Arno Frank

Die Lage am Abend Deutschland – Allein zu Haus

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Ärger am Flughafen: Fliegen sie denn?

  2. Freude an der Tankstelle: Einmal volltanken?

  3. Angst im Kulturbetrieb: Wo bleiben die Gäste?

1. Abflugangst statt Flugangst?

Heute ist der Tag, an dem mal wieder nichts mehr geht. Angelsächsische Seemänner oder Meteorologinnen sprechen in diesem Zusammenhang von einem »perfect storm«. Es ist Ferienzeit, die Leute wollen weg, aber an den Flughäfen fehlt das Personal – und jenes, das noch für die Lufthansa tätig ist, streikt zum Teil.

Lufthansa selbst hatte für Mittwoch die Zahl von 646 streikbedingten Flugabsagen genannt. In Frankfurt wurden am Mittwoch 725 von 1160 geplanten Flügen abgesagt, weil auch andere Gesellschaften betroffen sind, die vom Lufthansa-Bodenpersonal mitbetreut werden. Also Swiss, Austria, Brussels oder Air Dolomiti. Darüber hinaus konnten auch unter anderem Maschinen von Croatian, United, Air Canada oder der polnischen LOT nicht abheben.

Was auch bedeutet, dass viele Menschen in diesem eigentümlichen Zwischenreich »Flughafen« gestrandet sind. Rund 134.000 Fluggäste werden ihr Ziel nicht erreichen können. Ver.di und Lufthansa hielten sich gegenseitig vor, für die Lage verantwortlich zu sein.

Und das stimmt ja auch. Die Gewerkschaft fordert mehr Lohn, der Arbeitgeber will den nicht bezahlen. Würde die Gewerkschaft weniger Lohn fordern und der Arbeitgeber mehr bezahlen, höben all die schönen Flugzeuge auch heute im engen Takt ab. Die Passagiere jedenfalls, so zeigt unsere Videoreportage, tendieren eher zur Ansicht der Gewerkschaft.

Besondere Probleme brauchen besondere Lösungen, und so kamen Passagiere am ebenfalls ächzenden Flughafen von Heathrow auf die Idee, sich als Rollstuhlfahrer auszugeben – um so, an den Schlangen vorbei, eine bevorzugte Behandlung zu ergattern. Ein weiteres Beispiel für die teils asoziale Wirkung von TikTok, wo dieser Tipp die Runde machte.

Zusatztipp für clevere Reisende mit großzügiger Krankenversicherung: Geben Sie sich einfach als Intensivpatient aus, dann gibt es sogar Privatflüge.

2. Greift die Spritpreisbremse?

Wer nicht fliegt, nimmt eben das Auto – kleiner Scherz, der zockelt natürlich mit dem 9-Euro-Ticket durch die Lande. Wer aber doch hin und wieder einen Verbrenner bewegen muss, wird sich an der Tankstelle verwundert die Augen reiben, vor Erleichterung in die Knie gehen und St. Mineralius danken. Denn die Spritpreise, unlängst noch Gegenstand frustrierter Selbstgespräche, nähern sich zaghaft wieder dem legendären Vorkriegsniveau.

An meiner Tankstelle im Ländlichen jedenfalls konnte es ein Autofahrer nicht fassen und versuchte, die Verkäuferin in ein Benzingespräch zu verwickeln: »Wann gab’s denn das des ledschde Mol, dass des Benzin bei uns billischer is als wie in Luxemburg?« Normalerweise sei es umgekehrt, weshalb er regelmäßig 150 Kilometer in das benachbarte Herzogtum fahre – und wieder zurück.

Erfolgreich wimmelte die Verkäuferin den Mann mit einem »Ach was?« und zwei »So, so!« ab. Auskunft über die nebulösen Preisschwankungen konnte auch sie nicht erteilen. Und das kann offenbar niemand. Möglicherweise geben die Mineralölkonzerne – jetzt, da sie wohl genug abgegriffen haben – einen größeren Teil des Tankrabatts an die Kundinnen und Kunden weiter. Möglicherweise ist aber auch einfach das Öl noch günstiger geworden als gedacht.

Man weiß es nicht, weil sich die Konzerne nicht in die Karten gucken lassen. Man darf ihnen auch diese Karten nicht wegnehmen. Fast scheint es, als wären das wirklich mächtige Unternehmen, die tun und lassen können, was sie wollen. Beispielsweise, der Verkäuferin einen lächerlichen Stundenlohn bezahlen.

