Arno Frank

Die Lage am Abend Die Windsors – das Finale der Staffel

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Prinz Harry: War es Hofverrat?

  2. Waffen: Werden die Panzer immer schwerer?

  3. Medien: ARD-Kleinstaaten im Kalten Krieg?

1. War es Hofverrat?

In einem Buch über die Bombardierung von Dresden habe ich neulich ein Foto von Edward VIII. gesehen, wie er sich, ein Jahr nach seiner Abdankung als König, vom örtlichen Gauleiter ein Modell des Zwingers zeigen ließ. Danach lobte er in einer Rede den Umgang des Regimes mit der Arbeiterklasse, bevor er zu einem Treffen mit Adolf Hitler nach Berlin weiterfuhr. Es gibt, dachte ich, in der langen Geschichte des Vereinigten Königreichs skandalösere Geschichten als jene, die Prinz Harry in seiner kommende Woche erscheinenden Autobiografie (»Reserve«) ausplaudert.

Gewiss, da gab es eine Prügelei unter Brüdern. Schon klar, sein Vater Charles mag sarkastische Witze. Jaja, es wurde Kokain probiert. Überhaupt ist nicht alles Gold, was glänzt, erst recht nicht in großen Familien. Bis hierher ist das der Stoff, aus dem Klatschmagazine gemacht sind. »Da oben« geschieht, stellvertretend, was überall geschieht. Nun ist aber die britische Monarchie eine sehr alte Firma, die sich – wie alle alten Unternehmen – auch in der Moderne behaupten muss. Und ein Prinz schert aus, fällt aus der Rolle und inszeniert sich konfrontativ vor konservativem Hintergrund als moderner Mann.

Es ist eine Geschichte über verfeindete Brüder, fehlende Mütter, sadistische Väter, böse Stiefmütter – und eine Institution, die mit dem Commonwealth offiziell immerhin 2,5 Milliarden Menschen vorsteht. In der SPIEGEL-Titelgeschichte werden alle Aspekte eines Dramas beleuchtet, das selbst für eine Serie wie »The Crown« einen Tick zu komplex ist – weil es von privaten Traumata ebenso erzählt wie von internationalen Verwicklungen, von Rassismus und Unternehmertum, von Hollywood und London.

So gesehen ist die Veröffentlichung des Buches von Prinz Harry nicht das Ende der Geschichte. Nur das Finale dieser Staffel.

  • Und lesen Sie hier mehr über die Parallelen zwischen Prinz Harry und König Edward VIII.: Royale Exiteers 

2. Werden Panzer immer schwerer?

Der Schützenpanzer, das muss der Wehruntaugliche dem Kriegsdienstverweigerer erst mal erklären, dient in erster Linie dem Transport von Infanterie ins Kampfgebiet. Das unterscheidet den deutschen Marder  vom Kanonenjagdpanzer, dem Raketenjagdpanzer, dem Panzermörser, dem Sanitätspanzer, dem reinen Transportpanzer, dem Flakpanzer oder dem Führungspanzer für die Flugabwehr.

Experten seien gebeten, mich nicht auf die Fachbegriffe festzunageln. Es gibt zum Beispiel noch den französischen Spähpanzer AMX-10 RC , der durchaus mehr als »nur mal gucken« will und dessen Lieferung an die Ukraine offenbar »Bewegung«, wie es so schön heißt, in die »Debatte« (Robert Habeck) um Lieferungen auch von schwereren Waffen an die Ukraine gebracht hat. 40 Marder soll es geben, dazu das Flugabwehrsystem Patriot und … ach, hier wird dem Luxuspazifisten das Herz schwer. Denn eigentlich will man sich mit dergleichen gar nicht auskennen, eigentlich sind diese Totmachsachen pfui, recht eigentlich möchte man damit nichts zu tun haben.

