Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Schlechte Nachrichten für Bodenlose

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Mathematik – Wer rechnet mit welcher Lösung

  2. Sinkende Mietpreise – Freut sich jemand in Grund und Boden?

  3. Impeachment – Warum wird Trump nervös?

1. Anteile und herrsche

Wenig ist sicher in der Coronakrise, aber die Begriffe der Mathematik suggerieren immerhin Klarheit, also ein Blick auf Anteile und Prozente im Dreiabsatzverfahren:

  • Der größte Teil ihrer Arbeit als Bundeskanzlerin habe seit mehr als einem Jahr mit dieser Aufgabe zu tun: »Unser Land durch diese Katastrophe und wieder in bessere Zeiten zu führen.« Angela Merkel hat in einer Regierungserklärung die gestrigen Corona-Beschlüsse verteidigt und die Virusmutationen als »sehr reale Gefahr« bezeichnet. Zugleich machte sie klar, wie gering ihr Anteil am Plan der Länder ist, bereits ab Montag Schulen zu öffnen. »Seltsam matt« habe Merkel gewirkt, findet mein Kollege Sebastian Fischer, Leiter unseres Hauptstadtbüros: »Die Kanzlerin gibt auf dem Höhepunkt ihrer Regierungserklärung eine Art Protokollnotiz zu den Bund-Länder-Beschlüssen vom Vortag ab.« Überzeugt habe ihn hingegen der Anpackerauftritt von Ralph Brinkhaus, dem Fraktionschef der Union – »weil hier nicht nur die Regierungspolitik verteidigt, sondern Perspektive geboten wird über den nötigen Shutdown hinaus«. (Mehr dazu hier.)

  • Bei insgesamt rund zwei Dritteln der Teilnehmer an einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage hat das Bild der Europäischen Union wegen der Impfstoffbeschaffung massiv gelitten: 22 Prozent gaben an, es habe sich »eher verschlechtert«. Bei nahezu doppelt so vielen (42 Prozent) habe es sich sogar »eindeutig verschlechtert«. (Mehr hier.)

  • »Bei den Angaben zur Wirksamkeit der Impfstoffe kursieren mehrere Missverständnisse«, erklärt meine Kollegin Julia Merlot aus unserem Wissenschaftsressort. »Zum einen verraten die Zahlen nicht, wie gut die Impfstoffe vor einer Infektion schützen, sondern vor der Krankheit Covid-19. Zum anderen bedeutet eine Wirksamkeit von beispielsweise 70 Prozent nicht, dass ein Impfstoff 70 von hundert Geimpften vor einer Erkrankung schützt.« Was denn dann? »Unter Geimpften verhindert er 70 Prozent der Erkrankungen, die es ohne Impfung gegeben hätte. Das bedeutet eine große Entlastung für das Gesundheitssystem und jeden einzelnen.« (Hier ausführlich erklärt.)

Mit einer Lösung der Krise ist vorerst nicht zu rechen. Aber hier lesen Sie, was die neuen Corona-Beschlüsse bringen: Bremsen um jeden Preis 

2. Stadt, Land, Frust

Im nun verlängerten Shutdown machen selbst überzeugteste Großstädter eine Erfahrung, die sonst eher Eltern kleiner Kinder kennen: Die Stadt wird überflüssig, ihre Vorteile schwinden, die Nachteile bleiben. Keine Kneipenabende mehr, kein tanzen gehen, kein Zeitungslesen im Café, kein Theater, kein Kino, kein Einkaufsexzess. Dafür Feinstaub, Streusplitt, Hundekot und Slalom-Joggen im Park. Wer es sich leisten kann, guckt nach Häusern mit Garten – am Stadtrand, im Umland, warum nicht gleich am Meer oder in den Bergen, falls das Netz reicht für die Heimarbeit?

Jetzt zeigt eine neue Auswertung: In einigen Städten sinken die Mieten tatsächlich, allerdings nur minimal und nur bei Neuverträgen. »Vor allem in den sieben größten Städten sind sie zuletzt deutlich zurückgegangen«, sagt mein Kollege Henning Jauernig aus unserem Wirtschaftsressort. In Frankfurt am Main ging etwa das Mietniveau um 2,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zurück. »Gründe hierfür sind, dass die Zuwanderung leicht abgenommen hat und es einen erhöhten Sterbeüberschuss gibt, auch durch Corona-Tote«, sagt Henning. »Der Rückgang könnte also nur von kurzer Dauer sein: Wenn die Pandemie überstanden ist, könnten die Mieten in Großstädten wieder so stark wachsen wie zuvor.«

Die Kaufpreise kennen eh nur eine Richtung, wie sich wieder zeigt. Einfamilienhäuser kosteten im Schnitt 0,7 Prozent mehr als im Vorquartal und Eigentumswohnungen plus 0,6 Prozent. Wird schwer, etwas zu finden am Stadtrand, im Umland, am Meer oder in den Bergen.

3. Im Namen der Volksvertreter

Zu den Merkwürdigkeiten, Besonderheiten, Skurrilitäten der, nun ja, Ära Donald Trumps passt, dass sie mit einem sehr besonderen Amtsenthebungsverfahren ausklingt. An sich ist ein Impeachment schon eine sehr besondere Mischung aus Strafprozess und politischem Theater, ein »ungewöhnlicher Zwitter«, wie es ein US-Verfassungsexperte im Gespräch mit meiner Kollegin Janita Hämäläinen nennt (hier das Video).

