Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Neuer Lockdown? So schlimm wird's schon werden

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Schlimmer geht immer: Warum erwarten viele Deutsche einen neuen Lockdown?

  2. 75 Jahre nach Hiroshima: Warum steigt die Gefahr durch Atomwaffen wieder?

  3. Wes Geistes Sprint: Was verrät der Massensturz bei der Polen-Rundfahrt über den Radsport?

1. Trüber Blick

Zweckpessimisten sagen, das Glas sei halb leer, freuen sich aber über jeden Schluck. Ignoranzoptimisten lassen das Glas fallen, erwarten aber trotzdem ein Bier. Beim Lesen des Berichts meines Kollegen Florian Diekmann hoffe ich, dass die Deutschen ein Volk der Zweckpessimisten sind. Er hat eine Umfrage ausgewertet, wonach eine Mehrheit in der Coronakrise mit einem erneuten Lockdown rechnet. "Viele erwarten sogar noch strengere Maßnahmen als im Frühjahr", sagt Florian.

Einerseits überrascht die Schwarzseherei, denn Fachleute wie Virologe Christian Drosten und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach  sagen, dank der bisherigen Erfahrungen und neuer Erkenntnisse können wir künftig gezielter eingreifen. Andererseits gerät man ja selbst ins Grübeln bei all den Meldungen über steigende Infektionszahlen, neue Reisewarnungen und Pflichttests für Reiserückkehrer: Kann ich im September noch zum Friseur, zum Zahnarzt, die Großeltern einladen? "Für die Wirtschaft ist das beunruhigend", sagt Florian. "Wer noch striktere Maßnahmen erwartet, hält jetzt sein Geld lieber zusammen als sich etwas zu gönnen - und den Unternehmen so wieder auf die Beine zu helfen." (Am Rande: Zu den Gewinnern der Krise gehören nicht nur Amazon und Netflix, sondern auch die plastische Chirurgie, wie die Kollegen Philipp Löwe und Nina Weber berichten .)

Leider scheint mindestens ein Teil der Deutschen zu den Ignoranzoptimisten zu gehören, da kann der Gesundheitsminister noch so energisch mahnen. Das zeigt sich immer wieder in Zügen und Flugzeugen. "Nur etwa ein Drittel trägt die Maske richtig, der Rest bedeckt nur den Mund. Und sieben, acht pro Zug überhaupt nicht", berichtet die Zugbegleiterin, mit der meine Kollegen Florian Gontek und Antje Blinda gesprochen haben. Auch die Aggressionen nehmen zu bei den Passagieren: "Ich werde aufs Übelste beschimpft, bespuckt, mir wurde mit Schlägen gedroht und damit, mich aus dem Zug zu schubsen." Nächster Halt Lockdown, alle einsteigen, bitte.

2. Als das Atomzeitalter begann

Mein Kollege Dirk Kurbjuweit hat es in der "Lage am Morgen" schon ausgeführt: Heute jährt sich der erste Atombombenabwurf zum 75. Mal. Am 6. August 1945 starben im Inferno von Hiroshima Zehntausende Menschen. Die Überlebenden trugen Wunden davon, die nie verheilten. Mein Kollege Frank Patalong aus dem Geschichtsressort hat seinem Rückblick die Warnung vorangestellt: "Dieser Text enthält zum Teil drastische Darstellungen, die verstörend wirken können."

Explosion einer französischen Atombombe 1971 über dem Mururoa-Atoll.

Explosion einer französischen Atombombe 1971 über dem Mururoa-Atoll.

Foto: DPA

Verstörend ist auch, dass die Gefahr durch Atombomben wieder steigt. Die "Doomsday Clock", die Weltuntergangsuhr amerikanischer Atomwissenschaftler, steht auf 100 Sekunden vor Zwölf, so nah wie noch nie an der Katastrophe. Mein Kollege Dietmar Pieper hat mit der Abrüstungsexpertin Rose Gottemoeller darüber gesprochen, die sich sehr besorgt äußert: Die Obama-Regierung habe noch energisch auf die Abschaffung von Atomwaffen hingearbeitet. Dagegen zähle für Trumps Leute allein die Modernisierung des nuklearen Arsenals. "Weitere Staaten könnten sich ermutigt fühlen, nukleare Waffen zu bauen. Das wäre sehr gefährlich."

3. Aus dem Tritt

"Die Sprints im Radsport balancieren immer an der Grenze von Spektakel zum Irrsinn", sagt mein Kollege Peter Ahrens aus dem Sportressort. Am Mittwoch sind bei der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt Dutzende Fahrer ineinander gekracht, der 23-jährige Profi Fabio Jakobsen aus dem Team Quick Step knallte in die Begrenzung, stürzte schwer und liegt seitdem im Koma.

