Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Droht uns eine Kriegswirtschaft?

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Auftragseinbrüche und Lieferengpässe – würgt der Krieg die deutsche Konjunktur ab?

  2. Hasskommentare im Netz – Warum werden Frauen besonders blindwütig attackiert?

  3. Vorstoß von Apple, Google und Co. – Dürfen wir unsere Passwörter bald vergessen?

1. Der Ukrainekrieg sorgt nicht bloß in der deutschen Politik, sondern auch in der Wirtschaft für Unruhe – die Industrie klagt über Einbrüche bei den Aufträgen und Lieferengpässe

Heute hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj telefoniert, rund eine Dreiviertelstunde lang. Es ist zu hoffen, dass sich der auf mich sehr unnötig wirkende Zank zwischen Selenskyjs Getreuen und den deutschen Regierenden dadurch ein bisschen entspannt. Auch der Wettstreit unter deutschen Spitzenpolitikerinnen und -politikern um die angeblich zutreffendere Beurteilung der Kriegslage sollte, so wünsche ich mir, durch dieses Telefonat etwas zur Ruhe kommen.

Die Unsicherheit in der deutschen Wirtschaft durch den Ukrainekrieg ist derzeit offenbar groß. Heute wurde bekannt, dass die Aufträge für die Industrie unerwartet stark eingebrochen sind. Der Krieg wirkt sich, wenig überraschend, auch auf die deutsche Konjunktur aus. Selbst der Ausblick auf die nächsten Monate falle »gedämpft« aus, heißt es aus Robert Habecks Wirtschaftsministerium. Viele Unternehmen wollen die Preise erhöhen. Und seit Kriegsbeginn machen sich Lieferengpässe in vielen Firmen bemerkbar, die durch die Coronakrise beim wichtigen Handelspartner China noch verschärft werden.

»Besonders heikel wird es dort, wo wichtige Vorprodukte längst nicht mehr in Deutschland produziert werden und die Lieferanten in Russland sitzen«, schreibt mein Kollege Michael Kröger in einer Geschichte über von Lieferproblemen besonders betroffene Industriezweige . Unter anderem ist Ruß ein strategisch wichtiger Stoff. Aus Sicht von unkundigen Normalmenschen habe das schwarze, fettig-klebrige Zeug, das zum Großteil aus Kohlenstoff besteht, »im Alltag zwar einen eher schlechten Leumund«, so Michael. »Aber in der Wirtschaft ist es unverzichtbar.« Er kommt in der Produktion von Reifen oder Gummidichtungen, aber auch auf dem Bau zum Einsatz. Kosmetikhersteller nutzen Ruß, um ihren Mascarastiften die nötige Farbtiefe zu verleihen.

Rund 60 Prozent des Industrierußes kommen aus Russland. Zwar müht sich die deutsche Wirtschaft seit Wochen um Ersatz, doch die Kapazitäten in anderen Lieferländern reichen offenbar nicht aus, um die Lücke so einfach zu schließen. Nun hofft man auf Hersteller aus Indien, China oder Saudi-Arabien.

Immerhin gibt es einen erfreulichen Aspekt der Knappheit. »Womöglich erweist sich der Epochenwechsel auf mittlere Sicht auch als Segen«, schreibt der Kollege. Durch die aktuellen Nachschubschwierigkeiten »könnten sich am Markt ganz neue Verfahren etablieren, die darüber hinaus viel nachhaltiger sind als die bisher genutzten.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Wie Separatisten ukrainische Männer verschleppen und an die Front schicken: In den sogenannten Volksrepubliken im ostukrainischen Donbass werden Männer offenbar in den Krieg gegen das eigene Land gezwungen. Tausende wurden bereits getötet, schätzen Mütter und Ehefrauen – und hoffen auf Lebenszeichen .

  • Jeder fünfte Deutsche glaubt Verschwörungsmythen zum Ukrainekrieg: Das Netz ist voller Falschmeldungen zum russischen Angriff in der Ukraine – und die finden in Deutschland laut einer Befragung viele Gläubige. Die Anhängerschaft einer Partei zeigt sich besonders anfällig.

