Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend So knapp wird's – und so teuer

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Wahlen und Zahlen – Was sagen die Umfragen, was kostet das Ganze, und wie viele wählen per Brief?

  2. Mehr Sozialismus wagen – Warum bändigt Peking den chinesischen Raubtierkapitalismus?

  3. Load to Joy – Setzt die EU wirklich das Ende des Ladekabelsalats durch?

1. Die Post-Demokratie

Drei Tage vor der Bundestagswahl liegt in den Umfragen die SPD noch immer vor der Union, in der letzten SPIEGEL-Umfrage kommen die Sozialdemokraten auf 25 Prozent, die Union schafft 23 Prozent (hier mehr). Bei einer statistischen Fehlertoleranz von 2,5 Prozentpunkten sollten die Redenschreiber von Olaf Scholz und Armin Laschet mindestens zwei Varianten für die Auftritte nach 18 Uhr vorbereiten.

Ein paar Zahlen sind aber bereits sicher: 47 Parteien stehen zur Wahl, mit 6211 Frauen und Männern, die sich um den Einzug ins höchste gesetzgebende Organ der Republik bewerben. Entscheiden dürfen rund 60,4 Millionen Wahlberechtigte. Von denen sich wohl so viele wie nie zuvor schon entschieden haben – per Briefwahl.

Schon vor Monaten gab Bundeswahlleiter Georg Thiel eine erste Einschätzung ab, wie viele Deutsche wegen der Pandemie per Post abstimmen werden. Er kam auf gut doppelt so viele wie beim vergangenen Wahltag 2017, als es fast 29 Prozent waren. »Die Rückmeldungen aus den Wahlkreisen sagen mir, dass ich damit wohl recht behalten könnte«, sagt er nun.

Dazu kommt die Gefahr, dass Hacker die Computersysteme von Parteien und Wahlämtern angreifen könnten, es drohen Desinformationskampagnen. Meine Kolleginnen Ann-Katrin Müller und Nele Spandick sind deshalb zusammen mit meinen Kollegen Gerald Traufetter und Wolf Wiedmann-Schmidt der Frage nachgegangen: Wie sicher ist die Bundestagswahl? »Noch nie war sie so kompliziert – und teuer«, berichten sie. Die Kosten »werden nach ersten Schätzungen um fast ein Drittel auf rund 107 Millionen Euro ansteigen«.

Die gute Nachricht: Trotz aller Gefahren fürchtet der Wahlleiter keine Querelen wie in den USA, wo Trump-Anhänger noch immer Manipulationen bei den Briefwählern unterstellen.

2. Arm und reich der Mitte

Was braut sich in China zusammen? Die Behörden dort weisen offenbar Lokalregierungen an, sich auf einen möglichen Zusammenbruch des Immobilienkonzerns Evergrande vorzubereiten, wie das »Wall Street Journal« berichtet. Die Zeitung zitiert Regierungsmitarbeiter, denen zufolge die lokalen Behörden nun angewiesen sind, sich auf den »möglichen Sturm« vorzubereiten. Diese Anweisung sei ein Hinweis, dass die chinesische Regierung nicht bereit sei, den Konzern zu retten (hier mehr).

Zur Erinnerung: Evergrande ist Chinas zweitgrößter Immobilienentwickler und mittlerweile mit mehr als 300 Milliarden Dollar verschuldet. Teile der Zinsen wurden heute fällig. Erst gestern hatte ein Sprecher mitgeteilt, dass das Unternehmen pünktlich bezahlen könne. Der Aktienkurs des Immobilienkonzerns war daraufhin deutlich angestiegen, zeitweise um mehr als 32 Prozent. Kommt jetzt doch der Kollaps? Die Krise betrifft längst nicht nur den Konzern selbst. Experten sehen Evergrande als Stellvertreter für Chinas Immobilienbranche. Diese boomte jahrelang und macht fast ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus. Gleichzeitig sind viele der Konzerne hoch verschuldet.

