Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Hat sich Putin zu viele Steroide gespritzt?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Waffen, Sanktionen, Diplomatie – Wie lässt sich Putin stoppen?

  2. Kein Herz für Pendler – Was tut die Regierung gegen steigende Energiepreise?

  3. Fünf Sterne für 25 Dollar – Was unternimmt Amazon gegen Fake-Bewertungen?

1. Putin auf Steroiden?

Der langjährige Moskau-Korrespondent der ARD Udo Lielischkies hat gestern bei einer Talkshow die Vermutung wiedergegeben, Wladimir Putin werde mit Steroiden behandelt. Er bezog sich auf eine Einschätzung der amerikanischen Expertin Fiona Hill, die im Weißen Haus für insgesamt drei US-Präsidenten als Russlandberaterin gearbeitet hat. Hill vertritt die These, Putin sei erkrankt.

Nun sind medizinische Ferndiagnosen mit Vorsicht zu betrachten. Wer allerdings die Rede des russischen Präsidenten gestern Abend vor dem Fernseher verfolgt hat, neigt dazu, die Doping-These für plausibel zu halten. Putin hetzte, wütete, seine Stimme überschlug sich. Er wirkte phasenweise nicht mehr wie ein Mann, der auf einer rationalen Grundlage handelt.

»Es lohnt sich, an dieser Stelle kurz innezuhalten und sich zu vergegenwärtigen, was genau in den vergangenen 24 Stunden geschehen ist«, schreibt mein Kollege Maximilian Popp : »Putin hat ja nicht nur die Unabhängigkeit zweier ostukrainischer Gebiete anerkannt. Er hat in einer bizarren Rede der Ukraine das Existenzrecht abgesprochen. Die Minsker Friedensverhandlungen, an denen auch Deutschland und Frankreich beteiligt waren, hat er für tot erklärt.«

Was viele deutsche Politikerinnen und Politiker von Mützenich bis Wagenknecht bis vor Kurzem für völlig unwahrscheinlich hielten, ist eingetreten: Putins Truppen sind dabei, in die Ostukraine einzufallen. Panzer rollen, Soldaten marschieren. Es sind Szenen, die an die wir uns womöglich gewöhnen müssen. Auf SPIEGEL.de halten wir Sie auf dem Laufenden.

Was kann man tun, um Putin zu stoppen? Die Bundesregierung tat heute das längst Überfällige: Sie stoppte die Gaspipeline Nord Stream 2. Bundeskanzler Olaf Scholz sagte, er habe veranlasst, die nötigen verwaltungsrechtlichen Schritte zu unternehmen, damit vorerst keine Zertifizierung der Gaspipeline erfolgen kann. »Und ohne diese Zertifizierung kann Nord Stream 2 ja nicht in Betrieb gehen.«

Die EU-Kommission in Brüssel arbeitet derweil an einem weiteren Sanktionspaket gegen Russland. Der Plan ist, dass Europa geschlossen auf den Einmarsch russischer Truppen in der Ostukraine reagiert. Doch wie mein Kollege Ralf Neukirch aus Brüssel berichtet, ist das nicht einfach . Litauen fordert, die Sanktionen möglichst sofort zu beschließen; ein Angriff auf die Ukraine sei ja bereits erfolgt. Die Außenminister von Österreich und Irland hingegen wollen noch abwarten. Wenn man Moskau zu früh sanktioniere, gebe man Druckmittel aus der Hand, so ihre Argumentation.

Doch nicht nur der Zeitpunkt der Sanktionen ist umstritten. Unklar ist auch, welche Strafen verhängt werden sollen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat nach Konsultationen mit den Mitgliedstaaten eine umfangreiche Liste erstellt. Italiens Ministerpräsident Mario Draghi jedoch hat bereits klargemacht, dass er keine Sanktionen mittragen will, die den Energiesektor betreffen.

Ob sich Putin dadurch einschüchtern lässt? »Ignoranz und Opportunismus haben mit dazu geführt, dass Europa nun da steht, wo es steht: am Rande eines neuen Kriegs auf dem Kontinent«, kommentiert Maximilian Popp. Nun müsse sich der Westen auf eine lange, aufreibende Auseinandersetzung mit dem russischen Regime einstellen.

2. Warum die Regierung die Pendlerpauschale erhöhen sollte

Die Ampelkoalition will morgen darüber beraten, wie sie die Bürgerinnen und Bürger bei den Energiekosten entlasten kann. Ein wirksames Mittel wäre, die Pendlerpauschale zu erhöhen. Die Idee ist jedoch umstritten. SPD und FDP sind teilweise dafür, die Grünen dagegen. »Die Pendlerpauschale ist schon jetzt eine umweltschädliche Subvention«, sagte heute der grüne Haushaltspolitiker Sven-Christian Kindler der »Augsburger Allgemeinen«.

