Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Das Schweigen der Frömmler

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Missbrauch in der katholischen Kirche – Haben Bischöfe und wohl auch Papst Benedikt XVI. viele Täter geschützt?

  2. Gehackte Handelsplattform – Wie sicher lassen sich Kryptowährungen wie Bitcoin aufbewahren?

  3. Kriselnder Wintertourismus in den Alpen – Wo können wir nach Corona noch Ski fahren?

1. Ein neues Gutachten über Missbrauch in der katholischen Kirche enthüllt schreckliche Details – und das Versagen vieler Würdenträger

Er sei aus Ehrfurcht katholisch, hat der Schriftsteller Franz Grillparzer einmal gesagt. Sein Bruder dagegen aus Furcht. Ich war selbst in meiner Jugend jahrelang katholischer Ministrant und finde nicht bloß die Strafen zum Fürchten, die allen sündigen und unbotmäßigen Menschen von katholischen Geistlichen in Aussicht gestellt werden. Ein offenbar wirklich schauderhaftes System des Verschweigens von sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche hat heute ein Missbrauchsgutachten ans Licht befördert, das von Hunderten Opfern im Machtbereich des Erzbistums München und Freising berichtet – und auch Papst Benedikt XVI. schwer belastet.

Das Gutachten hat eine Anwaltskanzlei im Auftrag des Bistums erstellt. Dem späteren Papst Joseph Ratzinger, in den Jahren 1977 bis 1982 Erzbischof, sei in vier Fällen Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch vorzuwerfen, so ergibt sich daraus. Benedikt XVI. wies die Vorwürfe offenbar in allen Fällen zurück. Er habe umfangreich Stellung zu den Vorwürfen genommen und fehlende Kenntnis geltend gemacht.

»Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ist kein Phänomen der Vergangenheit«, sagte einer der Anwälte der Kanzlei. In der Kirche gebe es ein »generelles Geheimhaltungsinteresse«.
Die Studie listet mindestens 497 Opfer auf. Dabei handele es sich überwiegend um männliche Kinder und Jugendliche. Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es laut der Studie – darunter 173 Priester und neun Diakone. Neben Papst Benedikt werden auch weitere Würdenträger der Erzdiözese schwer beschuldigt. Das Gutachten berichtet darüber hinaus, dass viele Geistliche auch nach Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen weiter eingesetzt worden seien.

Mein Kollege Felix Bohr aus dem SPIEGEL-Geschichtsressort ist Kirchenexperte in unserer Redaktion, er sagt: »Die Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens ist eine weitere heftige Erschütterung für die katholische Kirche in Deutschland. Jetzt ist mit Benedikt XVI. sogar wohl ein Papst in die mangelhafte Aufarbeitung von Missbrauchsfällen verstrickt.« Die Münchner Anwaltskanzlei, die das Gutachten erstellt hat, halte Benedikts Aussagen, er habe etwa im Fall eines bestimmten Priesters nichts von dessen Taten gewusst, für wenig glaubwürdig; genauer: »mit ihrer Aktenkenntnis schwer vereinbar«.

2. Eine Handelsplattform hat den Diebstahl von Kryptogeld im Wert von 33 Millionen Dollar zugegeben – zuletzt wurden wiederholt Bitcoin, Ether und Co. geklaut

Immer mehr Menschen auch in Deutschland interessieren sich für die Geldanlage in Aktien. Aber von der Mehrheit der mehr oder weniger mutigen Investoren wird jene Minderheit, die in Kryptowährungen investiert, bis heute skeptisch beäugt. Auch, weil Expertinnen und Experten regelmäßig warnen: Für Unsicherheit sorgen offenbar nicht bloß die Kursschwankungen von Bitcoin, Ether und verwandten Währungen, schon die sichere Aufbewahrung des Kryptogelds ist wohl schwierig. Heute wurde bekannt, dass die Handelsplattform Crypto.com den Diebstahl von Ether und diversen Beifang-Währungen im Wert von 33 Millionen Dollar einräumen musste.

Mein Kollege Patrick Beuth berichtet in seinem Text über den Fall, dass die von Singapur aus operierende Handelsplattform für Kryptowährungen und NFTs (»Non-Fungible Tokens«, also »nicht-austauschbare Objekte«) erst nach tagelangem Drumherumreden zugab: 483 ihrer Kunden sind gehackt worden. Die Plattformbetreiber haben ein Statement zu dem Vorfall veröffentlicht. Was genau die Schwachstelle war, die sich die Täter zunutze machen konnten, steht nicht darin. Die Plattform nennt den Diebstahl »unautorisiertes Abheben«, wobei »die Mehrheit der Fälle verhindert« worden sei.

