Arno Frank

Die Lage am Abend Die zynische Absprache zwischen Peking und Moskau

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Mariupol, Lemberg – Wo verlaufen die Fronten, wo die Fluchtrouten?

  2. Berlin – Und was kommt im Fernsehen?

  3. Lausanne – Denkt denn niemand an den Sport?

1. Die Kämpfe, die Angst, die Fluchtrouten

Restschneidige Brigadegeneräle a.D. und sogar ehemalige Wehrdienstleistende können das gewiss besser erklären als ich, aber der russische Vormarsch auf die großen Städte des Nordens (Kiew, Charkiw) geht langsam voran. Bei dem kilometerlangen Konvoi vor Kiew handelt es sich wohl um mehrere kleine Konvois, die im Stau stehen. Angriffe auf die Städte, die darin sich aufhaltende Zivilbevölkerung (und auch Gedenkstätten wie Babyn Jar, wo deutsche Einsatzgruppen am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder hingemetzelt hatten) gehen offenbar unvermindert weiter.

Im Süden verzeichnen die russischen Streitkräfte nennenswerte Gebietsgewinne. In Cherson (»Halbinsel«, ursprünglich eine griechische Kolonie aus dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeit) sollen russische Soldaten bereits in das Bürgermeisteramt eingedrungen sein. Das strategisch wichtige Mariupol am Schwarzen Meer (rund 400.000 Einwohner) ist den Meldungen zufolge von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten.

Unterdessen fliehen vor den Luftschlägen und Kämpfen inzwischen eine Million Menschen zunächst in den Westen des Landes – und von dort zunächst nach Polen, Ungarn, Moldau und die Slowakei, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen berichtet.

Erneut haben heute Wladimir Putin und Emmanuel Macron miteinander telefoniert, die Initiative ging vom Kreml aus. Anlass zur Hoffnung ist das aber leider nicht, wie meine Kollegin Britta Sandberg aus Paris berichtet. Im Élysée ist man nun pessimistischer denn je. 

2. RT Deutsch – steht das T jetzt für Telegram?

Als Denial-of-Service (kurz: DoS, auf Deutsch: »Verweigerung des Dienstes«) bezeichnet man es in der Informationstechnik, wenn eine Seite im Internet in die Knie gegangen ist – beispielsweise, weil ein »verteilter Dienstverweigerungsangriff« (kurz: DDoS, auf Englisch: Distributed-Denial-of-Service-attack) stattgefunden hat. Kann passieren, laienhaft ausgedrückt, wenn ein Anbieter etwa unter einen automatisierten Dauerbeschuss mit Anfragen genommen wird.

In diesem Fall greifen Anbieter, die bereits einen solchen Angriff erwarten (Hamas, QAnon, Holocaustleugner) zu einer russischen Software namens DDoS Guard – die begrüßte in den vergangenen Tagen auch jeden, der die Seite von RT Deutsch im Internet anwählte. Jetzt nicht mehr. Seit die EU endlich »alle Verbreitungswege von RT und Sputnik«, etwa »per Kabel, Satellit oder Internet« unterbunden hat, empfängt RT Deutsch mit einer »letzten Chance auf Direktinformation« – und einem Link zu Telegram.

Es ist, wenn man so möchte, eine unblutige Entsprechung europäischer Behörden auf den Raketenangriff, mit dem russische Streitkräfte den Fernsehturm von Kiew ausgeschaltet haben  (fünf Tote laut ukrainischen Berichten).

Recht wenig berichtet aus der Ukraine hat zuletzt die ARD – und Besserung gelobt. Aus Sicherheitsgründen waren alle Korrespondenten abgezogen. Selbst der Deutschlandfunk musste noch am Donnerstagmorgen auf einen furchtlosen Mitarbeiter der österreichischen Öffentlich-Rechtlichen zurückgreifen.

