Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Frage zum Wachwerden: Ist die SPD eigentlich verrückt geworden? In den Umfragen liegt sie bei 21 Prozent, in manchen Regionen Deutschlands ist sie zu einer Schrumpfpartei geworden, hinter CDU, Grünen und AfD. Vernünftigerweise gäbe es zwei Alternativen: Entweder sie stellt sich ohne Wenn und Aber hinter den angeschlagenen Parteichef Sigmar Gabriel und zieht mit ihm in den Bundestagswahlkampf. Oder sie macht Gabriel klar, dass es mit ihm nicht mehr geht. Aber die Partei wählt den dritten, fürchterlichen Weg: Sie nörgelt den Chef weiter mürbe. Olaf Scholz und Andrea Nahles, die für die Nachfolge in Frage kämen, sehen dabei zu, weil sie keine Lust haben, den eher aussichtslosen Bundestagswahlkampf 2017 selbst zu bestreiten. Dass Problem der SPD heißt nicht Gabriel. Das Problem ist die Feigheit seiner Gegner.

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AP
Erdogan belebt das Satire-Fach

Titelbild
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Heft 15/2016
Riesiger Bedarf, miserables Angebot: Der Kampf um ein bezahlbares Zuhause

Lange nichts gehört von Dieter Hallervorden - nun ist er wieder da, mit einem kleinen Schunkelsong auf den türkischen Präsidenten Erdogan ("Erdogan, Erdogan, zeig mich bitte auch mal an"). Es ist schon beeindruckend, wie viel Widerstandsgeist Erdogan in Deutschland weckt. Die deutschen Satiriker, die so lange unter dem öden Regime Merkels litten, haben nun endlich wieder einen Gegner gefunden. Und das Schöne ist, dass er sich sogar darüber aufregt, wenn man ihn mit Schmähungen bedenkt. Wenn das so weiter geht, schaltet Mario Barth von Blondinen- auf Erdoganwitze um.

DPA
Überraschendes Comeback für Thomas Strobl

Auch in der Politik gibt es das Wunder der Auferstehung. Thomas Strobl war so etwas wie der Untote der baden-württembergischen CDU. Er war der Chef und doch traute ihm die Partei nicht zu, den populären Grünen Winfried Kretschmann zu besiegen, weswegen sie Guido Wolf zum Spitzenkandidaten machte. Was, im Nachhinein betrachtet, keine so gute Idee war. Nun ist Strobl plötzlich wieder die Zukunft, er wird die CDU nach Lage der Dinge als stellvertretender Ministerpräsident in eine grün-schwarze Koalition führen. Es ist eine ziemlich ungemütliche Position für die einstige Staatspartei, eingequetscht zwischen den konservativen Grünen und der eher moderaten Südwest-AfD. Für Strobl könnte gelten: Auf die Auferstehung folgt die Himmelfahrt.

DPA
Gewinner des Tages

Sind die Berliner Flughäfen, deren Pressesprecher gerade gefeuert wurde. Daniel Abbou (Foto) hat nicht etwa die Öffentlichkeit belogen, nein, er war zu ehrlich und sprach: "Früher wurde meist gesagt: Nein, es ist alles gut. Das ist Bullshit. Bekenne dich dazu, dass etwas scheiße gelaufen ist." Danach war er seinen Job los. Ich finde, man sollte in der Krise auch eine Chance sehen. Das Desaster um den Neubau des Berliner Flughafens ist derart umfassend, dass es mit den Mitteln der PR ohnehin mit mehr in den Griff zu kriegen ist. Mein Vorschlag wäre, dass sich Berlin das Gehalt für einen Pressemann so lange spart, bis es wieder gute Nachrichten in Sachen Flughafen zu verkünden gibt. So wie ich Berlin kenne, wird dabei ein hübsches Sümmchen zusammen kommen.

Mit freundlichen Grüßen,

René Pfister, Leiter Hauptstadtbüro DER SPIEGEL

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insgesamt 9 Beiträge
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cagutmann 12.04.2016
1. Zitat
Guten Morgen. Ein guter Satz. Ich möchte ihn vielleicht noch ein wenig erweitern. Das Problem ist die Feigheit der gesamten Partei vor der nötigen Modernisierung. Es hat eigentlich angefangen als Schröder und Müntefering die Agenda durchgeboxt haben. Damit hat sich die Partei nicht getraut, sich dahinter zu stellen. Die meisten Menschen in Deutschland akzeptieren zumindest zum Teil, dass es richtig war. Und das stürzt die SPD in eine Schizophrenie, weil sie dazu keine Haltung findet. Diese Schizophrenie zwischen ehemaliger Arbeiterpartei, Gutmenschentum, Gewerkschaften und den Anforderungen der Zukunft macht die Partei aktuell fertig. Verglichen damit hat es sogar Christian Lindner leicht. Denn die FDP verfügt tatsächlich über ein Grundlagenkorsett aus einer eigenen Philosophie und Werten. Dieses war zwar verschütt gegangen. Ist aber immer noch da. Vermutlich sind manche in der SPD neidisch darauf.
logiker2000 12.04.2016
2. Satire und Paragraph 103Stgb
hat eigentlich mal jemand in der Redaktion den ominösen Paragraphen gelesen? da kann nur jemand beleidigt werden , wenn er sich in Deutschland aufhält.
Mertrager 12.04.2016
3. Ist bei der CDU viel besser
Was hier der spd vorgeworfen wird - Feigheit vor dem (inneren) Gegner - ist bei der cdu viel besser. Dort ist das seit Jahrzenten Standard !! ;-)
anyone 12.04.2016
4. In was für einer Republik leben wir überhaupt?
Wer (endlich mal) die Wahrheit sagt, wie Daniel Abbou, wird geschasst; die Meinungsfreiheit wird auf dem Altar des Opportunismus geopfert (Dank an Hallervorden und hoffentlich andere, die sich den Mund nicht verbieten lassen); die Stammparteien verlieren ihre Wähler, weil sie es versäumt haben, Führungspersonen mit Profil aufzubauen und ihnen als Lösung nichts anderes einfällt, als Kaltgestellte auferstehen zu lassen. Nein, die SPD ist nicht verrückt geworden, eher trifft dies auf ihre Wähler zu. Trotz mancher Kapriolen ist Gabriel das Beste, was die SPD derzeit an Führungspersonal vorzuweisen hat.
ackermart 12.04.2016
5. Die unantastbare Hofnarrenfreiheit ...
noch heute für sich in Anspruch zu nehmen, ist eben nicht zeitgemäß. Der dazu passende Monarch früherer Tage wollte mit 1nem Hofnarren für sich bewirken, dass Volkes Stimme bzw. Stimmung die abschirmende Glocke der Klaquere um ihn herum durchdringt. Heute indes, wo sich ganze Heerscharen dessen Abkömmlinge im Barendienst (Dienst am Baren) zu überbieten suchen, kann es leicht dabei zur Baerendienstleitung für die Herrschenden kommen. Schliesslich ist es ja wohl auch ein Witz, dass man heute noch Narrenstimmen bräuchte, um Volkes Stimmung zu erfahren. Besonders seit diese Narren nun so närrisch sind sich so zu geben, als wären sie die besseren Herrscher. Schliesslich ging immer nur Eines von entweder (s)einem Leben für die Wahrheit oder das Herrschen.
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