Janko Tietz

Die Lage am Abend Champagner in den Chefetagen

Janko Tietz
Von Janko Tietz, Ressortleiter Deutschland/Panorama

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Großkonzerne stehen trotz Krise so gut wie nie da – Wie kann das sein?

  2. In Deutschland fehlen 700.000 Wohnungen – Wie lässt sich das Problem lösen?

  3. Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. veröffentlicht ein Buch – Was steht drin?

1. Gewinnspektakel in deutschen Großkonzernen

Irritierende Zitate sind aus den Zentralen deutscher Großunternehmen zu hören:

  • Das Auftrags- und Umsatzwachstum sei »beeindruckend«, sagte der Siemens-Vorstandschef Roland Busch bei der Vorstellung der jüngsten Bilanz. Der Cashflow: »überragend«. Der Gewinn im industriellen Geschäft: »historisch«. 4,4 Milliarden Euro Gewinn verbuchte der Münchner Technologiekonzern im abgelaufenen Geschäftsjahr.

  • »Es wird ein hervorragendes, voraussichtlich ein Rekordjahr für die Konzerne werden«, sagt auch Henrik Ahlers, Deutschlandchef der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft EY.

Um fast ein Drittel stieg der Umsatz der Großunternehmen in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres, auf den Höchstwert von 1,8 Billionen Euro. Aber ist nicht überall von Krise die Rede? Erst Corona, dann Russlands Angriffskrieg – hieß es da nicht, die Wirtschaft würde ins Straucheln geraten? Hohe Energiepreise, unterbrochene Lieferketten, Personalengpässe – sollten wir nicht alle den Gürtel enger schnallen? Geriete nicht womöglich gar unser Wohlstand in Gefahr?

Meine Kollegen Martin Hesse, Benedikt Müller-Arnold und Timo Schober haben sich im Land umgehört, wie das zusammenpasst: Einerseits das Krisengerede (»Das hält die Industrie nicht lange durch«, BDI-Chef Siegfried Russwurm im September auf einer Konferenz, als er wieder die beliebte Platte auflegte, deutsche Unternehmen müssten bald ins Ausland flüchten, weil hier in Deutschland alles so grottig ist). Andererseits die knallenden Champagnerkorken auf Vorstandsetagen und Aktionärsversammlungen. Denn auch Anteilseigner dürften für das abgelaufene Jahr so viel Dividende erhalten wie kaum je zuvor – allein die im Leitindex Dax zusammengefassten Konzerne schütten 54,9 Milliarden Euro aus.

Meine Kollegen haben allerdings recherchiert, dass sich das Gewinnspektakel, wie sie es nennen, vor allem in großen Unternehmen abspielt. Ganz anders sieht es im Mittelstand aus: Dort sind die Firmen oft nicht so breit aufgestellt, verfügen über weniger Geld für Investitionen, halten das Kapital, das sie haben, oft für noch schlechtere Zeiten zurück, seien »an die heimische Scholle gebunden«, wie ein Mittelständler aus der Chemiebranche sagt. Die Folge: mehr Insolvenzen. Und die Produktion geht zurück, im Maschinen- und Anlagenbau zum Beispiel um zwei bis drei Prozent. »Aber das ist kein Vergleich zu 2009, als die Produktion infolge der Finanzkrise um 25 Prozent eingebrochen ist.«

Vielleicht ist das ja das Deutscheste an der deutschen Wirtschaft: Jammern und Warnen vor dem Untergang gehören offenbar zur DNA. Wenn man sich allzu optimistisch äußert, kämen vielleicht nicht nur Aktionäre auf die irre Idee, noch mehr am Erfolg teilhaben zu wollen, sondern womöglich auch die Beschäftigten. Deren Realeinkommen sind im Jahr 2022 gesunken, und auch für 2023 gehen viele Experten von einem weiteren Rückgang aus.