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Insgesamt stößt Chinas Raubtierkapitalismus an seine Grenzen – und die Partei steuert um, wie mein Kollege Georg Fahrion berichtet, unser Korrespondent in Peking. Staatschef Xi Jinping will demnach die Macht der Konzerne brechen und wieder mehr Sozialismus wagen. »Damit versetzt er die Wirtschaftseliten in Aufruhr«, schreibt Georg.

3. Freude, schöner Ladestecker

Die EU-Kommission zieht in den Kampf gegen mehr Diversität – bei Ladekabeln. Heute hat sie ein Gesetz vorschlagen, um einheitliche Ladebuchsen für Elektrogeräte durchzusetzen. USB-C soll zum Standard werden, das ist der Stecker, der aussieht wie eine flach gequetschte Null. Die Maßnahme soll zum einen Geld sparen, zum anderen Unmengen an Elektroschrott vermeiden, offenbar 11.000 Tonnen jährlich.

Die EU dehnt damit ihre Aufgabe, den Frieden zu fördern, aufs Private aus. Nie wieder Streit, weil jemand das einzig funktionierende iPhone-Ladekabel verschlampt hat und das neue iPad-Ladekabel nicht in alte Telefone passt. Nie wieder Wutgebrüll, weil der Mini-USB-Pinökel zwar ähnlich aussieht wie der Mikro-USB-Pinökel, aber leider nicht in den Küchenlautsprecher will. Nie wieder Heulerei, weil der Tiptoi-Lernstift sich im Auto nicht nachladen lässt. Ach nee, der funktioniert eh mit Batterien. Und die EU-Regel soll leider nur für Smartphones, Tablets, Kopfhörer, Lautsprecher, tragbare Spielekonsolen und Kameras gelten. Es gibt also noch viel zu tun, Kommission. Load to Joy.

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Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

Mein Lieblingsinterview heute: Der »Kanzlerfotograf« über die Kandidaten

Die Brandt-Biografie von Merseburger, das Tagebuch von Helmut Kohl, beide verstauben hier im Regal, gelesen irgendwann vor Jahren, vielleicht während des Studiums. Warum behalte ich solche Bücher? Lese ich die jemals wieder? Warum stellt man ganze Wände voll damit? Als Selbstvergewisserung, wie belesen man ist? Als Selbstkasteiung, weil man so viel Gelesenes wieder vergessen hat? Als Selbstdarstellung, damit Gäste (vor Corona) und Videokonferenz-Teilnehmer (seit Corona) über die Bücherwand staunen?

Die beiden Kanzlerbiografien haben immerhin gute Umschlagfotos. Dass sie vom selben Fotografen stammen, wird mir erst heute klar, als ich das Gespräch lese , das mein Kollege Janko Tietz mit Konrad R. Müller geführt hat.

Müller gilt als einziger Fotograf, der sämtliche Kanzler von Konrad Adenauer bis Angela Merkel fotografiert hat. Er porträtierte aber auch ausländische Staatsmänner wie den französischen Präsidenten François Mitterrand und den ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat, die Tennisspielerin Steffi Graf und die Schauspielerin Martina Gedeck.

Janko hat mit ihm über die Plakate im aktuellen Wahlkampf gesprochen. Müller sagt, er habe noch nie so schlechte gesehen. Er schont weder die Kandidierenden noch seine Fotografenkollegen. Müller sagt über...

...Armin Laschet, CDU

Foto: Jan Huebner / imago images

»Ein Mann, der sich innerlich längst aufgegeben hat, bevor die Wahl überhaupt stattgefunden hat. Das einzige Bild, was ich von ihm in Erinnerung habe, ist das, wo er so verkniffen schaut, als ob er nicht wüsste, ob er lachen oder weinen soll. Ich sehe da keinen Machtwillen, keine Kraft, keine Zuversicht.«

...Olaf Scholz, SPD

Foto: Revierfoto / imago images

»Netter anzuschauen, und man nimmt ihm eher den großen Willen ab, dieses Amt zu erreichen.« Aber auch: »Ich finde die Plakate mit Olaf Scholz unerträglich schlecht. Er sieht aus wie eine Kasperfigur, die von Kindern im Vorschulalter ausgeschnitten und auf einen absolut toten roten Hintergrund geklebt wurde. Da lebt nichts in der Fotografie. Scholz hätte ich oben angeschnitten, damit man nicht auf diese gähnende Leerfläche seiner Stirn schaut, sondern in seine Augen. Er steht oder sitzt völlig uninteressiert und unbeteiligt da und hält irgendwas in die Luft. Und dann diese völlige Unverhältnismäßigkeit zwischen den riesigen Händen und dem Kopf. Er sieht aus wie mit der Saugglocke in die Länge gezogen.«

