Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Wird dieser Mann der nächste US-Präsident?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend, das sind heute unsere drei Fragezeichen:

  1. »Trump mit Hirn« – ist Ron DeSantis der große Gewinner bei den Halbzeitwahlen in den USA?

  2. 250 Euro pro Kind – hilft die Bundesregierung Familien gegen die Inflation?

  3. Verkehrsunfall in Berlin – wie denkt die Schwester der getöteten Radfahrerin über die »Letzte Generation«?

1. Nächste Station Weißes Haus?

So uneinheitlich die Midterm-Wahlen in den USA ausfielen, so eindeutig ist die Lage im früheren Wackelstaat Florida: Der konservative Gouverneur Ron DeSantis errang einen triumphalen Sieg. DeSantis, von Freunden wie Gegnern schon mal als »Trump mit Hirn«  bezeichnet, lag um fast 20 Prozentpunkte besser als sein Konkurrent von den Demokraten. »Wir haben nicht nur die Wahl gewonnen«, sagte er vor seinen Anhängern, »wir haben die politische Karte umgeschrieben.«

Mein Kollege Marc Pitzke nennt DeSantis den »wahren Sieger der Wahlnacht«  und analysiert: »Es ist einer der wenigen Lichtblicke für die Republikaner, für die der Abend sonst vielerorts als Zitterpartie verläuft und meist schlechter als erwartet.«

Womit sich sofort die Frage aufdrängt, was DeSantis als Nächstes plant. Will er ins Weiße Haus? Viele republikanische Wahlstrategen halten es für möglich, dass DeSantis US-Präsident wird; er selbst traut es sich wohl zu. »Two more years! Two more years!« riefen seine Anhänger bereits, nicht wie üblich »Four more years!« – denn schon in zwei Jahren, so hoffen sie, kandidiert ihr Mann ja fürs Weiße Haus. DeSantis bedankte sich grinsend.

Schlechte Laune dürfte Donald Trump haben. Er hat nun einen starken Konkurrenten aus dem eigenen Lager. DeSantis streichelt wie Trump erfolgreich die Seele der Konservativen, er wettert gegen »linke Eliten«, LGBTQ-»Verirrung« an Schulen, »woke« Unternehmen wie Disney. Doch er zeigte bislang keine mit Trump vergleichbaren Charakterschwächen, gilt weder als Hochstapler noch als Lügner.

Trump würde das gern ändern. Bei seiner Stimmabgabe drohte er bereits, Geheimnisse von DeSantis zu enthüllen: »Sollte er kandidieren, werde ich Ihnen Sachen über ihn sagen, die nicht sehr schmeichelhaft sind«, sagte er. »Ich weiß mehr über ihn als jeder andere, außer vielleicht seine Frau.«

Aber auch die Demokraten müssten sich etwas einfallen lassen. US-Präsident Joe Biden sieht im Vergleich zum 44-jährigen DeSantis noch älter aus, als er ist; ein »tattriger Kerl, der ziellos über die Straßen von Miami irrte«, wie DeSantis bereits sagte.

Mein Kollege Roland Nelles sagt voraus: »Sollten die Republikaner bei der nächsten Präsidentenwahl tatsächlich mit DeSantis antreten, müssten sich auch die Demokraten fragen, ob der dann 81 Jahre alte Biden noch der richtige Kandidat ist. Der Generationswechsel würde auch hier auf der Hand liegen.«

2. Kinder, es gibt Geld!

Das Kindergeld wird im nächsten Jahr stärker erhöht als bislang geplant. Wie der SPIEGEL heute von Fachpolitikern der Regierungskoalition erfuhr, soll es für jedes Kind künftig 250 Euro im Monat geben. Bislang sind es 219 Euro für die ersten beiden Kinder und 225 Euro fürs dritte. Erst ab Kind Nummer vier werden schon heute 250 Euro gezahlt. Der Bundestag soll bereits morgen über die neue Regel abstimmen.

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich sagte: »Die Ampel legt bei der Entlastung von Familien noch eine Schippe drauf.« FDP-Fraktionsvize Christoph Meyer sprach von der »größten Erhöhung des Kindergeldes in der Geschichte der Bundesrepublik«.

In Wahrheit relativiert sich die angebliche Großzügigkeit der Koalition, wenn man bedenkt, dass auch die Kosten für Kinderkleidung, Schulbedarf und Lebensmittel zuletzt sehr stark gestiegen sind. Insofern handelt es sich bei der Erhöhung eher um einen Inflationsausgleich.

