Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wo sich die Verschwörungsideologen sammeln

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Die Pistole des Ministers – Reine Privatsache?

  2. Trump-Fans enthemmt – Wie funktioniert das soziale Netzwerk Parler?

  3. "Querdenker"-Demos – Darf eine Staatsanwältin mitmarschieren?

1. Die Privat-Pistole des Ministers

Der konservative Innenminister eines norddeutschen Bundeslandes kauft sich eine Pistole bei einem bulligen Sportschützen, auf dessen Schießstand rechtsextreme Polizisten für den Umsturz trainieren. Klingt wie der Auftakt eines besonders abgedrehten "Tatorts" oder der Nebenstrang eines Christian-von-Ditfurth-Krimis? Ist aber die neueste Wendung im leider sehr realen "Nordkreuz"-Komplex.

Es geht um drei Männer:

  1. Marko G.: Der ehemalige Soldat und Polizist hat die "Nordkreuz"-Gruppe gegründet, ein Netzwerk für rechtsradikale Prepper, die Waffen und Munition horteten und sich auf den "Tag X" vorbereiteten – jenen Moment, an dem die staatliche Ordnung ihrer Hoffnung nach zusammenbrechen wird. Laut einem Zeugen diskutierten zwei der Mitglieder in Chatgruppen, linke Flüchtlingsunterstützer "zu sammeln und umzubringen"; auf Feindeslisten sollen sie Namen und Adressen von Politikern notiert haben.

  2. Frank T.: Der frühere Sportschütze und 42-malige Deutsche Meister betreibt mit seiner Firma "Baltic Shooters" einen abgelegenen Schießplatz in Güstrow, 70 Kilometer von Schwerin entfernt. Dort trainierten jahrelang Spezialeinheiten aus dem In- und Ausland. Auf Facebook postet Frank T. Bilder gegen die "EU-Diktatur". Seit 2017 gibt es Hinweise darauf, dass sein Schießplatz ein Treffpunkt auch für Rechtsextreme ist. Frank T. engagierte Marko G. (siehe 1.) regelmäßig als Ausbilder.

  3. Lorenz Caffier: Der CDU-Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, früher Schirmherr eines von Frank T. (siehe 2.) veranstalteten "Special Forces Workshops", hat jetzt im Interview mit meinem Kollegen Gunther Latsch  eingeräumt, sich bei dem Schießstandbetreiber im Jahr 2018 eine "Kurzwaffe" gekauft zu haben, nach SPIEGEL-Informationen handelte es sich um eine Glock. "Ausschließlich zur Jagd", wie Caffier sagt. Ein Jahr, bevor er über die "Nordkreuz"-Ermittlungen informiert worden sei. Allerdings wich er in den vergangenen Monaten ähnlichen Anfragen aus (etwa von der "taz"). Noch gestern sagte er bei einer Pressekonferenz: "Privatsache bleibt Privatsache".

Nun macht zwar niemand dem Minister den Vorwurf, irgendwie in die "Nordkreuz"-Machenschaften verwickelt zu sein. Gunther sagt, es sei glaubhaft, dass Caffier arglos war, als er die Waffe kaufte. Damals galt Frank T. als "unbescholtener Topexperte", wie Caffier sagt. Die Frage bleibt aber, warum er, als er von den Ermittlungen erfuhr, den Waffenkauf nicht sofort öffentlich machte. Glaubte er wirklich, das sei seine Privatangelegenheit? "Das kann man naiv finden, aber es war so", sagt Caffier.

2. Hate of the Union

Verschwörungsideologen und Durchgedrehte in Deutschland unterhalten sich bevorzugt über die Messenger-App Telegram. (Auch ein mutmaßlicher Rechtsterrorist der "Gruppe S." soll hier in Chatgruppen begonnen haben, Männer zum Aufbau einer Art Miliz um sich zu scharen. Hier lesen Sie mehr .) In den USA hingegen wächst ein soziales Netzwerk mit dem französischen Namen Parler rasant: Anfang des Jahres hatte die Plattform aus Nevada im US-Bundesstaat Texas noch eine Million Mitglieder, jetzt sind es nach eigenen Angaben schon acht Millionen. Allein in der vergangenen Woche sollen 4,5 Millionen Profile hinzugekommen sein – als sich Donald Trumps Niederlage abzeichnete.

"Parler ist ein schlimmer Sumpf aus Falschmeldungen und ein Paradies für Verschwörungstheoretiker", sagt mein Kollege Jörg Breithut. "Fakten zählen hier nicht. Wer Trump zum Wahlsieger erklärt und Joe Biden als Verbrecher beschimpft, der wird gefeiert." Corona-Leugner, Impfgegner und Rassisten können Jörg zufolge ungehindert Fake News verbreiten: "Niemand schreitet ein. Es fühlt sich fast so an, als würden alle Beiträge bei Parler auftauchen, die bei Facebook und Twitter blockiert worden sind." (Hier lesen Sie mehr)

Einige Nutzer hetzen auch gegen den früheren Präsidenten Barack Obama. Es ärgert sie, dass mit Biden jetzt das Vermächtnis Obamas ins Weiße Haus einzieht. In der kommenden Woche erscheinen nun die Memoiren des Ex-Präsidenten, der SPIEGEL druckt exklusiv einen Auszug (das neue Heft finden Sie morgen am Kiosk, hier digital).

