Arno Frank

Die Lage am Abend Verpanzert im Kanzleramt

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Leopard 2 – warum schweigt der Kanzler?

  2. »Letzte Generation« – geht der Klimaprotest in die Fläche?

  3. Terrorismus – wer hat den Lauterbach geklaut?

1. Warum schweigt der Kanzler zu den Leoparden?

Quintus Fabius Maximus Verrucosus war ein Politiker und Feldherr der römischen Republik, der mit dem Beinamen »Cunctator« in die Geschichte eingegangen ist. Im Krieg gegen Karthago hat der Mann, sehr vereinfacht gesagt, einfach so lange mit seinen Legionen jede Schlacht vermieden, bis der Krieg gewonnen war. Also nannte man ihn nach seinem Tod den »Zögerer«.

Olaf Scholz wird von Freund und Feind schon heute so genannt, wobei »Tacitus« treffender wäre. Er liefert nicht nur keine Schlacht, er liefert auch keine Leopard-Panzer, dies vermutlich auch nicht aus strategischen Gründen – er ist der »Schweigsame« und mag sich nicht festlegen. Während Außenministerin Baerbock, die im französischen Fernsehen erklärt hatte, einer Lieferung von Leopard-2-Panzern aus Drittstaaten (insgesamt gibt es in Europa etwa 2000 Exemplare) in die Ukraine »nicht im Wege stehen« zu wollen, blieb der Kanzler ausweichend und hinhaltend. Und das auch unter Druck so gut wie sämtlicher Partner in Europa, deren Misstrauen er auf sich zieht.

Fast könnte man meinen, der Kanzler hätte in seinem Büro all die offenen Briefe allzu sehr verinnerlicht, in denen er vergangenes Jahr – von Alice Schwarzer, Alexander Kluge oder Richard David Precht – eindringlich vor einer Eskalation der Ereignisse gewarnt wurde. Tatsächlich gibt es gute Gründe, über die Lieferung von schwerem Gerät aus deutscher Produktion ein wenig ins Grübeln zu geraten . Schon fordert die Ukraine auch Kampfflugzeuge, Schiffe wären auch nicht schlecht. Mag also sein, dass Scholz für sein Zaudern gute Gründe hat. Besser wäre, er würde diese Gründe auch transparent machen. Muss ja nicht bei »Anne Will« sein. Aber doch irgendwie so, dass mehr Menschen als nur der SPD-Generalsekretär das nachvollziehen können.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Was für Verbrechen?«: Jewgeni Prigoschin sieht sich von den USA angeblich unfair behandelt. Jetzt hat sich der Chef der brutalen Söldnergruppe Wagner ans Weiße Haus gewandt.

  • Rollen bald deutsche Leos Richtung Krim?: Je schwerer die Waffen werden, desto klarer müsste der Kanzler sagen, wofür sie da sind und wofür nicht. Stattdessen düpiert er den neuen Verteidigungsminister und verstört die Verbündeten.

  • Nein, ja, vielleicht: Der zögerliche Kanzler Scholz erzürnt die westlichen Verbündeten. Doch nun könnte Bewegung in die Debatte über die Lieferung von Leopard-2-Panzern an die Ukraine kommen – dank Außenministerin Baerbock. Die Stimmen im Video.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Geht der Klimaprotest in die Fläche?

Ja, und da gehört er auch hin. Jedenfalls entsteht eine leichte Schieflage, wenn die Aktionen der »Letzten Generation« auf Straßenkreuzungen und Museen der Metropolen beschränkt bleiben. Wer auf die Nerven gehen will, sollte es auch dort tun, wo die Leute davon nicht nur in der Zeitung lesen – und, Hand aufs Herz, ein wenig mehr auf ein Auto mit Allradantrieb als auf ein Gemälde von Claude Monet angewiesen sind.

In einem Essay für den SPIEGEL hatte der Soziologe Armin Nassehi die Frage aufgeworfen , ob sich mit Apokalyptikern auch Politik machen lasse. Allerdings ging es den Aktivistinnen und Aktivisten bisher nicht um Politik – es sei denn, man betrachtet ein Tempolimit auf den Autobahnen und ein 9-Euro-Ticket als politische Intervention. Nun jedenfalls hat die »Letzte Generation« angekündigt, ab dem 6. Februar »an so vielen Stellen wie möglich, so oft wie möglich« Aktionen zu organisieren. Bundesweit.

