Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Auch Händeschütteln ist eine Friedensbewegung

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Außenministerin Baerbock in Moskau – Wie einig sind die Politiker der Ampelkoalition in der aktuellen Krise?

  2. Vulkanausbruch von Tonga – Welche Gefahr bedeutet die Eruption fürs Weltklima?

  3. Villa mit Caravaggio-Fresken – Weshalb wird in Rom ein Meisterwerk der Kunstgeschichte versteigert?

1. Annalena Baerbock trat heute in Moskau entschieden auf, doch die deutsche Ampelkoalition wirkt besorgniserregend uneinig

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hat heute in Moskau den russischen Außenminister Sergej Lawrow getroffen. Haben die beiden sich die Hände geschüttelt oder blieb es bei einem zurückhaltenderen Grußritual? Auf den Bildern, die ich bisher zu sehen bekam, ist es nicht erkennbar. Jedenfalls sagte Baerbock, es gebe »große und teils fundamentale Meinungsverschiedenheiten« zwischen den Mächtigen in beiden Ländern. Aber sie sprach auch davon, dass die Deutschen »bereit zu einem ernsthaften Dialog mit Russland« seien. Die Beziehungen zwischen Moskau und Berlin sind derzeit auf einem Tiefpunkt. Zuletzt wiesen die beiden Länder gegenseitig Diplomaten aus.

Das macht die Mission Baerbocks, die im aktuellen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine vermitteln will, nicht leichter. Es sei schwer, »100.000 russische Soldaten an der ukrainischen Grenze nicht als Drohung zu sehen«, so die Ministerin heute.

Unter den Politikerinnen und Politikern der Ampelkoalition ist die entschlossen auftretende Grünenpolitikerin Baerbock wohl leider eine Ausnahme. »Bundeskanzler Scholz fällt durch Wortkargheit und Formelhaftigkeit auf«, schreibt Mathieu von Rohr, der Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts, in einem Kommentar. In einer alarmierenden weltpolitischen Krise äußere sich die Bundesregierung überraschend verhalten, die Ampelkoalition sei sich offensichtlich nicht einig, welche Strafmaßnahmen im Falle eines russischen Angriffs auf die Ukraine infrage kämen. »Das ist in dieser ernsten Situation eine Katastrophe.«

In Moskau hat Baerbock Russland heute gemahnt, auf Drohungen gegen das Nachbarland Ukraine zu verzichten und grundlegende Werte in Europa einzuhalten. Die Außenministerin sagte, sie wolle sich für ein Treffen der sogenannten Normandie-Runde einsetzen, bei der Vertreter Russlands, der Ukraine, Frankreichs und Deutschlands zusammenkommen könnten.

Das Urteil meines Kollegen Mathieu über die Krisensituation gibt wenig Anlass zur Hoffnung. »Es geht schon längst nicht mehr nur um die Ukraine, die Russland als Teil seines historischen Staatsgebiets sieht«, schreibt er. »Es geht für Wladimir Putin nicht nur um Gefahrenabwehr, sondern auch um die Wiederherstellung von Macht und Einfluss in Europa – und zwar mit dem einzigen Mittel, das er hat: dem Militär.«

2. Noch rätseln Vulkanologen, was beim Ausbruch von Tonga wirklich passierte – aber die Gefahr fürs Weltklima ist zum Glück wohl gering

Sie galt als jüngste Insel der Welt, entstanden um den Jahreswechsel 2014/2015, und sie ragte bis zu 120 Meter aus dem Meer. Nun, so zeigen Satellitenbilder, ist die unbewohnte Insel Hunga Tonga-Hunga Ha'apai plötzlich verschwunden. Der Ausbruch eines riesigen Unterseevulkans unter dem Eiland am Samstag ist ein auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außergewöhnliches, zahlreiche Rätsel aufgebendes Ereignis. Die Insel gehört zum abgelegenen südpazifischen Königreich Tonga, noch immer weiß man wenig über das Schicksal der Menschen der Region.