Das gilt vermutlich auch für Olaf Scholz, dem wegen seines Zauderns nun mangelnde Führungsstärke vorgeworfen wird. Im Grunde aber lässt sich die Position der Bundesregierung hinsichtlich Waffenlieferungen mit einem »Na ja, nee, muss nicht sein, außer vielleicht, wenn’s sein muss und unsere Freunde anfangen!« zusammenfassen. Was, im historischen Kontext gesehen, keine ganz verantwortungslose Haltung ist.

Schwerer – auch im symbolischen Sinne – als der Marder ist übrigens der Kampfpanzer Leopard 2. Hier ist es mit dem gefürchteten Schwurbelpanzer Anton Hofreiter ein Grüner, der dessen Lieferung bereits fordert und keine Manschetten erkennen lässt: »Ich würde mir wünschen, dass, als Hauptherstellungsland von Leopard 2, wir eine europäische Initiative starten für die Lieferung von Leopard 2 und gemeinsam mit Europa schauen, was wir alles der Ukraine liefern können, damit sie die besetzten Gebiete befreien können«.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Der Marder kommt – und der Ruf nach dem Leopard wird lauter: Lange stemmte sich Kanzler Olaf Scholz dagegen, deutsche Schützenpanzer in die Ukraine zu schicken. Jetzt soll das Land sie doch erhalten. Fällt nun auch das deutsche Nein zu Kampfpanzern? 

  • »Ein Panzerkanzler ist Olaf Scholz sicher nicht«: Olaf Scholz hat angekündigt, die Ukraine mit Marder-Panzern zu unterstützen. Die Reaktionen reichen von »Erleichterung« bis »halbherzige Hilfe«. Forderungen nach weiteren Lieferungen werden schon laut. Der Überblick.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

3. Kleinstaaten im Kalten Krieg?

Der Dreißigjährige Krieg ist, nicht allein wegen seiner Länge von dann doch 30 Jahren, eine aberwitzig komplizierte und wechselvolle Angelegenheit. Ich habe historische Darstellungen von Herfried Münkler studiert und von Golo Mann, wusste danach ein wenig mehr, aber ganz begriffen habe ich es bis heute nicht. Meine Kollegen Alexander Kühn und Anton Rainer haben es nun mit einer durchaus vergleichbaren Großmalaise aufgenommen – der Darstellung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks . Ein vielköpfiges Bürokratiemonster, auf zahllosen Augen blind, gelähmt an allen Gliedern.

Über Monate haben Kühn und Rainer studiert, mit Intendanten gesprochen und Informanten und sind sogar da hingegangen, »wo’s weh tut«, etwa in eine lähmend geriatrische Sitzung des SWR-Rundfunkrats in Mainz. Ein kurioses Kammerspiel allein die Vorgeschichte des Interviews, das der scheidende ARD-Intendant Tom Buhrow und sein designierter Nachfolger, »Professor Doktor« Kai Gniffke vom SWR im Dezember dem SPIEGEL gegeben haben. Mal sind beide im Doppelpack zu haben, mal keiner von beiden, mal bietet sich ein Gniffke solo an, mal Buhrow, dann nur Buhrow, kategorisch, bevor sich kurzfristig dann doch noch Gniffke dazugesellt – das Gespräch geriet dann eher frostig.

Es geht um die bizarren Auswirkungen eines Föderalismus, der bis in die Bestellung der Moderatorinnen gemeinsamer Magazine reicht und damit noch kein Ende hat, dass die Funkhäuser sich gegenseitig nicht die Einschaltquoten gönnen – oder eine gemeinsame Mediathek denkbar wäre. Dies alles vor dem berüchtigt byzantinischen Führungsstil der ehemaligen Lokalfürstin Patricia Schlesinger (RBB) und, wie sich herausstellt, auch deren Vorgängerin Dagmar Reim.

Fast könnte man dieses verfahrene Tohuwabohu komisch finden, wären die Öffentlich-Rechtlichen nicht so wichtig für die Gesellschaft, in der wir alle leben.