Ziel sei es, eine »öffentliche Diskussion« zur Erreichung der Klimaziele zu entfachen. Das ist gut, weil bisher vor allem darüber diskutiert wird, ob RWE ein durch die Schlacht von Lützerath entstandener Schaden erstattet werden soll – und die Aktionen nicht generell strafbar sind. Ihre Aktionen, so die Aktivisten, sollten »gewaltfrei« bleiben. Bleibt zu hoffen, dass die Brigade der Besorgten auch von Gewalt verschont bleiben wird – angesichts der Hetze, mit der sie von interessierter Seite inzwischen als terroristische Vereinigung verunglimpft wird.

Unterdessen fordert die Gruppe mehr als nur nette Gesten. Angedacht ist ein »Gesellschaftsrat« aus zufällig ausgelosten Bürgerinnen und Bürgern, der den CO₂-Ausstoß dieses Landes bis 2030 auf null senken helfen soll. Die Regierung wäre nach diesen Vorstellungen verpflichtet, sich den Ratschlägen dieses Gremiums zu beugen.

3. Wer hat den Lauterbach geklaut?

Wäre die Welt eine andere und die Lage nicht so deprimierend, gefährlich und realistisch, könnte man es sich auch als – schwarze – Komödie vorstellen: Rechtsterroristen (verkörpert von Lars Eidinger, Martin Wuttke, Martin Semmelrogge und Claudia Michelsen) entführen den deutschen Gesundheitsminister (gespielt von Heiner Lauterbach), um … ja, was eigentlich? Das wird sich ganz konkret hoffentlich in dem Prozess herausstellen, der demnächst in Koblenz angestrengt wird.

Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen eine terroristische Vereinigung erhoben, die es sich zum Ziel gesetzt haben soll, Karl Lauterbach zu entführen und die Regierung zu stürzen . Die Ermittler gehen davon aus, dass die Gruppe »mittels Gewalt sowie zumindest unter Inkaufnahme von Todesopfern in Deutschland bürgerkriegsähnliche Zustände auszulösen und damit den Sturz der Bundesregierung und der parlamentarischen Demokratie herbeizuführen« gewillt war.

An deren Stelle hätte ein autoritäres Regierungssystem nach dem Vorbild des Deutschen Kaiserreichs treten sollen. Die Verschwörer um Rädelsführerin Elisabeth R. waren 2022 festgenommen worden und stammen aus Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz), Falkensee bei Berlin sowie aus den Kreisen Ammerland in Niedersachsen und Landshut – eigentlich aber, bei diffusem Licht betrachtet, aus dem Internet. Nirgendwo radikalisiert es sich ungeschorener als dort.

Besonders gefährlich an den Umtrieben des »querdenkenden« Reichsgroßbürgertums ist vermutlich, dass es bisweilen so lächerlich und, ja, komisch wirkt. Was so dermaßen abseitig und ridikül erscheint, kann doch nicht ernst gemeint sein, oder? Betroffene Politiker und andere Akteure des öffentlichen Lebens wissen heute schon, wie diese Frage zu beantworten ist. Jedenfalls nicht komödiantisch.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Schweizer Hackerin entdeckt No-Fly-Liste der USA im Netz: Dateiname »NoFly.csv«: Auf einem Server einer Fluggesellschaft hat eine IT-Expertin eine Version der Flugverbotsliste der US-Regierung gefunden. Darauf stehen bekannte Namen, aber offenbar auch ein Kind.

  • China meldet minus 53 Grad Celsius: So kalt war es in China noch nie: In der nördlichsten Stadt des asiatischen Landes sind minus 53 Grad Celsius gemessen worden. Die Region wird von einer extremen Kältewelle heimgesucht.

