Anna Clauß

Die Lage am Abend Vom Millionär zum Tellerwäscher

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Ressortleiterin Meinung und Debatte
Von Anna Clauß, Ressortleiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Russische Truppenbewegung – Blufft Putin nur?

  2. Free Goldi – Könnte Omikron manches zum Guten wenden?

  3. Versöhnung – Warum lädt Friedrich Merz Angela Merkel zum Dinner?

1. Der will nur spielen?

Sind es nur Übungen – oder will Russland tatsächlich in die Ukraine einmarschieren? Die Frage steht seit Wochen im Raum. Moskau stationiert Tausende Soldaten im Grenzgebiet, fährt mit viel Kriegsgerät in der Region auf. In direkter Nähe zur Ukraine stehen russische Kampfpanzer und Artilleriegeschütze bereit.

»Wir sollten uns nicht belügen und glauben, Putin bluffe nur« , sagt Fiona Hill, die als Russlandberaterin von drei US-Präsidenten gearbeitet hat. Mein Kollege René Pfister aus dem SPIEGEL-Büro in Washington konnte mit ihr sprechen. »Putin ist 2008 in Georgien einmarschiert, und er hat in den Krieg in Syrien eingegriffen«, ruft Hill in Erinnerung. »Seine Geheimdienste haben Dinge getan, die man nicht für möglich gehalten hätte. Sie haben außerordentlich wirksame Giftstoffe benutzt, um in Großbritannien einen Anschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal zu verüben. Alexej Nawalny hat ein Giftattentat überlebt, aber das bedeutet nicht, dass es keine Absicht gab, ihn zu töten.«

Immerhin gibt es auch kleine positive Signale. Heute sind der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein US-Kollege Antony Blinken zu Krisengesprächen in Genf zusammengekommen. Die USA und ihre westlichen Verbündeten verlangen einen Rückzug der an der ukrainischen Grenze zusammengezogenen 100.000 russischen Soldaten ins Hinterland. Russland dagegen will schriftliche Sicherheitsgarantien und ein Ende der Osterweiterung des westlichen Militärbündnisses Nato. Blinken sagte nach dem Gespräch, beide Seiten hätten nun ein besseres Verständnis für die Position des Anderen. Lawrow betonte: »Das ist nicht das Ende des Dialogs.«

Auch die SPIEGEL-Titelstory  beschäftigt sich diese Woche mit dem Ukrainekonflikt. Ein großes Team an Redakteuren hat unter anderem recherchiert, was der Konflikt für die Menschen vor Ort bedeutet und warum die deutsche Bundesregierung bisher so zaghaft reagiert.

2. Free Goldi!

Großbritannien hat es getan. Dänemark auch. Genauso wie Israel. Viele Länder lockern derzeit ihre Coronaregeln, obwohl die Ansteckungszahlen anschwellen. Dass mit der offensichtlich milderen Variante Omikron eine neue Phase der Coronapandemie beginnt, hofft die Politik auch in Deutschland.

»Es ist nicht sinnvoll, jetzt zu verschärfen«, sagte Markus Söder nach einer Sitzung des CSU-Vorstandes am Freitag in München. Vielmehr müsse mit Augenmaß beobachtet werden, inwieweit sich die Omikron-Welle auf die Belastung des Gesundheitswesens auswirke. Er könne sich für Bayern mögliche Lockerungen für die Zulassung von Zuschauern beim Profisport sowie für Kinder und Jugendliche bei der Beschäftigung am Nachmittag vorstellen.

Und noch eine gute Nachricht gibt es: Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit teilte heute mit, es gäbe keine Hinweise auf relevante Übertragungen des Coronavirus von Haustieren auf den Menschen.

In Hongkong war zuletzt die Tötung von etwa 2000 Hamstern und anderen Kleintieren angeordnet worden – aus Angst, das Virus könne sich unter den Tieren ausbreiten und auch auf Menschen übergehen. Nach der Entdeckung mehrerer mit dem Coronavirus infizierter Hamster in einer Tierhandlung hatten die Behörden außerdem Haustierbesitzer, die ihre Nagetiere nach dem 22. Dezember erworben hatten, aufgefordert, diese bei der offiziellen Hamster-Sammelstelle abzugeben. Nach Angaben der Stelle wurden dort bis Donnerstagabend 68 Nagetiere abgegeben.

