Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Ihr Zug? Da können Sie lange warten!

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Reporter im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Lokführerstreik – Geht morgen früh mein Zug?

  2. Corona-Test – Was passiert, wenn Ungeimpfte demnächst selber zahlen müssen?

  3. Fluthilfe – 30 Milliarden – für wen?

1. Lokführerstreik: Ein Bandenkrieg auf dem Rücken der Kundschaft?

Lokführer eines ICE am Stuttgarter Bahnhof (Archivbild): Strategie der maximalen Verunsicherung der Kunden, zum Schaden des Konzerns

Lokführer eines ICE am Stuttgarter Bahnhof (Archivbild): Strategie der maximalen Verunsicherung der Kunden, zum Schaden des Konzerns

Foto: Arnulf Hettrich / imago images

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) hat heute für einen Streik bei der Deutschen Bahn gestimmt. 75 Prozent Jastimmen hätte es gebraucht, tatsächlich waren sogar 95 Prozent dafür. »Die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner unseres Landes haben die Nase gestrichen voll«, sagt Gewerkschaftsboss Claus Weselsky. Das klingt sehr verbittert. War Lokführer nicht mal ein Traumberuf?

Bereits heute Abend könnte bei der Gütersparte DB Cargo gestreikt werden. Ab morgen früh soll es dann den Personenverkehr treffen. Berufspendlerinnen und Urlaubsrückkehrer müssen bis einschließlich Freitag früh um 2 Uhr mit Verspätungen und Zugausfällen rechnen. Sollten Sie betroffen sein: In diesem Text unseres Reiseressorts erfahren Sie, wie Sie an aktuelle Fahrinformationen kommen und welche Entschädigungen Ihnen zustehen.

Warum die Lokführer so auf Krawall gebürstet sind, ist für Außenstehende kaum nachzuvollziehen. 3,2 Prozent mehr Lohn hat die GLD gefordert. 3,2 Prozent hat die Bahn angeboten. Auseinander liegen die Parteien nur bei der Frage, ab wann und für wie lange die Erhöhung gelten soll. Keine unlösbare Verhandlungssituation sollte man glauben.

Doch in Wahrheit haben Weselsky und seine Gewerkschaft noch ein anderes Streikmotiv, wie unser Bahnexperte Gerald Traufetter erklärt .

Es geht der Lokführergewerkschaft GDL darum, ihren Intimfeind, die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), auszustechen. Bei der Mitgliederzahl liegt die EVG bislang deutlich vorn. Das möchte die GDL ändern, und sei es durch Kampfeslust und Krawallschlägerei. Zwischen den Mitgliedern der konkurrierenden Gewerkschaften soll es zu Anfeindungen gekommen sein, zu körperlichen Attacken und sogar zu Morddrohungen. Man fühlt sich an einen Bandenkrieg erinnert.

Nun muss ich als Vielfahrer zugeben, dass sich meine Sympathie für solche Reibereien in sehr überschaubaren Grenzen hält, zumal dann, wenn sie auf dem Rücken der Kundschaft ausgetragen werden. Mein Kollege Gerald allerdings weist in seiner Analyse darauf hin, dass es die Bundesregierung war, die mit ihrem noch nicht sehr alten Tarifeinheitsgesetz den Konflikt zwischen den Gewerkschaften angeheizt hat. »Weselsky und seine Funktionäre sehen sich durch das Gesetz in einem Überlebenskampf«, schreibt Gerald.

Für all jene, die in den kommenden Tagen vergebens auf ihren Zug warten werden, ist das freilich kein großer Trost.

2. Coronatest: Ungeimpfte sollen zahlen

Bei der heutigen Videoschalte der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit der Bundeskanzlerin wurde ein wesentliches Ziel erreicht: Es gab zwischendurch weniger Durchstechereien an die Medien als zuletzt üblich. Stattdessen einigte sich die Runde nach SPIEGEL-Informationen darauf, dass Ungeimpfte ab dem 11. Oktober für Corona-Schnelltests selbst zahlen müssen. Ausgenommen werden lediglich Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können oder für die keine allgemeine Impfempfehlung vorliegt, als etwa Schwangere sowie Kinder und Jugendliche.

