Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Gier ist auch in Moskau geil

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Putins Milliarden-Netzwerk – gibt es eine Gemeinschaftskasse für den Clan um Russlands Präsidenten?

  2. Razzia gegen Internet-Hater – landen die Hass-Propagandisten, die den Tod zweier Polizisten feierten, vor Gericht?

  3. Influencer Fynn Kliemann – wieso stellt er sich als Opfer einer Verschwörung dar?

1. Aktuelle Recherchen belegen wohl ein Milliarden-Netzwerk um Russlands Präsident Putin – die Vermögensbewegungen scheinen auch dessen familiäres Umfeld zu betreffen

Was die schamlose Gier vieler Menschen nach Bereicherung angeht, fand ich immer die Einschätzung des Schauspielers Danny Kaye amüsant. Kaye hat gesagt: »Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.«

Nach dieser klar zynischen Losung scheinen auch die Mächtigen im Kreml und ihre Freundinnen und Freunde vorzugehen. Der SPIEGEL, NDR und WDR konnten Einsicht in Recherchematerial des Journalistennetzwerks »Organized Crime and Corruption Reporting Project« (OCCRP) und des russischen Internetmagazins »Meduza« nehmen, das ein Milliardennetz um Russlands Präsident Wladimir Putin zu enthüllen scheint .

Reporter haben Hinweise auf ein verzweigtes Verwaltungsnetzwerk gefunden, das offenbar Dutzende Firmen, gemeinnützige Organisationen und Geschäftsleute zusammenhält. Sie wirken miteinander verknüpft in einer Art Schattenverbund: einem Konstrukt, das nicht unter Anteilseignern oder den Muttergesellschaften der betroffenen Firmen auftaucht, das aber dennoch Eingriffe vorzunehmen scheint in die operative Geschäftstätigkeit.

Das Recherchematerial untermauert Vermutungen, dass es sich bei den Besitztümern von Putin-nahen Oligarchen weniger um voneinander getrennte Privatvermögen handelt, sondern um eine Art Gemeinschaftskasse des Putin-Clans. »Jedenfalls zeigen die Recherchen, dass zu Nutznießern und Nutzern der verborgenen Struktur auffallend viele Persönlichkeiten gehören, die Wladimir Putin persönlich nahestehen«, heißt es im Text der SPIEGEL-Kolleginnen und -Kollegen. Darunter seien »alte, reich gewordene Bekannte aus seiner Zeit in der Sankt Petersburger Stadtverwaltung, seine Tochter und deren zwischenzeitlicher Ehemann«. Auch eine frühere mutmaßliche Geliebte Putins tauche darin auf.

Im Zentrum der Recherche steht unter anderem eine Internetdomain mit dem Namen LLCInvest.ru. Die Buchstabenfolge LLC steht im US-amerikanischen Recht für eine Unternehmensform mit beschränkter Haftung, ähnlich der deutschen GmbH. Zu den Merkwürdigkeiten des Konstrukts LLCInvest gehört allerdings, dass sich in russischen Firmenregistern kein Eintrag zu einem gleichnamigen Unternehmen findet – und im Internet auch keine passende Internetseite.

Offenbar handelt es sich um ein klandestines Netz. Mehr als 80 Firmen und Organisationen, die reichen Bankern, Oligarchen, aber auch Kindern von Putins Freunden gehören, werden dem Verbund zugerechnet. Geschäftsführer und Anteilseigner nutzen in vielen Fällen auch E-Mail-Adressen mit der Endung @LLCInvest.ru. Einige wenige dieser E-Mail-Adressen sind im Internet leicht auffindbar, in vielen Fällen aber haben die Rechercheure die Existenz der Mailkonten mithilfe von spezialisierten Diensten nachgewiesen. »Die einzige Erklärung, die ich dafür finden kann, ist, dass diese Firmen miteinander verbunden sind durch ein gemeinsames Managementsystem«, sagt Ilja Schumanow vom russischen Zweig der Organisation Transparency International dem SPIEGEL.

