Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Selbstschutzmacht USA

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona – Kann Deutschland die Mutante stoppen?

  2. Künftiger CDU-Chef – Droht eine JU-Kampagne »Blackrocks Matter«?

  3. Des Heeres Ziel – Wie schützt die US-Armee das Kapitol?

1. Menschen, Viren, Mutationen

»Die Zukunft des Coronavirus? Ein nervender Infekt bei Kindern« – diesen Text  schickten mir gestern sowohl die »New York Times« als auch eine Kontaktperson allerersten Grades auf mein Mobiltelefon. Wie schön wäre das, wenn dieser Erreger nur noch ein paar Schnupfnasen in Kitas auslösen und nicht mehr die ganze Welt in Atem halten und Millionen den Atem nehmen würde?

Bis dahin wird es aber wohl noch dauern, Optimisten gehen vom Sommer aus. Damit es gelingt, müssen drängende Fragen jetzt beantwortet werden:

  • Kann Deutschland die neuen Virusvarianten eindämmen? Forscher und Politiker fürchten einen starken Anstieg der Infektionszahlen, wenn sich etwa die Mutante B.1.1.7, die in Großbritannien und Irland wütet, hierzulande ausbreitet. (Wie aggressiv die Turboviren sind und was sie anrichten können, lesen Sie in der neuen SPIEGEL-Titelstory .)

  • Müssen und sollten wir den Lockdown verschärfen, um endlich die Zahlen zu drücken? Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben ihr nächstes Treffen auf Dienstag vorgezogen, um keine Zeit zu verlieren – wobei auch bis dahin noch vier Tage verstreichen. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Gut ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie ist eine große Frage noch immer ungeklärt: Wo kommt das Virus eigentlich her? Klar, Ground Zero des Ausbruchs ist Wuhan, die chinesische Millionenstadt, das weiß jede und jeder. Doch wie gelangte der Erreger dorthin? Ein Team der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann dem nun endlich vor Ort nachgehen. »Ihre Mission ist wissenschaftlich hoch spannend und politisch brisant«, sagt mein Kollege Dietmar Pieper.

Er und unser China-Korrespondent Georg Fahrion haben mit dem Leiter der WHO-Delegation und einigen seiner Leute gesprochen . Wonach suchen sie vor allem? »Es ist gut möglich, dass in Kühlschränken in Wuhan und anderswo im Land Proben lagern, die noch nicht untersucht worden sind«, erzählt ein Wissenschaftler. Dietmar sagt: »Über den Ursprung des Virus gibt es viele Gerüchte und Vermutungen, sogar in Italien soll der Erreger schon im Herbst 2019 aufgetreten sein. Mich wundert, dass es so schwer ist, darüber Klarheit zu bekommen.«

2. CDU und raus bist du

Die Pandemiefatigue spielt einem seltsame Streiche. Beim schnellen Durchgehen der Mails lese ich in einem US-Newsletter : »Germany's Christian Drosten select a new chairman.« Wie mächtig ist dieser Virologe eigentlich? Welchen Vorsitzenden wählt er aus und für was? Ah, nee, es geht um »Germany's Christian Democrats«.

Am Abend beginnt der CDU-Parteitag also wirklich (Livestream ab 19 Uhr hier), nachdem er in etwa so oft verschoben wurde wie der neue »James Bond« (leider kein Livestream). Morgen sollen die 1001 Delegierten entscheiden, ob Armin Laschet, Friedrich Merz oder Norbert Röttgen sie ins Wahljahr führt. (Mehr zum Ablauf und den Hintergründen lesen Sie hier.) Über Merz heißt es immer wieder, er sei der Mann der Wirtschaft. Warum eigentlich? Und wie haben sich Laschet und Röttgen positioniert? »Im Werben um Unterstützer flüchteten sich alle drei Kandidaten in wohlklingende Allgemeinplätze«, sagt mein Kollege David Böcking aus unserem Wirtschaftsressort. »Bei genauerem Hinsehen werden aber durchaus wirtschaftspolitische Unterschiede sichtbar.« (Hier lesen Sie , wer den Sparmeister, wer den Arbeiterfreund und wer den Weltökonomen gibt).

Der Ausgang ist ungewiss. Aber vielleicht sollte vorsorglich jemand die Junge Union, die einst mit »Black is beautiful« warb, davor warnen, im Fall der Fälle »Blackrocks Matter« auf T-Shirts, Handyhüllen und Krawattennadeln zu prägen.

3. Des Heeres Ziel – das Kapitol

Festung der Freiheit?

Festung der Freiheit?

Foto: Benedikt Hartl / Opposite Office

Bis zu 21.000 Soldaten zieht das Pentagon zusammen, um die Amtseinführung des 46. Präsidenten in der kommenden Woche abzusichern – vier­mal ­­mehr als in Afghanistan und dem Irak ausharren. Der Secret Service wird bereits am Wochenende eine »Grüne Zone« in der Hauptstadt ausweisen, Straßen sperren und Zugverbindungen kappen. »Kurz vor der Ver­ei­di­gung von Joe Bi­den wirkt Wa­shing­ton wie eine Stadt im Be­la­ge­rungs­zu­stand«, berichtet mein Kollege René Pfister . Von Stunde eins an müsse Biden um sein Leben fürchten.

