Layla«-Streit – warum nicht lieber Rilke?

1. Klimaschutz – jetzt wirklich?

»Nachsitzen« müsse die Bundesregierung beim Klimaschutz, schreiben die Kolleginnen und Kollegen von der Nachrichtenagentur dpa heute. Eine gängige Floskel, die aber gut anknüpft an das SPIEGEL-Klimazeugnis, das wir der Regierung vor wenigen Tagen ausgestellt haben: »Versetzung gefährdet« .

Um drei Millionen Tonnen CO₂ verfehlte der Verkehrssektor das offizielle Klimaziel, um zwei Millionen Tonnen der Bausektor. Jetzt haben die zuständigen Ministerien ihre Aufholprogramme vorgelegt:

  • Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) will mehr Ladesäulen für E-Fahrzeuge aufstellen, mehr Fahrradwege anlegen und den öffentlichen Nahverkehr ausbauen lassen. Ein generelles Tempolimit soll es aber nicht geben. (Hier mehr dazu.)

  • Das Sofortprogramm von Bauministerin Klara Geywitz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sieht unter anderem vor, dass ab 2024 keine reinen Gasheizungen mehr eingebaut werden dürfen. (Alle Details hier .)

Deutschlands Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen stieg im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent. Damit wurde das ursprünglich schon für 2020 gesetzte Ziel von 40 Prozent weniger Treibhausgasausstoß im Vergleich zu 1990 auch ein Jahr danach noch verfehlt. Die Emissionen sanken im langfristigen Vergleich lediglich um 38,7 Prozent. Wenn es so weitergeht, wird Nachsitzen nicht reichen.

Mit dem geplanten großen Klimapaket geht es jedenfalls nicht richtig voran. Zu groß sind die Differenzen zwischen FDP und Grünen. Mein Kollege Arvid Kaiser findet: »Statt des großen Wurfs eine kurzfristige Minimallösung.«

2. Nur weg ist das Ziel

Für Dutzende Wochenendfernzüge verkauft die Bahn schon donnerstags keine Tickets mehr, weil sie zu voll sind. Spontanes Reisen wird schwieriger, wie die Grafik-Analyse  meiner Kollegin Vicky Isabelle Bargel und meiner Kollegen Holger Dambeck und Achim Tack zeigt. »Bahnfahren ist im Sommer 2022 teils zu einer Lotterie geworden«, berichten sie. »Freie Plätze sind vor allem freitags und sonntags knapp.« Bereits im April gab die Bahn bekannt, dass zu Ostern dieses Jahres zwanzig Prozent mehr Fahrgäste im Fernverkehr unterwegs waren als noch zu Ostern 2019 – vor Corona. Schwierig wird es auf manchen Strecken laut der Datenanalyse vor allem für jene, die auf einen Sitzplatz angewiesen sind, für Ältere, für Familien mit Kindern.

Dazu kommt: Die Lufthansa streicht weitere 2000 Flüge in Frankfurt und München. Man habe in der vergangenen Woche gesehen, dass man mit gezielten Streichungen den verbleibenden Flugplan stabilisieren könne, sagte ein Sprecher der Airline. Das ist schönes Krisen-PR-Deutsch für: Wir machen weniger, damit wenigstens das Wenige weniger schlecht läuft. Wahr ist auch: Weniger ist mehr – mehr Gedränge, mehr Frust. (Hier mehr.)

3. Brauchen wir ein Gröl-Embargo?

Irgendwo, ich weiß nicht mehr, wo, habe ich gerade wieder gelesen: Gedächtnisschwund im Alter ist alles andere als unvermeidlich. Demnach lässt sich gerade unser Arbeitsgedächtnis gezielt trainieren. Deshalb versuche ich jetzt, Gedichte zu lernen. Beim Abendbrot spricht der Teil meiner Familie, der in Bayern Abitur gemacht hat, nun Zeile für Zeile des Rilke-»Panthers« vor, natürlich auswendig (Angeberin!); der Rest spricht nach. Klingt spießig-bildungsbürgerlich, aber vielleicht schadet es ja wirklich nicht, mehr als das »Star Trek«-Intro  und den Titelsong von »Chip und Chap«  zu beherrschen.

Am Strande der Gesellschaft: Schlafender am Ballermann

Am Strande der Gesellschaft: Schlafender am Ballermann

Foto:

Clara Margais / dpa

Warum ich sie damit langweile? Vielleicht ist es der verzweifelte Versuch, das Sommerloch mit anderen Zeilen zu füllen als mit »Die wunderschöne Layla, sie ist schöner, jünger, geiler«. Aber bei Sommerlochthemen ist das aussichtslos, zu ihrem Wesen gehört die kurze Eskalationskette. Den Ballermann-Hit »Layla« steht an der Spitze der deutschen Charts, es gibt gerade viel Aufregung um ihn. Einzelne Städte wie Würzburg und Düsseldorf bitten darum, den Track mit dem sexistischen Text nicht auf dem Volksfest und der Kirmes zu spielen. Irgendjemand schreit: Hilfe, Verbot! Diktatur der politischen Korrektheit! Und schon twittert der Bundesjustizminister von der FDP: »Man muss Schlagertexte nicht mögen. Man kann sie sogar doof oder geschmacklos finden. Sie aber behördlich zu verbieten, finde ich, ist eins zu viel.« Große Empörung, große Schlagzeilen.

