Anna Clauß

Die Lage am Abend Am Anfang war das Webb

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Leiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Urknall – Wie sah das All vor 13 Milliarden Jahren aus?

  2. Gaskrise – Werden die »Wir sind Ukraine«-Schilder jetzt verfeuert?

  3. Geldpolitik – Was tun gegen die Schwäche des Euros?

1. Zurück in die Zukunft

Seit Jahren versuche ich, das verstaubte Teleskop im Kinderzimmer meines Sohnes zum Laufen zu bringen – aber noch nicht mal die Mondoberfläche bekomme ich scharf gestellt. Umso unglaublicher erscheint es mir daher, dass es der Nasa gelungen ist, ein Bild zu schießen, das Galaxien zeigt, von denen einige zwölf oder gar dreizehn Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt waren. Ein Blick in die sehr ferne Vergangenheit vor dreizehn Milliarden Jahren, die Zeit nach dem Urknall.

Gemeinsam mit US-Präsident Joe Biden und dessen Vize Kamala Harris hat die US-Raumfahrtbehörde heute das erste vom Weltraumteleskop »James Webb« aufgenommene Bild präsentiert. Bei der Aufnahme handele es sich um die »tiefste und schärfste bislang aufgenommene Infrarot-Sicht auf das Universum«, hieß es von der Nasa. Biden sprach von einem »historischen Tag«, Harris von einem »aufregenden neuen Kapitel in der Erforschung unseres Universums«.

Das »Webb« wurde gebaut mit dem Ziel, bis ans Ende des Universums zu blicken, schreibt mein Kollege aus unserem Wissenschaftsressort Johann Grolle. »Es soll jenen Moment fotografieren, in dem in der absoluten Finsternis des jungen Universums die ersten Sterne zündeten«. Mit anderen Worten: jenen Moment, von dem es in der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt: »Und es ward Licht.«

Ganz so weit in die Tiefe von Raum und Zeit reiche die heute veröffentliche Aufnahme zwar noch nicht, schreibt Johann. »Doch demonstriert sie das ganze Potenzial dieses Teleskops, und sie bestätigt die Astronomen in der Hoffnung, dass sie bald, vielleicht noch in diesem Jahr, das erste Licht des Universums zu Gesicht bekommen werden.«

2. Minister für Doppelmoral

Westliche Waffensysteme zeigen in der Ukraine eine erste deutliche Wirkung. Vor allem die US-Mehrfachraketenwerfer Himars, ein Akronym für High Mobility Artillery Rocket System, seien eine echte Bedrohung für die russischen Soldaten und »ermöglichen Kiew eine ganz neue Taktik«, wie mein Kollege Jörg Römer aus unserem Wissenschaftsressort schreibt .

Mit Hilmars-Raketen können Kiews Truppen auf russische Ziele schießen, ohne selbst in die Reichweite der gegnerischen Geschütze zu gelangen. Die russische Armee macht derzeit offenbar nur begrenzte und sehr kostspielige Fortschritte bei ihrem Eroberungsfeldzug. Allerdings gibt es umgekehrt auch Zweifel an der Offensivstärke der ukrainischen Kämpfer .

Ein baldiges Ende des Krieges ist leider nicht in Sicht – und auch die Solidarität mit den Menschen in den umkämpften Gebieten scheint zu schwinden. Die »Wir sind Ukraine«-Schilder oder die vielen Ukraineflaggen sind vielerorts aus dem Stadtbild verschwunden. Statt Solidarität treibt viele Deutsche die Sorge ums eigene Wohlergehen um. Einen Gasboykott, um Putins Kriegswirtschaft in die Knie zu zwingen, fordert derzeit kaum jemand. »Wir sind in einer Gaskrise«, so lautet das momentane Mantra, das der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck bei fast jedem seiner öffentlichen Auftritte vorbetet. Neulich ließ er wissen, dass er seine Duschzeit »deutlich verkürzt« habe, um die Bürger zum Energiesparen anzuhalten. »Jede Kilowattstunde hilft.«

In Wien gab er sich heute vorsichtig optimistisch: »Es gibt jetzt eine neue Allianz aus Klimaschutz und Energiesicherheit«, sagte er mit Blick auf den angestrebten forcierten Ausbau erneuerbarer Energien. Auch wenn es aktuell um Fragen wie den Ausbau von Flüssiggasterminals gehe, passierten strukturell wichtige Entwicklungen. Für zwei Flüssiggasleitungen vom Hafen in Brunsbüttel beginnt an diesem Dienstag zum Beispiel ein verkürztes Genehmigungsverfahren. Es ist im Norden das Erste, das nach dem kürzlich beschlossenen LNG-Beschleunigungsgesetz erfolgt.

