Jonas Leppin

Die Lage am Abend Wahl-O-Versagt

Jonas Leppin
Von Jonas Leppin, Chef vom Dienst

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Wie sehr schadet die verkorkste Sprecher-Wahl der amerikanischen Demokratie?

  2. Braucht es in Unternehmen mehr Mitsprache von Mitarbeitern?

  3. Muss eine Ministerin Social Media können?

1. Stimmung und Stimmen

Der Republikaner Kevin McCarthy unternimmt in diesen Minuten den zweiten Anlauf, um Sprecher des US-Repräsentantenhauses zu werden. Am gestrigen Dienstag ist er daran in drei Wahlgängen gescheitert, die absolute Mehrheit von 218 der 435 Abgeordneten blieb ihm verwehrt, weil der rechte Flügel seiner Partei ihn vorführte und ihm die nötigen Stimmen verweigerte. Dazu wurden mehrere Zahlen gereicht: Es ist das erste Mal seit 100 Jahren, dass die Wahl beim ersten Durchgang nicht klappt. 19 Republikaner votieren gegen ihren Parteikollegen, später sogar 20. Alles, was Sie sonst noch über das Speaker-Debakel der Republikaner wissen müssen, hat mein Kollege Malte Göbel hier für Sie aufgeschrieben .

Natürlich wirkt das alles etwas kurios. Nach den Midterm-Wahlen hatten die Republikaner sich mit einer knappen Mehrheit bereit gemacht, das Repräsentantenhaus zurückzuerobern. McCarthy hatte bereits als designierter Repräsentantenhaus-Sprecher das Büro seiner Vorgängerin Nancy Pelosi bezogen. Die Geschichtsbücher wurden bemüht. Haha. 1855 dauerte die Sprecher-Wahl des Abgeordneten Nathaniel P. Banks zwei Monate und 133 Wahlgänge. Alles nette Anekdoten aus dem Land der unbegrenzten Wahlmöglichkeiten – wenn das Hauptproblem nicht so gewichtig wäre.

Die gescheiterte Wahl des 118. Kongresses um den drittmächtigsten US-Politposten zeigt, wie fragil die amerikanische Politik ist. Wie sie weiter und weiter auseinanderdriftet und mit Checks and Balances gar nicht mehr so viel zu tun hat, wie konservative US-Politiker es nun gerne herbeireden wollen. Es sind rechte Hardliner, die McCarthy, der lange treu an der Seite von Donald Trump stand, als Repräsentanten einer Washingtoner Elite verspotten. Etwa Matt Gaetz aus Florida, der, so will es wohl die neue Symbol-Mode, genau wie Trump oft eine etwas zu lange Krawatte trägt, sich als einzig wahrer Volksrepräsentant gibt und Kevin McCarthy als »Besetzer« im Sprecherbüro bezeichnet.

Solange bis es endlich klappt, will McCarthy nun zur Wahl antreten und die parteiinternen Rebellen nicht durch Posten oder Zugeständnisse belohnen. Er wird dafür jedoch noch viel Ausdauer benötigen. Am Mittwoch scheiterte er auch im vierten Wahlgang. Wie auch immer die Wahl nun letztlich ausgeht oder wie lange sie auch dauern mag, wirklich gewinnen wird hier keiner mehr. Verfolgen Sie den erneuten Versuch zur Wahl des Sprechers hier im Livestream.

2. Klasse der Masse

Vielleicht kennen Sie auch die Umhängetaschen mit dem schlichten Logo Freitag an prominenter Stelle? Es ist sechs Jahre her, da beschloss die Leitung der Firma, sich zurückzuziehen. Seitdem spielen die Gründer Daniel und Markus Freitag formal keine operative Rolle mehr. Klingt erst mal wie ein Hippie-Traum: Die Organisationsform heißt nun Holacracy, Hierarchien wurden aufgelöst und durch »Kreise« ersetzt.

Meine Kollegen Simon Book und Marcel Rosenbach haben sich den Wirtschaftstrend zum Verantwortungseigentum etwas genauer angeschaut. Weil immer weniger Familienunternehmen geeignete Nachfolger finden, denkt inzwischen auch der lange als bewegungsarm verschriene Mittelstand über solch revolutionären Schritte nach. Mein erster Impuls: In wirtschaftlich guten Zeiten mag das funktionieren. Aber was passiert, wenn es mal nicht mehr so läuft? Wenn Menschen entlassen werden müssen oder Mitarbeiter völlig überzogene Gehaltsvorstellungen haben? Zumindest bei Freitag bisher kein Problem: Die Firma, sagt Daniel Freitag, »gibt es immer noch. Es scheint also zu funktionieren.«

3. Knall vor Fall

Noch glüht die Debatte über das missglückte Instagram-Video der Verteidigungsministerin Christine Lambrecht wie eine irregeleitete Silvesterrakete. Fliegt sie noch oder glimmt die Diskussion langsam aus? Unser geschätzter und sehr selbstbewusster Kolumnist Sascha Lobo hat sich die Frage gestellt, ob eine Verteidigungsministerin zurücktreten muss, weil sie ungeschickte, unprofessionell und nachlässige Social-Media-Posts verbreitet. Jedenfalls nicht so smart und kommunikativ geschickt wie Annalena Baerbock und Robert Habeck. Ein berechtigtes Gedankenspiel, abseits der Häme.