3. Eine Mahnung an die »Letzte Generation«

Am Wochenende meldete sich eine Frau in unserer Redaktion: Anja Umann, die Zwillingsschwester jener Radfahrerin, die vor einigen Tagen in Berlin unter einen Betonmischer geraten und später verstorben war. Ein Spezialfahrzeug der Feuerwehr hatte im Stau festgesteckt, auch in Folge einer Straßenblockade von Klimaaktivisten. Später kam heraus, dass das Spezialfahrzeug aber wohl keine Auswirkung auf die Rettung der Frau gehabt hätte.

Nach unserer Berichterstattung über den Vorgang hatte Anja Umann das Bedürfnis, mit uns zu reden. Sie sagt: »In einem Interview wurde ein Aktivist gefragt, ob der Unfall und der eingetretene Hirntod etwas an ihrer Einstellung zur Wahl der Mittel, die sie einsetzen, ändert. Ob sie dies zum Überdenken ihrer Aktionen anrege. Er antwortete etwas schön umschrieben, dass es schlussendlich nichts, rein gar nichts verändert.« Das habe sie als unpassend empfunden.

Ihre Schwester und sie hätten die Ziele der Klimabewegung stets geteilt und selbst vor Jahren ein veganes, nachhaltiges Modelabel gegründet. »Aber wie ignorant mit dem Schicksal meiner Schwester umgegangen wird, verletzt mich sehr.«

Mein Kollege Hannes Schrader wollte von Anja Umann wissen, ob sie wütend auf die Aktivistinnen und Aktivisten sei. Nein, sagt Umann, Wut sei ihr fremd, sie verspüre »unendliche Leere, unerträglichen Schmerz, Dunkelheit«.

Sie und ihre Schwester Sandra seien ihr Leben lang unzertrennlich gewesen; am Morgen des Unfalltags habe sie als Überraschung für San, wie sie ihre Schwester nannte, noch einen Kuchen gebacken. Am Abend wartete sie dann vergebens darauf, dass diese von der Arbeit zurückkommt, rief Kliniken an, erfuhr schließlich die schreckliche Nachricht.

Sie würde gern mit den Aktivisten reden, so Umann. Ob es nicht doch einen anderen Weg gibt, für das Überleben des Planeten zu kämpfen, ohne dass andere Menschen möglicherweise zu Schaden kommen. Sie sagt: »Ich würde sie bitten, ihre Methoden zu überdenken.«

Podcast Cover
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Und hier Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Ukraine meldet organisierte Plünderung durch russische Soldaten: Ganze Konvois mit gestohlenen Haushaltsgeräten und Baumaterialien wurden offenbar beobachtet: Der Generalstab in Kiew wirft den Kremltruppen systematische Demontage vor.

  • Reparatur der Krimbrücke könnte ein Jahr dauern: Eine große Explosion hatte Russlands Brücke zur annektierten Krim beschädigt. Nun bahnt sich laut Großbritannien eine langwierige Reparatur an. Derweil besucht Kremlsprecher Peskow das besetzte Gebiet Luhansk.

  • Russland ordnet Rückzug von Truppen aus Teilen Chersons an: Moskaus Truppen ziehen sich aus einem strategisch wichtigen Teil des Gebiets Cherson zurück. Verteidigungsminister Schoigu ordnete die Räumung des westlichen Ufers des Flusses Dnjepr an.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • »Eine offene Marktwirtschaft ist keine naive Marktwirtschaft«: Das Bundeskabinett hat die geplanten Übernahmen der Chipfirmen Elmos und ERS Electronics durch chinesische Investoren untersagt. Wirtschaftsminister Habeck will das Außenwirtschaftsrecht »weiter schärfen«.

  • Ex-Wirecard-Chef Braun muss noch vor Weihnachten vor Gericht: Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun muss sich ab 8. Dezember vor Gericht verantworten. Die zuständige Strafkammer hat 100 Verhandlungstage anberaumt – vorerst.

  • Werner Schulz ist tot: Er engagierte sich als Bürgerrechtler in der DDR und saß für die Grünen im Bundestag und im EU-Parlament: Nun ist Werner Schulz während einer Veranstaltung im Schloss Bellevue zusammengebrochen und gestorben.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Was macht eigentlich Joe Kaeser?