Ich möchte an dieser Stelle ein Lob für die Berufspendler loswerden. Tag für Tag quetschen sie sich in Regionalzüge, quälen sich durch Staus. Doch obwohl sie damit nicht nur sich selbst am Laufen halten, sondern das ganze Land, haben die Pendler in der Politik nicht viele Freunde. Jahrelang lag die Pendlerpauschale bei 30 Cent pro Kilometer. One-Way. Schon wegen der Inflation hätte es längst mehr sein müssen. Ab 2021 gab es dann eine Erhöhung auf 35 Cent. Diese gilt aber erst ab Kilometer 21. Für die ersten 20 Kilometer werden weiterhin nur 30 Cent veranschlagt. Das reicht bei vielen Pendlern längst nicht aus, um die Kosten zu decken.

Ich halte die grüne Kritik an der Pendlerpauschale für unzutreffend. Sie ist kein Umweltfrevel, sondern ökologisch neutral. Anders als ein offenbar unwissender Robert Habeck vor einiger Zeit behauptete, gilt sie auch für Bahn- und Radfahrer und sogar für Fußgänger. Auch das Argument, sie treibe die Menschen hinaus aufs Land, ist mindestens stark übertrieben. Ich habe noch niemanden getroffen, der wegen der Steuerersparnis aufs Dorf gezogen ist. Man hört eher Stichworte wie »frische Luft«, »eigener Garten« und »mehr Platz für die Kinder«.

Vor allem aber ist die Pendlerpauschale kein staatlicher Gnadenakt, sondern das gute Recht aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die mit der Berufsausübung verbundenen Kosten beim Finanzamt anzusetzen. Wenn Grünen-Politiker Kindler die Pendlerpauschale als »Privileg« bezeichnet, zeigt das nur, dass er das Steuersystem nicht verstanden hat.

3. Glauben Sie keiner Fünf-Sterne-Bewertung!

Gehören Sie auch zu den Menschen, die Amazon-Rezensionen lesen, bevor Sie sich für den Kauf eines Produkts entscheiden? Dann haben meine Kollegen Simon Book und Alexander Demling einen Rat: Seien Sie misstrauisch! Allzu viele Fünf-Sterne-Bewertungen stammen von professionellen Fälschern, sind übertrieben oder irreführend. Manche Händler zahlen für eine angeblich verifizierte Jubelbewertung – mitunter nur 25 Dollar. Schon für 20 Dollar markiert jemand eine Bewertung als hilfreich oder stellt eine Frage zum Produkt.

Die falschen Rezensionen schaden nicht nur den Kundinnen und Kunden, sondern auch dem Ruf von Amazon. Der Konzern hat deshalb nun zwei internationale Agenturen verklagt, die Fake-Bewertungen verkaufen: AppSally und Rebatest. Zusammen hätten diese mehr als 900.000 Fake-Tester, heißt es. AppSally verschicke sogar leere Pakete, um Käufe vorzutäuschen. AppSally und Rebatest reagierten auf Anfragen des SPIEGEL nicht.

Doch woran erkennt man, ob eine Bewertung echt oder gelogen ist? Amazon setzt auf eine Kombination aus künstlicher Intelligenz und gesundem Menschenverstand. Angeblich mehr als 10.000 Mitarbeiter durchkämmen die Foren. Arbeiten die Fake-Bewerter mit bestimmten Sätzen, können Algorithmen diese mit der Zeit erkennen und Bewertungen, die solche Sätze enthalten, automatisch löschen.

»Trotzdem gleicht die Jagd auf die Fake-Tester einem Katz-und-Maus-Spiel«, schreiben meine Kollegen, »und die Mäuse vermehren sich schnell.«

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Schweiz liefert Cum-ex-Anwalt nach Deutschland aus: Der deutsche Steuerrechtsanwalt Hanno Berger gilt als Schlüsselfigur im Cum-ex-Skandal. Jetzt liefert ihn die schweizerische Justiz nach Deutschland aus. Berger hatte sich bis zuletzt gegen seine Überstellung gewehrt.

  • VW bereitet Börsengang von Porsche vor: Der Autobauer VW will seine Sportwagentochter Porsche an die Börse bringen. Der Konzern spricht von »fortgeschrittenen Verhandlungen«.

  • Bekannter Kritiker Chinas in der Mongolei festgenommen: Der mongolische Aktivist Munkhbayar Chuluundorj hat den Einfluss Chinas auf die Regierung des Nachbarlandes kritisiert. Jetzt wurde er in Gewahrsam genommen – angeblich weil er Geld von ausländischen Geheimdiensten bekam.

  • Wohnanlage in Essen muss nach Großbrand abgerissen werden: Dutzende Wohnungen brannten bei dem Großfeuer in Essen komplett aus, mehr als hundert Menschen verloren ihr Zuhause. Nun ist klar, dass der Wohnkomplex nicht mehr zu retten ist. Zuvor erkundet aber noch die Polizei die Ruine.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Befreit sich der Mensch von den Grenzen der Biologie?

Wer ist Mann, wer Frau? Auf welcher biologischen Grundlage? Sollten schon Kinder behandelt werden, wenn sie den Körper nicht akzeptieren, in dem sie geboren wurden?

