Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Shutdown, Lockdown, Breakdown

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Maßnahmen – Wie düster wird's noch?

  2. Trump-Fatigue – Wie müde macht Sie die Lage in den USA?

  3. GewInnen – Wo verdienen Frauen mehr als Männer?

1. Es bleibt länger dunkel

»Jeder Kontakt ist einer zu viel. Treffen Sie niemanden.« Als Österreichs Kanzler Sebastian Kurz das sagte, musste ich an einen großen Österreicher denken, an Thomas Bernhard, der zeitweise in selbst gewählter Isolation lebte und von dem der Satz stammt: »Ich hasse die Menschen, aber sie sind gleichzeitig mein einziger Lebenszweck.« Wahrscheinlich tue ich aber beiden Unrecht. (Ein Kurz-Porträt lesen Sie übrigens hier .) Jedenfalls hat Kurz sein Land in einen harten Lockdown geschickt, dazu soll es Corona-Massentests in der Vorweihnachtszeit geben. »Wir sind in engem Kontakt mit der Slowakei, die als erstes Land in Europa die Bevölkerung durchtestet. Das hat wahnsinnig gut funktioniert«, sagt Kurz.

»Die Stimmung ist sehr schlecht.« Das könnte auch so ein Bernhard-Satz sein. Er stammt aber von jemandem, der die Vorbesprechung zwischen Kanzleramt und Bundesländern beschreibt. Länderchefs aller Parteien empörten sich über die Beschlussvorlage des Kanzleramts für die heutige Corona-Runde: Sie waren offenkundig davon ausgegangen, dass am Nachmittag lediglich diskutiert, aber nichts entschieden werde. Angela Merkel und ihre Leute wollten laut Vorlage aber schärfere Regeln durchsetzen, etwa eine Maskenpflicht für alle Schüler. (Hier mehr dazu.)

Am Abend, nach den Beratungen, sagte Merkel dann, dass es keine weitreichenden Beschlüsse gibt - Ministerpräsidenten der Bundesländer hätten neue verpflichtende Beschränkungen verhindert. Sie sei anderer Meinung gewesen, so Merkel. Sie appellierte an die Bevölkerung: "Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, ist gut für die Bekämpfung der Pandemie." Klingt fast nach Kurz, nur umständlicher und positiver. (Hier lesen Sie mehr.)

»In den Lagerhäusern stapeln sich schon die Ampullen, die Lkw stehen quasi abfahrbereit vor der Tür.« Das ist garantiert kein Bernhard-Satz, sondern ein Zitat von Stephane Bancel, dem Vorstandschef des US-Unternehmens Moderna, das heute verkündete: Sein Corona-Impfstoff habe eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent. »Nach dem Mainzer Unternehmen Biontech hat damit ein zweiter, relativ kleiner Biotechnologiekonzern in Rekordzeit ein offenbar hochwirksames Mittel entwickelt«, berichtet mein Kollege Thomas Schulz. Allerdings wird wohl auf absehbare Zeit Mangel herrschen, selbst wenn alles klappt, die Zulassungen, die Herstellung, die Lieferung. Bancel sagt: »Zumindest in den ersten sechs Monaten des Jahres werden wir nicht genug für alle haben.« Das klingt fast schon wieder nach Bernhard-Stimmung.

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2. Rote Karten

Die Corona-Karten haben in den Nachrichten, Zeitungen und auf den Internetseiten wieder die US-Wahlkarten verdrängt. Sie sind deutlich roter, die Infektionszahlen steigen.

Die politische Karte in den USA war aber ja blau genug: Donald Trump muss bald aus dem Weißen Haus ausziehen, auch wenn er das offenbar noch nicht wahrhaben will. Er bekräftigte erneut haltlose Betrugsvorwürfe und kündigte »große Klagen« an, mit denen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom 3. November infrage gestellt würde. Bisher haben Trump und seine Leute aber vor allem Niederlagen kassiert. Und seine Anwälte haben nun eine Klage gegen das Ergebnis der Präsidentenwahl im wichtigen Bundesstaat Pennsylvania sogar selbst abgeschwächt. Sie strichen bei einer Aktualisierung der Klageschrift die Vorwürfe, dass bei der Auszählung der Stimmen Verfassungsrechte von Beobachtern der Trump-Seite verletzt worden seien. (Mehr dazu hier.)