Deutschlands bekanntester Wirtschaftsboss? Für die meisten dürfte das noch immer Joe Kaeser sein, der langjährige Siemens-Chef, der dem früheren US-Präsidenten Donald Trump ebenso hemmungslos um den Bart ging wie den Aktivisten von Fridays for Future. Dabei ist Kaeser seinen Siemens-Job längst los; im Februar letzten Jahres übergab er an seinen Nachfolger, einen gewissen Roland Busch. Kaeser ist nur noch als Aufsichtsrat tätig, aber nicht etwa bei großen Konzernen wie Siemens oder Mercedes, sondern nur bei den abgespaltenen Konzerntöchter Siemens Energy und Daimler Truck.

»Es ist so, als würde Angela Merkel nach ihrer Zeit als Kanzlerin noch für ein paar Jahre als Ministerpräsidentin des Landes Sachsen-Anhalt amtieren«, schreibt mein Kollege Martin Noé vom Schwesterblatt manager magazin.

Noé hat Kaesers Abstieg vom Olymp rekonstruiert. Demnach hatte dieser zunächst deutlich glanzvollere Posten im Auge, als er sich bei Siemens verabschiedete. Doch er hatte die Rechnung ohne seine vielen Feinde gemacht. »Kaeser erlebt die Rache der Deutschland AG für seine Egotouren«, schreibt Noé und blättert die Hintergründe einer Story auf, die so ähnlich auch im »Denver Clan« spielen könnte. Es geht um alte Verletzungen, gekränkte Eitelkeiten und darum, dass es in der gut vernetzten deutschen Wirtschaft heute niemanden gibt, der Kaeser gut leiden kann.

Eine der vielen hübschen Anekdoten, die mein Kollege ausgegraben hat, geht so: »Auf einer Reise mit Kanzlerin Angela Merkel in China sitzt die versammelte Wirtschaftsdelegation im Bus und wartet auf den verspäteten Joe Kaeser. Der steigt ein, sagt nichts zu seiner Entschuldigung und gibt stattdessen das Signal zum Aufbruch.«

So zeigte Kaeser den anderen, dass er die Nummer eins war, schreibt Noé. Allerdings merkten es sich die, die damals mit im Bus saßen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »In der einen Woche gilt eine Totgeburt als Krankheit, in der nächsten als Entbindung«: Remo Klinger hat vor dem Bundesverfassungsgericht das »Jahrhunderturteil« zum Klimaschutz erzielt. Nun reicht der Jurist wieder Beschwerde ein. Er sagt, das Mutterschutzgesetz verstoße gegen das Grundgesetz .

  • »Einfach nur Geld zu verteilen, reicht nicht«: Olaf Scholz hat zwei Milliarden Euro für den Erhalt wertvollen Baumbestands zugesagt, und auf der COP27 haben sich mehrere Initiativen dem Waldschutz verschrieben. Worauf es da ankommt, sagt der Umweltforscher Rico Fischer .

  • Flicks Münchner Teufelsdreier und die Suche nach Mister X: Am Donnerstag nominiert Hansi Flick seinen Kader für die Fußball-WM in Katar. Wer ist in besonders guter Form? Wo gibt es Probleme? Und: Wer könnte überraschend aufgestellt werden? Der Überblick .

Was heute weniger wichtig ist

  • Oscarverleiher: Sean Penn, 62, hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew seinen Oscar überreicht. Selenskyj möge die goldene Figur so lange behalten, bis der Sieg über die russischen Invasoren erreicht sei, so der US-Schauspieler. Das Ganze sei nur eine symbolische Sache: »Wenn ihr gewinnt, bring ihn zurück nach Malibu.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Beim Barcelona-Sieg gegen Osasusana ist Robert Lewandowski nach über neun Jahren mal wieder vom Platz geflogen.«

Cartoon des Tages: Midterms

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Mein Kollege Sebastian Maas ist Vegetarier, ich halte das für eine alberne Angewohnheit, trotzdem liebe ich seine Rezepte, mit denen er zumeist spottbillige Zutaten in fantastische Gerichte verwandelt. In seiner neuen Kolumne geht es um Lauchstangen, die er zu bissfesten Filets, einer cremigen Soße und einer knusprigen Beilage verarbeitet. Besonders hübsch finde ich seine Idee, das Gericht mit angebratenen Brotkrümeln und getrockneten Tomaten aufzupeppen, dem »Speck des kleinen Mannes«, wie Sebastian schreibt. Am Ende hat er dreierlei Lauch mit Pasta auf dem Teller. Und das für lediglich 1,50 Euro pro Portion. Bravo!

Ich wünsche Ihnen guten Appetit und einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Alexander Neubacher

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