Jakobsens Landsmann Dylan Groenewegen hatte seinen Konkurrenten zur Seite gedrängt, Jakobsen verlor die Kontrolle über das Rad. Sein Teamchef Patrick Lefevere sprach von einem "Mordanschlag". Dabei kennen eigentlich alle Fahrer das Risiko, "trotzdem glauben sie nie, dass es gerade ihnen passiert", sagt Peter. Ellenbogen raus, Ziel im Blick - und dann komme, was wolle. "Diesmal allerdings ist einer von ihnen zu weit gegangen." Zumal der Veranstalter eine Abfahrt in die Zieleinkunft bauen ließ.

"Ehrlich gesagt wundert man sich, dass bei all dem noch so wenig passiert", sagt Peter. Der Neuanfang, den der Radsport nach Corona jetzt zelebrieren wollte, ist aus seiner Sicht völlig daneben gegangen. "Aber auch das ist der Radsport: Während Jakobsen um sein Leben kämpft, zieht die Karawane weiter." Am Samstag steht der Klassiker Mailand-Sanremo an, danach folgt ohne Pause alles, was durch Corona ausgefallen ist: Giro, Tour de France, Paris-Roubaix soll in drei Monaten nachgeholt werden. Keine Sekunde innehalten. "Für den Radsport gilt wohl noch mehr als für andere Sportarten: The Games must go on."

Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Bis(s) zum bitteren Ende

Bisweilen fällt es mir schwer, dem Drang zum Wortspiel zu widerstehen, auch zum halbgaren. Der eine Leser, die andere Leserin hat das in Mails mal lobend, mal tadelnd angemerkt und zügelnd auf mich eingewirkt. Eine Wortspielgattung allerdings verabscheue selbst ich - die Klammer-Konstruktion. Sie kennen das: (K)ein schöner Land, Frei(T)räume, Sein K(r)ampf. So was.

Vielleicht habe ich deswegen bis(s) heute keins dieser "Twilight"-Vampirbücher gelesen, keine Verfilmung gesehen. Möglicherweise gehöre ich als mittelalter Mann auch nicht zur Kernzielgruppe. Bei meiner Kollegin Elisa von Hof war das anders, sie verliebte sich mit 15 Jahren in den Vampir Edward, auf Seite 61, wie sie hier gesteht. "Deswegen lag Stephenie Meyers 'Bis(s) zum Morgengrauen' immer auf meinem Nachttisch. Ich verlieh es nie."

Elisa macht dieses öffentliche Geständnis, weil es jetzt eine Fortsetzung gibt, mehr als zehn Jahre nach dem Ende der Saga; "Biss zur Mitternachtssonne" erzählt die Geschichte von vorn, aus Edwards Perspektive. "Leider ist die dann nicht besonders spannend", urteilt sie, aus drei Gründen:

  • Weil der ursprüngliche Plot ohnehin nicht viel Raum zum Fantasieren ließ. 

  • Weil die meisten Fans die Geschichte mitsprechen können. 

  • Und weil Meyer sie noch mal auf 840 Seiten ausgewalzt hat.

Ich werde also auch dieses Buch nicht lesen, Elisas Text aber kann ich nur empfehlen - von Anfang bis (!) Ende. 

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Paketgebote

Paketgebote

Foto: Michael Reynolds/ EPA/ DPA

Amazon-Bestseller: Die Firma von Jeff Bezos, 56, verkauft so gut wie alles, der Chef selbst verkauft gerade Aktien in großen Paketen, wie aus Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Nach Steuern wird der Milliardär schätzungsweise 2,4 Milliarden Dollar einstreichen, rechnet "Forbes" vor.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "US-Außenministerium Mike Pompeo fordert ein 'clean network'"

Cartoon des Tages: Corona-Idioten überall

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Vielleicht einen Ausflug in meine alte Heimat Berlin planen: Unser Reiseressort hat zehn Stadttouren zusammengestellt, die deutlich origineller sind, als mit dem Bierbike über den Pariser Platz zu radeln. Da führen Obdachlose durch ihren Kiez, Fotografen zu verlorenen Orten, und ein Laufbegleiter begleitet einen entlang des Spreeufers. Die Übersicht finden Sie hier.

War auch schon da

War auch schon da

Foto: dpa Fotografen/ dpa

In diesem Sinne: erst Hauptgang, dann Hauptstadtgang.

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich,
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

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