Ich würde gerne ergänzen, dass man eine Verteidigungsministerin vor allem an ihrer politischen Bilanz messen sollte. Sucht man mit diesen Stichworten etwas plump bei Google, stößt man auf einen Artikel mit der Überschrift: »Christine Lambrecht: Diese Bilanz kann sich sehen lassen«. Darin wird aufgelistet: Ende der Unterfinanzierung der Bundeswehr, Gesetz zur Beschleunigung der Beschaffung in Arbeit, viel bewegt in kurzer Zeit. Und bevor man zu sehr beeindruckt ist, schaut man auf den Autor und die Website und stellt fest, dass man sich auf die Seite des Bundesministeriums der Verteidigung verirrt hat . Man selbst hat nämlich eher den Eindruck einer verzögerten Modernisierung der Bundeswehr, Streitkräfte ohne Munition, der neue Schadensbericht zum Schützenpanzer Puma ist auch nicht gerade schmeichelhaft . Aber vielleicht wurde das alles auch nur unterdurchschnittlich kommuniziert.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Ich entschuldige nichts. Ich weise Sie nur auf die Doppelmoral hin«: Muss die Nato mehr Waffen in die Ukraine liefern? Oder ist es Zeit für Verhandlungen? Die Linke Sahra Wagenknecht und der Sicherheitsexperte Carlo Masala streiten über die Rolle des Westens und den Umgang mit Putin .

  • Putin-Vertrauter Rogosin schickt angeblich Brief mit Granatsplitter an Macron: Dmitrij Rogosin ist ein Kreml-Hardliner, mehrfach bereiste er die Ostukraine. Dort sei er bei Beschuss mit französischer Munition verletzt worden, schreibt er. Einen Granatsplitter will er jetzt Präsident Macron zukommen lassen.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Polizei unterbindet Presslufthammer-Protest der »Letzten Generation«: Straßen blockieren, Kunstwerke beschmieren: Mit derartigen Aktionen will die »Letzte Generation« mehr Klimaschutz erreichen. Nun hat die Polizei einen gegen Verkehrsminister Wissing gerichteten Protest gestoppt.

  • Jahrhundertflut in Australien – mehrere Ortschaften komplett überschwemmt: Die für ihre wilden Landschaften bekannte Kimberley-Region ist besonders betroffen: In Australien haben extreme Regenfälle eine heftige Flut zur Folge. Behörden warnen vor weiteren Unwettern – und Schlangen.

  • Späte Klage wegen Nacktszene: Olivia Hussey und Leonard Whiting waren 1968 minderjährig, als sie von Regisseur Franco Zeffirelli angewiesen wurden, eine Szene in »Romeo und Julia« nackt zu spielen. Nun haben die beiden das Filmstudio verklagt.

  • Bestatterinnen verkauften Hunderte Leichenteile: Zwei Bestatterinnen im US-Bundesstaat Colorado verkauften jahrelang Körperteile von Toten, die sie eigentlich beerdigen sollten. Nun wurden sie zu langen Haftstrafen verurteilt.

Meine Lieblingsgeschichte heute:

Wer beim SPIEGEL arbeitet, der hat das Glück, nicht nur mit besonders fähigen, sondern auch mit außerordentlich netten Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten. Und das ist tatsächlich kaum gelogen. Trotzdem gibt es sie überall, die schwierigen Kollegen, die Egomanen, Rechthaber, Nörgler (Notiz: Müsste das hier nicht gegendert werden?). Mitunter fällt man sogar selbst in eine dieser Kategorien. Wie soll man mit solchen unausstehlichen Menschen klarkommen? Meine Kollegin Maren Hoffmann hat dafür zwei Kommunikationsexperten befragt, die sich auf den Umgang mit diesen speziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spezialisiert haben.

Erwartet habe ich schlagfertige Antworten, Strategien, die solche Aufschneider und Miesepeter vorführen. Aber Pustekuchen. Die Profis raten, auch mit den übelsten Kontakt-Kläusen eine gemeinsame Basis zu suchen, und das beinhaltet blöderweise eigenes Engagement und die Fähigkeit, eine andere Perspektive einzunehmen. Auch unangenehme Menschen sehnen sich nach Wertschätzung, möchten mit anderen auskommen, mit einer Aufgabe fertig werden. »Wenn jemand etwas ganz anders sieht als Sie, müssen Sie sich entscheiden, was Ihnen wichtig ist: Selbst recht damit zu haben, dass der andere unrecht hat – oder ob Sie das Beste aus diesem Menschen herausholen und vorwärtsgehen wollen«, sagt der Autor Rick Kirschner.

