Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Von welchen Corona-Regeln wir Abstand nehmen sollten

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Kontrollen - Nur nach Hause kommen sie nicht, oder?

  2. Merz drohte - Was verrät der rabiate Machtkampf in der CDU über unsere Demokratie?

  3. Bleibender Einschlag - Wie dauerhaft hat Trump die USA geprägt?

1. Söders Vorstoß

Noch einigermaßen gleichauf, bald prescht einer vor

Noch einigermaßen gleichauf, bald prescht einer vor

Foto: FABRIZIO BENSCH / AFP

Die Shutdown-Beschlüsse sind gerade mal einen Tag alt, da prescht, wer sonst, Markus Söder vor und kündigt an: Setzen wir alles um, "eins zu eins". Außerdem werde Bayern wohl den Katastrophenfall ausrufen - und die Kontaktbeschränkungen gelten nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im privaten Bereich. Man setze auf Hinweise und Anzeigen von Nachbarn, so wie bei Ruhestörungen, sagte Söder. Wir sind strenger, disziplinierter, vorsichtiger als der Rest des Landes, das war die Botschaft. (Später hieß es aus der Staatskanzlei: Bitte nicht als Aufruf zur Denunziation verstehen.)

Kontrollen in Wohnungen? Aufrufe, die eigenen Nachbarn im Auge zu behalten? Eine Selbstumfrage im Homeoffice kommt zu dem Ergebnis: Selbst übervorsichtige Corona-Streber, die schon vor dem Shutdown das Haus kaum noch verlassen und ihre Freunde mit Ermahnungen genervt haben, bekommen ein mulmiges Gefühl. Gefährdet nicht schon der Eindruck, zu Hause gegängelt zu werden, die Akzeptanz für die anderen Maßnahmen?

Auch Angela Merkel hatte gestern bei den Ministerpräsidenten kontrollierbare Regeln für Privaträume ins Gespräch gebracht, statt bloßer Empfehlungen. (Wie die Verhandlungen insgesamt liefen, hat ein Team um meinen Kollegen Maik Großekathöfer recherchiert - die Rekonstruktion finden Sie hier ). Den Vorstoß der Kanzlerin würgte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier ab, die Unverletzlichkeit der Wohnung sei im Grundgesetz festgeschrieben: "Angela, lass es, das führt ins Elend!" Als ich das las, blitzte kurz Dankbarkeit auf: Wir sind Volker.

2. Merz' Eigenfoul

Wohl niemandem blieb verborgen: Friedrich Merz ist nicht damit einverstanden, dass der CDU-Parteitag wegen der Pandemie verschoben wird. Dafür hat Merz selbst gesorgt, mit Interviews und Auftritten, mit Sätzen über das Partei-Establishment und eine angebliche Intrige, die von Armin Laschet und dessen Anhängern ausgehe.

Merz hatte die öffentliche Eskalation in einer internen Spitzenrunde zuvor sogar angedroht, wie meine Kollegen Florian Gathmann, Christoph Hickmann und Veit Medick herausfanden (ihre Rekonstruktion des Treffens lesen Sie hier ). Sein Gepolter offenbarte sich schnell als Eigentor mit anschließendem Eigenfoul - er stellt sich selbst ein Bein.

"Auf die Verlierer kommt es an. Das ist einer der Grundsätze der Demokratie, die ständig Verlierer produziert, da sie auf Abstimmungen und Wahlen beruht", kommentiert mein Kollege Dirk Kurbjuweit. "Wenn Politiker ihre Niederlage nicht akzeptieren, setzen sie das System unter Stress." Genau das sei jetzt in der CDU passiert, Merz kann sich nicht damit abfinden, dass die Partei ihren Vorsitzenden später wählen wird als geplant. "Merz hat den Charaktertest nicht bestanden", urteilt Dirk.

