Laura Backes

Die Lage am Abend So viel totes Holz

Laura Backes
Von Laura Backes, stellvertretende Kultur-Ressortleiterin

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Urteil gegen Abu Walaa – Ein Erfolg für die Behörden?

  2. Waldsterben – Woran gehen Buchen und Fichten zugrunde?

  3. Turnskandal – Warum tritt die Trainerin nicht zurück?

1. Rückzug der dschihadistischen Szene ins Private

Foto:

Ronny Hartmann / Getty Images

Dreieinhalb Jahre lang hörten sich die Richter:innen am Oberlandesgericht Celle Beweise gegen Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias Abu Walaa an. Er galt als mutmaßlicher Deutschland-Chef der Terrormiliz »Islamischer Staat« und soll vor allem im Ruhrgebiet und in Niedersachsen junge Leute radikalisiert und in IS-Kampfgebiete geschickt haben. Dafür wurde er jetzt zu zehneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Mein Kollege Wolf Wiedmann-Schmidt hat immer wieder über Abu Walaa berichtet. Er sagt, dass es ein großer Erfolg für die Behörden war, als das Netzwerk zerschlagen wurde. »Leider wurde nicht verhindert, dass Anis Amri, der sich auch eine Zeit lang im Dunstkreis von Abu Walaa bewegte, im selben Jahr zum Attentäter wurde.«

Als ich von dem Urteil las, fiel mir auf, dass die Gefahr durch islamistischen Terror nicht mehr so omnipräsent ist wie noch vor einigen Jahren. Wolf bestätigt, dass Islamisten heute nicht mehr so offen agitieren. »Nicht nur in Hildesheim, sondern beispielsweise auch in Berlin wurden radikale Moscheen geschlossen. Die dschihadistische Szene hat sich in Chatgruppen und private Zirkel zurückgezogen«, sagt er. »Das macht es für die Sicherheitsbehörden nicht immer einfach, sie zu beobachten.«

2. Das Massensterben von Fichte und Buche

Heute geht es ausnahmsweise mal nicht um Corona, aber mit wirklich positiven Neuigkeiten kann ich trotzdem nicht aufwarten. Denn mein Kollege Philipp Kollenbroich hat einen Bericht über den Zustand des deutschen Waldes ausgewertet, den das Bundeslandwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat – und es sieht nicht gut aus. Wenn Sie sich für die Natur interessieren, wird Sie das nicht überraschen, aber ich sag mal so: Es wird immer schlimmer. Lediglich 21 Prozent der Bäume hatten noch vollständig intakte Baumkronen, das ist der schlechteste Wert seit Beginn der Auswertung im Jahr 1984. Außerdem sind so viele Fichten und Buchen wie noch nie abgestorben, Philipp schreibt von einem »Massensterben«.

Woran das liegt? Es gibt mehrere Gründe: »Die Stürme, die Dürre, der massive Borkenkäferbefall und auch die vermehrten Waldbrände der vergangenen drei Jahre« zählt das Ministerium auf. Um dem entgegenzuwirken, will die Politik das Pflanzen neuer Bäume mit Geld fördern, auch wenn das umstritten ist. Dass das Baumsterben nicht nur Auswirkungen auf den deutschen Wald, sondern auch auf historische Gärten (ich arbeite schließlich im Kulturressort) hat, hat meine Kollegin Elke Schmitter vor einigen Monaten aufgeschrieben . An der Diagnose hat sich leider nichts geändert.

3. Zurücktreten, bitte

Mein Interesse an Sport ist begrenzt. Aber die Berichterstattung im SPIEGEL über den Turnskandal in Chemnitz interessiert mich brennend, wahrscheinlich auch, weil ich selbst in meiner Kindheit und Jugend geturnt habe. Ich war nicht schlecht, es sagte mir aber auch niemand eine große Karriere als Sportlerin voraus, wenn ich nur hart genug trainieren würde. Niemand setzte mich unter Druck. Deshalb hatte ich eine gute Zeit. Anders als die Frauen, die der Trainerin Gabriele Frehse am Bundesstützpunkt Chemnitz psychische Gewalt vorwerfen . Sie habe sie mental misshandelt, ihnen zum Teil starke Schmerzmittel gegeben oder sie in die Essstörung getrieben.

Das war im November. Frehse bestreitet die Vorwürfe – und ist immer noch im Amt. Meine Kollegin Antje Windmann, die den Skandal aufgedeckt hat, hat dafür kein Verständnis. In einem Kommentar schreibt sie, Frehse solle ihr Amt niederlegen, das sei die »einzige richtige Konsequenz«.