»Ge­fahr droht auch von in­nen, aus dem Si­cher­heits­ap­pa­rat«, schreibt René. Er hat mit einem ehe­ma­li­gen Oberst der U.S. Army gesprochen, der mittlerweile Politikwissen­schaft an einer Uni lehrt und sagt: »Wenn sich zwei oder drei Män­ner aus ei­ner be­waff­ne­ten Ein­heit ge­gen die Ka­me­ra­den wen­den, haben sie den Schock und das Über­ra­schungs­mo­ment auf ih­rer Sei­te.« (Hier mehr dazu. )

Mit was für Leuten es die Sicherheitskräfte zu tun bekommen könnten, das zeigen die Festnahmen nach dem Sturm auf das Kapitol:

  • Dem Mann mit den Hörnern, dessen Bild um die Welt ging, werfen die Ermittler inzwischen Mordabsichten vor. Er soll auch eine unmissverständliche Notiz auf dem Schreibtisch von Vizepräsident Pence hinterlassen haben. (Hier mehr.)

  • Der Mann, der die Füße auf Nancy Pelosis Schreibtisch legte, trommelte bereits im Dezember bei Facebook: »Das ist UNSER LAND!!! Könnt ihr nicht einen Tag im Internet oder auf Arbeit oder wo auch immer opfern, um etwas zu tun? Erhebt euch, verdammt noch mal, Leute. Wann, wenn nicht jetzt?« (Mein Kollege Da­ni­el C. Schmidt spürte dem Fenstermonteur aus Arkansas nach – hier lesen Sie die Geschichte .)

Der Architekt Benedikt Hartl provoziert bereits mit dem Vorschlag, das Kapitol in eine Festung zu verwandeln. »Ich wollte zeigen, dass wir unsere Demokratie verteidigen müssen«, sagt er im Gespräch mit meiner Kollegin Ulrike Knöfel. Nach vier Jahren Trump klingt das alles andere als absurd.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Pfizer liefert vorübergehend weniger Corona-Impfstoff nach Deutschland: Weil Pfizer seine Produktionsanlagen ausbaut, muss der US-Konzern den Lieferumfang seines Impfstoffs in Europa vorübergehend reduzieren. Auch Deutschland ist betroffen.

  • Niederländische Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte tritt zurück: Wenige Wochen vor der Parlamentswahl im März ist die niederländische Regierung zurückgetreten. Premier Mark Rutte zieht damit die Konsequenzen aus einer Affäre um Kinderbeihilfen.

  • Hunderttausende verlassen Großbritannien: Wegen des Corona-Einbruchs der britischen Wirtschaft haben einer Studie zufolge viele Arbeitskräfte dem Land den Rücken gekehrt. Allein in London ist demnach die Bevölkerung um 700.000 Einwohner geschrumpft.

  • Die angeblich »mächtigste Waffe der Welt«: Kurz vor dem Präsidentenwechsel in den USA prahlt Kim Jong Un mit neuen Raketen. Doch er gesteht auch einen Fehler ein – und setzt zumindest ein ermutigendes Zeichen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Mit diesen Tricks will Finanzminister Scholz das Corona-Loch stopfen: Im Bundesetat für 2022 plant das Finanzministerium, die Neuverschuldung von 180 Milliarden auf 8 Milliarden Euro zu reduzieren. Wie soll das gehen? 

  • »Ich will aufklären, nicht abrechnen«: Schluss mit der Schnüffelei – am 15. Januar 1990 wurde die Stasizentrale gestürmt. Der Bundesbeauftragte Roland Jahn spricht über drei Jahrzehnte Stasiunterlagenarchiv, die Zukunft der Akten und den schwierigen Umgang mit den Tätern .

  • Jens Spahn, eine Lobbyistin und zwei Schweizer Schnösel: Der Bund kaufte im Frühjahr horrend teure Corona-Masken. Vor dem Deal soll sich Gesundheitsminister Spahn persönlich eingemischt haben .

Was heute nicht so wichtig ist

  • Gewinnsteigerung bei Wayne Enterprises: Ein anonymer und offensichtlich wohlhabender Käufer hat ein Batman-Comic aus dem Jahr 1940 für mehr als 2,2 Millionen Dollar ersteigert, umgerechnet also derzeit mehr als 1,8 Millionen Euro. Ein weltweiter Rekord für ein Heft aus der Reihe des Dunklen Ritters, teilte das Auktionshaus Heritage mit. Bei Erscheinen kostete es 10 Cent.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Schon im vergangenen rügten die Prüfer Scheuers Ministerium für dessen sparsame Informationspolitik und fühlten sich hintergangen.«

Cartoon des Tages: Corona-Betthupferl

Foto: plassmann / Thomas Plaßmann

Und am Wochenende?

Könnten Sie den Film »One Night in Miami« gucken, der heute bei Amazon startet. Meine Kollegin Hannah Pilarczyk nennt ihn »die perfekte Verbindung von Fakt und Fiktion«: Es geht um ein Gipfeltreffen zwischen Boxlegende Muhammad Ali, Bürgerrechtler Malcolm X, Soul-Star Sam Cooke und Football-Held Jim Brown, das es wirklich gab.

Doch was sie an diesem Abend im Februar 1964 in Miami zu besprechen hatten? »Das malt sich Drehbuchautor Kemp Powers, der hier sein eigenes Theaterstück adaptiert, raffiniert aus«, sagt Hannah. Jeder der Männer befinde sich an einem Wendepunkt seines Lebens, und jeder der anderen Männer hat eine Meinung dazu, wohin es für den anderen gehen sollte. »Ein intensives Gespräch unter Freunden entwickelt sich, das genauso viel über vier Menschen aussagt wie über das rassistische System, in dem sie sich gegen alle Widerstände hochgearbeitet haben.« (Hier die ganze Filmbesprechung.)

In diesem Sinne: Good night and good luck.

Ein schönes Wochenende. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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