Sie strengt diese kleinteilige Berichterstattung manchmal an? Oder haben Sie auch seit Trumps Amtsantritt wie manisch die US-Politik verfolgt und sind nun erschöpft? Dann geht es Ihnen wie meiner Kollegin Hannah Pilarczyk. Wie und warum sie jetzt Schluss damit macht, das lesen Sie hier .

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3. Gender-Pay-Gap, mal umgekehrt

Eine Meldung aus der Rubrik »Klingt erst nach guter Nachricht, entpuppt sich aber als schlechte«: Es gibt Orte in Deutschland, an denen Frauen deutlich mehr verdienen als Männer – es sind die Vorstandsetagen. Bei den 30 Dax-Konzernen bekamen die Vorstandsfrauen im vergangenen Jahr im Schnitt etwa 2,93 Millionen Euro und damit rund 30.000 Euro mehr als die männlichen Topmanager, wie die Beraterfirma EY ausgewertet hat. Im M- und S-Dax, also eine Etage drunter, ist der Vorsprung noch größer. 

»Kurioserweise ist das ein Signal, das zeigt: Gleichstellung ist noch immer nicht erreicht«, sagt meine Kollegin Maren Hoffmann aus unserem Karriereressort. »Denn nicht viele Frauen schaffen es überhaupt weit genug nach oben, um für einen Vorstandsposten infrage zu kommen.« Da aber die Konzerne gezielt versuchen, Frauen zu rekrutieren, sind die wenigen, die es gibt, in einer komfortablen Verhandlungsposition. 

Die Gesamtsumme, die Vorstandsfrauen verdienen, ist allerdings rückläufig, denn ihr Anteil sinkt: »Der Frauenanteil in den Dax-Vorständen liegt bei beschämenden 12,8 Prozent«, sagt Maren. »In der Krise setzen viele Firmen auf vermeintlich bewährte Führungskonzepte, also auf Männer.« 

Ach ja, und die Gehälter der Vorstandschefs sind in der ganzen Auswertung nicht mitgerechnet, die gelten nämlich als eigene Kategorie. »Deren sehr hohe Einkommen würden das Verhältnis stark verändern.« Denn das sind alles – Männer.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Auf kleinem Fuß

Auf kleinem Fuß

Foto: CHRISTIAN HARTMANN / REUTERS
  • Aus dem Absatz Wert gemacht: Marie-Antoinette von Österreich-Lothringen, mit 37 Jahren hingerichtete letzte Königin Frankreichs und umstrittene Ernährungsberaterin, hat es noch einmal in die Schlagzeilen geschafft – einer ihrer Halbschuhe aus Seide und Ziegenleder wurde in Versailles für 43.750 Euro versteigert, wie das Auktionshaus Osenat mitteilte. Ein anonymer Sammler zahlte nach einem Bietergefecht deutlich mehr als den ursprünglich angelegten Schätzpreis von 8.000 bis 10.000 Euro. 

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Der 25. Mai ist aber auch der Tag gewesen, an dem der FC Liverpool sich erstmals die europäische Krone sicherte, 1977 im Olympiasation von Rom gegen Borussia Mönchengladbach.

Cartoon des Tages: Home-Restaurant

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Foto: Helga Lugert / I LOVE FOOD

Könnten Sie im Rezept unserer Köchin Verena Lugert nachlesen, dass auch die Götter nicht unfehlbar sind – und dass das manchmal ein großes Glück ist. Der nordischen Mythologie zufolge hatte der Donnergott Thor den Menschen die Erbsen einst als Strafe auf die Erde geschickt. Klein und hart und unansehnlich fielen sie vom Himmel und schienen zu nichts anderem zu taugen, als die Brunnen zu verstopfen. Aber einige landeten auch daneben, auf den Feldern. Und siehe da, nur wenige Jahrhunderte und viele Züchtungserfolge später waren daraus kleine, kermitgrüne, schmackhafte Hülsenfrüchte geworden. Verenas Serviervorschlag: Erbsen-Minz-Suppe! (Hier ist ihr Rezept.)

In diesem Sinne: Nicht schwarzsehen, sondern grün essen!

Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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