Bei dem Verfahren gegen Trump aber kommen Besonderheiten hinzu:

  • Die Senatoren sind zugleich Opfer, Zeugen und Geschworene, viele von ihnen haben den Sturm auf das Kapitol aus nächster Nähe erlebt, waren das Ziel der Angreifer – und müssen am Ende darüber abstimmen, ob Trump der Anstiftung zum Aufruhr für schuldig befunden wird.

  • Prozessort und Tatort sind identisch.

  • Das Verfahren wird nicht wie üblich vom Obersten Richter des Supreme Court geleitet, sondern vom dienstältesten Senatoren, einem Demokraten – was einige Republikaner kritisieren.

Der bisherige Prozessverlauf macht Trump ziemlich nervös, berichten meine Kollegen Roland Nelles und Alexander Sarovic aus Washington. »Seine Anwälte agieren schwach, der Ex-Präsident soll getobt haben«, schreiben sie.

  • Und hier können Sie den dritten Tag des Impeachments verfolgen: Der Livestream

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Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Bundesregierung beschränkt Einreisen aus Tschechien und Tirol: Weil in Tschechien und Österreich gefährliche Virusvarianten grassieren, handelt die Bundesregierung. Einreisen sollen auf ein Minimum beschränkt werden, an den Grenzen werden stationäre Kontrollen eingeführt.

  • Russischer Geheimdienst vergiftete offenbar weiteren Kremlkritiker: Der SPIEGEL und seine Partner haben russische Geheimdienstmitarbeiter identifiziert, die offenbar Alexej Nawalny vergiftet haben. Neue Recherchen zeigen: Auch der Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa war in ihrem Fokus.

  • Ermittler durchsuchen Haus von Österreichs Finanzminister Blümel: Gernot Blümel steht offenbar im Zusammenhang mit einer Parteispendenaffäre im Visier der Ermittler. Bei einer Durchsuchung seines Wohnsitzes wurden Unterlagen und Geräte beschlagnahmt.

  • Islamist wegen Anschlags auf homosexuelles Paar angeklagt: Im Oktober tötete ein Attentäter einen Touristen in Dresden, dessen Partner überlebte schwer verletzt. Jetzt hat die Bundesanwaltschaft nach SPIEGEL-Informationen einen Syrer wegen Mordes angeklagt.

  • »Bis Sonntag weitgehend dauerfrostig«: Es bleibt winterlich in weiten Teilen Deutschlands. Am Rhein sollen die Temperaturen tagsüber wieder ein wenig steigen – doch nachts bleibt es klirrend kalt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Man kann Kriminellen nicht die Verschlüsselung wegnehmen«: Die WhatsApp-Alternative Signal hat Millionen Nutzer, sammelt kaum Daten und ermöglicht verschlüsselte Kommunikation. Im Interview schließt Entwickler Moxie Marlinspike eine Hintertür für Ermittler kategorisch aus .

  • »Rechtswidrig, anfechtbar, unzulässig«: Die Aufarbeitung der Datenaffäre entzweit die Stuttgarter Führungsriege. Dabei geht es auch um die Interpretation der Ermittlungsergebnisse. Nun fällen Juristen ein vernichtendes Urteil .

  • Wie Sie mit Ihrem Kind ins Gespräch kommen: Kinder und Jugendliche antworten oft mit Ein-Wort-Sätzen, wenn Eltern sie fragen, wie ihr Tag war. Woran das liegt – und was Kinder brauchen, um darüber zu sprechen, was sie wirklich beschäftigt .

Was heute nicht so wichtig ist

Dürfte auch auf den Straßen von Philadelphia nicht betrunken fahren

Dürfte auch auf den Straßen von Philadelphia nicht betrunken fahren

Foto:

LUCAS JACKSON / REUTERS

  • Drunk in the USA: Bruce Springsteen, 71, muss sich im Bundesstaat New Jersey in der kommenden Woche vor Gericht verantworten, weil er betrunken einen Wagen steuerte. Wie eine Behördensprecherin jetzt der Nachrichtenagentur AFP bestätigte, war der Sänger bereits am 14. November im Nationalpark Sandy Hook vorübergehend festgenommen worden. Der Autohersteller Jeep zog einen Werbespot zurück, in dem der Musiker am Steuer zu sehen ist und sagt, er sehe »Hoffnung auf der Straße«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Manson, so schildern es andere Zeugen dem ›New York Magazine‹, habe in dieser Zeit große Mengen an Alokohol und anderen Drogen zu sich genommen.«

Cartoon des Tages: Die Nerven liegen blank

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie die Sendung »DER SPIEGEL fragt...« gucken, in der mein Kollege Jonas Leppin mit Oliver Kalkofe über dessen Streit mit dem Verschwörungsideologen Attila Hildmann spricht. Es geht auch darum, weshalb Kalkofe als der Erfinder der durchgeknallten deutschen Fernsehkritik plötzlich die Öffentlich-Rechtlichen verteidigen muss, was er gerne mit Kevin Spacey bereden würde, und wie ihn sein alter Freund und »Heute Show«-Moderator Oliver Welke einst auf der Kegelbahn rettete.

Vor über 20 Jahren hat Jonas mit einer Wette über Kalkofe 20 D-Mark verdient, hat er mal erzählt. Heute konnte er dem TV-Satiriker endlich seinen Anteil geben. (Hier geht es zur Sendung.)

In diesem Sinne: Von dem können Sie sich eine Mattscheibe abschneiden.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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