Immerhin haben sich bis jetzt die Schweden noch zurückgehalten.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • »Reichsbürger« Heinrich XIII. Prinz Reuß wollte für eine Million Euro Land vom Bund kaufen: Der Vertrag war schon beurkundet: Nach SPIEGEL-Informationen sicherte sich der Hauptbeschuldigte im Terrorverfahren gegen eine radikale »Reichsbürger«-Gruppe fast 400 Hektar Wald vom Staat.

  • Klimaaktivisten stören Dreikönigstreffen der FDP: Bei ihrem Dreikönigstreffen hat die FDP unerwünschten Besuch bekommen: Klimaaktivisten unterbrachen die Rede von Parteichef Lindner. Der konterte – und äußerte sich auch zu den Panzerlieferungen an die Ukraine.

  • Kenianischer LGBTQ-Aktivist offenbar brutal getötet: Edwin Chiloba setzte sich für die Rechte queerer Menschen in Kenia ein. Nun wurde er tot aufgefunden. Die Umstände des offenkundigen Verbrechens sind schockierend.

  • Daniel Barenboim tritt als Generalmusikdirektor zurück: Zum Jahreswechsel hatte er sein Comeback am Dirigentenpult der Berliner Staatsoper gegeben – im Sitzen. Nun muss sich Daniel Barenboim eingestehen, dass er nicht weiter als Generalmusikdirektor arbeiten kann.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Spießrutenlauf eines Hochstaplers

Der republikanische Abgeordnete George Santos, strammer Parteigänger von Donald Trump, könnte, frisch vereidigt, eigentlich gerade die Zeit seines Lebens haben. Tatsächlich geht der Mann gegenwärtig durch die Hölle – weil er über sein Leben bisher Lügen über Lügen erzählt hat. Seine Mutter war keine Finanzmanagerin, sondern Putzfrau. Sie starb nicht bei den 9/11-Anschlägen, sondern lange danach. Seine Großeltern sind keine Opfer des Holocaust. Seine angeblichen Arbeitgeber – Citigroup und Goldman Sachs – hatten noch nie von ihm gehört. Er ist kein Jude, sondern Katholik. Und so weiter und so fort. Santos symbolisiert ein Amerika, in dem Betrüger »damit« (ganz egal, womit) durchkommen, bis ganz nach oben.

Republikaner George Santos

Republikaner George Santos

Foto:

JIM LO SCALZO / EPA

Nun aber, ganz oben, in Washington, fällt ihm alles vor die Füße. Und Santos scheint zu glauben, dass sich die Wogen schon glätten werden. Mein Kollege Marc Pitzke hat sich an die Fersen des Mannes gehängt – und dabei Szenen eingefangen, die sowohl einer Tragödie als auch einer Komödie als Vorlage dienen könnten. Etwa wenn er unbemerkt durch einen Seitenausgang der Presse aus dem Weg gehen will, entdeckt wird, durch einen Tunnel in den Keller flieht, sich verläuft – und sich endlich »in die pompösen Hallen des Repräsentantenhauses« rettet. Wo er sich schließlich an die »rebellischen« Parteikollegen heranwanzt, denen es auch ganz gleich ist, wer sich zu ihnen gesellt.

Es ist ein kleines Kabinett- und Lehrstück über ein politisches System, das am Rande der moralischen Selbstaufgabe balanciert.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Warum es sich für den CSU-Chef immer noch nicht ausgeträumt hat: Für Markus Söder hat sich das Thema Kanzlerkandidatur erledigt – behauptet Markus Söder. In der CSU allerdings hoffen viele auf einen zweiten Anlauf ihres Vorsitzenden. Sind dessen Beteuerungen glaubhaft? 

  • Wovon leben Sie, Herr Jeschke? Der Mitgründer der »Letzten Generation«, Henning Jeschke, ist Studienunterbrecher und Vollzeitstörer. Hier kritisiert er Weltklimarat und Bundesregierung – und erklärt, warum er dem Kampf gegen die Klimakrise alles unterordnet .

  • Auf dem Land wartet der Tod: Erschöpfte Ärzte, überfüllte Krematorien und überall frische Gräber auf den Feldern: Während in Chinas Metropolen scheinbar der Alltag zurückkehrt, trifft das Coronavirus auf eine völlig unvorbereitete Landbevölkerung .