Der erste schwarze US-Präsident rechnet darin auch mit Trump ab, der viele Lügen über ihn verbreitete und alles daransetzte, Obamas politisches Erbe auszulöschen. Kann nun Biden, Obamas ehemaliger Vizepräsident, dieses Erbe retten? Mein Kollege René Pfister recherchierte dazu etwa in der Demokratischen Partei. "Die Wahl Bidens ist ein Hoffnungsschimmer für Amerika und die Welt", sagt René. Auch wenn die Parler-Nutzer das anders sehen.

3. Quer-Assoziierer

Die Berichte über Rechtsradikale in den Sicherheitsbehörden sind dem Glauben an den Rechtsstaat eher nicht zuträglich, vorsichtig formuliert. Nun heißt es in den Schlagzeilen auch noch, dass eine Berliner Staatsanwältin im August bei den Corona-Leugnern mitlief, zusammen mit "Reichsbürgern" und anderen Verfassungsfeinden. Die Berliner Behörden prüfen "dienstrechtliche Konsequenzen".

Allein das Wort "Querdenker"! Meinem Eindruck nach wird nicht sonderlich stringent gedacht bei diesen Veranstaltungen, sondern eher querfeldein assoziiert – Bill Gates, Impf-Terror, Merkel-Diktatur – und plötzlich versklaven Reptilwesen unsere Kinder. (Was der Hamburger Verfassungsschutzchef über "Querdenker" denkt, lesen Sie hier .)

Das erinnert mich, frei assoziiert, an die Technik, mit der sich Champions bei Gedächtnismeisterschaften sinnloses Wissen ins Hirn pressen: Dazu platzieren sie Objekte im Geiste entlang eines vertrauten Weges. Das Erinnern geschieht dann in Form eines mentalen Spaziergangs, bei dem sie die Gegenstände am Wegesrand wiederfinden. Oder sie bewegen sich durch einen Gedächtnispalast  – da fahren Nudisten auf Fahrrädern durch den Hausflur, da tanzt Britney Spears auf dem Sofatisch, je ausgefallener die Idee, desto einprägsamer. So merken sich Gedächtniskünstler endlose Zahlenreihen oder zufällige Abfolgen von Spielkarten. Faszinierend und harmlos – das Gegenteil dessen, was auf den "Querdenker"-Demos passiert. Am Samstag wollen sie durch Karlsruhe marschieren.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Europa überschreitet Zehn-Millionen-Marke: Die Zahl der gemeldeten Corona-Infektionen steigt in Europa rasant an. In Frankreich wird aktuell jeder vierte Todesfall mit Covid-19 in Verbindung gebracht.

  • Franziska Giffey verzichtet auf ihren Doktortitel: Franziska Giffey wird ihren Doktortitel künftig nicht mehr führen. Das teilte die SPD-Politikerin mit. Ihre Arbeit als Familienministerin will sie fortsetzen.

  • Coronakrise bremst Eurodrohnen-Vertrag: Die Eurodrohne kommt – der Vertrag zwischen Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien ist nach SPIEGEL-Informationen praktisch ausverhandelt. Doch die Coronakrise sorgt für Verzögerungen.

  • Scheuer fliegt auffällig oft nach Bayern: Spatenstiche, PR-Termine: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer reist nach SPIEGEL-Informationen auffallend oft dienstlich per Flugzeug in seine bayerische Heimat.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Ausgemustert

Ausgemustert

Foto: dpa-Film Peter Mountain/ dpa
  • Der Niedergang des Johnny Depp: Er gehörte lange zu den größten Stars in Hollywood. Dann ließ seine Zugkraft nach, Suchtprobleme und Gewaltvorwürfe beschädigten seinen Ruf. Nun soll er aussortiert werden .

Was heute nicht so wichtig ist

Folgt seinem Rad

Folgt seinem Rad

Foto:

GOTPAP / STAR MAX / IPx / AP

  • He'll be back: Der Schauspieler Arnold Schwarzenegger, 73, zeitweise auch bekannt als Gouverneur Kaliforniens, erholt sich derzeit von einer Herzoperation, soll aber bald erstmals in seiner langen Filmkarriere eine Serienrolle übernehmen, wie mehrere US-Branchendienste berichten. Demnach spielt er für Netflix die Rolle eines Spions, der zusammen mit seiner Tochter, dargestellt von Monica Barbaro, 30, in der ganzen Welt Bösewichte jagt. Wie sagte schon Sarah Connor in "Terminator 2": "Die unbekannte Zukunft rollt auf uns zu. Und zum ersten Mal sehe ich ihr mit einem Gefühl der Hoffnung entgegen."

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Nun steht sie auf der Aufgabe, daraus ein globales Geschäft zu machen – sonst machen am Ende womöglich andere das Rennen." 

Cartoon des Tages: Schulflurhumor

Foto: Thomas Plaßmann

Und am Wochenende?

Könnten Sie mal wieder zu Netflix rüberschalten: Die neue "The Crown"-Staffel zeigt die königliche Familie als Haifischbecken, in dem selbst ein harter Knochen wie Margaret Thatcher sauber abgenagt wieder ausgespuckt wird. Und in dem Lady Di nicht den Hauch einer Chance hat. (Hier lesen Sie die ganze Rezension meines Kollegen Oliver Kaever.)

Margaret Thatcher als Margaret Thatcher (links, aber nur im Bild), Gillian Anderson als Margaret Thatcher (rechts)

Margaret Thatcher als Margaret Thatcher (links, aber nur im Bild), Gillian Anderson als Margaret Thatcher (rechts)

Foto: AP

In diesem Sinne: Ihnen ein paar unterhaltsame Stunden mit den Kron-Jovialen.

Herzlich,
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.