Über diese und ähnliche Fragen wird seit einiger Zeit heftig debattiert. Die Ampelkoalition plant ein neues Gesetz, wonach künftig eine Selbstauskunft im Standesamt genügt, um sich eine neue Geschlechtsidentität zu geben. Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch hingegen ereiferte sich erst letzte Woche über die transgeschlechtliche Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer: Diese sei »biologisch und juristisch ein Mann«.

Mein Kollege René Pfister hat nun einen unaufgeregten Text geschrieben, der die Argumente in der Genderdebatte sauber herausarbeitet. Offenbar geht es René bei dem Thema so ähnlich wie mir: Als freiheitlich denkender Mensch bin ich zu 100 Prozent dafür, dass jede und jeder die Möglichkeit bekommt, sein Geschlecht frei zu wählen, ohne deshalb von AfD-Politikern auf respektlose Weise behandelt zu werden. Gleichzeitig widerspricht es meiner Alltagserfahrung, dass es zwischen Mann und Frau keine biologischen Unterschiede gibt. Was fließende Übergänge freilich nicht ausschließt.

»Man kann die Transgender-Bewegung als Schritt hin zu einer Welt begreifen, in der sich der Mensch von der Biologie emanzipiert«, schreibt René. Ich fürchte, ganz so weit bin ich noch nicht. Aber es ist ein interessanter Gedanke.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Israel blickt auf die US-Politik in der Ukraine – und dann mit Sorge nach Iran: Israel war und ist gegen den internationalen Atomdeal mit Teheran. Doch die Regierung weiß, dass sie den Abschluss wohl nicht mehr verhindern kann. Auf eine Option will Jerusalem allerdings nicht verzichten .

  • Warum sich der FC Bayern als »Juden-Club« bezeichnet hat – und warum das falsch war: Der FC Bayern hat jahrelang eine Erzählung von sich gepflegt, während der Nazizeit zu den Guten gehört und dem Nationalsozialismus sehr lange widerstanden zu haben. Eine neue Studie revidiert dieses Bild .

  • Schweizer Medien hoffen nach »Suisse Secrets«-Enthüllungen auf Gesetzesänderung: Wenn Schweizer Journalisten über Datenleaks bei heimischen Geldinstituten berichten, haben sie ein Problem mit der Justiz – und müssen im Extremfall drei Jahre in Haft. Das könnte sich nun ändern .

Was heute weniger wichtig ist

  • Notox: Courteney Cox, 57, hat den Anspruch aufgegeben, wie ihr früheres Ich aussehen zu wollen. Jahrelang habe sie versucht, dieser Jugendlichkeit nachzujagen, auch mithilfe von Botox und Schönheitsbehandlungen, sagte die US-Schauspielerin im Interview mit der britischen »Sunday Times«: »Dabei habe ich nicht gemerkt: Oh Mist, ich sehe tatsächlich merkwürdig aus mit diesen Injektionen«. Mit dem Interview reagierte Cox auf teils sehr abfällige Äußerungen zu ihrem Aussehen in den sozialen Medien. Wegen der Reunion der TV-Serie »Friends« stand sie zuletzt wieder stark in der Öffentlichkeit.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Schaut man sich die IOC-Webseiten an, etwa zu den Winter-Jugendspielen 2020 in Lausanne, dann ist da vom ›Freeski Wunderkind‹ Eileen Gu und dem russischen ›Sakting-Wunderkind‹ Daniil Samasonov die Rede« 

Cartoon des Tages: Politik mit anderen Mitteln...

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Szene aus »Das Boot« (mit Erwin Leder, 1981)

Szene aus »Das Boot« (mit Erwin Leder, 1981)

Foto: imago/ United Archives

Wolfgang Petersens Filmklassiker »Das Boot« gibt es inzwischen in drei verschiedenen Versionen, die kürzeste dauert 143 Minuten, die längste 309, selbstverständlich empfehle ich Ihnen die XXL-Fassung: Wie es Kameramann Jost Vacano mit der Handkamera gelungen ist, die klaustrophobische Enge im U-Boot einzufangen, zählt für mich zu den Meisterleistungen der Filmgeschichte.

Umso fairer ist es, dass Vacano nun auch finanziell am Erfolg des sechsfach für den Oscar nominierten Films beteiligt wird. Nach jahrelangem Rechtsstreit wird ihm nachträglich fast eine halbe Million Euro Extrahonorar ausbezahlt, wie heute die Bavaria Film GmbH in einer Presseerklärung mitteilte. Das ist deutlich mehr als die etwa 100.000 Euro, mit denen sich Vacano Anfang der Achtzigerjahre zufriedengeben musste. Grundlage der Nachzahlung ist ein sogenannter Fairnessparagraf aus dem Jahr 2002: Besteht zwischen der Vergütung und den erzielten Erträgen ein »auffälliges Missverhältnis«, steht dem Urheber demnach eine nachträgliche »angemessene Beteiligung« zu.

Sie können sich »Das Boot« auf den üblichen Streamingplattformen herunterladen. Auf Netflix finden Sie auch die lange Fassung.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.