Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Wann dreht Putin wieder am Gashahn?

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Nach Moskaus Gaslieferstopp an EU-Staaten – Droht in Deutschlands eine Energiekrise?

  2. Elon Musks Visionen – Was tut die Autofirma Tesla wirklich für eine umfassende Elektrifizierung des Verkehrs?

  3. Alltagsplage Lärm – Wird die Welt lauter oder der Mensch hellhöriger?

1. Wegen Moskaus Gaslieferstopp nach Polen ringt die EU um eine Antwort – und die deutsche Energiebranche sucht nach Kompromissen in der Frage der Bezahlung in Rubel.

Es ist ein bisschen trostlos und beschämend, dass sich die Medien und der Politikbetrieb der westlichen Welt in diesen Tagen fast täglich die gleiche trübe Frage stellen müssen: Was will Putin? Gestern hat der offensichtlich unberechenbare Mann im Kreml beschlossen, die Gaslieferungen Russlands an die Länder Polen und Bulgarien einzustellen – angeblich, weil die beiden EU-Länder nicht in Rubel bezahlen wollen. Das will Deutschland auch nicht. Aber welche Gefahren drohen, wenn auch in unserem Land wegen des Streits um Bezahlungsmodalitäten kein russisches Gas mehr ankommt? Droht eine Energiekrise?

Meine Kollegen Michael Brächer, Claus Hecking, Michael Sauga, Stefan Schultz und Gerald Traufetter schildern in ihrem Bericht , dass Russland in den Fällen Polen und Bulgarien nicht viel Geschäft zu verlieren hatte. Beide Staaten wollten die Verträge mit dem Staatsmonopolisten Gazprom sowieso zum Jahresende auslaufen lassen. Die Gaslieferungen waren zusammen 2021 nur etwa ein Viertel so hoch wie die an die Bundesrepublik. Deutschland ist der bedeutendste Abnehmer für russisches Gas weltweit. Und es ist ein wichtiges Transitland für Lieferungen in andere europäische Staaten wie die Niederlande. Die Mengen, die nach Europa verkauft werden, sind so groß, dass sich Russland mit einem umfassenden Lieferboykott selbst dauerhaft und schwer schaden würde.

In diesem Frühling füllen sich die deutschen Gasspeicher recht schnell, was vor allem daran liegt, dass das Wirtschaftsministerium kürzlich für 1,5 Milliarden Euro zusätzliches Gas gekauft hat. »Grundsätzlich bleibt aber das Problem, dass sich die Regierung bei einem russischen Lieferstopp entscheiden müsste, ob sie mit den verbleibenden Lieferungen die Speicher weiter auffüllt«, so die Kollegen, »oder vorläufig die Industrie komplett weiter versorgt. Denn für beides gleichzeitig dürfte die Versorgung ohne Russlands Teil nicht reichen.« Falls der Krieg sich in die Länge zieht und die Industrie voll beliefert wird, wäre im Herbst wohl nicht genug Gas in den Speichern, um die Wärmeversorgung aller Bürgerinnen und Bürger zu garantieren.

Obwohl westliche Politiker auf Putins Rubel-Forderung zunächst mit einer klaren Absage reagiert hatten, sucht die Gasbranche wohl hinter den Kulissen nach einer salomonischen Lösung – offensichtlich mit Rückendeckung der Politik, wie die Kollegen schreiben. »Firmen und Regierung stürzt die russische Nebeltaktik in ein Dilemma«, heißt es in der Geschichte. »Sie müssen versuchen, aus Putins Gaskapriolen möglichst schlau zu werden, damit man ihnen im Zweifel nicht vorwerfen kann, sie hätten zu wenig getan und sich dadurch angreifbar gemacht. Gleichzeitig können sie sich wohl mit logisch-rationalen Methoden gar nicht komplett absichern.«

Der Gaslieferstopp nach Polen und Bulgarien mache deutlich, »wie brenzlig die Situation auch in Deutschland ist«, sagt mein Kollege Gerald Traufetter. »Wenn Putin will, kann er auch Deutschland den Gashahn zudrehen. Anlässe braucht er dafür keine, er schafft sich welche. Die wirtschaftlichen Folgen wären für das Land ziemlich drastisch: Deutschland würde in die Rezession schlittern.«

Es ist zu fürchten, dass die Tage, in denen wir gezwungen sind, über den Willen des Angriffskriegers im Kreml zu mutmaßen, noch eine Weile weitergehen.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Union und Ampelkoalition einigen sich auf gemeinsamen Antrag zu Waffenlieferungen: Im Bundestag wollen sie zusammen einen Antrag zur Unterstützung der Ukraine mit schweren Waffen beschließen – der Streit ist damit beigelegt.