Wichtige unterseeische Kommunikationskabel sind schwer beschädigt, die Reparatur könnte Wochen dauern. Erste Lageberichte über Satellitentelefone und Luft- und Satellitenbilder zeugen von massiven Schäden, die durch einen offenbar teils fünf bis zehn Meter hohen Tsunami, aber auch durch die Aschewolken der Eruption ausgelöst sein dürften. Die Regierung von Tonga hat bislang drei Todesfälle bestätigt. Eines der Opfer ist eine Britin, die von einer Flutwelle erfasst wurde.

Mein Kollege Christoph Seidler berichtet über das Naturereignis, das vielleicht auch deshalb mich und viele andere Menschen so fasziniert, weil wir in einer Welt zu leben glauben, in der jederzeit Bilder, Töne und Informationen selbst von den entferntesten Orten verfügbar sind. »Der Vulkan hat mich schon vor mehr als vier Jahren beschäftigt«, sagt Christoph. »Damals habe ich auf einem Kongress in den USA eine Gruppe von Geoforschern getroffen. Die Forscher hatten das Eiland Hunga Tonga-Hunga Ha'apai untersucht. Sie beschrieben damals, wie Wind und Wellen die neu entstandene Insel über die Jahre und Jahrzehnte langsam abtragen würden.« Christoph hat heute unter anderem mit einem deutschen Vulkanologen gesprochen, »was genau passiert ist, wissen die Fachleute noch nicht« , sagt er. Es gibt verschiedene Theorien, warum die Insel, die nur ein winziger Teil eines gigantischen, unsichtbaren Massivs ist, nun nicht mehr zu sehen ist. Mit etwas mehr Sicherheit lassen sich die Folgen der Eruption vom Samstag auf das Weltklima einschätzen – sie dürften wohl überschaubar sein. Während bei der fürs Klima vorübergehend folgenreichen – als Abkühlung wirksamen – Eruption des Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1991 rund 17 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Atmosphäre gelangten, wurden bei der Eruption des Vulkans von Tonga, so zeigen es Satellitenmessungen, nun lediglich 0,4 Millionen Tonnen Schwefeldioxid frei. Wenn es bei der Menge bleibe, so ein von meinem Kollegen Christoph zitierter Experte, habe das keinen »relevanten Einfluss« auf das Weltklima.

3. Ein Erbstreit ist schuld, dass heute in Rom die Versteigerung eines Caravaggio-Meisterwerks begann – samt des Hauses, in dem es eine Decke ziert

Der Wert des Versteigerungsobjekts wurde von Gutachtern mit 471 Millionen Euro festgesetzt, die Auktion begann am heutigen Nachmittag um 15 Uhr. Weil eine mondäne italienische Adelsfamilie mit dem schönen Namen Boncompagni Ludovisi zerstritten ist, dürfen Bieter aus aller Welt nun Angebote für eine Villa in Rom abgeben. Besondere Attraktion des Hauses, das mit knapp 3000 Quadratmeter Fläche nicht gerade riesig zu sein scheint, ist ein Deckengemälde von Caravaggio: ein Meisterwerk der Kunstgeschichte, das nicht in Privatsammlungen verschwinden kann – weil es für immer mit der Decke des Hauses, einer ehemaligen Jagdresidenz, verbunden ist.

»Wer auch immer den Zuschlag erhält, bekommt eine Lektion in jener Disziplin, die Rom seit jeher fasziniert: Aufstieg und Fall«, schreibt mein Kollege Frank Hornig, SPIEGEL-Korrespondent in Italien, in seiner amüsanten und natürlich lehrreichen Geschichte über den spektakulären Immobiliendeal . Zur Villa in einem eleganten Viertel Roms gehört auch eine Michelangelo zugeschriebene Pan-Statue im Park und ein Fresko des Barockmalers Guercino. Das Deckengemälde von Caravaggio aber ist auch deshalb so aufsehenerregend, weil der als Mörder verurteilte – und als Schurke der Kunstgeschichte legendäre – Maler wohl zeit seines Lebens keine anderen Deckenfresken malte.

