Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Donnergrollen über Wahlkämpfer-Mikrofonen

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Unwetterchaos und Politik – wie stark wird die Naturkatastrophe den Wahlkampf verändern?

  2. Corona und die Illusion von der Herdenimmunität – hat die deutsche Pandemiepolitik versagt?

  3. Touristengeschäft mit Nachtzügen boomt – warum ist die Deutsche Bahn ausgestiegen?

1. Nach Olaf Scholz und Armin Laschet reist heute auch Annalena Baerbock ins Katastrophengebiet – der deutsche Wahlkampf wird mit Wucht neu sortiert

Einigermaßen mühsam kommen in den von Überschwemmungen und Hauseinstürzen heimgesuchten Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen die Aufräumarbeiten in Gang, selbst die Bundeswehr ist im Helfereinsatz – und auch die wichtigsten Akteure der deutschen Politik scheinen sich neu zu besinnen, wie sie ihr Handwerkszeug am besten einsetzen. Nach Armin Laschet und Olaf Scholz, die schon gestern da waren, besucht auch die Grünenpolitikerin Annalena Baerbock den von Unwettern am meisten betroffenen Westen Deutschlands. Die Kanzlerkandidatin kehrt vorzeitig aus ihrem Urlaub zurück, »um sich über die Lage zu informieren und sich ein Bild zu machen«, wie eine Sprecherin verkündete.

Tatsächlich dürfte die Wetterkatastrophe der letzten Tage den deutschen Wahlkampf gründlich verändern, wie ein Team von SPIEGEL-Kolleginnen und -Kollegen in einer umfassenden Analyse schreibt . »Wer nach den Bildern des überfluteten Ahrtals, nach Dutzenden Toten, Vermissten, zerstörten Existenzen, nach den Bildern aus einem deutschen Katastrophengebiet weiter über Buchkapitel und Lebensläufe diskutieren will, wird sich fragen lassen müssen, ob er oder sie noch bei Trost ist«, heißt es in der Geschichte des Teams. »Der Wahlkampf wird mit einer Wucht neu sortiert, wie sie nur Naturgewalten erzeugen können.«

Die meist jungen Aktivistinnen und Aktivisten von »Fridays for Future« haben heute Klimastreiks in mehr als 40 Orten angekündigt, aber auch unter den Mächtigen der deutschen Politik dürfte die Klimapolitik zu einem zentralen Streitthema werden. »Es wird in den nächsten Tagen wieder viele Beteuerungen geben, dies sei kein Thema für den Wahlkampf, aber natürlich ist es das«, heißt es in der Analyse der Kolleginnen und Kollegen. »Menschen wollen wissen, wie Politiker sie durch eine solche Lage führen würden.«

Allerdings scheinen viele Deutsche sich selbst und ihr eigenes Hab und Gut eher nicht durch Wetterkatastrophen gefährdet zu sehen. Ich habe heute verblüfft die Aussage eines Versicherungsexperten gelesen, den mein Kollege Martin Hesse interviewt hat. Eigentlich ist Deutschland doch ein Land der Risikoabsicherer, trotzdem ist die Hälfte der Gebäude im Land offenbar nicht versichert. »Das hat auch mit der Wahrnehmung zu tun, dass Hauseigentümer mit Gebäuden, die nicht nah am Fluss stehen, diese als nicht gefährdet einschätzen«, so der von Martin befragte Experte. »Aber selbst, wenn Sie zehn Meter unterhalb einer Bergkuppe wohnen, kann bei Starkregen das Wasser durch Ihr Haus rauschen 

2. Bei lahmem Impftempo wird das Ziel der Herdenimmunität wohl nicht erreicht – auch weil die deutsche Pandemiepolitik stark im Verwalten und schwach im Gestalten ist

Ein Rückblick auf die Corona-Entscheidungen der deutschen Politik in den vergangenen Monaten sei »eine Geschichte der enttäuschten Hoffnungen«, schreibt ein Team von Kolleginnen und Kollegen in der aktuellen SPIEGEL-Titelstory . Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat heute mal wieder ein paar neue Hoffnungen gesät. »Wir entscheiden jetzt darüber, wie der Herbst wird, wie der Winter wird durch die Impfkampagne«, sagte Spahn. »Jeder Einzelne entscheidet das.« Bei einer Impfquote von mehr als 70 Prozent würden im Herbst wahrscheinlich nur »Basismaßnahmen« wie Abstand und Masken gebraucht.

