Janko Tietz

Die Lage am Abend Wie müde ist das Musk-e-tier?

Janko Tietz
Von Janko Tietz, Ressortleiter Deutschland/Panorama

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Urteil im »NSU 2.0«-Prozess – Hatte der Drohbriefschreiber Helfer bei der Polizei?

  2. Elon Musk vor Gericht – Ist der Manager wirklich 56 Milliarden Jahresgehalt wert?

  3. Stiko Empfehlung für Kleinkinder – Wer sollte die Coronaspitze bekommen?

1. War Alexander M. wirklich Einzeltäter?

Stellen Sie sich vor, Sie hätten gern die Kontaktdaten von, sagen wir Maybrit Illner. Oder Jan Böhmermann. Oder Claudia Roth. Oder Karolin Kebekus. Im Telefonbuch stehen solche Leute gewöhnlich nicht. Also wenden Sie sich an die Polizei oder das Einwohnermeldeamt und fragen dort nach den Adressen. Der freundliche Beamte hilft gern aus. Klingt unglaublich, oder? Soll sich aber offenbar genauso abgespielt haben.

In seinem Hass und seinem Wahn pickte sich der aus Berlin stammende Alexander M. wahllos Menschen heraus, die nicht seinem Weltbild entsprachen, Rechtsanwälte, Politikerinnen, Journalistinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens. Als Teil einer obskuren Gruppe im Darknet verschickte er an sie rassistische Drohschreiben, seit August 2018 sollen es mehr als 140 gewesen sein. Alle bekannten Schreiben trugen die Unterschrift »Heil Hitler!, NSU 2.0, Der Führer.«, eine Anspielung auf das mörderische Trio Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt, das zwischen 2000 und 2007 insgesamt neun Menschen in Deutschland aus rassistischen Motiven umbrachte.

Lange vermuteten Ermittlungsbehörden, die Drohschreiben könnten nur aus Kreisen der Polizei selbst stammen. Viele der Daten sind offenbar – aus nicht dienstlichen Anlässen – über dienstliche Zugänge auf Polizeicomputern in Frankfurt am Main und Wiesbaden abgerufen worden. Der Verfasser kannte Namen und Geburtstage von Verwandten, private Adressen und persönliche Daten der Empfängerinnen und Empfänger. Welche Privatperson hat schon solche Zugänge? Eines der ersten Schreiben bekam zudem Seda Başay-Yıldız, eine Frankfurter Rechtsanwältin, die sich gegen Rechtsextremismus engagiert und im NSU-Prozess die Familie des ersten Opfers Enver Simsek vertrat.

Alexander M. kannte den Namen des Kindes und die Wohnanschrift der Familie und bedrohte die Anwältin: »Verpiss dich lieber, solange du hier noch lebend rauskommst, du Schwein!«. Im Mai des vergangenen Jahres stürmte das SEK schließlich die Wohnung von Alexander M., einem arbeitslosen und vorbestraften Mann, der allein in einer vermüllten Wohnung in Berlin lebte. Heute wurde er zu knapp sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die Staatsanwaltschaft forderte siebeneinhalb Jahre, war davon überzeugt, dass M. sich die Daten allein besorgte; dass er sich als Polizist ausgab und telefonisch Gesprächspartner bei Polizeidienststellen und Einwohnermeldeämtern austrickste. »Das Gericht hat sehr sorgfältig gearbeitet, sich erstaunlich tief in technische Details über die Funktionsweise von Computern eingefuchst und überzeugend dargelegt, dass Alexander M. mit großer Wahrscheinlichkeit der Autor sämtlicher Drohschreiben war, um die es in der Verhandlung ging«, sagt mein Kollege Matthias Bartsch, der für den SPIEGEL im Gerichtssaal saß. »Ob er auch alleiniger Täter oder zumindest bei der Beschaffung von Informationen über seine Opfer einen oder mehrere willfährige Helferinnen und Helfer hatte, konnte das Gericht aber nicht klären.«

Für die Polizei ist die Sache dagegen glasklar. »Es gibt keine rechten Netzwerke innerhalb der hessischen Polizei«, sagte der Landesvorsitzende Jens Mohrherr. Es sei klar, dass nicht hessische Polizeibeamte die Drohmails verfasst und versendet hätten. Die Polizei sei vorverurteilt und unter Generalverdacht gestellt worden.

