Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Tanke für nichts

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Teurer Sprit – Was bringt der Tankrabatt?

  2. Neun-Euro-Ticket – Wie chaotisch wird es in der Bahn?

  3. Corona – Warum kommt Endemie nicht von Ende?

1. Die Spritparade

Bei all der Aufregung um den Spritpreis und den ab morgen geltenden Tankrabatt übersieht man schnell die wirklich interessanten Autonews: Mit dem DeLorean soll das Sehnsuchtsauto einer Generation zurückkommen auf die Straße. Der Flügeltürwagen aus »Zurück in die Zukunft«, die wohl bekannteste Zeitmaschine der Filmgeschichte, wird neu aufgelegt, ausgestattet mit einem Elektroantrieb (hier mehr Details und Bilder). Jedes kulturell anständig gebildete Kind der Achtziger hat sich so einen gewünscht.

Ob Christian Lindner, geboren 1979, dazuzählt? Beim flüchtigen Blick ins Archiv scheint es, als hätte er sich zur DeLorean-Frage nie geäußert. Angeblich war sein erstes Wort aber »Auto«. Als Gymnasiast las er offenbar schon »Motor Klassik«, »Auto Bild« und »Auto Motor und Sport«, die er bis heute abonniert hat. Natürlich fehlt in so gut wie keinem Porträt der Hinweis, dass Lindner mit 20 schon Porsche fuhr .

Journalistisch grob vereinfacht ging es seitdem auf der Überholspur an die Spitze der Autofahrerpartei FDP, natürlich ohne Tempolimit. Selbst jetzt, in Krisenzeiten, in denen der Spritengpass droht, kann sich die Ampelkoalition nicht darauf einigen, die Raserei auf den Autobahnen zu drosseln. »Wenigstens für die Dauer des Krieges«, fordert es der Chef der Internationalen Energieagentur im Gespräch mit meinem Kollegen Claus Hecking. »Das würde doch keine große Veränderung für den Lebensalltag der Menschen bedeuten. Wir sind in Kriegszeiten, und wir sollten uns lieber vorbereiten auf noch schwierigere Zeiten.« (Hier das ganze Interview .)

Getrieben von Lindners FDP senkt die Ampel jetzt also die Abgaben auf Benzin und Diesel. Verbilligt sich dadurch schlagartig der Sprit? Ich habe meine Zweifel. Auch wenn das Bundeskartellamt heute beteuert: Wir schauen ganz genau hin! Denn die Behörde sagt selbst, dass »es keine rechtliche Verpflichtung gibt, die Steuersenkung eins zu eins weiterzugeben«.

Profitiert von der Krise haben schon jetzt die Mineralölkonzerne: »Während der Rohölpreis an den Weltmärkten seit Kriegsausbruch zwar spürbar gestiegen ist, sind die Tankstellenpreise für Benzin und Diesel geradezu hochgeschossen«, sagt Claus. »Die Datenanalyse eines Münsteraner Wirtschaftsprofessors zeigt: Die Mineralölwirtschaft hat ihre Margen seit Kriegsausbruch drastisch ausgeweitet, auf Kosten der Verbraucher.« (Morgen mehr dazu auf SPIEGEL.de.) Und in den letzten Wochen und Tagen haben sie die Preise nochmals erhöht.

Da wünschen sich vielleicht nicht nur Kinder der Achtziger den DeLorean. In den Filmen verbesserte Doc Brown den Antrieb stetig: Erst braucht sein Fluxkompensator noch Plutonium, später treibt ihn ein Fusionsreaktor an, der sich mit Hausmüll befüllen lässt. Für einen Zeitsprung muss der Wagen übrigens auf 88 Meilen pro Stunde beschleunigen – 141,622 km/h. Vielleicht ein Tempolimit, mit dem auch die FDP leben könnte? Es geht schließlich zurück in die Zukunft.