Für Impfverweigerer dürfte es also teuer werden. Zumal die Testpflicht in sehr vielen Innenräumen gelten soll: in Krankenhäusern und Pflegeheimen, bei Veranstaltungen, Festen und Gottesdiensten, beim Friseur, im Hotel, im Schwimmbad, im Fitnessstudio. Bei Preisen zwischen und 20 und 30 Euro pro Schnelltest kommen hier schnell stattliche Beträge zusammen. Und genau darauf setzt die Politik. Sie will möglichst viele Menschen vom Nutzen einer Impfung überzeugen, und sei es durch eine Art Strafgebühr für Ungeimpfte.

Wird die Rechnung aufgehen? Ich bin mir nicht sicher. Bislang galten flächendeckende Tests als wichtiges Instrument zur Eindämmung der Pandemie. Wenn sich aus Kostengründen künftig deutlich weniger Menschen testen lassen, bleiben auch mehr Infektionen unentdeckt – mit der Gefahr, dass die Betroffenen unwissentlich weitere Menschen anstecken. Am Ende wäre der Schaden der Erziehungsmaßnahme womöglich größer als ihr Nutzen.

3. Flutkatastrophe: Staat stellt den Opfern 30 Milliarden Euro in Aussicht

Um die Kosten der Hochwasserkatastrophe zu stemmen, wollen Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten einen Hilfsfonds auflegen. Darauf einigten sie sich heute bei ihrer Videoschalte. Bund und Länder wollen jeweils die Hälfte beisteuern. Der Bundestag muss dem Plan bei einer Sondersitzung am 25. August aber noch zustimmen.

Insgesamt geht es um einen Betrag von 30 Milliarden Euro. Die Politik kommt den Forderungen aus den betroffenen Regionen damit halbwegs entgegen, was auch an der bevorstehenden Bundestagswahl liegen könnte. Als Zyniker könnte man sagen: Bei allem Leid, das die Menschen in den Flutregionen erlitten haben, ist es doch immerhin ein finanzieller Vorteil, dass sich die Katastrophe kurz vor einer Wahl ereignet hat und nicht danach.

Für das persönliche Leid, für den Verlust vieler Menschenleben, wird es aber leider nie eine angemessene Entschädigung geben können.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Merkels Welt

Merkel im Kreis der Mächtigen (auf dem G7-Gipfel in Quebec 2018): Die Kanzlerin hat viele Krisen eingedämmt – gelöst hat sie sie nicht

Merkel im Kreis der Mächtigen (auf dem G7-Gipfel in Quebec 2018): Die Kanzlerin hat viele Krisen eingedämmt – gelöst hat sie sie nicht

Foto: Bundesregierung /Jesco Denzel / REUTERS

Seit knapp 16 Jahren ist Angela Merkel unsere Kanzlerin, sie ist die Konstante in der deutschen Politik und in der Welt; meine Kinder fragen, ob es je einen anderen Regierungschef gegeben hat. Und trotzdem ist sie mir in vielerlei Hinsicht rätselhaft geblieben, was auch an ihren Verwandlungskünsten lag: etwa von der Atomkraftbefürworterin zur -gegnerin. Ich erinnere mich an den CDU-Parteitag 2003 in Leipzig, als Merkel für Sozialreformen warb, die selbst in der FDP als radikal gegolten hätten. Jahre später landete sie als Kanzlerin bei der Ausweitung der Mütterrente.

Meiner Kollegin Christiane Hoffmann aus dem Hauptstadtbüro ist es nun immerhin gelungen, mir einen Teil von Merkels Welt etwas klarer zu machen – ihre Außenpolitik. Ein zentraler Begriff zum besseren Verständnis der Kanzlerin lautet demnach »strategische Geduld«.