Betroffene sehen das ein bisschen anders. Auch nach umfangreicher Beweisaufnahme sei die Rolle von mindestens einem Polizeibeamten und einer Polizeibeamtin des 1. Frankfurter Polizeireviers ungeklärt, schrieben einige von ihnen in einem offenen Brief. Es sei »ein Skandal«, dass die Staatsanwaltschaft sich auf den vermeintlichen Einzeltäter festgelegt habe und damit versuche, die Rolle von hessischen Polizeibeamten und einer »verfestigten Gruppe« rechter Polizistinnen und Polizisten »aus dem Verfahren herauszuhalten«.

Es wäre wünschenswert, wenn in dieser Sache noch weiter ermittelt würde. Nach dem heutigen Urteil aber, so fürchte ich, wird genau das nicht passieren.

2. Wie müde ist »Hardcore«-Elon?

Zwischen meinem Arbeitstag gestern und dem heute habe ich etwa sieben Stunden geschlafen. Eigentlich ausreichend, nach meinem Geschmack aber immer noch zu wenig. Glaubt man Elon Musk, ist das etwa sein Pensum für eine Woche. Wie sonst können Wochenarbeitszeiten von bis zu 120 Stunden zusammenkommen, von denen der Tesla-Gründer fabuliert?

Getan hat er das auch vor Gericht. Vor dem Court of Chancery in Delaware, Amerikas wichtigstem Unternehmensgericht, stand Musk nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge. Es ging um eine Klage eines Tesla-Aktionärs. Der will geklärt wissen, ob Musk als Chef des Unternehmens wirklich eine Vergütung von 56 Milliarden Euro wert ist (nein, das ist kein Übersetzungsfehler, der bei Millionen und Milliarden häufig mal vorkommt). Der Kläger heißt Richard Tornetta, er besitzt neun Tesla-Aktien im Wert von derzeit knapp 1700 Dollar, sein Geld verdient er sonst mit dem Einbau von Autostereoanlagen.

Musk gab an, dass er extrem hart arbeitet – was auch sonst? »Gehe schlafen, ich wache auf, arbeite, gehe schlafen, arbeite, und das sieben Tage die Woche«, beschrieb er seinen Lebensrhythmus als neuer Twitter-Eigner. Seinen Lifestyle will er nun auch auf seine neuen Leibeigen... äh Angestellten übertragen. Gestern verschickte er eine Mail an die verbliebenen Twitter-Beschäftigten mit der Frage, ob sie bleiben wollen. »Wenn du sicher bist, dass du Teil des neuen Twitter sein willst, klick bitte unten auf Ja«. Allerdings müsse Twitter »extrem hardcore sein«. Unter Hardcore versteht Musk »außergewöhnliche Leistungen«, Bloomberg zufolge erwarte er 80-Stunden-Wochen und ein »manisches Dringlichkeitsgefühl« bei der Arbeit.

Das Gericht in Wilmington, Delaware, konnte meiner Kollegin Ines Zöttl zufolge nicht abschließend klären, welches Einkommen nun angemessen ist. Sie wohnte dem Prozess bei und beschreibt einen müden Manager Musk, der immerhin selbst einräumt, dass er heute nicht so richtig hardcore drauf ist. »Kann sein, dass ich ein bisschen langsam bin.« Überhaupt: Er könne auch gar nicht recht verstehen, warum man sich hier mit solchen kleinkarrierten Fragen befasse. Die Multi-Milliarden-Vergütung diene ohnehin nur einem Ziel: die Kolonisierung des Mars zu finanzieren. »Wenn ich zu viel Zeit auf Tesla verwende, bin ich nicht sicher, dass das dem übergeordneten Wohl dient.«

Vielleicht wäre dem übergeordneten Wohl mehr gedient, Musk würde in manchen Wochen seine Routine umkehren und 120 Stunden schlafen statt arbeiten. Gute Nacht!

3. Ausgeruhte Empfehlung

Es ist ziemlich ruhig geworden um die Ständige Impfkommission (Stiko), fast hätte man vergessen, dass sie seit vier Wochen prüft, ob der für Kinder zugelassene Coronaimpfstoff auch tatsächlich verabreicht werden sollte – und vor allem, an wen. Vorbei die Zeiten, als alle Druck machten, der Arbeitskreis solle mal zu Potte kommen. Vorbei die Häme selbst von Gesundheitsminister Lauterbach (arbeitet der eigentlich auch 120 Stunden?) in Richtung Stiko-Chef Thomas Mertens. »Ich glaube, dass wir uns Gedanken machen müssen, wie wir in die Arbeit der Stiko mehr Dynamik bekommen.« Dabei soll Lauterbach selbst als Chef nicht ganz unproblematisch sein .

