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Arno Frank

Die Lage am Abend Was bringt die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik?

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Kiew – Wohin rollen die Panzer?

  2. Tschernobyl – Was bringen die Gespräche?

  3. Berlin – Mobilisiert sich die Gesellschaft?

1. Wohin rollen die Panzer?

Es ist sehr lange her, etwa vier Jahrzehnte, dass ich, Jahrgang 1971, mich zuletzt für die Zangenbewegungen irgendwelcher Panzerspitzen, das Vorrücken motorisierter Infanterie, Kessel und dergleichen militaristischen Mumpitz interessierte. Offen gestanden habe ich damals, vor vier Jahrzehnten, überhaupt erstmals Namen wie Kiew (neuerdings lieber Kyiv) oder Charkow (neuerdings lieber Charkiw) gehört – aus den widerwilligen Erzählungen meines Großvaters, der dort in der Gegend, wiederum vier Jahrzehnte zuvor, am deutschen Überfall auf die Sowjetunion beteiligt war.

Die Lage ist eine andere, Äpfel sollte man nicht mit Birnen vergleichen. Dennoch gilt: Wer sich als Deutscher auf dem Laufenden halten will, wie »die Lage im Osten« ist, kann das kaum ohne historisches Sodbrennen tun. Es wäre töricht, sich über dieses begründete Unbehagen keine Rechenschaft abzulegen. Und es dürfte auch einer der diffusen oder ganz konkreten Gründe dafür sein, dass Deutschland sich so lange dagegen sperrte, Waffen an die Ukraine zu liefern.

Wenn die »roten Linien« überschritten sind, müssen wir uns zwangsläufig wieder mit Frontlinien, Nachschublinien oder Fluglinien beschäftigen. Und zur Kenntnis nehmen, dass auch die militärische Aufklärung inzwischen von Google besorgt wird. Nun hat der Konzern seine Verkehrsdaten über die betroffenen Regionen abgeschaltet – weil sich daran Truppenbewegungen ablesen lassen.

Auch hierfür gilt, was für alle Informationen gilt, dass sie nämlich von »unabhängiger Seite nicht überprüfbar« sind. Weil es kaum mehr eine unabhängige Seite gibt. Höchstens Seiten, auf die man sich schlagen kann. Es ist ein Jammer.

2. Was bringen die Gespräche

In seiner Rede vor dem Bundestag sprach Olaf Scholz davon, es dürfe Putin nicht erlaubt werden, »die Uhren zurückzudrehen in die Zeit der Großmächte des 19. Jahrhunderts« (hier mehr ). Auch damals gab es ein Treffen zwischen zwei Mächten. Auch damals war man so sehr um einen neutralen Boden bemüht, dass man das Treffen zwischen Napoleon Bonaparte und Alexander I. kurzerhand auf ein in der Memel verankertes Boot verlegte. Dort, in eigens eingerichteten Zimmern und verankert exakt auf der fließenden Grenze zwischen den Einflusssphären, verhandelten der französische Kaiser und der russische Zar den Frieden von Tilsit.

Äpfel sollte man nicht mit Birnen und so weiter, aber heute trafen sich Vertreter der Ukraine und Russlands an einem möglichst neutralen Ort, am Fluss Pripyat in der Nähe von Tschernobyl. Dort wird – hoffentlich, mindestens – über einen Waffenstillstand verhandelt, das Ambiente spielt keine Rolle. Viel stand auf dem Spiel, Wolodymir Selensky hat sich im Vorfeld wenig davon versprochen – nach dem Willen seines Gegenspielers im Kreml hätte er längst aus dem Weg geräumt sein müssen.

Möglich also, dass es sich lediglich um ein weiteres taktisches Manöver handelt. Diesmal immerhin eines am Schreibtisch, nicht im Gelände. Und fraglich, was über das Treffen überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen wird. Informationen neigen auch hier dazu, von »unabhängiger Seite nicht überprüfbar« zu sein.

3. Mobilisiert sich die Gesellschaft?

Einerseits sind 100 Milliarden Euro das, was man »eine Stange Geld« nennen könnte. Eine unüberschaubar lange, außerordentlich teure Stange. Es handelt sich, wenn die von der Ampelkoalition ins Gespräch gebrachte Summe mehr als nur symbolischen Charakter hat, um einen gigantischen Anschub zur Modernisierung der Bundeswehr  – und um ein kolossales Konjunkturprogramm. Analysten oder Zyniker, ganz gewiss aber zynische Analysten investieren jetzt nicht in Äpfel oder Birnen, sondern in die Aktien von Rüstungskonzernen. Für überprüfbare Informationen wenden Sie sich bitte an Ihre Bankberaterin – vorausgesetzt, es ist keine russische Bank.

