Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Erlaubt Putin ein Staatsbegräbnis für Gorbatschow?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, heute geht es um die Vermächtnisse von drei Männern und einer Frau:

  1. Verstorbener Ex-SowjetstaatschefWas sagt Putin über Gorbatschow?

  2. Grünen-Legende – Was machte Christian Ströbele zu einem besonderen Politiker?

  3. Erste Serienkritik – Ist das Tolkien-Prequel »Ringe der Macht« gelungen?

  4. Todestag von Prinzessin Diana – Warum sagt man besser nicht »Lady Di«?

1. Was sagt Putin über Gorbatschow?

Michail Gorbatschow und Wladimir Putin (2004)

Michail Gorbatschow und Wladimir Putin (2004)

Foto: Heribert Proepper / dpa

Nein, »gewürdigt« wäre das falsche Wort für das, was Wladimir Putin in seinem Beileidstelegramm über Michail Gorbatschow geschrieben hat. Vielleicht ist ein neutrales »geäußert« passender: Der frühere sowjetische Staatschef habe einen »großen Einfluss auf den Lauf der Weltgeschichte« gehabt, so Putin. »Er hat unser Land durch komplexe, dramatische Veränderungen, große außenpolitische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen geführt«, heißt es weiter. Dabei habe Gorbatschow ein tiefes Verständnis für die Notwendigkeit von Reformen gezeigt und versucht, eigene Lösungen für drängende Probleme zu finden. Klingt verdammt nach: »Er hat sich stets bemüht.«

Wenig überraschend. Schließlich war Gorbatschow, der »politische Romantiker«, wie ihn mein Kollege Uwe Klußmann nennt , zwar beliebt in Ländern des Westens, wurde jedoch verachtet von vielen seiner Landsleute in Russland. »Der Hass auf Gorbatschow verstellte manchen Russen den Blick darauf, dass der sowjetische Parteichef oft mehr ein Getriebener als ein Treibender gewesen war«, schreibt Uwe Klußmann in seinem Nachruf. »In seiner zunehmenden Hilflosigkeit spiegelte er die sowjetische Gesellschaft wider, deren Kern sich unter der harten Schale bereits auflöste.«

Ob es ein Staatsbegräbnis gibt? Das blieb erst unklar. Ein Kremlsprecher sagte laut der Nachrichtenagentur Interfax, dies hänge auch von den Wünschen der Angehörigen und Freunde ab. Am frühen Abend hieß es dann, für die Trauerfeier sei das in der Nähe des Kremls liegende »Haus der Gewerkschaften« mit seinem Säulensaal genehmigt worden. Sie findet demnach am Samstag statt.

Und hier Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Atomexperten haben nur einen Tag für AKW-Inspektion, Gaslieferung über Nord Stream 1 gestoppt: Russland setzt der Internationalen Atomenergiebehörde eine Frist. Selenskyj bittet die Krimbewohner um Hinweise über die Besatzer.

  • EU setzt Visaerleichterungen für Russland aus: Die EU wird ein mit Russland geschlossenes Abkommen zur einfacheren Visavergabe stoppen. Damit ist der von mehreren Staaten geforderte Visabann vom Tisch – aus guten Gründen, findet Außenministerin Baerbock.

  • Gazprom will Gaspipelines nach China vorantreiben: Der russische Energiekonzern Gazprom orientiert sich im Konflikt mit Europa über Gaslieferungen stärker nach Fernost. Der jüngste Rekordgewinn soll zu großen Teilen in den Bau von Pipelines nach China fließen.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Was machte Christian Ströbele zum Unikat?