...Christian Lindner, FDP

Foto: Chai von der Laage / imago images/

»Auf einem Großflächenplakat sitzt ein rußgeschwärzter Lindner, vornübergebeugt und nur beleuchtet von einer Funzel, und er scheint etwas zu suchen. Der Mann sieht aus, als wäre er gerade einer Verpuffung in einer Kohlegrube entkommen. Da gibt es keine Übergänge zwischen den Hauttönen, alles ist gräulich – eigentlich ein wenig schmuddelig. Das Allerletzte, was ich Christian Lindner abnehme, ist, dass er sich für Deutschland spätnachts zu Tode rackert.«

...Annalena Baerbock und Robert Habeck, Grüne

Foto: Arnulf Hettrich / IMAGO

»Es wäre ein schönes Plakat, wenn die beiden nicht schauen würden wie Leguane, die im Amazonas schwimmen. Frau Baerbock muss den Herrn Habeck immer mit durch die Plakatwelt schleppen. Er schaut ihr hinterher, aber beide schauen mich als potenziellen Wähler nicht an. Ich habe meinen Porträtierten früher immer gesagt: Schau mich an, schau nicht durch mich hindurch, schau nicht weg, nur dann schaust du auch die Wähler an. Dass der Hintergrund grün ist, mag ja noch verständlich sein. Aber warum sind ihre Gesichter grün wie von Männchen aus fernen Galaxien?«

Müller, Sie ahnen es, leidet nicht an mangelndem Selbstbewusstsein. Wäre auch schädlich: »Wenn man den zu Porträtierenden mit roten Ohren gegenübertritt, hat man schon verloren«, sagt er. »Man muss von Anfang klarmachen, dass man auf gleicher Ebene miteinander arbeitet.« Gilt übrigens auch im Journalismus.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • So hat sich das Leben der Deutschen in der Merkel-Ära verändert: Vor ihrer Kanzlerschaft kündigte Angela Merkel Reformen an, die sich »am Ende des Weges« auszahlen sollten. Ist das gelungen? Hier können Sie wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in interaktiven Grafiken nachvollziehen .

  • Verliert Philipp Amthor sein Direktmandat? Für einige Prominente aus der CDU wird es am Sonntag knapp, etwa Julia Klöckner, Annegret Kramp-Karrenbauer und CDU-Jungstar Philipp Amthor. SPIEGEL Daily-Reporterin Regina Steffens hat ihn in Stralsund getroffen. Und sie hat auch den Mann begleitet, der sich den »Anti-Amthor« nennt: seinen Herausforderer von der SPD, Erik von Malottki.

  • Hier kann man für zwei Wochen zum Dorfbewohner werden: Im Tessiner Dorf Corippo schmiegen sich jahrhundertealte Granithäuschen an den Berg. Der Alltag hier ist beschwerlich – aber für Ruhe suchende Städter genau das Richtige. Darauf setzen jedenfalls die letzten Einheimischen.

Was heute weniger wichtig ist

Foto: Jana Kay / ZDF

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Einen echten Kurswechesel in der Geldpolitik dagegen hat nun hingegen Norwegen vollzogen.«

Cartoon des Tages: Werkstattspäßchen

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie, falls Sie noch unentschieden sind, die »Schlussrunde der Spitzenkandidaten« im Fernsehen gucken (ab 20.15 Uhr bei ARD und ZDF) – und dazu die Liveanalyse bei uns auf der Seite verfolgen. Baerbock, Laschet, Scholz, Lindner, Weidel, Wissner – alle da. Nur Dobrindt fehlt, dafür kommt Söder, obwohl er gar nicht kandidiert. Da wird sich Laschet sicher freuen.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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