Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Bangen um Benedikt

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Benedikt XVI. – wie schlecht ist der Gesundheitszustand des emeritierten Papstes?

  2. Serbien und das Kosovo – wie groß ist die Gefahr einer Eskalation wegen geschlossener Grenzübergänge?

  3. Umbau des Hamburger Hauptbahnhofs – wie sinnvoll sind Milliardenkosten für Verkehrsprojekte?

1. Der 2013 emeritierte Papst Benedikt XVI. ist »sehr krank« – im Vatikan haben den 95-Jährigen zuletzt nur noch wenige zu Gesicht bekommen

Aus der katholischen Kirche bin ich schon als junger Mensch ausgetreten, an Papst Benedikt XVI. hatte ich trotzdem manchmal Freude. Wenn der Kabarettist Gerhard Polt den bayerischen Papst auf der Bühne verkörperte zum Beispiel, wie in diesem Ausschnitt einer Show von Polt und den Musikern der Biermösl Blosn .

Auch bei seinen eigenen öffentlichen Auftritten zeigte der als Joseph Aloisius Ratzinger im bayerischen Marktl geborene Kirchenmann, der lange Erzbischof von München und Freising war, manchmal erstaunliches komisches Talent. Völlig zu Recht erhielt er deshalb im Jahr 1989, nach vielen anderen wichtigen Auszeichnungen, den Münchner Karl-Valentin-Orden.

Dass der 2005 zum Papst gewählte und 2013 zurückgetretene Benedikt XVI. über Geist und Witz verfügt, bezweifeln nicht mal seine strengsten Kritiker. Wegen der Verschleierung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche während seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof ist Benedikt in den vergangenen Jahren unter anderem durch ein Gutachten schwer belastet worden.

Heute wurde bekannt, dass sich der Gesundheitszustand des emeritierten deutschen Papstes offenbar deutlich verschlechtert hat.

Sein Nachfolger Papst Franziskus hat Gläubige aufgerufen, für seinen Vorgänger zu beten. Benedikt sei »sehr krank«, sagte Franziskus am Ende seiner Generalaudienz am Morgen. Später hat Franziskus den Glaubensbruder wohl auch besucht.

Benedikt lebt zurückgezogen. »Früher hatte ich ein großes Mundwerk, jetzt funktioniert es nicht mehr«, sagte er in einem Dokumentarfilm – auch das ein Beleg seines Humors.

Mein Kollege Frank Hornig, unser Korrespondent in Rom, sagt: »Wenn ich in den vergangenen zwei, drei Jahren im Vatikan Gespräche über Benedikt XVI. führte, wirkte es, als wäre er schon nicht mehr da.« Im Kloster Mater Ecclesiae, seinem in den Vatikanischen Gärten über dem Petersdom gelegenen Alterssitz, habe man zur Mittagszeit bayerischen Bratenduft riechen können. »Aber vom Altpapst keine Spur.«

Nur wenige haben den 95-jährigen Ratzinger in den vergangenen Monaten noch zu Gesicht bekommen. Seltene Fotos zeigen einen in sich zusammengefallenen Greis mit erstarrten Gesichtszügen. »Professor Papst«, wie der SPIEGEL den Verfasser eines 14.963 Seiten starken Gesamtwerks einst nannte, kann sich kaum noch verständlich machen.

Altersschwach, aber bei klarem Verstand – so wurde der »Papa Emerito« von seinem Privatsekretär Georg Gänswein zuletzt beschrieben. Als Papst Franziskus heute zum Gebet für seinen Vorgänger aufrief, so mein Kollege Frank, »war die Überraschung trotzdem groß«.