Ganz undynamisch, dafür akkurat, hat nun das für Kinder zuständige Stiko-Mitglied Martin Terhardt mitgeteilt, zu welchem Ergebnis das Gremium gekommen ist. Es empfiehlt die Coronaimpfung für Kinder von sechs Monaten bis vier Jahren nur mit bestimmten Vorerkrankungen. Die Empfehlung gelte auch für Kinder bis vor dem zweiten Geburtstag, die als Frühgeborene auf die Welt gekommen sind. Ziel sei das Verhindern schwerer Verläufe von Covid-19, von Krankenhausbehandlungen und von Todesfällen.

Laut Terhardt zählen als Risikofaktoren unter anderem besonders starkes Übergewicht, angeborene Immunschwäche, Herzfehler, chronische schwere Lungen- oder chronische Nierenerkrankungen, neurologische Erkrankungen und Tumore. Davon betroffen seien ungefähr zehn Prozent der Altersgruppe. Für gesunde Kinder im genannten Alter ohne Vorerkrankungen empfiehlt die Stiko derzeit ausdrücklich keine Coronaimpfung, »weil schwere Verläufe in dieser Altersgruppe sehr selten sind und der weitaus größte Teil der Infektionen bei gesunden Kindern mild oder asymptomatisch verläuft«.

»Viele haben sich an der ehrenamtlichen Kommission abgearbeitet«, sagt mein Kollege Julian Aé aus dem Gesundheitsteam des »Leben«-Ressorts des SPIEGEL. »Man hat, wie auch schon in vorherigen Empfehlungen, eine ausgeruhte und vernünftige Lösung gefunden.« Im Gegensatz zu den Entscheidungen, die die Stiko zu Hochzeiten der Pandemie treffen musste, schien der Druck durch Öffentlichkeit und Politik dieses Mal viel geringer.

Man spüre, so Julian, dass das Interesse an der Kleinkinderimpfung wohl ohnehin nicht groß sein wird. Bei den Fünf- bis Elfährigen sei bisher nur etwa jeder Fünfte geimpft. Die meisten kleinen Kinder haben die Erkrankung bereits durchgemacht und die meisten Eltern würden sich derzeit wohl ohnehin eher dagegen entscheiden. Auch wenn die Zulassung für besonders gefährdete Kinder ein Segen ist, bleibe sie in der allgemeinen Coronamüdigkeit wohl für die meisten eine Randnotiz, bilanziert Julian.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Der Reifen fing Feuer und wurde auf uns geschleudert«: Tödliche Hinterlassenschaften: Maryna Ziuskinas Mann und Sohn wurden bei Cherson durch eine Sprengfalle schwer verletzt. Warum die Räumung der tückischen Minen so gefährlich ist und warum diese Jahre dauern wird.

  • »Wir waren wie im Gefängnis«: Putins Soldaten sollen willkürlich Menschen festgesetzt, Handys kontrolliert und Krankenwagen gestohlen haben: Eine Einwohnerin von Cherson berichtet, wie sie die mehr als acht Monate unter der russischen Besatzung erlebt hat.

  • Wo Russland sich verschanzt: Ukrainische Truppen haben die wichtige Gebietshauptstadt Cherson zurückerobert. Satellitenbilder zeigen, wie der Rückzug von Moskaus Truppen ablief – und wo sich russische Soldaten schon längst wieder eingegraben haben .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Republikaner erringen Mehrheit im US-Repräsentantenhaus: Es ist knapp, aber die Mehrheit steht: Die US-Republikaner haben künftig mehr Sitze im Repräsentantenhaus als die Demokraten. Damit wird das Regieren für Präsident Joe Biden nun deutlich schwieriger.

  • Britische Zentralbank gibt Brexit die Schuld an mieser Wirtschaftslage: Die britische Regierung hat Finanzsorgen – und will dafür wohl Steuern erhöhen. Kurz vor der Präsentation des Haushaltsplans macht die Zentralbank nun den Brexit für die schlechte Situation der Wirtschaft verantwortlich.