Christian Ströbele ist gestorben. Mein Kollege Markus Deggerich würdigt ihn als »Unikat im Kollektiv« , als einen »selten gewordenen Charakterkopf«, als einen »durch und durch überzeugten Parlamentarier«, der das Regieren nie verteufelt habe, aber eben grüne Politik machen wollte. (Den Nachruf finden Sie hier. ) Mein Kollege Michael Sontheimer erinnert sich in einem Text für die »taz« daran , wie er vor Jahrzehnten die linke Tageszeitung gemeinsam mit Ströbele und einigen anderen gründete: »Die meisten in der 'taz' waren zu dieser Zeit in der Mitte ihrer Zwanzigerjahre, Christian, wie wir ihn nannten, war rund 15 Jahre älter, eine Vaterfigur, zugleich Primus inter pares. Sein fröhlicher Pragmatismus, seine selbstverständliche Prinzipientreue machten uns Mut.« Ströbele habe sich redaktionell nicht eingemischt, sich aber ums Geschäftliche und das Juristische gekümmert: »Und wenn unsere presserechtlich Verantwortlichen vor Gericht landeten, was regelmäßig geschah, versuchte er, das Schlimmste zu verhindern.«

Prominente Grüne äußern sich heute so über Ströbele: »Gradlinig, aufrichtig und hartnäckig«, »Querkopf und Freigeist«, ein »unbeirrbarer Kopf«. (Die wichtigsten Zitate hier.) Viermal errang er das Direktmandat in seinem Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost. Da wohnte er zwar nicht, aber politisch fühlte er sich als Linker da zu Hause. Und die Leute feierten ihn wie einen Star: Wenn er im Wahlkampf durch die Kneipen und über die Märkte tingelte, wollten die Gäste, dass er sich dazusetzt, jubelten und winkten ihm zu. (Sein Leben in Bildern hier.)

Meine früheste Erinnerung an Christian Ströbele stammt aus dem Jahr 1998: Die erste Bundestagswahl, bei der ich alt genug war, um mitzuwählen, gewann die SPD, auch in meinem Berliner Wahlkreis Schöneberg-Kreuzberg. Aber Ströbele landete dort auf einem guten zweiten Platz. Er zog über die Liste ins Parlament ein und fuhr mit einem Solarmobil nach Bonn, wo Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine und Joschka Fischer die rot-grüne Koalition schmiedeten. Für Abiturienten wie mich fühlte sich all das nach Aufbruch an, nach Zukunft. Vielleicht schwingt deshalb gerade Wehmut mit: Gerhard Schröder wurde immer peinlicher, Christian Ströbele musste einem nie peinlich sein.

3. Wer gehört zum Heer der Ringe?

Übermorgen startet »Die Ringe der Macht«  beim Streamingdienst von Amazon. Keine Serie war bislang so teuer, mehr als eine Milliarde Euro soll sie verschlingen – und in 50 Stunden über fünf Staffeln hinweg die Vorgeschichte zum »Hobbit« und zum »Herrn der Ringe« erzählen. Mein Kollege Marc Pitzke konnte die erste Doppelfolge vorab sehen , heute durften wir seine Rezension veröffentlichen.

Marcs Urteil: »Nicht nur Fans dürfen sich freuen über diese abermalige Exkursion ins Reich des Kultautors J.R.R. Tolkien.« Noch vor der Titelsequenz hake ein viertelstündiger Vorspann die gesamte, düstere Vorgeschichte des Fantasykontinents Mittelerde mal eben als Flashback ab, damit man weiß, wo man ist und vor allem wann – Tausende Jahre vor Bilbo, Frodo, Gandalf und Aragorn. »Der dichte Bombast der Exposition verschlägt einem den Atem, mehr sogar, als es die ersten, preisgekrönten Filme taten, und da hat die eigentliche Handlung noch gar nicht mal richtig begonnen.« Marcs Tipp: »Suchen Sie sich schnell den größtmöglichen Bildschirm.«

Mich beeindruckt, wie Scharen von Fans schon seit Wochen jedes Promo-Bild analysieren, jeden Trailer auseinandernehmen. Mit zwergenhafter Ausdauer und elbenmäßiger Präzision sichtet dieses Heer der Ringe das Material: Da wird die Blickrichtung und Körpersprache von Protagonisten gedeutet, da werden Landschaftsdetails wie Felsformationen mit Landkarten aus den Büchern abgeglichen, Symbole herangezoomt , Kameraschwenks in Zeitlupe durchgeklickt und Textzeilen auf ihre Betonung geprüft. Was wäre Tolkien nur ohne seine Anhänge(r)?