2. In Serbien und im Kosovo werden kurzfristig Grenzübergänge dichtgemacht – wie eine Eskalation zu vermeiden ist, bleibt unklar

Im Konflikt auf dem Westbalkan hat das Kosovo heute den größten Grenzübergang nach Serbien geschlossen, nachdem Demonstranten in Serbien zuvor die Zufahrt zu dem Übergang Merdare auf der anderen Seite der Grenze blockiert hatten. Bereits seit dem 10. Dezember sind zwei weitere Grenzübergänge geschlossen. Die Angst vor einer Verschärfung des Konflikts scheint groß zu sein.

Für das Kosovo ist die Blockade von Merdare besonders folgenreich. Tausende im Ausland arbeitende Kosovaren, die die Feiertage für einen Besuch in der Heimat nutzen wollten, sind nun gezwungen, Umwege zu nehmen. Zudem ist Merdare der wichtigste Grenzübergang für Lkw.

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić hat derweil eine Armeekaserne in der grenznahen Stadt Raška besucht. Auf seiner Instagram-Seite veröffentlichte er in der Nacht zum Mittwoch ein Foto, das ihn mit dem serbischen Generalstabschef Milan Mojsilović zeigt. Er danke allen Angehörigen der Sicherheitskräfte, die alles tun würden, um die Serben im Kosovo zu schützen, schrieb Vučić dazu. Zuletzt hatte die Regierung ihre Armee in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Vor knapp drei Wochen hatten militante Serben im mehrheitlich serbisch bewohnten Norden des Kosovo Barrikaden errichtet, die vor allem die Straßen zu den Grenzübergängen nach Serbien blockieren. Damit protestieren sie gegen die Verhaftung eines serbischstämmigen ehemaligen Beamten der Kosovo-Polizei. Die Militanten werden von der Regierung in Belgrad unterstützt und zum Teil auch angeleitet.

Das heute fast ausschließlich von Albanern bewohnte Kosovo hatte früher zu Serbien gehört und ist seit 2008 unabhängig. 1999 hatte die Nato Serbien bombardiert, nachdem serbische Sicherheitskräfte albanische Zivilisten getötet und vertrieben hatten. Bis 2008 hatte die Uno-Mission Unmik das Kosovo verwaltet. Mit der Unabhängigkeit findet sich Serbien nicht ab und beansprucht das Territorium des Landes für sich.

Droht nun eine Eskalation? Mein Kollege Walter Mayr war kurz vor Weihnachten mal wieder in Pristina und Mitrovica. »Bei meinem Treffen mit Premier Albin Kurti kam es mir so vor, dass da momentan zwei Züge aufeinander zufahren, und weder in Brüssel noch in Washington jemand den Hebel mit der Notbremse findet«, sagt er. Im einen Zug sitze ein Überzeugungstäter (Kurti), im anderen ein kühl kalkulierender Zyniker (Vučić). »Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen«, so mein Kollege, »ob und, falls ja, wie eine gewaltsame Eskalation vermieden werden kann.«

3. Die Erweiterung des Hamburger Hauptbahnhofs kostet mehrere Milliarden Euro – und ist unbedingt sinnvoll

Wie viele andere Deutschen auch halte ich die Aufregung über teure Infrastrukturprojekte für ein prächtiges Smalltalkthema. Dass Flughäfen, Autobahnen, Eisenbahntunnels oder Bahnhöfe sehr viel Geld kosten, das aus Steuermitteln stammt, sollte eigentlich jede Bürgerin und jeder Bürger längst kapiert haben. Trotzdem sorgt es zuverlässig für Empörung, wenn für einen S-Bahn-Tunnel in München oder einen Bahnhof in Stuttgart neue, jeweils anscheinend überraschend erhöhte Kostenrechnungen publik werden. Es wurde berichtet, dass das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 nun wohl mindestens 9,15 Milliarden Euro kosten wird.

Ich bin keineswegs überrascht darüber, dass heute bekannt wurde, auch der Ausbau des Hamburger Hauptbahnhofs solle Milliarden kosten.