  • Schiedsrichterin zeigt erste Weiße Karte der Fußballgeschichte: Neben der Gelben und Roten Karte werden sich Fußballfans zukünftig vielleicht auch an die Weiße Karte gewöhnen müssen. Bislang gibt es sie nur in Portugal – und dort wurde sie jetzt zum ersten Mal gezeigt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Das Geschenkeproblem der EU-Parlamentspräsidentin: Im EU-Korruptionsskandal gibt sich Parlamentspräsidentin Metsola als Aufklärerin. Jetzt zeigt sich: Die Malteserin ließ sich immer wieder einladen. Kritiker verlangen neue Regeln. 

  • Warum sich so viele Jugendliche selbst verletzen: Viele Teenager ritzen sich und posten ihre Wunden im Internet. Was dahintersteckt und wann es gefährlich wird, erklärt der Psychiater Christian Schmahl .

  • Apple Mac mini M2 Pro im Test – Billiger ist besser: Der neue Mac mini ist günstiger als sein Vorgänger, soll aber trotzdem mehr Leistung bringen. Wir haben ihn auf den Prüfstand gestellt und Apple mit unseren Erfahrungen konfrontiert .

  • One Love für die Bundesliga: 41 Treffer, sieben Tore in Dortmund, sieben Tore gegen Werder: Die Bundesliga hat sich erstaunlich lustvoll aus der langen Pause zurückgemeldet. Eine kleine Hommage. 

Was heute weniger wichtig ist

Ghislaine Maxwell, 61, Tochter des Verlegers Robert Maxwell und Gespielin sowie Komplizin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, hat im Knast ein erstes Interview gegeben. Darin bezweifelt sie die Authentizität des berüchtigten Fotos, auf dem Prinz Andrew (genau, den gab’s ja auch noch!) den Arm um die Hüfte eines Missbrauchsopfers legt, während Maxwell im Hintergrund lächelt: »Es ist ein Fake. Ich glaube nicht eine Sekunde lang, dass es echt ist«.

Die Frau, verurteilt wegen Menschenhandel mit Minderjährigen zu Missbrauchszwecken, gibt sich reuevoll: »Im Gefängnis zu sein ist wirklich eine der barbarischsten und schrecklichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann«. Einen Lebenssinn beziehe sie lediglich aus der Aussicht, vielleicht danach noch ein hilfreicher Teil der Gesellschaft zu werden. Wenn bei ihrer Entlassung der Krieg in der Ukraine noch andauere, sinniert sie, könne sie vielleicht »rausgehen und dort helfen«. Von der Täterin, sozusagen, zur Rettungssanitäterin.

Mini-Hohlspiegel

Aushang in einem Restaurant auf Norderney

Aushang in einem Restaurant auf Norderney

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Freundinnen und Freunde des gepflegten Aneinandervorbeiredens, der stilistischen Brillanz und des Blicks »hinter die Kulissen« könnten, so sie denn wollten, heute ein halbes Stündchen ihrer Lebenszeit auf YouTube einem Interview opfern, das der Schriftsteller Max Goldt dem ORF III gewährt hat .

Reizvoll ist es nicht nur, weil der Autor von »Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau«, »Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens« oder »Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken« aus Jugend und Werkstatt plaudert. Sondern auch, weil das Gespräch seitens des Interviewers von einer eigentümlichen Steifheit oder doch wenigstens Reserve geprägt ist, wie sie genau so auch Thema einer Glosse von Max Goldt sein könnte.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Zu erfahren ist darüber hinaus, dass Goldt nur ungern als Urheber des Zitats über die »Bild«-Zeitung »ins Grab sinken« möchte. Zu spüren ist auch seine Befriedigung, endlich auch für seine Sprache statt immer nur für seinen Witz geehrt zu werden: »Komik überlagert alles«. Goldt spricht auch über seine seit bald 13 Jahren währende Schreibblockade, von denen die in der »Titanic« erscheinenden Comics mit Stephan Katz glücklicherweise bisher unberührt geblieben sind. Man wünscht dem Mann und sich selbst, es möge sich die alberne Blockade endlich lösen – und greift danach zu Bewährtem, etwa »Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine«. Womit auch der übrige Abend gerettet wäre.

Einen angenehmen Ausklang wünscht Ihnen

Ihr Arno Frank, Autor

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.