Aber reicht das? »Dass sich der Minister den Ruf des Krisenpolitikers erworben hat, gilt als Ergebnis genialer Kommunikation, dabei ist es geschickte Propaganda. In Wahrheit besteht Habecks Offenheit vor allem darin, an grünen Glaubenssätzen festzuhalten«, schreibt mein Kollege Michael Sauga in seiner Kolumne .

Müsste ein ideologiefreier Klimaminister nicht alles befördern, was dazu beiträgt, der Atmosphäre CO₂ zu entziehen?, fragt Michael. Beispiel Frackinggas: Es wird vor allem in den USA mithilfe chemischer Substanzen aus dem Boden gepresst. »Es mit teuren und klimaschädlichen Tankertransporten nach Europa zu schaffen, hält der Minister für ein probates Mittel im Anti-Putin-Kampf«, schreibt Michael. »Im Inland dagegen hat er die Methode zum Tabu erklärt – obwohl sich mit ihrer Hilfe der deutsche Gasbedarf für das nächste Vierteljahrhundert decken ließe.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Putin hat das Gasgeschäft mit Europa zerstört«: Russlands Invasion in der Ukraine hat die Welt im Kampf gegen den Klimawandel zurückgeworfen. Der US-Politologe Thane Gustafson sieht Deutschland als Testfall dafür, wie es weitergeht .

  • Ukraine jagt russisches Waffenlager in die Luft: Bilder der ukrainischen Streitkräfte sollen die Zerstörung eines russischen Munitionsdepots zeigen, die russischen Luftangriffe auf Wohngebiete dauern an. Eine Zusammenfassung der Lage im Video.

  • Putin plant eigenes Gipfeltreffen mit Amtskollegen aus Iran und Türkei: Beim G7-Treffen war er außen vor, nun plant Putin seinen eigenen Gipfel: Kommenden Dienstag will der Kremlchef mit Ebrahim Raissi und Recep Tayyip Erdoğan in Iran zusammenkommen. Offiziell geht es um Syrien.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

3. Im Sinkflug

Unter anderem aus Furcht vor den unkalkulierbaren Folgen der Gaskrise, stürzt der Euro derzeit ab und könnte die Inflation weiter befeuern. Erstmals seit über 20 Jahren kostet der Euro nun genauso viel wie ein US-Dollar. Zur Einordnung: Vor zehn Jahren war ein Euro noch 1,30 Dollar wert, 2008 sogar zwischenzeitlich fast 1,60 Dollar.

Die Ursache für den Euro-Sinkflug ist, so schreibt Kollege Benjamin Bidder aus unserem Wirtschaftsressort, ein »Zusammenkommen von mehreren Faktoren« .

Gegenüber dem Dollar ist der Euro bereits seit 2014 in einer schwächeren Position als zuvor. »Hinzu kommen nun die Folgen des Ukrainekriegs: Keine Weltregion ist auch nur ansatzweise so stark von den hochschnellenden Energiepreisen betroffen wie Europa.« Die Europäische Zentralbank treffe diese Krise zudem in einer schwierigen Lage: Die Notenbank hatte sich lange gegen eine restriktivere Geldpolitik gesträubt, weil sie die wirtschaftliche Erholung nach der Coronakrise nicht abwürgen wollte, insbesondere in Südeuropa.

Nun ist die Inflation rasant gestiegen, und der EZB bleiben fast nur noch schlechte Möglichkeiten, schreibt Benjamin: »Geht sie entschlossen gegen die Inflation und die Euro-Schwäche vor und hebt den Leitzins stärker an, könnte sie die Eurozone tiefer in eine Rezession drücken. Schaut sie allerdings zu stark auf die Wachstumsraten, könnte die Preisentwicklung endgültig außer Kontrolle geraten.«

Gute Nachrichten gibt es vor allem für Amerikaner, insbesondere für amerikanische Touristen, die Europa bereisen wollen. Für sie ist Urlaub in Deutschland, der Besuch im Münchner Hofbräuhaus oder an der Berliner Mauer, so günstig wie nie.