Andererseits wird dieser gigantische Rüstungsetat nicht spurlos an einer Gesellschaft vorübergehen, die mit ihrer Armee – und dem Gedanken an Gewalt überhaupt – zunehmend fremdelt. Mit heiterem Befremden haben manche Beobachter bereits zur Kenntnis genommen, dass das urplötzlich aus dem Hut gezauberte »Sondervermögen« auch von »denjenigen beklatscht« wird, »die eben noch 'ne Traumatherapie brauchten, weil sie im selben ICE-Waggon mit zwei Soldaten saßen«.

Die gesellschaftliche Suche nach kreativen Lösungen, die nichts mit militärischem Mumpitz zu tun haben, liegt bis auf Weiteres offenbar auf Eis.

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Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute ...

... hat in gewisser Weise auch mit der derzeitigen Weltlage zu tun. Denn Beifall »von den ganz Rechten, den ganz Linken und den ganz Verwirrten« bekommt derzeit nicht nur der sehr russische Präsident Wladimir Putin, sondern auch die sehr bayerische Kabarettistin Lisa Fitz. Meine Kollegin Tina Angerer hat sich mit dem Phänomen befasst , wie eine Hoffnungsträgerin über die Jahre seitlich wegrutschen konnte in ein Milieu, das sie selbst noch vor wenigen Jahrzehnten wohl heftig verspottet hätte. Angerer selbst ist in der Provinz aufgewachsen zu einer Zeit, als Fitz dort noch etwas galt, eine Erscheinung war. Für den Text hat sie zwei Stunden mit der Verschwörungsschwurblerin geredet: »Sie hat dann aber zurückgezogen, weil sie eine Verschwörung gegen sich gewittert hat«.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Die im Dunklen sieht man nicht, Helen schon: Die britische Schauspielerin Helen Mirren, 76, ist von Hollywoods Schauspielerverband Screen Actors Guild (SAG) für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Ihre Schauspielkollegin Kate Winslet, 46, überreichte ihr die Trophäe. »Ich nehme an, dass ich noch am Leben bin, also bin ich nach diesem Maßstab wohl geeignet«, sagte die Geehrte – und verriet auch ihr Lebensmotto: »Sei pünktlich und sei kein Arsch.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Hilfesuchend blickt er zum Bauern und fragt: ›Wo sind wir den hingefahren? Man setzt sich morgens ins Auto, steigt dann aus und verbreitet Frohsinn.‹«

Cartoon des Tages: Zeitenwende

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Aus gegebenem Anlass empfehle ich für diesen Abend wärmstens einen Kriegsfilm, der von einer Invasion der USA durch eine feindliche Macht handelt. »Die Maus, die brüllte« ist so alt (1959), dass sich nicht einmal im SPIEGEL-Archiv eine zeitgenössische Rezension findet. Herzogin Gloriana XII. (Peter Sellers) jedenfalls nimmt die Feindseligkeiten nur deshalb auf, weil sie sich nach der sicheren Niederlage durch Wiederaufbauhilfe eine finanzielle Sanierung ihres winzigen Fürstentümchens in den französischen Alpen verspricht.

Der teuflische Plan von Premierminister Graf Rupert Mountjoy (Peter Sellers) scheint aufzugehen, als sich das Expeditionscorps unter der Leitung von Oberforstmeister Tully Bascombe (Peter Sellers) auf einem Liniendampfer nach New York einschifft – ausgerüstet mit den modernsten Rüstungen und Langbögen, die bei der letzten Heeresreform im 15. Jahrhundert zur Hand waren. Nach der Ankunft in den USA aber überschlagen sich die Ereignisse auf eine Weise, die in entzückendem Kontrast stehen zum gegebenen Anlass. Ganz so, wie es sich die Herzogin in ihrem Kommandobefehl gewünscht hat: »Ich möchte nicht, das jemand verletzt wird!«

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung und einen friedlichen Abend. Herzlich
Ihr Arno Frank

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