Der Bahnhof ist, wie Experten schon länger sagen, viel zu klein – weswegen viele Züge schon bei der Abfahrt verspätet sind, mal nur um Minuten, mal um eine halbe Stunde. Worüber auch ich mich hin und wieder heftig ärgere.

Die Erweiterung des Hauptbahnhofs, die im Jahr 2028 beginnen soll, wird nach einem Bericht der »Zeit« inklusive aller Verbindungswege und -tunnel »mehrere Milliarden Euro« teuer sein. Die Finanzierung des Großprojekts ist, wie in solchen Fällen üblich, noch nicht ganz geklärt. Unter den Hamburger Politikerinnen und Politikern ist die Hoffnung verbreitet, dass der Bund einen Großteil der Kosten übernehmen wird.

Ich finde die Ausgaben für die Modernisierung des Bahnhofs, wie hoch sie am Ende auch sein werden, unbedingt sinnvoll. Sogar noch sinnvoller als Ausgaben für Autobahnen und Flughäfen. Mit derzeit 550.000 Passagieren täglich gilt der Hamburger Hauptbahnhof als stark überlastet, bis 2040 wird die Zahl der täglichen Nutzer womöglich auf 750.000 Passagiere steigen. Schon vorher, nämlich Ende der Dreißigerjahre, wollen die Umbauer fertig sein.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Eine deutsch-russisch-ukrainische Begegnung inmitten des Grauens: Ich hatte Trostjanez, die erste befreite ukrainische Stadt, für ein Kaff gehalten. Ein Irrtum. Neben einer hochmodernen Schokoladenfabrik hielt sie noch weitere Überraschungen bereit .

  • Kirill will nicht töten: Rund 300.000 Russen wurden bisher offiziell für den Ukrainekrieg eingezogen. In Deutschland werde ich oft gefragt, warum sich kaum einer dagegen wehre: In Sankt Petersburg traf ich einen jungen Mann, der es wagte .

  • Der schwimmende Pipelineersatz: Der Testbetrieb am LNG-Terminal in Wilhelmshaven läuft. Ab Januar soll es bis zu zehn Prozent des Gasflusses ersetzen, der einst über Nord Stream 1 kam. Habeck rechnet aber nicht damit, dass die Gaspreise bald sinken werden .

  • Wie ich ein neues Wort für die Arroganz des Westens lernte: Kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fuhr ich nach Polen, sprach mit Intellektuellen wie dem in Deutschland populären Schriftsteller Szczepan Twardoch. Warum Deutschland einem Öltanker gleicht .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Westlicher Nachrichtendienst half bei Enttarnung von BND-Agent: Ein Hinweis eines Partnerdienstes hat die Deutschen nach SPIEGEL-Informationen auf die Spur des mutmaßlichen Russlandspions geführt. Auch gegen eine zweite Person in den Reihen des BND laufen noch Ermittlungen .

  • Wirtschaftsweise fordert höhere Erbschaftsteuer: Wer ein Haus oder eine Firma erbt, ist im Vorteil, sagt Monika Schnitzer. Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen plädiert für eine Reform, um die Erbschaftsteuer gerechter zu machen.

  • Chinas Staatsmedien melden Ansturm auf Reiseportale: China lockert die Quarantäneregeln für Reisende. Viele Chinesen freuen sich nun wieder auf Auslandsflüge. Länder wie die USA oder Japan sind skeptisch – und erwägen Beschränkungen.

  • 97-jährige KZ-Sekretärin ficht Verurteilung an: Kurz vor Weihnachten wurde eine Seniorin der Beihilfe zum Mord an Tausenden Gefangenen im KZ Stutthof schuldig gesprochen. Ihre Verteidiger legen Revision ein – und verweisen auf den Präzedenzcharakter des Falls.

  • Fahrschüler immer unaufmerksamer – 40 Prozent fallen durch: Der Fahrlehrerverband hadert mit den Leistungen von Fahrschülern. Es mangele an einer »natürlichen Affinität zum Verkehrsgeschehen« – mit Folgen bei den theoretischen und praktischen Prüfungen.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Schütze holt!