Kommen US-Touristen nach Europa, haben sie meist ein Buch von Rick Steves im Gepäck. Was seine Landsleute in Europa lernen könnten? »Dass das Leben mehr ist als seine ständige Beschleunigung«, glaubt Stevens . »Dass das Wohlbefinden nicht nur davon abhängt, wie viele Dinge man besitzt. Dass es Gesellschaften gibt – wie vor allem in den skandinavischen Ländern – in denen es nicht darum geht, möglichst wenig Steuern zu zahlen und für sich selbst das meiste herauszuholen. Dass es in den meisten Ländern völlig normal ist, weniger zu arbeiten, um stattdessen mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.«

Wer sein Land verlasse, entwickele automatisch ein besseres Verständnis für die restlichen 99 Prozent der Welt, glaubt Stevens. Eine Reise in die USA empfiehlt sich beim aktuellen Eurokurs leider nicht.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • IS-Chef in Syrien bei US-Drohnenangriff getötet: Er gehörte zur Führungsriege des »Islamischen Staates« in Syrien. Nun wurde Maher al-Agal US-Angaben zufolge bei einem Drohnenangriff getötet. Es ist ein weiterer Schlag gegen die Terrormiliz.

  • Hacker gaben sich als Merkel aus, um Lagarde zu täuschen: Die EZB-Präsidentin sollte dazu gebracht werden, ihren Bestätigungscode für WhatsApp zu verraten. Damit hätte ihr Account gekapert werden können. Die Masche ist nicht neu, anders als die hochrangigen Ziele.

  • Tesla-Mitgründer hilft Volkswagen bei der E-Offensive: Gemeinsam mit Elon Musk hat er Tesla zur heutigen Größe geführt. Mittlerweile wittert Jeffrey Brian Straubel ein Milliardengeschäft im Batterierecycling: Er unterstützt den VW-Konzern beim Wiederverwerten seiner E-Auto-Akkus.

  • Spanien ächzt erneut unter Hitzewelle: Es ist selbst für das beliebte Urlaubsland außergewöhnlich heiß: Vielerorts liegen die Temperaturen in Spanien weit über 30 Grad. Warnungen vor immer häufigeren Hitzeperioden werden laut.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Blick durchs Konferenzraum-Schlüsselloch

Es gibt Menschen, die sich gern mit anderen streiten. Stefan Weigel, der SPIEGEL-Nachrichtenchef, gehört nicht dazu. »Bin ich ein Ausweichei?« fragt er in seiner heutigen, sehr hübschen Midlife-Kolumne.

Stefan überlässt nicht nur gerne die unangenehmen Auseinandersetzungen anderen. Er drängelt sich auch niemals vor, beharrt selbst bei grüner Ampel nicht auf dem eigenen Vorfahrtsrecht und geht lästigen Streitereien mit den eigenen Kindern aus dem Weg. Die defensive Lebensführung bringe, wie er schreibt, manch Nachteile mit sich – allerdings nicht im beruflichen Umfeld. Beim SPIEGEL nämlich, wie Stefan in einem kurzen Blick hinter die Kulissen unserer Redaktionskonferenzen verrät, »gibt es zum Glück so viele konfliktfreudige Menschen, dass es nicht unangenehm auffällt, wenn jemand eine Position kampflos räumt oder gar nicht erst einnimmt.«

Es finde sich fast immer jemand, der bereitwillig einspringt. Was gelegentlich zu leidenschaftlichen Diskussionen führe: »Als ich vor dreieinhalb Jahren meinen Job hier antrat, musste ich mich erst ein bisschen eingewöhnen, aber mittlerweile weiß ich, dass vieles, was in den Konferenzen gesagt wird, gar nicht so persönlich und ruppig gemeint ist, wie es auf mich als Neuling damals wirkte. Zumeist handelt es sich, davon bin ich mittlerweile überzeugt, um lösungsorientierte Sachbeiträge, die aber so engagiert vorgebracht werden, dass es manchmal zu Missverständnissen kommt.«

Man braucht übrigens nicht nur für die SPIEGEL-Redaktionskonferenzen mitunter starke Nerven – und sehr gute Argumente. Mein allererster Text, den ich vor elf Jahren fürs Magazin geschrieben habe, kam mit so vielen Änderungswünschen aus der Chefetage zurück, dass ich nicht sicher war, ob ich sofort den Beruf wechseln oder weinend auf der Toilette verschwinden muss. Ich habe mich dann für Möglichkeit drei entschieden: Zähne zusammenbeißen, die Kritik annehmen und nochmal alles neu schreiben.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Viele kleine Kliniken haben zu schlechte Standards«: Jochen Werner ist Chef der Uniklinik Essen. Hier sagt er, warum kleine Krankenhäuser besser geschlossen werden sollten – und wie man mit den vorhandenen Pflegekräften auskommt .