Mal sehen, was aus diesen Versprechungen wird. Die Delta-Variante ist weltweit auf dem Vormarsch, ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. In vielen Ländern mangelt es weiterhin an Impfstoff, in Europa am Impfwillen. Meine Kolleginnen und Kollegen fragen in ihrer Geschichte danach, wie sich die Lust auf die Spritze erhöhen lässt, ob es mehr Druck braucht, vielleicht sogar eine Pflicht für bestimmte Bereiche – und sie zitieren den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach mit dem Satz: »Ich kann mir leider auch kaum vorstellen, dass wir Herdenimmunität erreichen können.«

Dieses Nichterreichen der Herdenimmunität bedeutet, dass es erst mal nicht vorbei sein wird mit der Pandemie, wahrscheinlich wird es nie ganz vorbei sein. Deutschland muss sich auf einen weiteren Herbst, vermutlich auch einen Winter mit dem Virus einstellen. Die Fehler der Politik tragen nicht allein Schuld daran, und sind doch nicht zu übersehen. »Deutschland ist häufig groß im Verwalten und schwach im Gestalten. So war es auch in der Pandemie«, urteilen die Kolleginnen und Kollegen. »Die Regierungen von Bund und Ländern reagierten auf neue Entwicklungen, fanden aber nie in einen Modus der strategischen Planung, der Vorausschau. Sie fuhren auf Sicht, besonders hart traf das die Schulen und damit Eltern, Lehrer, Kinder.«

3. Immer mehr Fernreisende besteigen Nachtzüge, doch die Deutsche Bahn hat sich aus dem Geschäft abgemeldet – weil es sich angeblich nicht rechnet

Über Nacht von Wien nach Amsterdam über München und Köln – oder abends in Berlin losfahren, morgens in Stockholm ankommen: Das sind nur zwei der Nachtverbindungen, die gerade von nichtdeutschen Zuggesellschaften neu angeboten werden. In Schweden, Spanien, den Niederlanden, Frankreich oder Finnland sind in den letzten Monaten neue Nachtzugverbindungen angesetzt worden – viele von ihnen führen auch nach oder durch Deutschland, was mit der zentralen Lage der Bundesrepublik in Europa zusammenhängt. Warum ist die Deutsche Bahn nicht dabei?

Mein Kollege Martin U. Müller beschreibt in seiner Geschichte über den Boom der Nachtzüge im Reisegeschäft die Einstellung des Nachtzugverkehrs durch die Deutsche Bahn im Jahr 2015 als Ergebnis einer offenbar ziemlich kurzsichtigen Kalkulation. Angeblich lohnte sich das Geschäft nicht. »Ökologie und Reisekomfort spielten im Berliner Bahntower offenbar nur eine untergeordnete Rolle, als man das Angebot aus den Fahrplänen strich«, berichtet Martin – und zitiert einen Bahnkritiker, der sagt, die deutschen Manager hätten sich das Nachtzüge-Geschäft »systematisch schlecht gerechnet« .

Attraktiv sind für Fernreisende offenbar auch teurere Angebote. Der zeitgenössische Schlafwagengast sei anspruchsvoll, so erfährt man im Bericht meines Kollegen. Über ein Angebot heißt es: »Wichtigstes Requisit neben dem Bett an Bord der Nightjet-Schlafwagen ist nicht das inkludierte Frühstück oder der kostenlose Schlummerdrink. Es ist die Dusche.« Alle neuen Schlafwagen-Coupés der österreichischen Bahngesellschaft ÖBB sollen deshalb eine eigene Dusche nebst Toilette bekommen. Die Österreicher argumentieren, dass es sich bei ihren Schlafwagen um eine Kombination aus Hotelübernachtung und Reisen handle. Und wer würde schon ein Hotelzimmer ohne Dusche buchen?

Fährt mein Kollege Martin selbst gern Schlafwagen? »Ich liebe Schlafen in Verkehrsmitteln«, sagt er. »Kaum irgendwo kann ich so gut ruhen wie in einem schaukelnden Flugzeug oder dem wackelnden Zug. Doch bequem sollte es sein, weshalb ich den Schlafwagen bevorzuge.« Sein Rat: Verzichten Sie im Schlafwagen lieber auf das Frühstück – »das koste unnötig viel Schlafenszeit und schmeckt sowieso nicht wirklich«. Und noch ein Tipp: Lassen Sie stets die Jalousie offen, damit Sie im Fall eines plötzlichen Erwachens durch halb geschlossene Lider sehen können, ob Sie gerade durch Mannheim oder Fulda zockeln.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Markus Braun bleibt in Untersuchungshaft: Seit Sommer 2020 sitzt Ex-Wirecard-Chef Markus Braun in Untersuchungshaft. Trotz Forderungen seiner Anwälte nach einer Freilassung bleibt er dort. Ein anderer Ex-Manager des ehemaligen Dax-Konzerns kommt frei.

  • Zyprische Küstenwache meldet Beschuss durch türkisches Patrouillenboot: Vor der Küste Zyperns hat es offenbar einen Zwischenfall auf See gegeben. Nach mehrfachem Beschuss durch ein türkisches Boot zog sich die zyprische Küstenwache in einen Hafen zurück.

