Die Lage am Abend Moria - warum musste es so weit kommen?

Von Nils Minkmar, Autor im Kulturressort
Von Nils Minkmar, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Warum musste es so weit kommen in Moria?

  2. Wann kommt ein Impfstoff?

  3. Wie wird sich Martin Winterkorn verteidigen?

1. Warum musste es so weit kommen in Moria?

Es gibt Tage, an denen treffen einen die Nachrichten mit einer solchen Wucht, dass man gleich wieder zurück ins Bett und dem Tag einen Neustart gönnen möchte. So eine Nachricht ist der Brand des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Man liest davon mit Schrecken, Mitleid und vor allem mit schlechtem Gewissen, voller Scham. Es konnte jeder wissen, wie die Zustände dort sind, aber diese Menschen wurden zu Figuren in einem politischen Spiel: Sie sollten abschrecken und je elender es ihnen ging, desto weniger würden sich auf den Weg nach Europa machen wollen, so die Logik.

Eine grausame Logik und kurzsichtig noch dazu. Weder die Politik der Hotspots noch die Bekämpfung der Fluchtursachen wurden wirklich umgesetzt. Man hofft einfach, dass die Leute aufhören werden, ihre Heimat zu verlassen. Migration ist zu einem Horrorthema verkommen. Zu viele unhinterfragte Ideologien, politische Ressentiments und offene Rechnungen verstellen den Blick auf Chancen und Risiken des Phänomens. Aus einer viel ärmeren Zeit stammt das Gedicht "The New Colossus" von Emma Lazarus aus dem Jahr 1883, das auf der Freiheitsstatue in New York zu lesen ist. Die deutsche Übersetzung:

"Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt' ich mein Licht am gold’nen Tore!"

Das ist der Geist des Westens, ein guter, humanistischer und optimistischer Geist, und er sollte auch uns heutige, reiche Europäer erleuchten. Jedenfalls müssen diese Menschen in Sicherheit, das hat nun lang genug gedauert.

2. Wann kommt ein Impfstoff?

Ein weiterer Grund, den heutigen Tag als besonders beschwerlich zu empfinden, ist die Nachricht von der Impffront. Seit Monaten wartet die Welt auf einen Impfstoff, es wäre die lang ersehnte, gute Nachricht. Alle Länder kämpfen mit Corona, mal besser, mal schlechter, es ist ein Problem der ganzen Menschheit und legt sich wie der Grauschleier aus der Fernsehwerbung meiner Kindheit über den Horizont.

Doch die Sache mit der Impfung stockt und hakt, die Konkurrenz ist groß und der Fortschritt eine Schnecke. Sicherheit geht natürlich vor und es ist gut, dass gründlich geprüft wird. Aber eine gute Nachricht sieht anders aus.  

3. Wie wird sich Martin Winterkorn verteidigen?

Für ein Kind der alten Bundesrepublik gleicht das Studium der Wirtschaftsnachrichten einem dystopischen Science-Fiction-Film: Alles liegt erbarmungswürdig herum wie nach einem Überfall von Godzilla. Die Lufthansa ist in Schwierigkeiten, die Deutsche Bank wird im Kontext ihrer Geschäfte mit Donald Trump kritisiert, und Volkswagen macht Schlagzeilen, weil nun Ex-Chef Martin Winterkorn vor Gericht muss. Personen wie Winterkorn stehen symbolisch für das ganze Unternehmen, die ganze Branche und eigentlich für ganz Autodeutschland.

Viele Jahre hat man damit verloren, die Illusion zu nähren, man könne gleichzeitig den vollen Autowumms alter Schule und eine blühende Umwelt genießen. Diese Zeit fehlt nun, um die Branche neu aufzustellen. Winterkorn kann nun auf Nichtwissen, Nichtzuständigkeit und "Chef erfährt es als Letzter" plädieren - oder er kann dazu beitragen, eine kollektive deutsche Täuschung aufzuklären, nach der die industrielle und automobile Gegenwart ewig dauern soll. Wandel ist nötig und sogar ganz schön. Warum hatte Winterkorn, einst ein mächtiger Mann, solche Angst davor? Das zu erörtern würde uns als Gesellschaft weiterführen.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Vater bestätigt Verhaftung von Marija Kolesnikowa: Seit Montag gab es kein Lebenszeichen mehr von der Oppositionsführerin Marija Kolesnikowa - jedoch viele widersprüchliche Berichte. Nun bestätigte ihr Vater: Kolesnikowa befindet sich in Minsk in Haft.