2. Schwach überm Kopf

700.000 Wohnungen fehlen in Deutschland bis Jahresende – es ist das größte Defizit seit mehr als zwanzig Jahren. Das Verbändebündnis »Soziales Wohnen« schlägt nun Alarm, fordert die Bundesregierung auf, endlich mehr Wohnraum zu fördern und Bürokratie abzubauen. 400.000 Sozialwohnungen sollten laut Koalitionsvertrag errichtet werden. Fünf Prozent davon sind tatsächlich gebaut. »Die Situation am Wohnungsmarkt ist dramatisch«, sagte der Präsident des Deutschen Mieterbunds, Lukas Siebenkotten. Hauptgrund: die zunehmende Zuwanderung bei gleichzeitig niedrigem Bautempo.

Zwischen Januar und September des vergangenen Jahres kamen laut einer Studie rund 1,25 Millionen Menschen mehr nach Deutschland, als im selben Zeitraum gingen, viele aus der Ukraine. Das ist der größte Wanderungssaldo mindestens seit der Wiedervereinigung.

An diesem Donnerstag wurde eine Studie vorgestellt, in der die Autoren ein Sondervermögen von 50 Milliarden Euro fordern, damit der groteske Wohnungsmangel und die damit einhergehenden Mietexplosionen vielerorts ein Ende haben. Mein Kollege Michael Kröger hat die Studie ausgewertet. Demnach werden die Investitionen für Wohnraum in Großstädten auf aktuell rund 4900 Euro pro Quadratmeter kalkuliert. Ein frei finanziert errichteter Wohnungsbau lasse unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Kaltmiete von unter circa 16,50 Euro gar nicht mehr zu.

Die Baubranche unterstützt das Bündnis nach Kräften. »Die Studie muss eine letzte Warnung an die Politik sein, endlich zu handeln und der Wohnungswirtschaft Vertrauen für neue Investitionen zu geben«, so der Geschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, Tim-Oliver Müller. Es könne nicht sein, dass die Bundesregierung sich einerseits zum Ziel gesetzt hat, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, die aber hier kein Quartier finden, heißt es bei der IG Bau. »Keiner wird kommen, wenn er hier nicht oder nur zu horrend hohen Mieten wohnen kann.«

3. Gnade Dir Gott

Es scheint die Zeit der großen Bekenntnisse und Abrechnungen zu sein – und meist geht es dabei um große Institutionen und ihr Personal. Erst sorgte Prinz Harry mit seiner von Ghostwritern verfassten Autobiografie für Furore. Seit heute ist ein Buch im Handel, an dem der langjährige persönliche Assistent von Papst Benedikt XVI., Georg Gänswein, maßgeblich mitgewirkt hat.

Mein Kollege Walter Mayr hat »Nichts als die Wahrheit« schon lesen können. Sie ahnen es, es ist keine Eloge an den Vatikan, keine loyale Dankschrift an Papst Franziskus, der ihn schon vor drei Jahren kaltgestellt hat. Das Buch verspricht so viel Sprengstoff, dass ein Priester der Diözese Bergamo Gänswein öffentlich dazu aufrief, den bevorstehenden Verkauf zu stoppen. Und der deutsche Kardinal Walter Kasper sprang bei: »Es wäre besser gewesen zu schweigen. Jetzt ist nicht der passende Moment für so etwas.«

Es scheint im Buckingham Palace und im Vatikan also wenig anders zuzugehen als im weltlichen Leben. Dort soll der ein oder andere Zurückgewiesene ja auch schon mal mit sonderbaren Rundumschlagsschriften auffällig geworden sein. In bessere Positionen bringt man sich in der Regel dadurch aber auch nicht. Es schadet vielleicht der Karriere, aber nicht dem Konto.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Bergbaukonzern entdeckt Europas größtes Vorkommen an seltenen Erden: In Schweden ist Europas bisher größtes Vorkommen an seltenen Erden gefunden worden. Es sollen dort rund eine Million Tonnen Metalle lagern, die unter anderem für die Produktion von Elektroautos nötig sind.

  • Dax springt über 15.000 Punkte: Die Konjunkturprognosen sind unsicher, doch an der deutschen Börse wächst die Zuversicht: Der Dax steigt erstmals seit fast einem Jahr über die Marke von 15.000 Punkten – die Anleger scheinen optimistischer als in den USA.