3. Denkt denn niemand an den Sport?

Die Formel 1 streicht Russland aus seinem Rennkalender, Porsche verkauft einstweilen seine Sportwagen nicht mehr nach Russland. Als Reaktion auf eine entsprechende Entscheidung der Verbände hat das Unternehmen EA Sports russische und belarussische Fußball- oder Eishockey-Mannschaften aus seinen Computerdaddelquatschprodukten »FIFA 22« und »NHL 22« gestrichen.

In gewissen Kreisen ist das von höherem Symbolwert noch als der Ausschluss von Russland und Belarus von den Paralympics. Das Internationale Olympische Komitee bekräftigte seine »feste Überzeugung, dass Sport und Politik sich nicht vermischen sollten«. In diesem Fall aber sei der Krieg »ohne unser eigenes Verschulden zu diesen Spielen gekommen, und hinter den Kulissen nehmen viele Regierungen Einfluss auf unsere geschätzte Veranstaltung«.

Apropos »geschätzte Veranstaltung«: Das von den Klatschtanten der »New York Times« kolportierte Gerücht, Peking habe Moskau gebeten, mit seiner Invasion bis nach dem Olympischen Spielen zu warten, kolportieren wir hier besser mal nicht weiter – zu zynisch, um wahr zu sein.

Gemeldet wird, dass die Fußballspieler Witali Sapylo und Dimitri Martynenko bei der Verteidigung ihres Landes ums Leben gekommen sein sollen. Sie wurden 21 und 25 Jahre alt. Ebenfalls gefallen ist der Biathlet Jewhen Malyschew, 19. Derzeit stehen noch weitere ukrainische Biathletinnen und Biathleten im Kampf. Warum ausgerechnet Biathleten? Ein Gedanke, den wir nicht weiterdenken – ebenfalls zu zynisch.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Estnisches Frachtschiff sinkt nach Explosion vor Odessa: Odessa am Schwarzen Meer gilt als mögliches Ziel einer russischen Landungsoperation. Nun ist unweit der Stadt ein Frachtschiff gesunken. Die Ursache ist unklar, doch der Schiffsversicherer hat eine Vermutung.

  • Mohammed bin Salman ätzt gegen Joe Biden: Mit Donald Trump versteht sich Mohammed bin Salman prächtig – mit Joe Biden nicht. In einem Interview bekräftigte der saudische Kronprinz seine Abneigung nun deutlich. Und er bezeichnete Israel als »potenziellen Partner«.

  • Georgien beantragt Aufnahme in die EU – Moldau will folgen: Nach Putins Invasion in die Ukraine wollen mehrere ehemalige sowjetische Republiken in die EU. Neben Georgien will nun auch Moldau in den Staatenbund. Ein positiver Ausgang der Notfallprüfungen scheint schwierig.

  • Provider sollen Pornoportal xHamster sperren: Weil xHamster Kinder und Jugendliche nicht aussperrt, sollen die größten Internetanbieter Deutschlands den Zugang zu der Pornoseite nun komplett verhindern. Weitere Sperren können folgen.

  • Mercedes-Benz will E-Klasse nicht mehr als Taxi anbieten: Die beliebte Taxi-E-Klasse steht laut einem Bericht vor dem Aus – Mercedes möchte sie nach dem Modellwechsel 2023 nicht mehr anbieten. Der Taxi- und Mietwagenverband bezeichnete die Entscheidung als »katastrophal«.

Meine Lieblingsgeschichte heute ...

... ist eine stillere, in der es nicht um Krieg geht. Sondern um die Kunst der Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie, die Elisa von Hof, 31, in München getroffen hat. Meine Kollegin war noch nicht einmal auf der Welt, als Dörrie mit ihrem Film »Männer« 1985 ihren Durchbruch erlebte. Damals schrieben noch Männer vom Schlage eines Hellmut Karasek über eine Frau »mit sehr kurzen Haaren und sehr langen Beinen«, oh lala. Naja. Elisa von Hof sagt: »Wer ihre autobiografischen Bücher kennt, glaubt, eine Freundin zu treffen. Schließlich weiß man über ihr Leben so viel. Obwohl das eine ziemlich schräge Gesprächssituation sein kann, wird man mit Dörrie schnell warm. Vielleicht, weil sie sich Zeit nimmt, auch für ehrliche Antworten.« Und die stehen da alle drin im Text. Lesenswert.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Wir werden die Ukraine nicht opfern«: Der Krieg in der Ukraine setzt die EU unter enormen Zugzwang – bietet ihr aber auch eine historische Chance. Im Interview sagt der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, was die Europäer jetzt tun müssen .