  • Volkswagen-Chef will neues Werk für E-Auto offenbar nicht mehr bauen: Für die Fertigung des E-Autos Trinity soll in Wolfsburg eigens ein neues Werk entstehen. Jetzt berichtet das manager magazin, dass Konzernchef Blume die Pläne kassieren will.

  • Gericht verurteilt drei prorussische Separatisten für MH17-Abschuss: Eine Rakete flog vor acht Jahren in die Passagiermaschine MH17, 298 Menschen starben. Vier prorussische Separatisten waren wegen Mordes angeklagt – nun hat ein Gericht in den Niederlanden drei der Männer verurteilt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • 40 Sekunden Gefühlsausbruch: Beim G20-Gipfel beschwert sich Chinas Staatschef Xi Jinping bei Kanadas Premierminister Justin Trudeau – und droht ihm vor laufender Kamera. Ein Moment der Wahrheit .

  • Warum es die Tram in Deutschland so schwer hat: Für grüne, lebenswerte Städte sind Straßenbahnen ein globaler Trend. In Deutschland hingegen scheitern reihenweise Projekte. Kiel wagt es jetzt doch – ein Vorbild für andere deutsche Städte? 

  • Neue Unterlagen im Dieselskandal belasten Bosch: Der Autozulieferer Bosch könnte viel tiefer in den Skandal um manipulierte Dieselfahrzeuge verwickelt sein. Das legen neu aufgetauchte Dokumente nahe, die dem SPIEGEL und dem Bayerischen Rundfunk vorliegen .

Was heute weniger wichtig ist

  • Formel 0: Der Sohn des mehrfachen deutschen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher, Mick, wurde derbe ausgebremst. Nicht von Konkurrenten auf der Strecke, sondern von seinem eigenen Rennstall. »Das Haas-Team und Mick Schumacher werden am Ende der Saison getrennte Wege gehen«, wird Teamchef Günther Steiner in einem Statement zitiert. Danach noch das übliche: Wir danken, wir sind gewachsen, alles Gute für den weiteren Lebensweg. Schumacher sieht das als Bestätigung seiner Leistung. »Ich habe eine Menge gelernt und weiß ganz sicher, dass ich einen Platz in der Formel 1 verdiene« , so der Rennfahrer auf Twitter.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Dass jetzt bloß nicht sehr passiert, sieben Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen die Japaner.« 

Cartoon des Tages: Sand

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

An diesem Donnerstag wird Martin Scorsese 80 Jahre alt. Der große Filmproduzent und Regisseur aus New York City gilt als Entdecker und Förderer vieler Schauspielerinnen und Schauspieler, die von der Kinoleinwand nicht mehr wegzudenken sind: Robert De Niro, Leonardo DiCaprio, Jodie Foster, Alec Baldwin. Die meisten seiner Filme können Cineasten im Schlaf herunterbeten, »Taxi Driver«, »Good Fellas«, »Casino«, »Aviator, »Departed – Unter Feinden«, »The Wolf of Wall Street«. Sie könnten sich natürlich heute Abend einen dieser Filme ansehen. Doch spannend ist auch, wer dieser Scorsese eigentlich ist, der so viele Meisterwerke geschaffen hat. Wer hat ihn geprägt? Was treibt ihn an? Wie ging er mit Niederlagen um? Gerade in seinen Anfängen wurde er von der Kritik oft belächelt, seine Filme floppten kommerziell, selbst als er längst zu den wichtigsten zeitgenössischen Filmschaffenden aufgestiegen war, blieben ihm wichtige Auszeichnungen wie der Oscar verwehrt.

Einen kleinen Einblick in seine Biografie und sein Seelenleben erlaubt die fabelhafte Netflix-Reihe »Stories Of A Generation«. Das Konzept: Menschen unter 30 Jahren befragen Menschen über 70 Jahre. In der ersten Folge, die mit dem Titel »Liebe« überschrieben ist, erzählen unter anderen Papst Franziskus, Jane Goodall und eben Martin Scorsese. In dem Film wird er von seiner eigenen Tochter Francesca befragt. Auch zur Ehe zwischen ihren Eltern. Scorsese war fünfmal verheiratet, mit seiner Frau Helen Morris ist er es seit 1999. Sie ist schwer krank, man sieht in dem Film eine innige Verbindung zwischen beiden, Zuneigung, Spuren des Lebens. Wenn Sie also Scorsese mal privat erleben wollen – sofern das bei solch einer Produktion überhaupt möglich ist –, dann kommt »Stories Of A Generation« dem zumindest sehr nahe .

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.