  • Geberkonferenz sammelt mehr als sechs Milliarden Euro für Flüchtlinge: Die internationale Staatengemeinschaft ist sich einig, Flüchtlinge aus der Ukraine massiv zu unterstützen: Bei einer Geberkonferenz in Warschau kamen rund 6,5 Milliarden Dollar zusammen.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Prominente Frauen berichten im SPIEGEL über Hasskommentare – anders als bei Männern geht es fast nie um Inhaltliches, sondern sogleich unter die Gürtellinie

Jeder Mensch, der sich mit dem Hasskommentar-Alltag im Internet beschäftigt, ist fast zwangsläufig mit der Frage für die Motive einer eher schwer erklärlichen Niedertracht konfrontiert. »Nichts ist so anstrengend wie die Ergründung der menschlichen Dummheit«, hat der französische Schriftsteller Gustave Flaubert behauptet, der das Internet natürlich nicht kannte, aber tatsächlich sehr viel über mögliche Ursachen der Bosheit und des Stumpfsinns nachdachte.

Meine Kolleginnen Dialika Neufeld, Nora Gantenbrink und Antje Windmann haben in einer ziemlich erschütternden Recherche Hassprotokolle erstellt . In ihnen berichten sieben prominente Frauen davon, wie sie die zunehmende Gewalt im Netz erleben, wie sie von Menschen attackiert werden, die ihnen Vergewaltigungen oder den Tod wünschen. Nach jeder Talkshow wisse sie, »es wird ein Shitstorm kommen«, berichtet zum Beispiel die feministische Bloggerin Kübra Gümüşay über ihre Erfahrung mit digitaler Gewalt. Jäh losbrechender Hass und Hetze im Netz können offenbar in Deutschland jeden treffen – vor allem aber jede.

Anders als bei Attacken auf männliche Ziele finde eine inhaltliche Auseinandersetzung bei den Angriffen gegen Frauen kaum statt, keine Kritik an politischen Positionen, an Tätigkeiten. »Bei Frauen geht es direkt unter die Gürtellinie«, sagt Josephine Ballon, Leiterin der Rechtsabteilung bei HateAid, einer Berliner Hilfsorganisation für Betroffene. Ein Drittel der Kommentare, mit denen sich Frauen an sie wenden, richtet sich allein gegen ihr Aussehen, allein gegen ihr Geschlecht. »Sowas sehen wir bei Männern nicht. Das ist ein ganz struktureller Unterschied«, so Ballon.

Aus Angst vor Hass äußern inzwischen 52 Prozent der Frauen ihre Meinung im Internet seltener, das ergab kürzlich eine europaweite Befragung zu digitaler Gewalt. Für den politischen Diskurs ist das verheerend. Und die Behörden? Im Februar 2022 hat beim Bundeskriminalamt die »Zentrale Meldestelle für strafbare Inhalte im Internet« ihre Arbeit aufgenommen. 200 Beamte und Beamtinnen sollten gezielt Hass und Hetze im Netz bekämpfen. Doch die sozialen Netzwerke sind zwar verpflichtet, rechtswidrige Inhalte samt Nutzerdaten, darunter auch die IP-Adresse, an das Bundeskriminalamt zu melden – nur haben Google und der Facebook-Konzern Meta dagegen geklagt. Offenbar mit Erfolg. Laut Kölner Verwaltungsgericht verstößt die Meldepflicht gegen EU-Recht. Deshalb kommt von den Unternehmen weiterhin nichts.

Wie konnten die Kolleginnen bei ihrer Recherche die Gesprächspartnerinnen davon überzeugen, dass es richtig ist, die Attacken öffentlich zu machen? »Einige Frauen sagten ab, aus Sorge, dass der Hass noch größer werden würde, wenn sie darüber mit dem SPIEGEL reden«, sagt meine Kollegin Nora Gantenbrink. »Ingesamt war zu beobachten, dass alle Frauen mittlerweile sehr stark abwägen, ob sie mit ihren Themen überhaupt noch in Talkshows gehen. Zu oft waren die digitalen Angriffe danach zu groß.«

3. Die von Apple, Google und Microsoft mitentwickelte FIDO-Technologie soll Passwörter überflüssig machen – und in spätestens 18 Monaten für alle Menschen verfügbar sein.

