Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Corona-Notbremse

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Shutdown – Wie lange noch?

  2. Industrieproduktion – Nur nach Hause?

  3. Brexit-Deal – Jetzt aber schnell?

1. Endstation Hoffnung

Die Kanzlerin hat ein Interview gegeben, von dem sie hoffen müsste, dass es nicht allzu viele Leute lesen. Nicht wegen des Inhalts: »Dass Bund und Länder Freiheitsrechte einschränken, gehört zu den schwersten Entscheidungen meiner Amtszeit.« Sondern weil das Gespräch mit Angela Merkel im Bahn-Magazin »DB mobil« erschienen ist, einem Heft für Zugreisende. Und von denen sollte es im Shutdown doch möglichst wenige geben (Pendlerinnen und Pendler ausgenommen).

Über die Dauer des Shutdowns will Merkel mit den Länderchefs Anfang kommender Woche beraten. Doch schon jetzt mehren sich die Stimmen, dass vieles wohl über den 10. Januar hinaus dicht bleiben wird. »Ich rechne damit, dass wir zunächst am 5. Januar, wenn wir uns das nächste Mal treffen, das Ganze noch nicht genau beurteilen können und deswegen den Lockdown noch fortsetzen müssen«, sagt ihr Kanzleramtschef Helge Braun (CDU). Und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sagt, er richte sich darauf ein, »dass wir bis März mit Einschränkungen leben müssen«.

Bis dahin stellt sich auch im Homeoffice ein bisschen Bahnfahrgefühl ein, wenn das WLAN wieder ICE-mäßig ruckelt, weil die ganze Familie zeitgleich videokonferiert, Serien streamt oder das Bahn-Magazin online  liest. Die Leserinnen und Leser der gedruckten Ausgabe wiederum dürfen hoffen, auf dem Weg zum Speisewagen seltener Maskenverweigerer zu treffen. Nachdem die Bahn laut eigenen Angaben von September bis Dezember fast 200.000 dieser Oben-ohne-Leute in ihren Zügen und auf den Bahnhöfen gezählt hat, erwägt sie jetzt, härter durchzugreifen und Zugverbote zu erteilen.

Immerhin: Die Impfkampagne ist, trotz kleiner Pannen, erfolgreich angelaufen. Laut dem Robert Koch-Institut haben sich gut 18.000 Menschen hierzulande den Wirkstoff von Biontech/Pfizer spritzen lassen, darunter rund 10.000 Pflegeheimbewohner.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

2. Ab nach Hause?

Während der ersten Corona-Welle stellten Unterwäsche- und Matratzenfabrikanten ihre Produktion auf Masken und Schutzausrüstung um (was nicht immer gut ging), weil die in China produzierte Ware in Deutschland knapp wurde. Jetzt, zum Jahresende, erzählen manche Pflegekräfte, dass sie noch immer mit selbst genähten Masken arbeiten müssen, wie meine Kolleginnen Birte Bredow, Nike Laurenz und Lisa Duhm berichten .

Und in der gesamten EU zeichnet sich ein Mangel an Corona-Impfstoffen ab. Was einerseits mit der zum Teil chaotischen Bestellpolitik zu tun hat, andererseits aber auch mit mangelnden Produktionskapazitäten. Derzeit arbeitet der deutsche Impfstoffhersteller Biontech mit Hochdruck an der Fertigstellung einer neuen Fabrik in Marburg.