2. Gleis ist geil

Morgen beginnt auch das andere große Verkehrsexperiment der Ampel: Mit dem bereits millionenfach verkauften Neun-Euro-Ticket lassen sich alle S-Bahnen und Regionalzüge nutzen, auch einige Intercitys. Und Bahn-Deutschland fürchtet: Es könnte noch enger werden, vor allem am Pfingstwochenende, wie meine Kollegen Arvid Kaiser und Martin Wittler berichten .

»Ganz entgegen dem Klischee vom durchgeplanten Deutschen handelt die Koalition hier nach dem Motto: einfach mal machen«, sagt Arvid. Ein schlüssiges Konzept fehle, vor allem um zu verhindern, dass im Herbst und Winter die Preise dann drastisch steigen und die Fahrpläne zusammengestrichen werden müssen. »Das würde natürlich die Neun-Euro-Aktion völlig konterkarieren«, sagt Arvid.

Und was ist mit Pendlerinnen, die akut alpträumen, von Kinderwagen und Fahrrädern erdrückt zu werden? Was mit Vätern, die jetzt schon fürchten, den Säugling im Tragetuch kaum vor der fahrenden Festgesellschaft aus nicht mehr ganz nüchternen Junggesellen schützen zu können? Was mit dem Rollstuhlfahrer und der Rentnerin mit ihrer Gehhilfe? All denen verspricht die Bahn jetzt aufzustocken: 50 zusätzliche Züge, 60.000 Sitzplätze pro Tag mehr, 700 Service- und Sicherheitskräfte – viermal so viele wie in einem normalen Sommer.

Ob's reicht? Auch hier spendet »Zurück in die Zukunft« Trost. Im dritten und schwächsten Teil müssen auch Marty McFly und Doc Brown auf die Bahn vertrauen und ihren DeLorean von einem Zug anschieben lassen, um auf Zeitsprunggeschwindigkeit zu kommen. Können Sie sich ja auf Ihrer Reise noch mal anschauen – vorausgesetzt, das WLAN funktioniert.

3. Endemie kommt nicht von Ende

Wie in einer Zeitschleife komme ich mir vor beim Blick auf die Corona-Nachrichten. Eine neue Umfrage zeigt erneut, wie sehr Kinder und Jugendliche unter den Folgen der Pandemie leiden. »Jedes sechste Kind in Deutschland ist seit Beginn der Coronakrise dicker geworden«, berichtet meine Kollegin Katherine Rydlink. »Etwa ein Viertel isst mehr Süßigkeiten.« Dazu kommt weniger Sport, mehr Zeit am Bildschirm, mehr Seelenschmerz. Besonders dramatisch: Während viele Erwachsene sich ihre Pfunde nach dem Ende der Lockdowns wieder wegtrainierten, ist bei vielen 3- bis 17-Jährigen das Übergewicht offenbar von Dauer. Und sie behielten ihre ungesunden Gewohnheiten bei. (Hier mehr dazu .)

Politisch scheint sich ebenfalls das alte Muster zu wiederholen: sorglos durch den Sommer, schlecht vorbereitet in den Winter, wie meine Kollegin Milena Hassenkamp berichtet . »Karl Lauterbach ist zwar mit dem Versprechen angetreten, wissenschaftsbasierte Politik zu machen«, sagt Milena. »Das Problem ist nur, dass auch die Wissenschaft nicht eindeutig vorhersagen kann, wie die Lage im Herbst und Winter aussehen wird.« Klar, die Infektionszahlen werden wieder steigen, neue Varianten sind wahrscheinlich – nur wie schlimm die Erkrankungen werden, weiß niemand. Damit hat Lauterbach wenig in der Hand, um schärfere Maßnahmen gegen die FDP durchzusetzen. Die will selbst in Bahnen und Flugzeugen die Maskenpflicht am liebsten wieder abschaffen.