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • So will Habeck Trittbrettfahrer bei der Gasumlage loswerden: Verbraucher sollen mit einer Umlage für die hohen Beschaffungskosten der Gaskonzerne zahlen. Mit einer neuen Regel will Wirtschaftsminister Habeck nun verhindern, dass auch jene profitieren, die es gar nicht nötig haben.

  • Prominente Deutsche fordern Fortsetzung des 9-Euro-Tickets: In einem offenen Brief an Kanzler Scholz sprechen sich mehr als 50 Kulturschaffende, Unternehmer und Aktivistinnen für einen weiterhin günstigen Nahverkehr aus: »Das 9-Euro-Ticket darf kein Sommermärchen bleiben.« Und unser Kolumnist Sascha Lobo auch.

  • Bund einigt sich mit Hinterbliebenen: Die Opferfamilien des Olympia-Attentats 1972 bekommen nach 50 Jahren eine Kompensation – darauf haben sich Deutschland und die Hinterbliebenen geeinigt. Es geht um eine Entschädigung in Millionenhöhe.

  • Kandidaten löschen Hinweise auf Trump aus Onlineauftritten: Vor den US-Wahlen versuchen republikanische Kandidatinnen und Kandidaten offenbar, ihre Kommunikation zu glätten. Beiträge gegen Abtreibungen verschwinden von ihren Seiten – ebenso wie Hinweise auf Donald Trump.

Mein Lieblingsvideo heute: Fünf Irrtümer über Diana

DER SPIEGEL

Wohl niemand in unserer Redaktion kennt sich mit den britischen Royals so gut aus wie meine Kollegin Patricia Dreyer. Wer sie zur Weißglut treiben will, muss in ihrer Gegenwart nur von »Lady Di« sprechen, wenn er Prinzessin Diana meint. Warum? Das erklärt Patricia in einem Video zum 25. Todestag der Prinzessin – und räumt gleich noch mit vier weiteren Irrtümern auf. (Raten Sie, wie ein Witzbold den Beitrag in unserer internen Themenplanung ankündigte. Richtig: Videoanalyse Lady Di. Aber verraten Sie es nicht Patricia.)

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wolkig im Abgang: Die Energiekosten steigen, die Inflation treibt die Preise: Auf der Klausur in Meseberg hätte die Regierung endlich klarmachen können, wie sie die Menschen durch den Winter bringen will. Doch bei den Details bleibt sie vage .

  • Geld verbrennen mit Verbrennern: Das Firmenautoprivileg ist eine teure Subvention für Besserverdiener. Der Staat verspielt damit eine Chance, dem Klimaziel näherzukommen. Dabei fordern viele Unternehmen schon lange eine ökologische Reform .

  • Wie die Dauerkrise unsere Träume zerstört: Pandemie, Krieg, Klimawandel: Die 18- bis 30-Jährigen müssen sich in einer herausfordernden Zeit behaupten. Aber die Krisen politisieren sie auch – ihr Leben bewegt sich zwischen Verzweiflung und neuen Chancen .

  • Für die Spieler ein unendlicher Spaß – für die Hersteller ein Monstergeschäft: Früher hatten Computerspiele einen Anfang und einen Schluss, ähnlich wie ein Roman. Heute denken sich die Entwickler Abenteuer aus, die nie aufhören. Und die Kunden dazu verführen sollen, möglichst viel Geld auszugeben .

Was heute weniger wichtig ist

Beziehungsweise: Oscarpreisträgerin Jane Fonda, 84, hat in einem Interview einen Einblick in ihre frühere Gefühlswelt gewährt. Der »Bunten« sagte sie: »Als ich merkte, dass ich nicht perfekt war, erwachte eine große Angst in mir. Andere Frauen suchen Trost in Alkohol, in Essen, im Glücksspiel, beim Einkaufen. Ich versuchte, diesen in meinen Beziehungen zu Männern zu finden

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Queen Elizabeht II.

Cartoon des Tages: Ausflug beendet

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie ein wenig in Erinnerungen schwelgen: »Es ist 1996 und meine Freundin ist weg und bräunt sich.« So klang Fettes Brot vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Jetzt hat das Hamburger Hip-Hop-Trio seine Auflösung und für 2023 seine Abschiedstour angekündigt, ein »Knallerfinale«. (Hier mehr.) Na fein, sie gehen im Verein.

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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