  • Cousin einer »Black Lives Matter«-Gründerin stirbt nach Polizeieinsatz: Keenan Anderson baute wohl einen Unfall in Los Angeles. Anschließend setzte ein Polizist seinen Taser gegen ihn ein, kurz darauf starb Anderson. Angehörige werfen der Polizei nun vor, ihn getötet zu haben.

  • CSU-Bürgermeister festgenommen: Der Bürgermeister von Seeg im Allgäu soll zusammen mit einem Pflegeheimleiter per Scheinrechnungen zu Unrecht Coronahilfen kassiert haben. Dutzende Ermittler durchsuchten mehrere Gebäude, darunter auch das Rathaus.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Die brutale Taktik der Wagner-Truppen im Donbass: Nach heftigen Kämpfen steht Russland kurz vor der Eroberung der ukrainischen Kleinstadt Soledar. Davon könnte besonders Wagner-Chef Jewgenij Prigoschin profitieren. Er hat Rekruten rücksichtslos in die Gefechte geschickt .

  • Eskens Ukraine-Vorstoß überrascht die SPD: Russland dürfe nicht gewinnen, betont der Kanzler mantrahaft. SPD-Chefin Saskia Esken verändert nun die Tonlage und fordert einen Sieg der Ukraine. Die Reaktionen: Erleichterung und Entsetzen .

  • Arzt entfernt nicht explodierte Granate aus Brust eines ukrainischen Soldaten: Das Geschoss hätte jederzeit explodieren können: Ein ukrainischer Militärangehöriger hatte eine Granate im Brustkorb. Einem Militärchirurgen und seinem Team gelang es trotz besonderer Umstände, sie herauszuoperieren.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Meine Lieblingsgeschichte heute: Joops Erinnerungen an Tatjana Patitz

Der Tod des deutschen Supermodels Tatjana Patitz löste gestern bei vielen Bestürzung aus. Sie wurde nur 56 Jahre alt. Patitz prägte mit ihrem Gesicht die Neunzigerjahre, galt bei Starfotografen wie Peter Lindbergh als eine Art Idealbesetzung für großen Kampagnen bekannter Modelabels. Der Designer Wolfgang Joop erinnert sich in einem Text an die Frau, die einerseits vom Modebusiness lebte, ihm andererseits aber erstaunlich distanziert gegenüber stand. Streng genommen ist der Text kein Nachruf auf sie, sondern ein Nachruf auf eine vergangene Zeit – und damit natürlich auch ein wenig verklärend. »Es war eine Zeit ohne Verbote, ohne Reflexion. Heute begleitet beides permanent alles«, schreibt Joop. Oder: Models wie Patitz »verkörperten den Geist der Neunziger, wo man einfach alles wagte, noch alles auf eine Karte setzte. Das sieht man auch an Designer-Schicksalen wie Versace oder Galliano, es war eine Zeit, die alles erlaubte, eine Zeit, die alles verbrauchte.«

Der Text ist durchaus polarisierend, denn er idealisiert eine Welt, die natürlich nicht unumstritten ist: oberflächlich, antifeministisch, konsumgeil. Und wie es bei polarisierenden Texten oft ist, teilen sich die Leserinnen und Leser im Forum in zwei Lager: »Wolfgang Joop hat schöne, einfühlsame Worte gefunden. Danke!«, schreiben die einen. »Man hat direkt das Bedürfnis, eine Scheibe trockenes Brot zu essen, bei so viel Schmalz«, schreiben die anderen. Bilden Sie sich gern selbst ein Urteil.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Eine Partei wie jede andere: In Lützerath zeigen sich die Folgen einer zerstörerischen Energie- und Klimapolitik. Und es zeigt sich einmal mehr, dass die Grünen zwar höchste moralische Ansprüche haben, an der Macht aber nicht danach handeln .

  • Gibt es zu viele BWLer? In Betriebswirtschaftslehre steigt die Zahl der Studierenden. Und steigt. Und steigt. Aber ist das Fach noch zeitgemäß? Eine BWL-Professorin erklärt, welche Absolventinnen und Absolventen die Unternehmen brauchen .