»Deutsche Unternehmen werden allerdings nicht in großem Stil ihre Produktionen nach Hause holen«, sagt mein Kollege David Böcking aus unserem Wirtschaftsressort. »Schon weil Waren dadurch deutlich teurer würden.« Allerdings könnte es in der Medizin anders aussehen: »Für regionale Gesundheitsprodukte würden die Deutschen aber laut Umfragen durchaus mehr Geld ausgeben«, sagt David. »Hier sinken gerade auch die Hemmungen vor politischer Einflussnahme – schließlich fordert selbst FDP-Chef Christian Lindner nun eine ›Krisenproduktion‹ des Corona-Impfstoffs.«

Auch anderen Branchen habe Corona gezeigt, wie abhängig sie oft von wenigen, weit entfernten Geschäftspartnern sind. »Als Konsequenz wollen sich viele Unternehmen mehr und nähere Lieferanten suchen – zum Beispiel in Osteuropa statt China.«

3. Handel durch Annäherung

Die EU-Bürokratie, oft gescholten wegen ihrer angeblichen Schwerfälligkeit, schaltet beim Handelsabkommen mit Großbritannien auf Tempo: Die Botschafter der 27 Mitgliedstaaten sagten heute vorläufig Ja zur sogenannten vorläufigen Anwendung des 1246-Seiten-Vorschlags und starteten eine Entscheidung im schriftlichen Verfahren, die morgen um 15 Uhr abgeschlossen sein soll. Die Bundesregierung signalisierte Zustimmung.

Der Schritt war notwendig geworden, weil dem Europaparlament die Zeit fehlt, das Abkommen zu ratifizieren. Das soll im neuen Jahr nachgeholt werden. Auf britischer Seite wiederum soll das Parlament noch am 30. Dezember zustimmen.

So weit das Formale, für das Emotionale empfehle ich die Wutrede unseres Kolumnisten Nikolaus Blome. Ein paar Auszüge:

  • »In all den Jahren als Journalist habe ich kein so beschämendes Schurkenstück erlebt wie dieses, noch dazu ins Werk gesetzt von einer Partei, die sich ›konservativ‹ nennt.«

  • »Es hätte den Brexit nie und nimmer gegeben, wenn verschnöselte konservative Politiker nicht ihr Volk in einer bis dato ungekannten Art und Weise getäuscht und belogen hätten.«

  • »Sarkasmus und Schadenfreude passen nicht zum Brexit, nur nacktes Entsetzen.«

Den ganzen Text finden Sie hier: Wut statt Wehmut

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Der Kampf ihres Lebens

Perla Londole: Erst unpolitisch, jetzt Aktivistin

Perla Londole: Erst unpolitisch, jetzt Aktivistin

Foto: Raphael Foidl

Als der Afroamerikaner George Floyd durch Polizeigewalt starb, erfasste die Protestwelle auch Deutschland. Drei Frauen waren besonders involviert. Meinem Kollegen Jean-Pierre Ziegler erzählten sie, wie 2020 ihr Leben verändert hat – und was aus ihrer Sicht nun zu tun ist.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

VALERIE MACON/ AFP

  • Vader unser: Der Prominentensohn Jameson Moon Hart, 4, hat seinen Geburtstag im Kostüm des berühmtesten »Star Wars«-Bösewichts auf einer Superheldenparty feiern dürfen, von der seine Mutter, die Sängerin Pink, 41, mehrere Fotos bei Instagram veröffentlichte. Vor wenigen Wochen hatte sie berichtet, 2020 sei kein gutes Jahr für die Familie gewesen; sie beide seien im März an Covid-19 erkrankt, vor allem das Kind habe es schwer erwischt. Umso erleichterter jetzt ihr Kommentar: »Ich bewundere dich und bin jeden Tag glücklich, an deinem Leben teilzuhaben und deine Mama zu sein.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Viele Fahrzeuge führen Nummernschilder aus weitere entfernten Landkreisen.«

Cartoon des Tages: Demnächst...

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie in der ARD-Mediathek  eine Miniserie gucken, die erst im Januar im Fernsehen läuft: Im etwas anderen Roadmovie »Für immer Sommer 90« gibt Charly Hübner einen Banker, der sich seiner Vergangenheit nicht sicher ist. »Der Typ ist ein Arschloch, so viel ist schon mal klar. Die Frage lautet: Ist er ein kleines oder ein großes?«, schreibt mein Kollege Christian Buß über die Figur. (Die ausführliche Rezension finden Sie hier.)

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.