Die Tränen der womöglich minderjährigen Besitzer möchte ich mir gar nicht vorstellen. Zum Glück bleiben uns Keulaktionen wie diese in Deutschland bislang erspart.

3. Ein Korb für Friedrich Merz

Was macht eigentlich Angela Merkel? Sie verteilt Körbe. Mitte der Woche lehnte sie ein Jobangebot als Beraterin bei der Uno in New York ab. Heute wurde bekannt, dass die Kanzlerin im Ruhestand auch kein Interesse am Ehrenvorsitz der CDU hat. »Angela Merkel ist da auch zu der Entscheidung gekommen: Es passt nicht mehr in die Zeit«, teilte Armin Laschet im RTL/nt-v-»Frühstart«.

Auch zu einer Versöhnung mit Friedrich Merz wird es vorerst nicht kommen. Wie mein Kollege Veit Medick aus dem Berliner SPIEGEL-Büro herausgefunden hat, lehnte Merkel dessen Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen mit allen lebenden CDU-Vorsitzenden am Samstagabend ab. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer ließ sich bei Merz entschuldigen. Nur Wolfgang Schäuble und Armin Laschet sollen zugesagt haben. Merz hat neben den Ex-Vorsitzenden auch Mitglieder des alten und neuen CDU-Präsidiums eingeladen.

Die morgen Mittag anstehende Wahl von Friedrich Merz zum neuen Parteivorsitzenden gilt als sicher. Dass der Held der CDU-Basis, als der sich der 66-Jährige die letzten Jahre gern präsentiert hat, am Tag der Übernahme des Parteivorsitzes zur Dinner-Veranstaltung mit ausgewählten Parteipromis lädt, lässt tief blicken. Ich jedenfalls habe Merz den Wandel vom Millionär zum Tellerwäscher nie abgenommen.

Es würde mich überraschen, wenn er sich ab sofort ganz in den Dienst der Partei stellen, für mehr Basisbeteiligung oder Bürgernähe sorgen würde. Merz' Wunsch nach einer CDU-Elitenparty am Abend seiner Inthronisierung lässt eher vermuten, dass er sich selbst für noch wichtiger hält als die große Aufgabe , die vor ihm liegt: die Union zurück an die Macht zu bringen.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Meat Loaf ist tot: Berühmt wurde er mit der »Rocky Horror Picture Show« – »I’d Do Anything for Love« und »Paradise by the Dashboard Light« gehörten zu seinen größten Hits: Der amerikanische Rocksänger Meat Loaf ist gestorben. Er wurde 74 Jahre alt.

  • Merkel lehnt Ehrenvorsitz der CDU ab: Es passt nicht mehr in die Zeit: So hat Kanzlerin Angela Merkel nach Angaben des scheidenden Parteichefs Armin Laschet begründet, warum sie keine Ehrenvorsitzende der CDU werden möchte.

  • Ampel-Abgeordnete kündigen Entwurf für Impfpflicht an: Am Mittwoch debattiert der Bundestag über die Einführung einer Impfpflicht in Deutschland. Sieben Abgeordnete der Koalitionsfraktionen von SPD, FDP und Grünen haben nun einen ersten Gesetzentwurf präsentiert.

  • AfD muss ohne Landesliste antreten: Wegen interner Streitigkeiten steht die AfD im Saarland ohne Landesliste für die Landtagswahl Ende März da. Die Partei fürchtet eine deutliche Reaktion der Wählerschaft.

  • »Squid Game« wird fortgesetzt: Die erfolgreichste Netflix-Serie geht in die zweite Staffel, das hat der Streaminganbieter jetzt bestätigt. Gleichzeitig deutete Co-Chef Sarandos weitere Fortsetzungen an: »Das ›Squid Game‹-Universum hat gerade erst begonnen«.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Werden 48 Millionen Autos wertlos? Die Ampelkoalition macht beim Umstieg auf E-Mobilität Tempo, für die Besitzer von Dieseln oder Benzinern könnte es teuer werden. Denn die alternativen Kraftstoffe werden woanders gebraucht .