3. Ist dieser Platz noch frei?

Die ganz großen Ereignisse – Bayreuth, Salzburger Festspiele, Darmstädter Ferienkurse (kleiner Scherz!) – brummen im restlosen Ausverkauf. Im Schatten ihres Glanzes allerdings verkümmert der übrige Kulturbetrieb. Mein Kollege Wolfgang Höbel hat im Milieu recherchiert und ist auf die Zahl 58 gestoßen . So hoch ist der Anteil der Tickets, die zuletzt für Vorstellungen der Münchner Kammerspiele verkauft wurden, 58 Prozent. Jeder zweite Platz bleibt frei.

Inflation, Staatsverschuldung, Stellenkürzungen, Corona und der Krieg – gleich mehrere Faktoren setzen einem Wirtschaftszweig zu, der mehr sein will als ein Zweig der Wirtschaft, sondern so etwas wie kulturelle Grundversorgung leistet. Gerätselt wird, wo denn das Publikum bleibt. Ist es nicht die Angst vor dem Virus, ist es die Angst vor dem Krieg und seinen Folgen. Da würden manche Menschen, sagt ein Intendant, »instinktiv lieber zu Hause bleiben«.

Wolfang Höbel hat, neben der Sorge der Künstlerinnen und Künstler, noch einen weiteren Kollateralschaden ausgemacht. Er ist überzeugt, dass es für die meisten Betroffenen aus der Branche weitergehen wird, wir es mit einer vorübergehenden Krise zu tun haben: »Anders könnte es mit dem Beruf der Kritikerinnen und Kritiker sein. Er droht auszusterben, weil für die Arbeit der Kritik nicht bloß das Publikum schrumpft, sondern auch die Geldgeber wegfallen«. Ein freier Kritikerkollege habe ihm vor ein paar Tagen gesagt: »Früher hatte ich vier Zeitungen als feste Abnehmer. Jetzt schreib ich nur noch für mich selber«.

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Podcast Cover
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Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Lauterbach stellt baldiges Coronakonzept für Herbst in Aussicht: Die Verhandlungen zwischen Justizminister Marco Buschmann und Gesundheitsminister Karl Lauterbach schreiten voran. Die Isolationsregeln sollen bestehen bleiben.

  • Israelische Opferfamilien sollen Entschädigung erhalten – aber der Streit eskaliert: Elf Israelis starben beim Olympia-Attentat 1972 in München. Nun will die Bundesregierung Zahlungen leisten. Doch als Sprecherin der Hinterbliebenen sagt Ankie Spitzer: »Die Summe, die uns angeboten wurde, ist beleidigend.«

  • IS-Rückkehrerin aus Bremen muss fünf Jahre ins Gefängnis: Beihilfe zum Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Das Oberlandesgericht in Hamburg hat eine IS-Rückkehrerin aus Bremen zu einer Haftstrafe verurteilt.

  • Bremer Innensenator will alle Wettbüros der Stadt schließen: Es ist ein radikaler Schritt: In Bremen müssen alle stationären Wettbüros schließen, die nicht belegen können, woher das Geld für ihre Geschäftsgründung stammt. Auf Klagen ist Innensenator Mäurer vorbereitet.

Meine Lieblingsgeschichte heute ...

… führt unter anderem in die oberbayerische Provinz, nach Peiting, und dort direktemang ins Freibad, weil’s gar so warm ist, allein – es hat geschlossen. Nicht etwa, weil Schäden zu reparieren wären oder der Gemeinde das Geld für den Unterhalt ausgegangen wäre. Sondern, weil sich kein Bademeister findet.

Unlängst hat der SPIEGEL dem Thema des Fachkräftemangels eine ganze Titelgeschichte gewidmet . In unserem Podcast »SPIEGEL Daily« gehen Imre Balzer, Florian Diekmann und Regina Steffens genau dorthin, wo eben jener Mangel weh tut. Ins Schwimmbad, in die Küche, zur Feuerwehr.

Neben Freizeitangeboten betrifft das Ausbleiben helfender Hände auch die Gastronomie, wo derzeit 80 Prozent aller Betriebe mit Engpässen zu kämpfen haben. Mein Kollege Imre Balzer war bei der Recherche »überrascht, wie gefährlich der Personalmangel für uns alle werden kann. In der Gastro oder im Schwimmbad ist es vielleicht nervig, bei der Feuerwehr aber vor allem gefährlich. Allein die Feuerwehr in Berlin bräuchte 500 neue Leute pro Jahr. Und die Gesellschaft wird älter und kränker – und das bedeutet: immer mehr zu tun für die Einsatzkräfte«.