  • Videoaufnahmen sollen russische Soldaten neben Leichen in Butscha zeigen: Trotz erdrückender Beweise bestreitet Russland eine Verantwortung für die Gräuel im Kiewer Vorort Butscha. Aufnahmen einer Drohne zeigen laut einem Medienbericht nun, wie Kremltruppen sich zwischen den Toten bewegten.

  • »Es ist ungeheuer schwierig, eine große Truppenbewegung zu verheimlichen«: Henry Schlottman, Ex-Datenanalyst der US-Armee, wertet öffentlich zugängliche Daten über russische Einheiten aus und trägt sie in einer detaillierten Karte zusammen. Lässt sich so Putins nächstes Manöver vorhersagen? 

  • Baerbock begründet zögerliche Gepard-Lieferungen mit Sicherheitsfragen: Die Regierung wollte lange keine schweren Waffen in die Ukraine liefern, nun bewilligt sie doch Gepard-Panzer. Im Bundestag verteidigte Außenministerin Baerbock die späte Lieferung – und die Entscheidung zu diesem Schritt.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Elon Musks Firma Tesla ist erfolgreich – und entfernt sich doch von der Vision, umweltfreundliche Autos für jedermann zu produzieren.

Wie viele andere Menschen mit Medienanschluss bin ich mir nicht ganz klar darüber, ob ich mich über die fast täglich neuen Umtriebe des US-Amerikaners Elon Musk amüsieren oder ärgern soll. Als Entertainer ist Musk jedenfalls mindestens so begabt wie als Unternehmer. Seine Übernahme des Kurznachrichtendienstes Twitter  ist nur eines von vielen spektakulären Ablenkungsmanövern, die einen manchmal vergessen lassen, dass einer der Hauptjobs des Mannes eigentlich darin besteht, Autos zu verkaufen.

Mein Kollege Arvid Kaiser beschäftigt sich mit Musks jüngsten Masterplänen – und damit, was sie für Tesla bedeuten . Kein Unternehmen der Welt verkauft derzeit erfolgreicher Elektroautos als Tesla. Ein Billigauto des Herstellers ist aber nicht in Sicht. »Wir wollen Elektrofahrzeuge unbedingt so bezahlbar wie möglich machen«, beteuerte der Chef zwar. Tatsächlich nutzt Tesla den Erfolg, um die Preise zu erhöhen. Seit Anfang April kostet das Einstiegsmodell Tesla Model 3 in Deutschland in der einfachsten Ausstattung 53.870 Euro, das ist der sogenannte »Barzahlungspreis«.

Wenn der Verkehr auf den Straßen der Welt insgesamt weg vom Öl soll, müssten aber die Autos möglichst vieler Menschen aus allen sozialen Schichten elektrifiziert werden und nicht bloß Luxusmobile für Wohlhabende. Musks wiederholt pathetisch formulierte Mission, er wolle für eine umfassende Umstellung der Autobranche auf nachhaltige Energie sorgen, »damit wir weit in die Zukunft blicken können und das Leben dann immer noch gut ist«, scheint gründlich in Vergessenheit geraten.

»Gutes Leben in der Zukunft, das erklärt Elon Musk zum tieferen Sinn seiner wirren Business-Eskapaden«, sagt Arvid. »Für wirklich nachhaltige Mobilität tut Tesla aber erstaunlich wenig, allzu oft eher etwas dagegen. So entsteht eine Fortsetzung der alten, Ressourcen verschwendenden Autowelt, nur in elektrisch.«

3. Trotz vieler Schutzmaßnahmen nimmt der Lärm in unserer Umwelt nicht ab, heißt es am heutigen Aktionstag gegen den Krach – und die Menschen werden sensibler.