Ich habe mir meine Passwörter für alle möglichen verschlüsselten Internetdienste und Geräte lange Zeit aus den Lieblingseissorten meiner Kindheit und ein paar Zahlen zusammengebastelt. Die Eissorten hießen Magnum und Nogger. Mit meiner Passwortwahl war ich immerhin ein ganzes Stück origineller als die Menschen, die alljährlich bei den Umfragen nach den populärsten Passwörtern mit ihrer Wahl auftrumpfen: Die Zahlenfolge 123456 landet auf diesen Listen bis heute ganz weit oben.

Mein Kollege Matthias Kremp berichtet nun, dass die im Netz stets präsente Gefahr durch schlechte oder in falsche Hände gelangte Passwörter womöglich demnächst beseitigt wird. Und zwar durch die passwortlose Anmeldung, die Experten aus aller Welt unter dem Dach der sogenannten FIDO-Alliance entwickelt haben. Die drei Techkonzerne Apple, Google und Microsoft waren offenbar federführend dabei. »Zum Anmelden mit FIDO braucht man keine Passwörter mehr, sondern nur noch einen digitalen Sicherheitsschlüssel«, schreibt Matthias. »Und der Umgang mit genau dem soll nun viel bequemer werden.«

Das Kürzel FIDO steht für Fast Identity Online. Statt auf Passwörter und zweite Faktoren, die von Kriminellen gestohlen oder gekapert werden könnten, setzt es auf sogenannte kryptografische Methoden, um die Log-in-Daten seiner Nutzerinnen und Nutzer zu schützen. Ein kryptografischer Hauptschlüssel könne zum Beispiel auf einem sicheren Speicherbereich eines Smartphones oder in der Cloud abgelegt werden. Für jede Website und jede App, bei der man sich dann mit FIDO anmelde, werde ein zweiter, öffentlicher Schlüssel erzeugt. Nur wenn beide Schlüssel zusammenpassen, ist ein Log-in möglich.

Haben Sie das so ganz verstanden? Ich noch nicht. Aber das liegt höchstwahrscheinlich an mir, weil ich als Technikignorant nicht mal annähernd Bescheid weiß über Dinge wie die »USB-Dongles mit Fingerabdrucksensor«, über die der Kollege berichtet. Ein Experte, den er befragt, verspricht jedenfalls, dass man die Benutzerfreundlichkeit der neuen Technik im Auge behalten wolle. Egal, welche der neuen Methoden der FIDO-Technologie man genau benutze, »Passwörter braucht man damit künftig nicht mehr«, so verspricht der Kollege Kremp. »Was nicht heißen soll, dass Sie morgen damit loslegen können.« In maximal 18 Monaten aber soll die Technik für jedefrau und jedermann verfügbar sein.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Mehrheit der Deutschen will Neun-Euro-Ticket nutzen: Die geplante billige Monatsfahrkarte weckt laut einer Umfrage großes Interesse – auch bei vielen, die bisher wenig mit Bus und Bahn unterwegs sind. Ob diese Menschen ihr Auto dauerhaft stehen lassen, ist aber fraglich.

  • Frankreich droht Millionenstrafe wegen Luftverschmutzung: Die schlechte Pariser Luft hat seine Gesundheit ruiniert, meint ein Einwohner der Hauptstadt. Er hat den Staat nun auf Schadensersatz verklagt. Nach einem nun veröffentlichten Gutachten könnte der Mann sogar recht bekommen.

  • Bank of England erhöht Leitzins: Die hohen Inflationszahlen zwingen immer mehr Notenbanken zum Gegensteuern: Nach der US-Zentralbank Fed hat nun auch die Bank of England den Leitzins erhöht – um 0,25 Prozentpunkte auf 1,0 Prozent.