Der Kreml bestreitet die Zusammenhänge. »Der Präsident der Russischen Föderation ist in keiner Weise mit den genannten Einrichtungen und Organisationen verbunden oder assoziiert«, so Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow. Die Vermögen innerhalb dieses Netzwerks sind offenbar enorm. Die OCCRP-Rechercheure schätzen den Wert auf etwa 4,5 Milliarden Dollar. Ein Anwesen namens »Villa Sellgren« nahe der finnischen Grenze, das nach Berichten von Aktivisten um Alexej Nawalny als Luxusferienhaus für Russlands Präsident Putin gedacht ist, soll zu dem Vermögen gehören. Aber auch Weingüter auf der Krim und eine bei Wintersportlern beliebte Ferienanlage nahe Sankt Petersburg, in der Putins Tochter Katerina Tichonowa 2013 ihre Hochzeit feierte.

Es sei auch interessant, sich den Fall von Putins älterer Tochter Maria Worontsowa und ihrer Villa an der Rubljowka bei Moskau anzusehen, sagte mir einer der an der aktuellen Geschichte beteiligten SPIEGEL-Kollegen: »Sie hat die Villa mit ihrem Mann gekauft. Dann haben sie sich scheiden lassen. Dann kommt eine Firma aus dem LLCInvest-Universum und kauft ihrem Mann das Ding ab.« Das wirke fast so, als würde es im Putin-Clan eine Art Fixer geben: »Du brauchst dich um nichts zu kümmern – und alles bleibt in der LLCInvest-Familie.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Wir hoffen, dass wir nicht wie Syrien werden« Die Cafés sind geöffnet, die Restaurants ausgebucht, die Plätze voller Menschen: Nach Monaten der Angst versucht Kiew, zum Alltag zurückzukehren. Doch das ist schwieriger als gedacht. Spaziergang durch eine traumatisierte Metropole .

  • Ein Versprechen, das nichts wert ist: Die Kandidatur für den EU-Beitritt hat für die Ukraine keinen Nutzen. Wichtiger wäre praktische Hilfe: Waffen und Geld.

  • Kann man zur Ukraine auch Nein sagen? Die EU stuft das Land zum Beitrittskandidaten hoch. Aber alle ahnen, dass es niemals Mitglied wird. Ist das zynisch oder alternativlos?

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Die Polizei hat heute zahlreiche Wohnungen von Hass-Postern durchsucht – vermutlich haben sich viele von ihnen mit Äußerungen nach dem Tod zweier Polizisten strafbar gemacht

»Hass ist die Rache des Feiglings« hat der Schriftsteller George Bernard Shaw einmal festgestellt. Leider scheint sich die Kampfzone für diese Art von Rache im Zeitalter des Internets stark ausgeweitet zu haben. Heute hat die Polizei bei bundesweit 75 Razzien die Wohnungen von Verdächtigen durchsucht, denen Hassäußerungen im Internet vorgeworfen werden. Bei den Durchsuchungen wurden 180 Datenträger wie Smartphones, Notebooks und andere digitale Geräte sichergestellt. Anlass der Razzien ist die Arbeit der Ermittlungsgruppe »Hate Speech« beim LKA Rheinland-Pfalz, die nach der Tötung von zwei Polizisten am 31. Januar im westpfälzischen Landkreis Kusel eingerichtet wurde.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz, ein SPD-Mann, sagte heute, dass in vielen der Äußerungen im Netz »der Mord gefeiert und die Opfer verächtlich gemacht wurden.«

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Andreas S. beginnt am morgigen Dienstag vor dem Landgericht Kaiserslautern. Er ist wegen Mordes angeklagt. Der 39-Jährige soll eine 24 Jahre alte Polizistin und ihren 29 Jahre alten Kollegen bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle auf einer Landstraße bei Kusel mit mehreren Gewehrschüssen getötet haben, um Jagdwilderei zu verdecken.

Mich macht es ziemlich fassungslos, dass Ermittler allein in den ersten drei Wochen nach dem Verbrechen mehr als 1600 Hinweise auf Hass und Hetze im Internet in Zusammenhang mit der Tat zusammengetragen haben. Und natürlich finde ich richtig und einleuchtend, was der Minister Lewentz heute sagte: »Wenn Worte wie Waffen gebraucht werden, ist konsequentes staatliches Handeln gefordert.«

3. Der Influencer Fynn Kliemann spricht in einem Video von einer öffentlich-rechtlichen Verschwörung gegen ihn – das soll wohl sein Unternehmen retten

Der Influencer, Musiker und Heimwerkerkönig Fynn Kliemann, den viele Menschen für einen grundsympathischen Kerl halten, ist in den vergangenen Wochen wegen seines merkwürdigen Geschäftsgebarens ins Gerede gekommen. So warb er für »fair produzierte« und angeblich europäische Masken, die in Wirklichkeit aus Asien stammten. Dafür hat er sich in – offenkundig vorbereiteten – Video-Statements mit zitternder Stimme entschuldigt.