Die in der Villa zu bestaunende Arbeit heißt »Jupiter, Neptun und Pluto«. Caravaggio schuf sie im Alter von 27 oder 28 Jahren Ende des 16. Jahrhunderts. In einem der nackten Körper mit gut sichtbarem Geschlechtsteil soll er selbst zu erkennen sein. Der Wert des Gemäldes allein wird auf 310 Millionen Euro geschätzt.

Die zum Verkauf stehende Villa, genannt Casino dell’Aurora, wird auf Betreiben der Witwe des Adligen Nicolò Boncompagni Ludovisi, einer Amerikanerin, versteigert. Sie stammt aus Texas, wuchs unter dem Namen Rita Carpenter auf, posierte für den »Playboy« und spielte im Film »Zombie Island Massacre« mit. In den Jahren ihrer Ehe ließ sie die Villa renovieren und zog mit ihrem Mann dort ein. Nach dem Tod ihres Gatten im Jahr 2018 fochten dessen Söhne aus erster Ehe ihr lebenslanges Wohnrecht an. »Wir konnten uns nicht einigen, deshalb hat der Richter die Zwangsversteigerung angeordnet«, so die 72-Jährige.

»Caravaggio war ein Genie und sein Leben wie eine Netflix-Serie«, sagt mein Kollege Frank, »Schlägereien, Mord und Flucht inklusive.« Der historische Stoff vermische sich nun mit einer modernen Saga aus der römischen Aristokratie. »Texanisches ›Playboy‹-Modell heiratet italienischen Prinzen, verkracht sich mit ihren Stiefsöhnen, und am Ende wird alles für knapp eine halbe Milliarde Euro zwangsversteigert – der Plot hätte auch ins barocke Rom gepasst.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Muss ich während meiner Quarantäne arbeiten? Omikron treibt die Infektionszahlen im Land nach oben. Aber muss ich im Dienst sein, wenn ich als Kontaktperson in Quarantäne muss?

  • Durchsuchung im UKE – Mitarbeiterin soll Impfpässe gefälscht haben: Eine Angestellte des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf nutzte ihre Stellung offenbar, um Impfpässe zu fälschen und zu verkaufen. Sie hatte wohl eine Komplizin.

  • Palmer kandidiert nicht erneut für Grüne als Oberbürgermeister: Gegen Boris Palmer läuft ein Parteiausschlussverfahren der Grünen. Der Tübinger Oberbürgermeister kündigt nun an, daraus die Konsequenzen für eine mögliche Wiederwahl zu ziehen.

  • Zentrumspartei kehrt in den Bundestag zurück: In der Weimarer Republik war die Zentrumspartei groß, in den Fünfzigerjahren versank sie in der Bedeutungslosigkeit. Nun bringt der frühere AfD-Abgeordnete Uwe Witt sie wieder in den Bundestag.

  • Mindestens zwölf Tote bei Angriffen im Jemen: Einen Tag nach der Attacke auf mehrere Ziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat das von Saudi-Arabien geführte Militärbündnis zurückgeschlagen. In Jemens Hauptstadt Sanaa wurden offenbar mehrere Menschen getötet.

  • Mann soll zwei Frauen aus Nepal zum Sex gezwungen haben: Sie hatten Angst, ausgewiesen zu werden: Ein Mann soll zwei Frauen aus Nepal erzählt haben, sie müssten mit ihm schlafen, damit sie in Deutschland bleiben dürften. Vor Gericht hat er die Vorwürfe nun zurückgewiesen.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Real Madrid war sein Leben