  • Wer ist Daley Blind und was will der FC Bayern mit ihm? Mit dem Niederländer Daley Blind haben die Bayern einen routinierten Abwehrspieler verpflichtet. Der fast 33-Jährige bringt viel internationale Erfahrung mit. Der Schnellste ist er allerdings nicht mehr .

Was heute weniger wichtig ist

Charlène Lynette Grimaldi, 44, Fürstin von Monaco, hat im Jahr 2022 mehr Geld für schöne Anziehsachen ausgegeben als ihre 18 adeligen Mitbewerberinnen auf den Titel, äh, der »Zahlungskräftigsten Klamottenkundinnen mit Fürstenhintergrund«. Weil eine paternalistisch geprägte Gesellschaft es bekanntlich nicht duldet, wenn Frauen das gleiche Kleidungsstück mehrmals tragen, musste Charlène im vergangenen Jahr 105-mal mit neuen Kleidungsstücken auftreten – Unterwäsche nicht mitgerechnet. Möglich, dass Fürst Albert II. oder Gucci ihr das eine oder andere Hütchen geschenkt hat. Der Gesamtwert des Getragenen wird jedenfalls von Leuten, die sowas wissen, auf 750.000 Euro geschätzt. So richtig viel Geld ist das nicht. Eine Dreiviertelmillion, das kostet ein Haus am Stadtrand von Bottrop, ein Bugatti Veyron mit Sitzen aus Elefantenvorhaut oder ein Garagenstellplatz für diesen Bugatti im Seeräubernest Monaco (Miete, monatlich). Überdies ging’s der Fürstin lange gesundheitlich nicht gut, und jetzt geht es wieder besser, man steckt nicht drin und liest auch keine »Freizeit Revue«. Dort hat man gewiss auch von der Zweitplatzierten noch nie etwas gehört, einer Dame mit dem sagenhaften Namen Maria-Olympia von Griechenland, aus dem weitverzweigten Hause derer von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg.

Mini-Hohlspiegel

Aus der »Mittelbayerischen Zeitung«

Aus der »Mittelbayerischen Zeitung«

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Chappatte

Und am Wochenende?

Die Waldbühne in Berlin hat er schon so gut wie ausverkauft, und das bei Ticketpreisen ab 200 Euro. Es dürfte also nicht wenige Leute geben, die sich blind – um nicht zu sagen: taub – für Peter Gabriel interessieren. Ganz gleich, ob er mit neuem Material kommt, mit einer akustischen Version der alten Hits oder »The Lamb Lies Down on Broadway – On Ice«.

Seit heute gibt es die erste Single des kommenden Albums (»i/o«) mit funkelnagelneuen Songs – deren erster Vorbote, »Panopticom« , verdächtig nach den Achtzigerjahren klingt. Der Titel, sagt Gabriel, verweist auf einen »unendlich erweiterbaren und zugänglichen Datenglobus«, eben das »Panopticom«, mit dessen Hilfe »die Welt sich besser selbst sehen« und auch verstehen könne, »was wirklich vor sich geht«. Wodurch sich das von diesem Internet unterscheidet, werden wir spätestens in der Waldbühne erfahren.

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Getrost kann man sich da mal einen Abend die Zeit nehmen, um sich mit drei, vier Gläsern Rotwein die rund fünf Minuten von »Panopticom« schönzuhören. Kenner werden erkennen, dass Gabriel wieder »die Jungs« zusammengetrommelt hat, also den Trommler Manu Katché, den Gitarristen David Rhodes und den glatzköpfigsten aller Weltklassebassisten, Tony Levin. Freundinnen gediegener Flughafenmusik und BDS-Sympathisanten werden am Keyboard sogar Brian Eno identifizieren. Ein Gipfeltreffen der Gediegenheit! Okay, Sarkasmus beiseite. Schön, dass er wieder da ist.

Einen angenehmen Abend wünscht Ihnen Ihr
Arno Frank

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