  • Vor allem Ricarda Lang können die Ermittlungen der Staatsanwälte schaden: Sie ist erst 28, ein Jungstar bei den Grünen – nun steht Ricarda Lang mit dem gesamten Vorstand unter Verdacht: Untreue. Das Wort macht aus einer Tollpatschigkeit eine mögliche Straftat. Wie gefährlich wird ihr das ?

  • Vorteil Omikron: Grundsätzlich ist Omikron kaum ansteckender als Delta, untermauern neue Daten. Durchsetzen konnte sich die Variante wohl vor allem, weil sie den Immunschutz von Geimpften und Genesenen umgeht .

  • Die AfD ist ein digitaler Scheinriese: Die Algorithmen helfen der AfD, keine Partei hat auf Facebook so viel Erfolg wie die extrem Rechten. Doch eine SPIEGEL-Analyse zeigt: Rund ein Drittel der Top-Kommentatoren sind fake oder nicht authentisch .

  • »Die Kirche hat in doppelter Weise versagt«: Irme Stetter-Karp vertritt die katholischen Laien in Deutschland. Dass Benedikt XVI. kein Fehlverhalten einräumt, findet sie beschämend. Und sie stellt eine Forderung an Bischöfe, die bei der Führung versagt haben .

Was heute weniger wichtig ist

  • Sängerin Adele hat ihre Konzertreihe in Las Vegas abgesagt – einen Tag vor der geplanten Premiere. Unter Tränen wandte sich die 33-Jährige in einer Videobotschaft an ihre Fans. Es tue ihr so leid, aber ihre Show sei einfach nicht fertig, sagt die Musikerin sichtlich aufgelöst auf Twitter. Sie und ihr Team hätten alles versucht, aber die Coronavirus-Pandemie habe alles zunichtegemacht. Die Hälfte ihrer Mitarbeiter sei erkrankt, zudem seien Anlieferungen in Verzug.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Auch die Leute um ihm herum sind im Grunde dieselben geblieben« 

Cartoon des Tages: Ukraine-Gespräche

Und am Wochenende?

Heute ist internationaler Jogginghosentag. Falls Sie eine besitzen, machen Sie es sich gemütlich und schlagen Sie am besten Ihr Tagebuch auf. Falls Sie keines haben, dann kann ich Ihnen nur raten, eines anzuschaffen. »Was ich heute nicht aufschreibe, das werde ich morgen nicht erlebt haben«, notierte Manfred Krug am 4. August 1997 in seines. »Jeder über 50 sollte ein Tagebuch führen, weil er dann mehr erlebt.«

Falls Sie lieber Tagebuch lesen statt schreiben (so wie meine jüngere Schwester, die vor rund 30 Jahren mein Teenager-Tagebuch heimlich mitlas, aber eines Tages vergaß, es zurück in die Schublade zu legen, womit alles aufflog) empfehle ich Ihnen diesen Text meines Kollegen Janko Tietz. Er schreibt über die Tagebücher des 2015 verstorbenen Schauspielers und Sängers Manfred Krug .

Der hat die letzten zwanzig Jahre seines Lebens detailliert Tagebuch geführt, das mehrere Tausend Seiten umfasst. Der SPIEGEL veröffentlicht daraus in seiner aktuellen Ausgabe einen Vorabdruck. Der erste Band, der die Jahre 1996 und 1997 umfasst, erscheint am 26. Januar 2022 im Berliner Kanon Verlag. Darin schildert Krug, wie unzufrieden er über seine Zusammenarbeit mit der Telekom war, für die er als Werbegesicht die T-Aktie anpries.

Von wegen aufregendem Leben: Krug beschreibt auch das Auffliegen seines Doppellebens mit seiner Geliebten Petra und der 1995 unehelich geborenen Tochter Marlene am 13. Januar 1996: »Ich hatte mit meiner Petra verabredet, daß sie mit Marlene in meiner Wohnung gegenüber auf mich wartet. Dort saß sie, nur mit Unterwäsche bekleidet, im Ledersessel, das Kind lag auf dem Fußboden, als plötzlich Ottilie ohne mein Wissen hereinkam, um Butter aus meinem Tiefkühlfach zu holen. Damit war es passiert: Otti war Petra und dem Kind begegnet.«

Nächste Woche begegnen Sie an dieser Stelle meinem Lage-Kollegen Alexander Neubacher.


Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Anna Clauß

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