  • Fast 15 Millionen Menschen in Zusammenhang mit der Coronapandemie gestorben: Weniger als die Hälfte der Opfer kam direkt durch Covid-19 ums Leben. Vor allem die überlasteten Kliniken und Ärzte trieben die Todeszahlen nach oben, bilanziert die WHO.

  • Inflationsrate in der Türkei steigt auf 70 Prozent: In der Türkei sind die ohnehin schon hohen Verbraucherpreise im April weiter in die Höhe geschnellt. Waren und Dienstleistungen werden immer teurer, die Lebensmittelpreise haben sich fast verdoppelt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Zimmer mit Erdblick: Die Welt ist nicht genug: Was klingt wie ein Kindertraum oder die Vision eines Superreichen, soll bald Wirklichkeit werden. Ein US-Unternehmen hat Pläne für Hotels im Orbit vorgestellt.

  • »Klar, Taschentuch rüberreichen ist schwierig«: Während der Pandemie fanden viele Psychotherapiesitzungen per Video statt – nun wird das wieder eingeschränkt. Kathrin Schallenberg hat viele Menschen so betreut, hier spricht sie über Vorteile und Grenzen.

  • Einmal Hühnchen in Erdnusssoße – aber ohne Erdnüsse: Lieber Olaf Scholz, ich habe Meinungen, aber mich fragt keiner, ob ich irgendwo unterschreiben will. Deshalb wende ich mich in einem offenen Brief an Sie. Denn wer die Zukunft retten will, muss heute beginnen, die Gegenwart zu vernichten.

  • Ladies first: Das Vereinigte Königreich wählt regional und in Nordirland könnten zwei pragmatische Sinn-Féin-Politikerinnen siegen, die eine irische Wiedervereinigung befürworten. Ihr Triumph wäre historisch – aber vielleicht auch gefährlich .

  • Hendrik Wüsts größtes Problem: Mit ihrem Zickzackkurs in der Pandemie hat die FDP-Ministerin Yvonne Gebauer Eltern, Lehrer und Schüler aufgebracht – und gefährdet damit auch die Wiederwahl der schwarz-gelben Koalition von Ministerpräsident Wüst .

Was heute weniger wichtig ist

  • Als Politiker-Provokateur erfolgreicher Filmstar: Leonardo DiCaprio, 47-jähriger US-Schauspieler und Klimaaktivist, hat den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro zu einem Zornausbruch motiviert. »Brasilien ist die Heimat des Amazonas und anderer Ökosysteme, die vom Klimawandel betroffen sind«, schrieb DiCaprio in Tweets der vergangenen Woche. Mit ihnen forderte er junge Brasilianer auf, sich für die Wahlen im Oktober zu registrieren. »Was dort passiert, geht uns alle an.« Heute berichtete der US-Sender CNN, dass Brasiliens Präsident, umstritten wegen der unter seiner Regierung forcierten Regenwaldabholzung, nun schon zum wiederholten Mal auf die Filmstar-Tweets reagierte. Jetzt unter anderem mit dem Satz: »DiCaprio sollte besser den Mund halten, anstatt Unsinn zu reden.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier wollte es Ihnen nachtun, wurde aber ausgeladen.« 

Cartoon des Tages: Zuversicht

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie – wenn Sie wollen, sogar wieder ohne Maske – mal wieder ins Kino gehen. Wenn Sie sich gleich reizüberfluten wollen, eignet sich offenbar der neue Marvel-Film »Doctor Strange in the Multiverse of Madness«.

Mein Kollege Andreas Borcholte empfiehlt, nicht nach Logik zu fragen, sondern sich der »Nummernrevue des Wahnsinns hilflos hinzugeben«. Warum sie das tun sollten? »Superhelden-Comics waren«, schreibt Andreas, »immer schon eskapistische Portale, um vor der grimmigen Gegenwart in Utopien zu entkommen«. Falls Sie noch ein Argument brauchen: Die Titelrolle spielt Benedict Cumberbatch. Hier können Sie die ganze Kritik lesen.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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