Zugleich scheint sich kaum noch jemand mit Corona beschäftigen zu wollen: Es ist warm, die Infektionszahlen sinken, und in der Ukraine tobt der Krieg. »Zudem wähnen sich sicherlich nicht nur FDP-Politiker so langsam in der Endemie und halten Lauterbachs Kurs für übervorsichtig«, sagt Milena. »Deshalb bekommt er vermutlich auch nicht den Rückhalt des Kanzlers, um sich durchzusetzen.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Die Hinterbliebenen der »Moskwa«

Vor mehr als sechs Wochen sank das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Was genau auf der »Moskwa« am 13. und 14. April passiert ist, darüber äußert sich das russische Verteidigungsministerium seit Wochen nicht mehr öffentlich. Es wirkt, als wolle man in Moskau den Untergang schnell vergessen machen, bloß kein weiteres Aufsehen erregen.

Aber das gelingt nicht, die Angehörigen der umgekommenen Soldaten haben Fragen. Bei ihnen wachsen Wut und Misstrauen. »Ich weiß, dass sie etwas verbergen wollen. Seit dem Untergang haben sie uns ständig etwas anderes erzählt«, sagt eine Mutter. »Sie haben uns belogen. Kalt und zynisch von Anfang an. Und belügen uns noch immer.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Im Dienste ihrer Majestät: Queen Elizabeth II. ist weit mehr als nur symbolisches Staatsoberhaupt. Sie ist eine »menschliche Bibliothek für Geheimdienstgeschichte«, urteilt ein kürzlich erschienenes Buch. Unter ihren Ahnen gibt es prominente Vorbilder .

  • »Es ist schon sehr offensichtlich, wen das Turnier weiterkommen sehen will«: Im Viertelfinale der French Open trifft Alexander Zverev auf den neuen Tennisliebling Carlos Alcaraz. Bei den Ansetzungen fühlt sich der Deutsche benachteiligt – und nicht wertgeschätzt. Eine Mitschuld trägt er selbst.

Was heute weniger wichtig ist

Hier soll nichts unter den Tisch fallen: Der deutsche Koch der englischen Königin Stefan Pappert, 44, versorgt Queen Elizabeth II., 96, gelegentlich auch mit Keksen, wie er der Nachrichtenagentur dpa sagte. »Wenn sie nach London fahren muss, ist ein bisschen was eingepackt. Da haben wir ein paar Cookies mit drin in der Handtasche. Da hat sie Säfte dabei und Wasser.« Ein Lieblingsessen habe die Monarchin »in dem Sinne nicht«, sagt er: »Die Queen isst ganz normal, was jeder andere auch essen würde.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Johnny Depp und Amber Heard warten auf Urteil im Verleumungsprozess«

Cartoon des Tages: Gemeinsames Nato-Manöver

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie, wenig überraschend am Ende des heutigen Newsletters, noch einmal einen der drei »Zurück in die Zukunft«-Filme gucken. Wobei ich zugeben muss, dass sich nicht alle gleichermaßen lohnen. Der dritte Teil verhält sich qualitativ zum ersten in etwa wie sich bei »Star Wars« die erste Episode »Eine dunkle Bedrohung« zur fünften verhält, »Das Imperium schlägt zurück«.

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Wenn Sie keine Lust haben auf einen ganzen Film, gönnen Sie sich doch wenigstens diesen Clip aus dem Jahr 2015 : Michael J. Fox und Christopher Lloyd treten bei Jimmy Kimmel auf, in ihren Rollen als Marty McFly und Doc Brown. Es ist der 21. Oktober 2015, jener Tag, zu dem die beiden einst mit ihrem DeLorean reisten. In der Show wundern sie sich, warum wir weder fliegende Autos erfunden noch den Frieden in Nahost hinbekommen haben: »Was zum Teufel habt ihr 20 Jahre lang gemacht?«

Ihnen einen schönen Abend. Biff  die Tage.
Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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