  • Antrag auf Landtagsauflösung wird zurückgezogen: Grüne und Linke in Thüringen ziehen ihre Unterschriften für eine Auflösung des Landtags zurück. Damit kommt es nun auch nicht zu einer Neuwahl Ende September.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Salingers Roman »Der Fänger im Roggen«

Meine Kollegin Viola Schenz schreibt über einen großen Rätselhaften der Weltliteratur, der im Zweiten Weltkrieg traumatisiert wurde, in einer kurzen, wunderbaren Schaffensphase ein paar tolle Texte, darunter sein einziger Roman »The Catcher in the Rye«, schrieb – und dann den Kontakt mit der Welt verlor. Ein toller Stoff, der in vielen, auch windigen Büchern von selbst ernannten Salinger-Forschern ausgebreitet wurde. Eine seiner Ehefrauen warf Salinger übrigens bei der Scheidung »Gleichgültigkeit und Kommunikationsverweigerung« vor. Mit dem zweiten Vorwurf lag sie unbestreitbar richtig.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Stets zu Diensten: Sie hat fast 16 Jahre regiert und mit vier US-Präsidenten zu tun gehabt. Ist es da verwunderlich, dass Angela Merkel in Washington mit ihrem Abschied fremdelt ?

  • »Die Generation heutzutage schaut weg, die Justiz reagiert lasch«: Die ehemalige Sekretärin des Lagerkommandanten im KZ Stutthof muss sich nach SPIEGEL-Informationen vor Gericht verantworten – im Alter von 96 Jahren. Warum das so wichtig ist, erzählt die Tochter des Holocaust-Überlebenden Efraim Jessner .

  • Influencer für Anfänger: Wie geht das noch mal – Urlaub mit Kindern? Die großen Familienferien nach dem Homeschooling haben wir erst wieder lernen müssen. Aber in Rom wurden wir so (fast) Internet-Stars .

Was heute weniger wichtig ist

ARD-Fußballexperte Bastian Schweinsteiger

ARD-Fußballexperte Bastian Schweinsteiger

Foto:

Matthias Balk / dpa

  • Reumütiger Fußballheld. Sebastian Schweinsteiger, 36, Fußballspieler im Ruhestand und nun unter anderem als Fernsehexperte im Ersten tätig, hat sich entschuldigt. Nicht für seine Kommentatorenarbeit, die unter Fans durchaus umstritten ist, sondern für einen Werbemissgriff. Schweinsteiger tut es leid, dass durch eine von ihm versandte Twitternachricht während der Halbzeitpause der Übertragung des EM-Viertelfinalspiels zwischen England und der Ukraine der Eindruck entstehen konnte, er vermische seine Tätigkeit als TV-Experte mit Werbung für Sponsoren. Der Tweet in der Halbzeitpause war als Werbung für eine Herrenuhr erkennbar, die Schweinsteiger auch vor den ARD-Kameras trug; der ehemalige Nationalspieler ist für den Hersteller der Uhr seit 2019 als Markenbotschafter tätig. Nach seiner Entschuldigung darf Schweinsteiger ARD-Experte bleiben. Das bestätigte der öffentlich-rechtliche Rundfunkverbund am Freitag – und verkündete, man sei sich »einig, dass Bastian Schweinsteiger alles dafür tun wird, damit sich ein solcher Vorfall nicht mehr wiederholt«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Harry und Meghan leben mit seinen beiden Kindern im kalifornischen Santa Barbara.«

Cartoon des Tages: Klimawandel?! Welcher Klimawandel??!

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie mal wieder ins Kino gehen und sich Daniel Brühls lustiges, intelligentes und charmantes Regiedebüt »Nebenan« ansehen. Der Film handelt vom Zusammentreffen eines erfolgsverwöhnten, im Westen aufgewachsenen Starschauspielers und eines von Neid getriebenen Habenichts mit ostdeutscher Vergangenheit in einer Berliner Kneipe. Mein Kollege Andreas Borcholte schwärmte völlig zutreffend von einem »Kammerspiel nach Hitchcock-Manier« über die Lebenslügen eines in aller Welt angehimmelten Kinolieblings.

Der Regisseur und »Nebenan«-Hauptdarsteller Brühl gab vor ein paar Tagen gemeinsam mit seinem Drehbuchautor Daniel Kehlmann in einem SPIEGEL-Gespräch meinem Kollegen Lars-Olav Beier und mir Auskunft über sein Verständnis des Schauspielerberufs: »Natürlich sind wir alle eitel«, sagte er da. »Es geht darum, es gut zu kaschieren. Ich ertrage die Schauspieler nicht, die dazu nicht in der Lage sind. Eitelkeit ist aber auch so herrlich lächerlich« .

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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