  • Der US-Präsident braucht frisches Geld: Im Wahlkampf hat das Team von Donald Trump schon gut 800 Millionen Dollar ausgegeben. Joe Biden hält in den Umfragen trotzdem die Führung. Nun startet der heiße Vor-Ort-Wahlkampf in den umkämpften Staaten.

  • "Wir haben eine sehr unvorbereitete Bevölkerung": Deutschland übt den Ernstfall: Mit einem bundesweiten Probealarm will der oberste Katastrophenhelfer des Landes die Systeme prüfen - und erreichen, dass die Menschen besser vorbereitet sind.

  • Schaeffler baut 4400 weitere Stellen ab: Der Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler will 4400 weitere Stellen in Deutschland und Europa abbauen. Betroffen sind zwei Standorte in Europa - und zwölf in Deutschland.

  • Börsenwert von Tesla bricht um 80 Milliarden Dollar ein: 80 Milliarden Dollar - so viel Börsenwert weisen Ford und General Motors nicht zusammen auf. Tesla verlor diese Summe binnen einem Tag. Grund dafür ist die verweigerte Aufnahme in den Index S&P 500.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Trumps unbeirrbare 40 Prozent: In Umfragen liegt Donald Trump hinten, doch seine Anhänger halten fest zu ihm - allen Skandalen zum Trotz. US-Experte Bastian Hermisson erklärt, was das für die Wahl und die Zukunft der amerikanischen Demokratie bedeutet .

  • Linksextreme verschickten Patronen an Seehofer und Kretschmann: Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen mutmaßliche Linksterroristen, die seit Monaten Drohbriefe an deutsche Politiker und Spitzenbeamte senden. Die Liste der Empfänger ist länger als bisher bekannt .

  • Das Ende des Neoliberalismus, wie wir ihn kannten: In den USA und Großbritannien haben sich die konservativen Parteien endgültig von ihren Vorbildern Margaret Thatcher und Ronald Reagan verabschiedet. Die Wirtschaft sollte daraus ihre Schlüsse ziehen .

  • Aus der Ferne mögen Bienen putzig wirken: Die wichtigste Regel bei meinem neuen Hobby lautet: Die Bienen dürfen nicht denken, dass du ein Bär bist .

Nicht so wichtig

Foto:

Matt Sayles / dpa

Die Dauerwerbesendung der Familie Kardashian "Keeping up with the Kardashians" wird nach zig Staffeln endlich nicht mehr verlängert. Ich musste mich bei meiner Tochter erkundigen, warum die mal ursprünglich berühmt wurden beziehungsweise wer die eigentlich sind? Um es abzukürzen, schilderte sie mir diese Großfamilie als etwas glamourösere Version der Geissens - die immerhin kannte ich -, und sie machte zugleich klar, dass sich eine weitere Beschäftigung nicht lohnt. Als kritischer Zeitgenosse pflege ich hierzu meine persönliche Verschwörungstheorie: Die relativ hohen Wahlergebnisse für Bernie Sanders in den USA und der Linken hierzulande sind ohne solche Familien und deren Sendungen gar nicht denkbar. Diese inszenierte Langeweile auf einem Berg aus Gold kann nur von Linksradikalen und für Linksradikale produziert worden sein.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Bahnfahrer sind einer Charité-Studie zufolge keinem erhöhten Corona-Risiko eingesetzt."

Cartoon des Tages: Aufatmen, ihr Nawalnys der Erde

Foto: Thomas Plaßmann

Schon was vor?

Foto: Netflix

Wer sich einen Überblick über unsere schöne digitale Welt verschaffen möchte, insbesondere über die Folgen der Nutzung der sozialen Netzwerke, dem sei die Dokumentation "Das Dilemma mit den sozialen Medien" empfohlen. Der Dokumentarfilmer Jeff Orlowski, der schon wichtige Arbeiten zum Klimawandel vorgelegt hat, geht hier der Frage nach den sozialen und kulturellen Auswirkungen der Macht von Facebook, Instagram und Twitter nach.

Kopf hoch
Ihr Nils Minkmar

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