  • Putins willige Helfer aus Tschetschenien: Kämpfer des Machthabers in Grosny sollen in der Ukraine an der Seite der russischen Armee kämpfen. Sie gelten als besonders brutal – doch bisher haben sie nur Verluste zu vermelden .

  • Frauen wurden im Freien vom Wasser überrascht, Männer in ihrem Keller: Beim Hochwasser im Juli kamen in NRW 49 Menschen ums Leben. Ein bislang unveröffentlichtes Gutachten der Uni Potsdam zeigt, warum es so viele Opfer gab – und wie man Anwohner besser warnen könnte .

  • Spitzenklub abzugeben, Stadion modernisierungsbedürftig, 2,3 Milliarden Euro VB: Beim FC Chelsea endet die Ära Abramowitsch. Durch sein Milliardeninvestment hat der Russe nicht nur den Klub, sondern auch den europäischen Fußball radikal verändert. Doch was wird jetzt aus dem Verein? 

Was heute weniger wichtig ist

Nehmt das: Robbie Williams, 48, sammelt Kunst – und trennt sich von ihr, wenn die Zeit (oder eine hohe zu begleichende Rechnung) gekommen ist. Das ehemalige Mitglied von Take That, erfolgreicher noch als Solokünstler (»Angels«), hat sich beim Auktionshaus Sotheby’s von zwei Werken des ominös-obskuren Street-Art-Künstlers Banksy getrennt. »Girl with a Balloon« in einer unzerschredderten Variante erzielte in der Versteigerung 3,3 Millionen Euro, das noch bessere »Vandalised Oil (Choppers)« sogar 5,3 – hier hatte Banksy zwei Kampfhubschrauber in ein Landschaftsidyll aus dem 17. Jahrhundert montiert. Ebenfalls angeboten aber in letzter Minute zurückgezogen hat Williams »Kissing Coppers«, das ikonische Bild zweier Polizisten beim innigen Kuss. Dieses Werk hängt nun vermutlich »back for good« wieder bei ihm zu Hause.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Das macht es auch für politische Strömungen attraktiv, die erfolgreich Misstrauen sähen gegenüber Institutionen und dem Staat – etwa die ›Querdenken‹-Bewegung.«

Cartoon des Tages: Galerien

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Natürlich könnten wir, wie Kardinal Woelki in den vergangenen Monaten, einfach mal eine »geistliche Auszeit« nehmen. Oder wir schalten um 22.15 Uhr »Maybrit Illner« ein, Eskapismus hin, Realitätsflucht her. Denn diesmal ist die schillernde Stimmungskanone Olaf Scholz zu Gast. Alleine. Solo wie Robbie Williams in seinen besten Jahren. Unwidersprochen wird kaum bleiben, was er sagt, dafür sorgt schon die Moderatorin. Vermutlich geht es um den Krieg in der Ukraine, aber das soll uns hier nicht weiter kümmern.

Stattdessen sei an die alte Tradition des Trinkspiels erinnert. Man halte einen Wodka vorrätig und kippe jeweils dann ein Glas, wenn Scholz nicht klipp und klar und unumwunden auf eine gestellte Frage antwortet, sondern sich in herrlich drögen Mäandern und Satzgirlanden von geradezu finanzamtlicher Sachlichkeit ergeht. "До  дна !" (Ypa), wie sie in der Ukraine sagen! Prost!

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung und einen friedlichen Abend. Herzlich
Ihr Arno Frank

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, unter den Nutzern von DDos Guard seien Holocaustverweigerer. Gemeint waren Holocaustleugner. Wir haben die Stelle korrigiert.