Foto: Matthew / unsplash.com

Eine Bilderstory über außergewöhnlich schön gelegene Fußballplätze – das wärmt mein von der WM in Katar schwer geschundenes, aber grundsätzlich begeistertes Sportfan-Herz. In Grönland, im Ort Qeqertarsuaq, schwimmen hinter dem Tor Eisberge vorbei. Im norwegischen Henningsvær fliegt der Ball manchmal ins Meer. Aber der für mich schönste Fußballplatz ist der des FC Gspon in der Schweiz. Der Verein bespielt 2000 Meter über Normalnull Europas höchstgelegenen Fußballplatz, erreichen lässt er sich per Skilift. Wer es hinaufschafft, wird mit einem prächtigen Alpenpanorama belohnt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Bitte keine Selbstdiagnose und keine Selbstbehandlung«: In Deutschland steigt die Zahl der Infektionen mit A-Streptokokken, die etwa Scharlach auslösen können. Der Kinderinfektiologe Tobias Tenenbaum spricht über die Ursachen und mögliche Warnzeichen .

  • Grüne und SPD kritisieren Lindners Positionspapier scharf: Pro Atomstrom und Fracking: In einem inoffiziellen Grundsatzpapier mischt sich das Bundesfinanzministerium von Christian Lindner in die Zuständigkeit anderer Ressorts ein – sehr zum Ärger der Koalitionspartner .

  • »Erdoğan versucht, seine Konkurrenten aus dem Weg zu räumen«: Sechs Monate vor der Präsidentenwahl wird Ekrem Imamoğlu zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Aus Angst, dass er kandidieren könnte? Hier erzählt er, welche Auswirkungen sein Berufungsverfahren auf eine Kandidatur haben könnte .

  • Was Paare seit Jahrzehnten falsch machen: Knapp 40 Jahre lang hat Christa Schulte Männer und Frauen als Therapeutin geholfen – jetzt geht sie in Rente und blickt zurück: Wie haben sich unsere Beziehungen verändert? 

Was heute weniger wichtig ist

Solidarisches Verstummen: Miley Cyrus, 30, US-Sängerin und Schauspielerin, will ihre Stimme von einem Album des manchmal sehr stinkstiefeligen Musikerkollegen Morrissey, 63, tilgen lassen. Sie bat offenbar das Plattenlabel Capitol Records, ihren Beitrag aus den Aufnahmen für den unveröffentlichten Song »I Am Veronica« zu entfernen, nachdem sich der britische Künstler wohl zuvor mit der Firma zerstritten hatte. Auf der offiziellen Website des ehemaligen The-Smiths-Sängers erschien ein gemeinsames Foto von Morrissey und Cyrus – und ein Dankes-Post an die Sängerin mit der Überschrift »Miley is a Punk Rocker«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Bei Tottenham stand der frisch gekürzte argentinische Weltmeister Cristian Romero nicht im Kader.«

Cartoon des Tages: Hausdurchsuchung!

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich im Streamingkanal Disney+ die Serie »The Old Man« ansehen. In ihr spielt Jeff Bridges die Hauptrolle, für mich ein einsamer, unerreichter, unbedingt liebenswerter Titan unter den Hollywoodschauspielern. Bridges tritt in der Rolle des ehemaligen CIA-Manns Dan Chase auf. Chase ist eigentlich im Ruhestand, aber er wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Weil er überleben und seine Tochter retten will, muss er zurück ins Gefecht. Die sieben Folgen seien, so schreibt mein Kollege Oliver Kaever in seiner dringenden Empfehlung, sich die Serie noch in diesem Jahr anzugucken, »so langsam wie flüssige Lava«. Das ganze Werk nennt er »eine ergreifende Meditation über Alter, Reue und die Fehler, die Menschen formen«.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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