3. Trumps Vermächtnis

Vielleicht lohnt es sich im Klein-Klein des US-Wahlkampfgetümmels, den Blick zu weiten für große Fragen: Ist Do­nald Trump nur ein Be­triebs­un­fall der ame­ri­ka­ni­schen Ge­schich­te, eine "Ver­ir­rung", wie sein de­mo­kra­ti­scher Heraus­for­de­rer Joe Bi­den sagt? Ein Team aus mehreren Kolleginnen und Kollegen hat in den USA nach den Grün­den geforscht, war­um ein Mann wie Trump über­haupt Prä­si­dent wer­den konn­te - und ob die Spaltung der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft, durch die Trump ins Amt kam, rückgängig gemacht oder zumindest verkleinert wer­den kann.

Meine Kollegin Alex­an­dra Ro­j­kov sprach ­­­­mit ei­nem Familienva­ter in Penn­syl­va­nia, der mit der Waffe in der Hand kämp­fen will, soll­ten die De­mo­kra­ten ge­win­nen. René Pfis­ter folg­te dem Präsidenten­sohn Don Jr., der sich be­reit macht, das po­pu­lis­ti­sche Erbe sei­nes Va­ters an­zu­tre­ten. René recher­chier­te auch in der re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei, die sich ganz und gar dem Wil­len des Präsidenten un­ter­wor­fen hat. "Der Trum­pis­mus wird nicht ver­schwin­den, selbst wenn der Prä­si­dent am Dienstag ab­ge­wählt wer­den soll­te", sagt René. "Trump ist nur das Sym­ptom ei­ner Kri­se, die am Fun­da­ment der De­mo­kra­tie in den USA nagt."

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

In eigener Sache: Ein bisschen Filanthropie

Gestern war der Berliner Zeichner und Komiker Fil zu Gast in der Büchershow Spitzentitel meines Kollegen Volker Wiedermann. Fil zeichnete ein Bild zum Shutdown, das wir verlost haben, zusammen mit einem Drei-Monats-Gratis-Zugang zu SPIEGEL+. Vielen Dank für die vielen Hundert Mails, die Sie geschickt haben (und die vielen, vielen Wortspiele wie "Fil hilft Fil", "Filosophie", "Filleicht gewinne ich ja"). Ich werde nicht alle beantworten können, ich muss, höhö, filtern. Gewonnen hat Susanne Gross aus Planegg, Gratulation!

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

  • Morgenständchen: Popstar Katy Perry, 36, und ihr Verlobter, der Schauspieler Orlando Bloom, 43, machen, was viele Prominente in den USA gerade tun, und rufen zur Stimmabgabe auf. Ihr Mittel der Wahl: ein Instagram-Video, in dem sie auch ein Liedchen singen, mit Kaffeetassen in der Hand, offenkundig kurz nach dem Aufstehen. Eine Zeile lautet: "Raus aus den Federn und auf zur Wahlurne!"

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Der frühere FDP-Bundesinnenminister Gerhardt Baum hatte auch eine stärkere Einbindung der Landesparlamente gefordert, wie es im Grundsgesetz als Möglichkeit festgeschrieben ist." 

Cartoon des Tages: SchMerz lass nach

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Als Corona-Übervorsichtiger weiß ich nicht, ob ich es empfehlen soll, aber Sie könnten natürlich noch mal ins Kino gehen, bevor die Säle nächste Woche wieder zumachen. Heute läuft der deutsche Oscar-Kandidat "Und morgen die ganze Welt" an.

Mala Emde spielt in dem Film die Studentin Luisa, die sich neben dem Jurastudium immer stärker in linken und antifaschistischen Kreisen engagiert. Sie will sich gegen rechte Populisten und Nazis zur Wehr setzen. Gleich bei ihrer ersten größeren politischen Aktion kommt es zu Gewalt. Ein hochpolitischer Film, der seine internationale Premiere beim wichtigen Filmfestival von Venedig gefeiert hatte. (Hier finden Sie die Filmbesprechung meiner Kollegin Hannah Pilarczyk. )

Foto:

Sebastian Wells / Sebastian Wells/OSTKREUZ

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

Anmerkung: Dieser Text wurde nach Erscheinen um die Anmerkung ergänzt, dass Söders Ausführungen nicht als Aufruf zur Denunziation verstanden werden könnten. Auch der Vorspann wurde nachträglich umformuliert.

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