Mein Kollege Anton Rainer berichtet heute, dass es mit Kliemanns Reue nun anscheinend vorbei ist .

Am Sonntagabend veröffentlichte Kliemann eine mehrminütige wütende Instagram-Tirade, in der er gegen öffentlich-rechtliche Medien, »wildgewordene Reporter« und Teile der »woken, linken Szene« austeilte. Besonders sauer macht ihn die Redaktion des »ZDF Magazin Royale«, die ihm vorschreiben wolle, »wie man Spaß zu haben hat«. Das Team rund um den Satiriker Jan Böhmermann hatte Anfang Mai aufgedeckt, dass große Teile der Mundschutzmasken, die Kliemann und ein Geschäftspartner ab Anfang Mai 2020 als »fair und in Europa produziert« bewarben, in Wirklichkeit aus Bangladesch und Vietnam stammten. Rund 100.000 unzureichende Masken wurden außerdem an Flüchtlingsheime verschickt. Kliemann bestreitet, selbst an den dubiosen Deals verdient zu haben. Die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt seit einigen Tagen wegen Betrugsverdachts.

Nun schwadroniert der Influencer von einer Intrige der öffentlich-rechtlichen Medien. Das soll mutmaßlich sein Unternehmen retten, einen einigermaßen wilden Heimwerkerspielplatz namens »Kliemannsland«, den er bei Bremen betreibt. »Ihr habt mich mit öffentlichen Geldern groß gemacht, dann hab ich nicht gespurt, und mit genau den gleichen Geldern soll ich jetzt zerstört werden«, so Kliemann in seinem neuen Video. Die Welt könne nicht akzeptieren, wenn man »irgendwie anders« sei.

Was meint Kliemann mit der Andeutung, er habe »nicht gespurt« gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien? »Das wüsste ich auch gerne«, sagt mein Kollege Anton. Bis zum Maskenskandal habe Kliemann mit dem NDR eine Impro-Comedy-Spieleshow namens »Und Bitte!« geplant. »Die wurde dann eilig abgesagt – natürlich vonseiten des NDR«.

Im Netz ist auf Fynn Kliemanns Seite inzwischen übrigens ein »Manifest der Freiheit« mit 10 Geboten zu finden, auf die mich Anton aufmerksam gemacht hat .
Mein Kollege findet, dass sich Kliemann »ohnehin schon wie ein Sektenführer gebärdet«. Das erste Gebot im Kliemannschen Dekalog lautet nun wunderlicherweise: »Die grenzenlose Freiheit für Kreativität überstimmt jeden Zweifel, jederzeit.« Stimmt das im Allgemeinen, stimmt es im Fall Kliemann? Ich würde sagen: einfach nein.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Erzeugerpreise so stark gestiegen wie noch nie seit 1949: Die Preise der Hersteller klettern weiterhin im Rekordtempo. Das Statistische Bundesamt registrierte im Mai den stärksten Anstieg seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1949. Das könnten die Verbraucher schon bald spüren.

  • Bundesbank empfiehlt Koppelung von Lebenserwartung und Renteneintrittsalter: Generationengerechtigkeit, Renten, Lebenserwartung – die finanzielle Absicherung im Alter wird immer mehr zur unlösbaren Aufgabe. Die Bundesbank bezieht jetzt Stellung und rührt erneut an einem Tabu.

  • Le Pen gibt Parteivorsitz ab und wird Fraktionschefin: Marine Le Pen zählt zu den Gewinnern der französischen Parlamentswahl. Ihre Partei hat die Zahl ihrer Abgeordneten vervierzehnfacht. Nun will sich die Rechtspopulistin auf ihre Rolle als Fraktionschefin konzentrieren.

  • Diesel ist teurer als vor der Steuersenkung: Der Tankrabatt brachte den Verbrauchern nur kurz Entlastung. Nach kaum drei Wochen sind die Preise höher als zuvor.