Seit Jahresbeginn wurden mindestens drei weitere Kryptowährungs- und NFT-Handelsplätze kompromittiert. Dazu gibt es weitere Betrugsfälle, die von Anbietern selbst ausgingen. Ist die Schadenfreude die nun viele Nicht-Krypto-Investorinnen und -Investoren empfinden dürften, angebracht? Es sei tatsächlich »schwer, bei den vielen Hacks und Betrugsfällen auf diesen Plattformen den Überblick zu behalten«, sagt mein Kollege Patrick. »Für mich wirkt es schon wie eine Art Negativ-Lotto: Der Jackpot ist, seine Einlagen nicht geklaut zu bekommen.«

Allerdings: »Wer genug Geld hat, um es in NFTs zu stecken, dürfte ein wenig Schadenfreude verkraften.«

3. Fast alle Winterurlaubsorte in den Alpen sind wegen Corona in der Krise, doch größere Gefahr droht ihnen durch den Klimawandel

Viele Menschen überkommt in diesen Januartagen die Lust auf Winterurlaub und auf Skifahren in den Alpen – wenn man wie ich im derzeit fast immer grauen Hamburg wohnt, ist sie ganz besonders stark. Aber natürlich ist der Wintertourismus wegen der Coronapandemie in der Krise. Mein Kollege Gerhard Pfeil hat eine eindrucksvolle und auch Sehnsucht weckende Reportage über den Tiroler Skiort Ehrwald geschrieben. Ehrwald liegt am Fuß der Zugspitze. »Imposantes Bergpanorama, 2600 Einwohner, 4000 Gästebetten. Die Einheimischen leben gut vom Tourismus. Eigentlich«, berichtet Gerhard. 

»Auf der Alm geht die Angst um« heißt seine Geschichte. Corona hat den Ort schwer getroffen. Vorigen Winter fiel die Skisaison von Dezember bis März aus, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind enorm. Jetzt geht es für viele Menschen um die Existenz. Was in diesem Winter noch hinzukommt, ist die soziale Spaltung, die Corona ausgelöst hat. Auch in und um Ehrwald treten Coronaleugner immer massiver auf, wie durchgeknallt. Eine Ärztin, die Impfungen für Kinder anbot, wurde angefeindet. Es gibt eine Berghütte, die von Impfgegnern betrieben wird wie eine Trutzburg. »Früher gab es bei uns zwei Prozent Wahnsinnige, jetzt sind es 15 Prozent«, sagt der Bürgermeister von Ehrwald.

Wie sieht mein Kollege die Zukunft des Skisports in Tirol und in den Alpen? »Die Ehrwalder sind hart im Nehmen und gut genug aufgestellt, um Corona zu überstehen«, sagt Gerhard. »Corona wird den Skitourismus nicht zerstören – die größere Gefahr für den Wintersport ist langfristig der Klimawandel.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Hardy Krüger – zwischen Hamburg und Hollywood

Hardy Krüger als Oberleutnant Franz von Werra im englischen Film »The One That Got Away« (»Einer kam durch« von 1956)

Hardy Krüger als Oberleutnant Franz von Werra im englischen Film »The One That Got Away« (»Einer kam durch« von 1956)

Foto:

imago/United Archives

Einmal hat er wunderbar metaphernverliebt formuliert: »Wenn die Fehler meines Lebens Flügel hätten, könnte ich die höchsten Berge überfliegen.« Hardy Krüger, der nun in Palm Springs gestorben ist, war ein Star, dessen Anblick und dessen Art zu sprechen einem das Herz wärmte. Berühmt wurde er mit Filmen wie »Der Flug des Phoenix« und »Hatari!«, aber auch mit der großartig blöden Komödie »Die Christel von der Post«.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist: Datsche mit Aussicht

  • Tina Turner, 82, seit vielen Jahren in der Schweiz lebende Sängerin, hat ein neues »Wochenendrefugium«. So hat Turners Gatte Erwin Bach das Luxusanwesen bezeichnet, das er gemeinsam mit seiner Frau am Zürichsee erworben hat. Neben diversen historischen Gebäuden gehören auch ein Swimmingpool und ein Bootssteg zur Immobilie. Turner und Bach leben seit Jahren in Küsnacht rund 20 Kilometer weiter nördlich in einem Haus zur Miete. Der Kaufpreis des neuen Heims wird auf 70 Millionen Franken (rund 67 Millionen Euro) geschätzt. Bach kommentierte den Deal so: »Wegen der Pandemie und ihrer Folgen verzichten wir – wie viele andere Schweizerinnen und Schweizer – leider auf Reisen.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Politik von außerhalb des Plenunms: Ungeimpfte AfD-Abgeordnete müssen aktuell auf der Tribüne Platz nehmen und von dort aus ihre Reden halten.

Cartoon des Tages: Missbrauch

Foto:

plassmann / Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich anlässlich eines finsteren Jahrestags den schrecklichen, aber großartigen Film »Die Wannseekonferenz« ansehen , den der Regisseur Matti Geschonnek gedreht hat. Der Film ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.  Heute vor 80 Jahren traf sich in einer Villa am Wannsee eine Riege von NS-Bürokraten, um bei einer Sitzung mit anschließendem Frühstück die Organisation des Massenmordes an jüdischen Menschen zu besprechen. Das auf Einladung von Reinhard Heydrich ausgerichtete Meeting zur Planung des Holocaust, das mein SPIEGEL-Kollege Felix Bohr  (von ihm war in dieser »Lage am Abend« bereits die Rede) in einer beklemmenden Geschichte beschreibt, ist schon mehrfach verfilmt worden.

Aber nie so unerbittlich und kühl wie von Geschonnek: Mit maximaler Konzentration legt sein Film das Prosaische und Grausame eines fast gewöhnlichen Beamtentreffens offen. In mal gestresster, mal zum Scherzen gelockerter Runde reden seine Protagonisten mit deutscher Gründlichkeit über die technischen Details der Auslöschung von Menschen, als handle es sich um Baugenehmigungen.


Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel


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