Der Fußballer, auf den mein Kollege Peter Ahrens einen warmherzigen Nachruf schreibt, wurde von seinen Mitspielern »Paco« genannt. Francisco Gento hat in den Fünfzigern in einer großen Mannschaft von Real Madrid gespielt, mit den Argentiniern Alfredo Di Stéfano und Héctor Rial, dem Franzosen Raymond Kopa und Ungarns Fußballidol Ferenc Puskás. Gento kam als Sohn eines Lastwagenfahrers in armen Verhältnissen in Nordspanien zur Welt. Hineingeboren war er »in den sich anbahnenden Bürgerkrieg im Land, unruhige, grausame Zeiten«, schreibt Peter. »Als Kind musste er die Familie miternähren, arbeitete früh, die karge freie Zeit widmete er dem Sport.« 18 Jahre lang trug Gento dann das weiße Trikot von Real. »Ein Madridista ist Gento bis ins hohe Alter geblieben«, so der Kollege. Mit 88 Jahren ist der Sportler nun gestorben. »Bis zuletzt wohnte er, selbstverständlich, ganz in der Nähe des Bernabéu-Stadions.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Und wenn Omikron doch nicht das Ende ist? Karl Lauterbach warnt: Die Immunität nach einer Omikron-Infektion kann die Ansteckung mit neuen Varianten womöglich nicht verhindern. Fachleute erklären, wie sich das Virus verändert hat und was daraus folgt .

  • Historiker sprechen von »verleumderischem Unsinn«: Ein Rechercheteam will den Verräter von Anne Frank und ihrer Familie gefunden haben. Doch zwei niederländische Historiker äußern gegenüber dem SPIEGEL erhebliche Zweifel: Die Theorie sei »wacklig wie ein Kartenhaus« .

  • Wahlkampfmanager von Baerbock wird Planungschef im Auswärtigen Amt: Außenministerin Annalena Baerbock besetzt eine wichtige Stelle im Ministerium: Den Planungsstab soll künftig Michael Scharfschwerdt führen – er leitete jüngst die Wahlkampftour der damaligen Grünen-Spitzenkandidatin .

  • »Wir stellen leider fest, dass viele Besucher sehr unbedarft in die Berge gehen«: Skitouren boomen – am Spitzingsee gibt es jetzt sogar eine offiziell ausgeschilderte Nachtroute. Was sollte man beachten, welche Fehler unbedingt vermeiden? Ein Anruf in den bayerischen Bergen .

Was heute weniger wichtig ist

  • Soloarbeiterin am Projekt Lebensglück. Michelle Hunziker, 44, trennt sich von ihrem Mann. Die aus der Schweiz stammende Entertainerin und ihr Gatte, der italienische Modeunternehmer Tomaso Trussardi, kleideten die Nachricht in die Worte, sie wollten »ihr Lebensprojekt verändern«. Das ist nicht ganz so blumig formuliert wie die legendäre Trennungsverlautbarung der US-Schauspielerin Gwyneth Paltrow, die das Ende ihrer Beziehung mit dem Musiker Chris Martin vor Jahren als »bewusste Entpaarung« darstellte, aber trotzdem hübsch gesagt. Das Paar Hunziker und Trussardi hat zwei Töchter, die Ehe wurde vor sieben Jahren geschlossen. In ihrer heutigen Erklärung versprechen sie: »Unsere Trennung wird eine gemeinsame und private Angelegenheit bleiben.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Also, pack einfach mit aus. Hier kommen Heißluftfritteusen, Waffeleisen und Thermomixe hin, auf den zweiten Pick-up kommen Akkupressurmatten, koreanische Kosmetik, Rudergeräte und das ganze andere Wellnesszeug und auf den dritten kommen Smartphones, Tablets und Playstations«

Cartoon des Tages: Geschenke, die die Herzen rühren

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie das neue Buch der immer noch jungen Autorin Ronja von Rönne lesen. Sie hat mit einem umstrittenen Zeitungstext über modernen Feminismus und ihrem ersten Roman vor ein paar Jahren in Berlin und Umgebung für viel Aufregung gesorgt. Nun hat von Rönne, wie meine Kollegin Elisa von Hof in ihrer Kritik schreibt, einen sehr feinfühligen Roman über zwei zumindest zu Beginn des Buchs lebensüberdrüssige Frauen geschrieben. Er heißt »Ende in Sicht« und handelt von einem tragikomischen Roadtrip. Die existenziellen Nöte der Heldinnen würden mit jedem zurückgelegten Kilometer ein bisschen kleiner, berichtet Elisa. »So ganz verschwinden sie aber nicht, das wäre auch zu platt.« 


Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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