  • Imker bekommt Schadensersatz für von Glyphosat verseuchten Honig: Um sein Feld von unliebsamen Insekten freizuhalten, hat ein Landwirt in Brandenburg üppig Glyphosat aufgetragen. Weil das Gift anschließend im Honig eines benachbarten Bienenstocks landete, wurde jetzt Schadensersatz fällig.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Ein Ring, sie zu knechten

Illustration: Thilo Rothacker / DER SPIEGEL

Meine Kollegin Nike Laurenz wundert sich  über die Sitten und Gebräuche oft noch junger Menschen beim Heiratsantrag. In ihrem Umfeld gebe es eine Menge Paare, die sich auf traditionelle Weise verloben, weil sie das romantisch finden, so Nike. Eine Frauenzeitschrift habe gar einen »5-Schritte-Guide für Verlobungsringe« veröffentlicht. Ist das zeitgemäß? Der Verlobungsvorgang selbst laufe oft ab wie in alten Filmen. »Der Mann kniet sich vor der Frau hin und präsentiert ihr eine Schachtel. Große Überraschung, Tränen, dann das Anstecken des Rings – und zack: Foto.« Meine Kollegin ist über dieses altmodische Getue nicht erfreut: »Ich hatte gehofft, wir wären schon weiter.« Ihre Argumentation ist sehr vergnüglich – und einleuchtend.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Warum Bundestagsabgeordnete jetzt um ihre Jobs zittern: Seit September sitzt Ruppert Stüwe im Bundestag, doch jetzt ist er einer jener Abgeordneten, die schon bald wieder aus dem Parlament fliegen könnten. Über die Folgen einer Chaoswahl .

  • Der alte Guerillero ist die Hoffnung der Jungen: Vor allem die vielen Wählerinnen brachten die Zeitenwende in Kolumbien – der Linke Gustavo Petro hat die Stichwahl gewonnen und wird in den kommenden vier Jahren regieren. In seiner Siegesrede rief er zur Versöhnung auf .

  • »Es ist günstiger, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen, als sie aufzudecken« Wegen Spionage ermitteln die USA seit zwölf Jahren gegen den australischen Journalisten Julian Assange. Nun hat die britische Regierung befohlen, den WikiLeaks-Gründer auszuliefern. Wie es in dem Fall weitergeht .

  • Die Freiheit der Kunst gilt auch für schlechte Kunst: Die Israelis sollen die neuen Nazis sein? Seit Tagen wogt die Debatte über antisemitische Kunstwerke auf der documenta in Kassel. Abhängen? Nein, aushalten. Israel wird nicht durch ein paar miserable Kunstwerke bedroht .

Was heute weniger wichtig ist: Hauptstadtkoch mit Weltniveau

  • Dylan Watson-Brawn, 29-jähriger Küchenchef im Berliner Restaurant »Ernst«, ist heute von »Gault&Millau« zum Koch des Jahres gekürt worden. Der Kanadier hat das »Ernst« 2017 im Arbeiterviertel Wedding eröffnet, in einer Stadt, die eigentlich insgesamt nicht unbedingt für kulinarische Ambitionen ihrer Bewohner berühmt ist. Er gilt unter anderem als Virtuose japanischer Zubereitungstechniken. Laut den Expertinnen und Experten von »Gault&Millau« verfügen Watson-Brawns Kreationen über etwas, das »in der Spitzenküche nach wie vor eine Rarität ist: eine klare, unverwechselbare Vision«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Wechselnde Winde hatten für eine starke Ausbreitung des Feuers geführt.

Cartoon des Tages: Heizen

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich mit dem neuen täglichen Quiz von SPIEGEL WISSEN unter dem Motto »Was weiß ich?« vergnügen. Meine Kolleginnen und Kollegen präsentieren darin sieben Fragen an sieben Tagen die Woche. Das Allgemeinwissensquiz dreht sich um Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport, Geschichte und Unterhaltung. Haben Sie bereits ein SPIEGEL+-Abo oder einen Account für den Kommentarbereich, können Sie sich hier mit Ihren Zugangsdaten einloggen. Falls nicht, können Sie sich hier kostenlos registrieren. Was ist der Reiz an dieser Art von Unterhaltung? Auch das wusste der Schriftsteller George Bernard Shaw, den ich schon weiter oben in dieser »Lage am Abend« erwähnt habe. »Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen.«

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.