Falls Sie übrigens nichts von solchen Herumdeutungen halten, empfehle ich Ihnen wiederum das Gespräch meiner Kollegin Carola Padtberg, die sich ausführlich mit dem Komiker Kurt Krömer darüber unterhalten hat, ob sich das Show-Konzept »Kammerspiel mit Arschlöchern« wirklich lohnt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Analysten rechnen mit 1,7 Millionen Coronatoten – bis Ende April: Niemand weiß, was Covid in China anrichtet, weil Peking Daten zurückhält. Modellrechnungen gehen von einer hohen Zahl an Toten aus. Einige Länder wollen nun im Abwasser von Flugzeugen aus der Volksrepublik nach dem Virus suchen .

  • Der Kryptostar ist plötzlich ziemlich allein: Dunkler Anzug statt bunte Shorts: Bei seiner ersten Anhörung gibt sich der gefallene Krypto-Guru Sam Bankman-Fried seriös. Doch seine Chancen stehen nicht gut – auch weil zwei frühere Vertraute die Seiten gewechselt haben .

  • Die Bullerbü-Illusion: Bürgermeister und Planerinnen träumen von der Stadt der kurzen Wege: Wenn Supermarkt, Kindergarten und Arbeitsplatz um die Ecke liegen, werde das Auto kaum noch benötigt. Doch viele Menschen streben nach etwas anderem .

  • »Angst, Ekel und Hilflosigkeit im Umgang mit dem Toten haben sich ausgebreitet«: Benedikts und Pelés Leichname wurden offen ausgestellt. Für viele wirkt das befremdlich, einst war es ganz normal. Eine Religionswissenschaftlerin über Tote im Wohnzimmer und den Zweck ihrer Zurschaustellung .

Was heute weniger wichtig ist

Du, du hast, du hast Geburtstag: Heute wird der Frontsänger und Textdichter der Musikgruppe Rammstein Till Lindemann 60 Jahre alt. Zur Feier des Tages verweise ich daher gerne auf die zuckersüße Lobhudelei seines Bandkollegen Christian »Flake« Lorenz, der zu diesem Anlass in bester Schelmenhaftigkeit eine Hymne auf seinen Freund geschrieben hat , die einen glauben lässt, dass dieser Till Lindemann ein ziemlich sensationeller Typ ist. Also bis auf die Musik und die Texte von Rammstein natürlich.

Aber die Liveshow, gegen die ein Silvester in Berlin wirkt wie Kinderkarneval! Aber die große Bedeutung von Rammstein in der Musikwelt! Wenn Sie eines von beiden nach diesem, ebenfalls etwas schelmenhaften, Scherz über die Band gedacht haben, dann haben Sie eventuell genauso viel Liebe für Rammstein übrig wie der anonyme Künstler Roxxy Roxx. Dieser hat zum Lindemann-Jubiläum vor einem Haus in Rostock, in dem der Sänger seine Jugend verbrachte, eine Statue aufgestellt. Nur einen Tag später haben Unbekannte die Bronzestatue jedoch geklaut. Sei's drum. Vielleicht ist das dem Geburtstagskind gar nicht so unrecht. Denn wie steht es so schön im Poesiealbum großer deutscher Pop-Zitate: »Sie haben uns ein Denkmal gebaut. Und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut.«

Mini-Hohlspiegel

»Erkrankung im Ensemble: Das Theater Lübeck sagt die heutige Vorstellung von ›Der eingebildete Kranke‹ in den Kammerspielen ab.«
Aus den »Lübecker Nachrichten«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons

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Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Gestern fragte mich mein CvD-Kollege leichtsinnigerweise, ob ich die Rapperin Juju kennen würde. »Ist die gut?«, sagte er noch. Sofort erfassten mich Robert-Fleming-Vibes, die Hauptfigur aus dem Roman »High Fidelity« von Nick Hornby, der auf rund 320 Seiten seine Musiksammlung beschreibt und Listen erstellt und Frauen vermisst, so was eben. Wie jeder halbwegs selbstbewusste Mann schickte ich meinem Kollegen darauf ungefragt einen Link zu einem Musikvideo von Juju , außerdem noch ein Lied von Badmómzjay  und einen weiteren Link der Künstlerin Paula Hartmann , die im vergangenen Jahr mit leicht verschleppten Beats und warmen melancholischen Texten für Aufsehen sorgte. Wie jeden halbwegs selbstbewussten Mann hat mich diese Melancholie natürlich sofort gekriegt.

Jene Paula Hartmann hat eigentlich als Schauspielerin begonnen. Einem größeren Publikum wurde sie im Film »Der Nanny« bekannt, in dem sie die Tochter von Matthias Schweighöfer spielt. Seit Kurzem wird auf Netflix aber auch die Serie »Almost Fly« gestreamt, die in einem fiktiven Dorf die Anfänge des deutschen Hip-Hops im Jahr 1990 zeigt. Meine Kollegin Nora Gantenbrink fand zum Serienstart warme Worte. Im Vergleich zu anderen Serien in diesem Genre sei »Almost Fly« »tiefgründiger und in der Ausstattung und Schauspielleistung wertiger«. Ich habe sie gerne geschaut, vielleicht können Sie damit ja auch etwas anfangen.

Einen schönen Abend
Ihr Jonas Leppin

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

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