Kurioserweise, siehe oben, lässt sich die Misere auch nicht mehr so ohne Weiteres im Urlaub auf Korfu oder Teneriffa vergessen. An den Flughäfen sieht’s ähnlich aus.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Wenn das eine Rezession ist, dann will ich immer eine haben«: Die amerikanische Wirtschaft spielt verrückt: Die Inflation ist viel zu hoch, Bürger sind verunsichert – aber der Arbeitsmarkt schürt Zuversicht. Ökonomen sind ratlos: Macht die Zentralbank nun alles noch schlimmer? 

  • 5600 Liter Sprit pro Stunde: 25.000 Soldaten, 170 Flugzeuge und 38 Kriegsschiffe vor Hawaii: Beim weltgrößten Seemanöver demonstrieren die USA und ihre Verbündeten militärische Macht. Aber wie steht es um ihre Ökobilanz? 

  • »Für Klara gewinnen«: Klara Bühl, eine der Besten im deutschen Team, fällt coronapositiv aus – ein Schock in der Vorbereitung aufs EM-Halbfinale. Wer soll sie ersetzen? Auf wen muss die DFB-Auswahl besonders achten? Fünf Fragen, fünf Antworten zum Frankreichduell .

Was heute weniger wichtig ist

  • Kristen Bell, 41, Schauspielerin (»Veronica Mars«) hat in einem Interview erklärt, wie sie ihre Töchter zum Schlafen bringt. Ein Problem, das viele Eltern beschäftigt. Einfach, weil Kinder keinen »Aus«-Knopf haben und in der Regel nur dann müde werden, wenn sie müde werden. Bisher, so Bell, habe die Familie gemeinsam in einem Zimmer geschlafen, die Kinder auf einer Matratze neben dem Bett der Eltern. Doch diese Schlafsituation habe nicht mehr gepasst: »Wir wollen nicht schlafen gehen, wenn sie schlafen gehen wollen, bisher haben wir dann unserer Kopfhörer mit dem Fernseher verbunden und noch eine Serie angemacht, und sie versuchten, daneben auf dem Boden einzuschlafen.«

    Die Lösung: Melatonin, ein Qualitätsprodukt der Zirbeldrüse in unser aller Zwischenhirn. Das Hormon fördert die Schlafbereitschaft noch der lebendigsten Kinder, wenn es ihnen in Form von Gummibärchen verabreicht wird. Lincoln, 9, und Delta, 7, werden damit effektiv ausgeschaltet – und Kirsten Bell kann mehr Zeit mit ihrem Mann verbringen. Zwar könnte die Schauspielerin ihren Töchtern auch »Veronica Mars« in Zeitlupe vorspielen oder aus dem Alten Testament vorlesen. Die Vorzüge von Melatonin haben die Mutter aber überzeugt: »Es haut sie einfach schneller um, und es geht ihnen super«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Nach den Ermittlungen sollen für den Wechsel aber mindestens gut 83 Millionen geflossen worden sein.«

Cartoon des Tages: Urlaub in Moskau

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Es gibt nicht viele 60-jährige Männer, die nach dem Ausscheiden aus einer Führungsposition eine zweite Karriere als Influencer beginnen. Es gibt aber auch nur einen 60-Jährigen, der Barack Obama ist. Der demissionierte Präsident gilt als ausgesprochen cool, seine Lesetipps und Playlisten sind wichtiger als jene von Oprah Winfrey oder Elke Heidenreich. Die alte Demoskopenfrage »Mit welchem Politiker würden Sie gern mal ein Bier trinken gehen?« hat er geschickt ausgehebelt. Er ist der Ex-Politiker, von dem man sich gern ein Mixtape anhört.

Aktuell hört Obama also gern Songs von Beyoncé, Harry Styles und Kendrick Lamar, dazu Klassiker von Prince und Aretha Franklin. Da ist für jeden was dabei, jung und alt! Auch literarisch deckt Obamas Liste eine große, aber geschmackvolle Bandbreite ab. Man lese in diesem Sommer Ezra Klein, Charmaine Wilkerson, Jennifer Egan und Hanya Yanagihara. Der Klassiker ist in diesem Fall ein Spionageroman von John le Carré. Man kann sich einfach etwas herauspicken, und schon fühlt man sich wie ein 60-Jähriger, der gut beraten ist.


Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.

Herzlich,
Ihr Arno Frank

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