Der Schwimm-Bundestrainer Stefan Lurz, der jahrelang Schwimmerinnen manipuliert, gemobbt und sexuell genötigt haben soll, habe das schließlich vorgemacht. Auch über ihn hatte der SPIEGEL berichtet . Kaum war die Recherche öffentlich, trat Lurz von seinem Amt als Nachwuchstrainer am Bundesstützpunkt in Würzburg zurück.

Heute berät der Sportausschuss des Bundestages über die Konsequenzen aus dem Turnskandal. Antje hofft, dass sie sich nicht von der Person ablenken lassen, die sich gerade zum Opfer stilisiert: die beschuldigte Trainerin Gabriele Frehse.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Von Tinder fürs Leben lernen

Rachel Greenwald ist Partnervermittlerin – und behauptet, dass Blind Dates und Büroleben mehr gemeinsam haben, als man denkt. Der erste Eindruck habe einen direkten Einfluss darauf, ob man einen Job bekommt, die Führungskräfte im Unternehmen beeindruckt und aufsteigt.

Na wunderbar!

Zum Glück gibt Greenwald sehr konkrete Tipps, wie man den ersten Eindruck, den andere von einem haben, verbessern kann. Es geht um selbstironische LinkedIn-Profile, um interessierte Nachfragen und unterhaltsame Anekdoten, die man über sich erzählen soll.

Mein Lieblingstipp bezieht sich auf die grassierende Videokonferenz-Müdigkeit. Greenwald sagt, man soll nicht langweilig sein und sich einen überraschenden Einstieg ins Gespräch ausdenken. Ihre Vorschläge:

»Wenn Sie einen potenziellen Investor treffen, spielen Sie einen energiegeladenen Song am Anfang ab (Ich denke an ›Eye of the Tiger‹).
Bei einem Vorstellungsgespräch könnten Sie fragen: ›Welche Geschichte steckt hinter dem Gegenstand auf Ihrem Schreibtisch?‹ oder ›Wenn Sie heute nicht mit mir sprechen müssten, was würden Sie stattdessen lieber tun?‹. «

Ich leite morgen die Kulturressortkonferenz, natürlich digital. Von einem ersten Eindruck kann keine Rede sein, aber die Videokonferenzmüdigkeit ist auch dort spürbar. Wie meine Kolleg:innen wohl reagieren würden, wenn ich einfach mal mit »Eye of the Tiger« starten würde?

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Sirenen in der Symbolbildhölle

Sirenen in der Symbolbildhölle

Foto: Brian Stablyk / Getty Images
  • Nepper, Schlepper, Autohändler: Brandon Soules, 19, aus dem US-Bundesstaat Arizona hatte so wenig Lust auf seine Arbeit in einem Autohaus, dass er lieber seine eigene Entführung vortäuschte, wie unter anderem die »New York Times« berichtete. Zunächst behauptete der Teenager demnach, er sei vor seinem Haus von zwei maskierten Männern bewusstlos geschlagen und entführt, etwas später aber wieder freigelassen worden. Seine Erklärung: Sein Vater habe viel Geld in der Wüste versteckt. Die Polizei ermittelte mehrere Tage, bis der Schwindel aufflog.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Die erste Auslieferungswell von Spritzen für die weltweiten Impfungen gegen Covid-19 soll in den kommenden Tagen fortgeführt werden.

Cartoon des Tages: Quo vadis Bundeswehr

Foto: plasmann

Und heute Abend?

Foto: Christian Werner

Könnten Sie einer der sonderbaren Sehnsüchte folgen, die in der Pandemie erwachen, wie mein Kollege Tobias Becker schreibt? »Es kann passieren, dass man sich dieser Tage von der Couch ins Büro wünscht – oder, noch verwegener, auf eine Autobahnraststätte. Wenn man schon nirgendwo mehr ankommen darf, so wäre man wenigstens gerne mal wieder unterwegs.« Wie er auf die Idee kommt? Weil der Schriftsteller Florian Werner eine Liebeserklärung an die Raststätte veröffentlicht hat. Dafür ist er tagelang im Motel der Raststätte Garbsen Nord abgestiegen, gelegen an der A2 nahe Hannover, »ein Ort von hinreißender Durchschnittlichkeit, ein Traum in Nullachtfünfzehn, asphaltgewordene Normalität«. Bilder des Fotografen Christian Werner illustrieren die Tristesse sehr schön. (Hier geht's zur Buchbesprechung und den Bildern.)

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Laura Backes

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