»Es verwundert wahrscheinlich nicht nur uns, wie extrem gut diese Nummer nach zwei Jahren Corona, Unter­haltungsverbot und dem Krieg in der Ukraine an­gekommen ist, in Zeiten, in denen #MeToo noch in allen Köpfen steckt und die Genderdiskussion rauf und runter geführt wird«, sagte der Produzent des Songs schon Mitte Juni, als mein Kollege Marc Hujer ihn interviewte. »Aber wahrscheinlich ist das genau der Grund, warum die Leute den Song so begeistert feiern.« (Das ganze Interview hier .)

Mir ist, als ob es tausend Gröler gäbe und hinter tausend Grölern keine Welt.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Großteil der Ukraine-Geflüchteten plant längeren Verbleib in Aufnahmeländern: Seit Beginn von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine sind Millionen Menschen ins Ausland geflohen. Laut UNHCR möchten zwei Drittel erst zurückkehren, wenn ihre Heimat wieder dauerhaft sicher ist.

  • Verhandlungen mit Russland sind laut Baerbock derzeit ausgeschlossen: Wie kann der Krieg in der Ukraine beendet werden? Bundesaußenministerin Annalena Baerbock glaubt momentan nicht an Gespräche mit Russland. Auch an der Autorität ihres russischen Amtskollegen Lawrow hegt sie Zweifel.

  • Game of Drones: Teheran soll Putin offenbar Drohnen für seinen Krieg gegen die Ukraine liefern. Tatsächlich verfügt Iran über erhebliches militärisches Know-how in dem Bereich. Welche der Waffen kommen für die Lieferung infrage? 

  • Polen bildet Postbeschäftigte an Waffen aus: Polen will angesichts des Ukrainekriegs seine Streitkräfte ausbauen. Nun bekommen die 70.000 Mitarbeiter der Post ein Angebot zu einer freiwilligen Weiterbildung. Auf dem Programm: »grundlegende Schießfertigkeiten«.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Euro fällt unter einen Dollar: Das gab es zuletzt 2002: Der Eurokurs fällt unter die Marke von 1,00 Dollar. Das liegt auch an neuen Inflationsdaten aus den USA.

  • 104 Länder zahlen fairere Löhne als Deutschland: Es wird noch 132 Jahre dauern, bis Frauen und Männer die gleichen Gehälter, Chancen und Rechte haben werden, rechnet das Weltwirtschaftsforum vor. Deutschland schneidet vor allem in einer Kategorie besonders schlecht ab.

  • »Ich werde bald gehen, erhobenen Hauptes«: Seine Zeit in 10 Downing Street war von Skandalen geprägt, dennoch empfindet Boris Johnson »Stolz« auf seine Amtsführung. Der Kampf um seine Nachfolge tobt weiter, Favoriten zeichnen sich ab.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wie Solar- und Windparks in der Gaskrise zu Goldgruben werden: Mitten in der Energiekrise wird Strom zu so hohen Preisen gehandelt wie noch nie. Das wird für die Verbraucher teuer, beschert aber Ökostromerzeugern märchenhafte Profite – auch dank einer gesetzlichen Sonderregel .

  • Amerikas leiser Kollaps: Der Boom am US-Immobilienmarkt ist zu Ende. Verkäufer müssen die Preise senken, um ihre Häuser loszuwerden. Und Experten fragen sich: Wie schlimm wird der Abschwung? 

  • Als Bergisch Gladbach Weltmeisterin wurde – zweimal: Bei der Frauen-WM 1981 konnte die deutsche Nationalelf nicht mitkicken: Es gab noch keine. Einem Vereinsteam aber gelang das »Wunder von Taipeh« .

Was heute weniger wichtig ist

Weit vom Stamm: Der Stardesigner Jony Ive, 55, und sein früherer Arbeitgeber Apple haben sich endgültig getrennt, wie die »New York Times« berichtet. Ein Beratervertrag über viele Millionen Dollar werde nicht verlängert, angeblich in beidseitigem Einverständnis. Als Angestellter hatte sich der gestalterische Vater der bunten iMacs, des iPods und des iPhones schon 2019 von Apple verabschiedet, nach gut 30 Jahren. Die Zeitung schreibt: »Es ist das Ende vom Ende einer Ära.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Mehrere Ortsteile mussten demnach evakuiert werden müsse.«

Cartoon des Tages: Eine Gasheizung?

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Wolfgang Höbel folgen und sich Lieder des Berliner Sängers und Avantgardefilmers Klaus Beyer anhören.

»Der Mann wurde mit selbst übersetzten deutschen Versionen von Liedern der Beatles berühmt und ist eine echte Berliner Legende«, sagt Wolfgang. Aus »Yellow Submarine« wurde bei Beyer zum Beispiel »Gelbes Unterwasserboot«.

»Seinen 70. Geburtstag feiert der zarte Künstler Beyer in dieser Woche mit Liveauftritten, heute am Mittwoch spielt er Open Air vor dem Festsaal Kreuzberg in Berlin, am Freitag im Klub Hafenklang in Hamburg«, sagt Wolfgang, »die Konzerte werden garantiert ein Spaß, denn der Typ ist schon anstrengend, aber natürlich ein Genie.« (Hier mehr auf Englisch  und hier mehr auf Deutsch.)

Yes we’re going to a party party.

Schönen Abend, herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.