Ab wann ist Krach schädlich? Und kann er auch Spaß machen? Ich selbst bin ein begeisterter Rockmusikhörer und Konzertgänger, stopfe mir aber bei lauten Konzerten Lärmschutzpfropfen ins Ohr. Ein mir bekannter Musikkritikerkollege dagegen erzählt noch heute stolz davon, dass er völlig ungeschützt ausgerechnet während eines Konzerts seiner Lieblingsband Oasis einen Hörschaden erlitten hat. Das Pfeifen im Ohr, das von Medizinerinnen und Medizinern Tinnitus genannt wird und natürlich eine schlimme gesundheitliche Störung ist, hat der Kollege monatelang wie eine Trophäe mit sich herumgetragen. Auf einer Webseite , die Lieder empfiehlt, die man angeblich unbedingt besonders laut hören muss, habe ich übrigens auf Platz eins Eric Claptons und Jim Gordons Song »Layla« von 1970 gefunden.

Heute ist der internationale »Tag gegen Lärm«, und auch wenn ich vom Sinn solcher Aktionstage nicht restlos überzeugt bin, habe ich mit Neugier das Interview meines Kollegen Enrico Ippolito mit einem Lärmforscher gelesen. »Was wir unter Lärm verstehen, ist nicht ein lautes Geräusch, sondern die negative Wirkung oder die negative Bewertung eines Geräusches«, sagt Professor André Fiebig, der in Berlin im Fachgebiet »Psychoakustik« lehrt. Leider könne man sich an Lärm auch unter Dauerbelastung nicht gewöhnen, berichtet der Fachmann . Und natürlich mache Lärm von Autos, Flugzeugen, Maschinen viele Menschen krank.

Ist die Welt heute lauter als je zuvor? Das ist, so hat Enrico erfahren, eher der subjektive Eindruck vieler Leute. Unsere Umwelt sei eher nicht lauter geworden in den letzten Jahrzehnten, aber trotz vielfältiger Lärmschutzbemühungen auch nicht wesentlich leiser. Dafür seien die Menschen, so der Akustikforscher, heute »deutlich kritischer beim Thema Lärm, viel weniger tolerant als früher«. Das habe vermutlich auch damit zu tun, dass inzwischen weithin bekannt ist, wie groß die gesundheitliche Belastung durch Lärm ist. »Die Menschen sind sensibler geworden«, heißt es im Interview. »Wir beobachten, dass verstärkt etwa Lärm durch Baustellen beanstandet wird.«

Der heutige »Tag gegen Lärm« soll, wie mein Kollege Enrico sagt, Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Das wollte schon der große Mediziner Robert Koch, als er im Jahr 1910 verkündete: »Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Schrulliger Fußballphilosoph: Unay Emery, 50, baskischstämmiger Trainer des heutigen Champions-League-Halbfinalisten Villareal, vertraut offenbar auf die Kraft des endlos gesprochenen Worts. Der als »Einstein des Fußballsports« verehrte Coach motiviert sein Team mit Videovorführungen und Taktikansprachen von großer Ausdauer. Ein erschöpfter Ausspruch, den einer seiner bekanntesten Spieler, der Flügelstürmer Joaquín, nach einer Emery-Predigt tat, ist mittlerweile ein geflügeltes Wort: »Mir ging das Popcorn aus.« 

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Deshalb prüft der Haushaltsausschluss nun, die Stellen im Bundesetat für 2023 zu kürzen.«

Cartoon des Tages: Karlsruher Urteil zum bayerischen Verfassungsschutz

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich, wenn Sie einigermaßen hart gesotten sind, die offenbar knallharte Serie »We Own This City« auf Sky ansehen. Mein Kollege Philipp Oehmke findet das neue Epos aus der Werkstatt des ehemaligen US-Polizeireporters David Simon nicht ganz so schillernd wie dessen Serienklassiker »The Wire«. Dafür ist Simons Blick auf die Realität der Polizeiarbeit noch grimmiger.

»Den Polizisten ist klar, dass sie moralisch längst verloren haben«, für alle – die Bürgermeisterin, die Chefanklägerin, den Polizeichef – gehe es nur noch um das eigene Überleben und den eigenen Vorteil, schreibt Philipp. In gewisser Weise spiegele die in der Stadt Baltimore spielende Serie die Hoffnungslosigkeit unserer Zeit. Es sei die Leistung von »We Own This City«, das »für den Zuschauer schmerzhaft herauszuarbeiten«.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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