  • Wie spanische Fischer die Besatzung von U966 retteten: Am Ende der ersten Fahrt 1943 versenkte der junge Kommandant sein U-Boot. 42 deutsche Seeleute überlebten. Im Dorf O Barqueiro erinnert man sich gut an ihre Rettung und an Ekkehard Wolf – auch wegen einer Hochzeit Jahrzehnte später .

  • »Ihr versaut uns die Frauen«: Der IS tötete und versklavte Tausende Jesiden. Die Überlebenden kampieren in überfüllten Flüchtlingslagern. Ein deutsches Fußballprojekt will Mädchen vor Ort unterstützen. Das gefällt nicht jedem .

  • Wie machen wir Wälder feuerfest? Die Zahl der Waldbrände in Deutschland nimmt zu. Ein Experiment in Brandenburg soll Forste fit gegen Flammen machen. Wie geht das? Ein Besuch .

  • »Wir haben zu lange über ihn gelacht« Mit seiner Band Sleaford Mods verleiht Jason Williamson der britischen Arbeiterklasse eine laute Stimme. Hier spricht er über Boris Johnsons vertane Chancen und die Ambivalenz, Punksongs über den Premier zu schreiben .

Was heute weniger wichtig ist

Judi Dench, 87, die als »M« in insgesamt sieben James-Bond-Filmen mitspielte, musste sich zu Beginn ihrer Filmkarriere sagen lassen, sie habe »das falsche Gesicht« fürs Kino. Davon, dass sie ihre Arbeit mit all der Erfahrung und nach all den Auszeichnungen inzwischen offensichtlich hervorragend macht, will sie laut »Sunday Times Magazine« aber weiter nichts wissen. Auf die Frage, ob sie inzwischen gut sei, antwortete sie: »Oh, auf dem Level bin ich immer noch nicht«. Auch aus den zehn Bafta-Awards, einer Oscarauszeichnung und sieben weiteren Nominierungen für den renommierten Filmpreis macht sie sich nichts. »Man darf das nie als selbstverständlich ansehen, und es ist richtig, dass wir das nicht tun«, so Dench. Auf einen Erfolg könne jederzeit ein Fehlschlag folgen.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Und wie finde ich heraus, welche Anlagen wirklich klimafreundloch sind?«

Cartoon des Tages: Winter ohne Heizung

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Ihr Auftaktspiel gegen Dänemark haben sie gewonnen. Bei der Fußball-Europameisterschaft der Frauen trifft das deutsche Nationalteam um 21 Uhr auf Spanien. Anschließend strahlen ARD, Sky und Magenta TV zeitgleich den ersten Teil der Doku-Staffel »Born for this – mehr als Fußball« aus, in der die Fußballerinnen auf ihrem Weg zur Europameisterschaft in England begleitet werden.

»Wir haben alle tolle Geschichten zu erzählen«, hatte Torfrau Merle Frohms bei der Vorstellung des Filmprojekts vor der Presse im vergangenen September gesagt. »Und ja, so ist es: Laura Freigang, Lina Magull, Almuth Schult, dieses Team hat Figuren, die für die Fernsehkamera wie gemacht sind«, findet mein Kollege Peter Ahrens aus unserem Sportressort.

Von der Dokumentation ist er allerdings enttäuscht: »Leider ist das alles mit einer Werbeästhetik verklebt, die Tiefe ansonsten fast nie zulässt.«  Die Spielerinnen gewährten interessante und emotionale Einblicke in ihr Leben, aber alles werde »mit Werbeästhetik übertüncht«. Immer wieder Zeitlupen, immer wieder bewusste Unschärfen, immer wieder wabernde Musik. »Irgendwo schluchzt immer eine Geige, wummert ein Bass oder klimpert ein Klavier«, ärgert sich Peter. Ständig zoome die Kamera in die Gesichter der Spielerinnen, »am Ende kann man die Augenfarben des gesamten DFB-Kaders nennen«.

Warum muss es immer »Mehr als Fußball« sein? Mir gefällt der Sport auf dem Bolzplatz um die Ecke am besten. Mich freut, dass man in den Kindermannschaften dort inzwischen viele Mädchen gemeinsam mit Jungs dem Ball hinterherrennen sieht.

Einen schönen Abend wünscht,
Ihre Anna Clauß

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