  • »Ihre Geräte können ein leichtes Einfallstor für Angreifer sein«: In den vergangenen Wochen waren gleich drei Hochschulen Ziel von großen Cyberattacken. IT-Professor Hans Pongratz sagt, ob solche Angriffe jetzt zum Unialltag gehören – und was Studierende tun können .

  • Warum bei uns ein Handy am Esstisch erlaubt ist: Smartphone und Tablet haben am Tisch grundsätzlich nichts verloren, war lange meine Überzeugung. Inzwischen habe ich erkannt: Das ist Quatsch. Viel wichtiger ist etwas anderes .

Was heute weniger wichtig ist

Abgehoben: Ich habe keine Ahnung, ob die Starts und Landungen des Privatflugzeuges von Friedrich Merz, 67, in dieser Statistik enthalten ist. Die Kritik daran gilt aber sicher auch ihm. Flüge mit Privatjets sind im vergangenen Jahr in Deutschland auf ein Rekordniveau gestiegen. Der Rechercheverbund von NDR und »Süddeutscher Zeitung« nannte am Donnerstag unter Berufung auf die Europäische Flugsicherheitsorganisation Eurocontrol die Zahl von mehr als 94.000 Starts von Businessflugzeugen in Deutschland – etwa 8000 mehr als im Vorjahr. Der Klimaforscher Stefan Gössling kritisiert in dem Beitrag die Flüge als meist überflüssig. »Wir können aus Klimaperspektive nicht länger zuschauen, dass viele Reisen mit dem Flugzeug gemacht werden, gerade mit Privatflugzeugen, die auch genauso gut mit der Bahn absolvierbar wären oder meinetwegen mit dem Privatwagen.«

Mini-Hohlspiegel

Aus dem »Tagesspiegel«

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Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich das SPIEGEL-Spitzengespräch ansehen. Wir haben in Berlin ein neues Fernsehstudio eingerichtet. Zur Premiere haben sich Prinz Harry und sein Vater König Charles III. angekündigt, die sich live bei uns versöhnen wollen. Im Gegenzug darf Harry sein neues Buch »Reserve« in die Kamera… Kleiner Scherz.

Wie Sie es vom SPIEGEL gewohnt sind, wird es in diesem Spitzengespräch kontrovers zugehen, und ich wage auch vorherzusagen, dass am Ende keine Versöhnung stattfinden wird. Es wird nämlich die Frage diskutiert, wie weit Protest gehen darf, zum Beispiel in Lützerath. Darüber sprechen heute Abend mein Kollege Markus Feldenkirchen mit dem grünen Urgestein Jürgen Trittin, der Aktivistin Carla Reemtsma und der FDP-Politikerin Linda Teuteberg. Zu sehen gibt es den Talk ab 21 Uhr auf SPIEGEL.de.

Und sollten Sie doch eher eine Vorliebe für Harry haben, möchte ich Ihnen nachträglich zwei Texte meiner Kolleginnen Anja Rützel und Patricia Dreyer ans Herz legen. Anja hat sich die pikantesten Details aus dem Buch herausgepickt, zum Beispiel, dass Queen Elizabeth II. beim Familiengrillen auf Schloss Balmoral immer gern das Salatdressing angerührt habe. Es ist ein wirklich lustiger Text . Aber bevor wir hier in Hohn und Spott abgleiten, lesen Sie gern auch die Verteidigungsschrift  von Patricia mit der schönen Überschrift »Free Willy«. Sie findet, die Enthüllungen sind ein Schatz. »Gut, dass es sie gibt. Der Revoluzzer Harry reißt den Schleier weg, hinter dem sich die britische Königsfamilie bis zum heutigen Tag versteckt, um einen für die Monarchie überlebenswichtigen Mythos zu erhalten.«

Einen schönen Abend, entweder mit Harry und Charles oder mit Jürgen, Carla und Linda.

Herzlich
Ihr Janko Tietz

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