Christiane, die Merkel in den vergangenen 16 Jahren bei vielen Gelegenheiten beobachtet hat, beschreibt dazu eine Szene von einer Münchner Sicherheitskonferenz. Merkel wurde bejubelt, als sie zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sagte, bis zum Ende des Kalten Krieges habe es auch eine Weile gedauert. »Ein Saal voller Außen- und Sicherheitspolitiker schien geradezu erleichtert, dass die deutsche Kanzlerin eine eher banale Erkenntnis aussprach: dass Konflikte sich nicht immer sofort lösen lassen«, schreibt Christiane: »Die Beschränktheit der eigenen Möglichkeiten einzugestehen, ist in der Außenpolitik nicht sehr verbreitet. Aber das Eingeständnis ist zwiespältig, der Grat zwischen Realismus und Apathie ist manchmal schmal. Strategische Geduld kann klug sein – oder eine Ausrede dafür, nichts zu tun.« Ich möchte Ihnen Christianes ebenso kluge wie schonungslose Merkel-Analyse sehr ans Herz legen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Hansis Bubis: Sechs Wochen nach dem Scheitern der Fußball-Nationalmannschaft im EM-Achtelfinale hat der neue Bundestrainer Hans-Dieter Flick, 56, heute seine erste Pressekonferenz beim DFB in Frankfurt gegeben. Die vielleicht wichtigste Voraussetzung für das Amt, ein handlicher Duz-Name, ist in seinem Fall ja erfüllt. Nach »Berti«, »Klinsi« und »Jogi« rufen die Journalisten jetzt einfach »Hansi«, das lässt sich leicht merken. Befragt nach seinen Plänen rückte der neue Coach mit der Information heraus, »die besten Fußballer Deutschlands sollen auch für Deutschland spielen«. Klingt nach einer Binsenweisheit, wurde aber von den Fachkollegen sogleich dahin gehend decodiert, dass Flick beim Neuanfang nicht nur auf Bubis, sondern auch auf erfahrene Kräfte wie Mats Hummels, Thomas Müller, Marco Reus und sogar Mario Götze setzen könnte. Zum Schluss gab’s noch einen kleinen Seitenhieb Richtung Flicks Ex-Klub Bayern München, wie mein Kollege Peter Ahrens berichtet: Auf die Frage, was denn die größten Unterschiede zwischen Bundes- und Vereinstrainer seien, sagte Flick leicht lächelnd: »Als Bundestrainer kann man sich die Spieler selbst aussuchen, das ist schon ein Vorteil.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Wie GDL-Chef Claus Weselsky mitteilte, waren 95 Prozent der teilnehmenden Mitgliederinnen und Mitglieder für einen Arbeitskampf.

Cartoon des Tages: Danke Klimawandel!

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Schauspielerin Scarlett Johansson macht derzeit Schlagzeilen, weil sie Disney verklagt hat. Sie fühlt sich von der Firma um einen Teil ihrer Gewinnbeteiligung betrogen, nachdem der Superheldinnenfilm »Black Widow« nicht nur in den Kinos läuft, sondern auch auf der Streamingplattform Disney+. Unser Filmexperte Lars-Olav Beier wagt die Prognose, dass Johanssons Klage die Filmindustrie für immer verändern könnte.  Der Riesenkonzern Disney scheint Ähnliches zu befürchten, er nennt die Schauspielerin »herzlos«.

In jedem Fall ist davon auszugehen, dass Johansson nach ihrer Klage eher kein weiteres Angebot bekommen wird, in die Rolle der geläuterten KGB-Killerin zu schlüpfen. Das macht den aktuellen Film umso wertvoller. Ich habe ihn vor einigen Tagen mit meinen Töchtern gesehen, Stichwort Female Empowerment; und zwar mit Freude. Nachdem ich im Superheldenuniversum etwas den Überblick verloren hatte, sind hier die Figuren halbwegs nachvollziehbar. Und dass Black Widow, ähnlich wie Batman, nicht über Extrapower qua Geburt verfügt, sondern sich ihre Kampfkraft hart antrainieren musste, macht ihre Figur aus pädagogischer Sicht natürlich umso wertvoller.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

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