Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Captain Kirk auf Putins Kurs?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Kurswechsel – Was macht William Shatner beim Propagandasender RT?

  2. Bitte nur eine Runde Astra – Wem empfiehlt die Stiko die Mix-Impfung?

  3. Recht merkwürdig – Warum ist Bill Cosby ein freier Mann, und Britney Spears bleibt ein Mündel ihres Vaters?

1. Mist auf dem Schirm?

Von »Star Trek« zum russischen Propagandasender: Captain-Kirk-Darsteller William Shatner, 90, bekommt eine Sendung beim amerikanischen Ableger von RT, früher bekannt als »Russia Today«. Die Show soll »I don't understand« heißen, sich mit Weltraumphänomenen beschäftigen und am 12. Juli starten.

Was Shatner wirklich nicht zu verstehen scheint: Warum viele seiner Fans enttäuscht bis erbost reagieren, nachdem er die Sendung bei Twitter ankündigte. »Dann schau halt nicht zu«, antwortet  er einem, »ganz einfach.« Als ein anderer ihn darauf hinweist, dass die russische Regierung mit RT Falschinformationen verbreitet, fährt Shatner die What-Aboutism-Schutzschilde hoch: Der World Service der BBC werde auch vom britischen Verteidigungsministerium bezahlt, behauptet  er. Woraufhin ein BBC-Redakteur ihn darauf hinweist , dass der World Service vor allem gebührenfinanziert sei und lediglich einen Zuschuss vom Außenministerium bekomme. So geht es hin und her in der Digitalraumschlacht um die Deutungshoheit seines neuen Engagements. Die RT-Chefredakteurin feiert jedenfalls: »Captain Kirk ist auf die Seite des Guten gewechselt.«

Das Problem mit RT: »Der Sender funktioniert als Verstärker für die Selbstzweifel von Europäern und Amerikanern«, sagt mein Kollege Benjamin Bidder, der lange als Korrespondent in Moskau gearbeitet hat. »Seine Mission ist, die Risse in westlichen Gesellschaften zu vergrößern.« (Wie der Kreml mithilfe des Senders auch die Demokratie in Deutschland destabilisieren will, lesen Sie hier .) Da müssen Prominente wie Shatner selbst gar keine Putin-Botschaften verbreiten. Problematisch ist schon, dass sie ihren Namen hergeben für einen Sender, »der kein normales Medium ist, sondern ein Instrument smarter Propaganda, und ihn damit aufwerten«, wie Benjamin sagt.

Als »Star Trek«-Fan habe ich Shatner mal vollkommen distanzlos in einem Interview angehimmelt: »Darf ich Captain zu Ihnen sagen?« Zu seiner neuen Mission fällt mir nicht viel ein. Außer vielleicht einer der zahlreichen Synchronisationsfehler aus den Serien und Filmen. In einer »Next Generation«-Folge erscheint auf dem Bildschirm nur diffuser Nebel. Die Schiffsärztin fragt im Original: »What's that mist I'm seeing there?« In der deutschen Fassung: »Was ist das für ein Mist, den ich da sehe?«

2. Stiko empfiehlt Impf-Mix

Erstgeimpft mit AstraZeneca? Dann empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) Ihnen jetzt als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff, also Biontech oder Moderna. Und zwar egal, wie alt Sie sind. Der Abstand zwischen erster und zweiter Spritze solle mindestens vier Wochen betragen. Die Empfehlung gelte »vorbehaltlich der Rückmeldungen aus dem noch zu eröffnenden Stellungnahmeverfahren«, teilte das Gremium mit, was medizinbürokratisch in etwa heißt: Wir schauen mal, ob noch andere Daten und Einschätzungen kommen.

Die Stiko begründet den Rat damit, dass die Immunantwort nach der Mix-Impfung der nach einer doppelten Astra-Dosis »deutlich überlegen« sei. Eine ganz und gar nicht repräsentative Umfrage in einem Hamburger Homeoffice ergab, dass mindestens ein Astra-Erstgeimpfter jetzt zügig fertig werden muss mit seinem Newsletter, um die 116 117 anzurufen.

3. Schlechtsprechung?

Bill Cosby kommt frei, Britney Spears bleibt unter der Vormundschaft ihres Vaters. Die Fälle haben nichts miteinander zu tun, aber ein Blick in die sozialen Netzwerke zeigt: Viele sehen die Entscheidungen als symptomatisch für eine strukturell frauenfeindliche Gesellschaft.

Britney Spears scheiterte mit einem Antrag, statt ihres Vaters eine Treuhandgesellschaft als ihren Vormund einzusetzen. Die Sängerin hatte unter anderem ausgesagt, sie habe Medikamente gegen ihren Willen einnehmen müssen und ihre Verhütungsmethode nicht absetzen dürfen, um weitere Kinder zu bekommen. Ihr Vater Jamie Spears beantragte eine Untersuchung der Vorwürfe, er sei von der Kommunikation mit seiner Tochter abgeschnitten.

Im Fall Cosby hob der Oberste Gerichtshof von Pennsylvania das Vergewaltigungsurteil gegen den 83-jährigen Schauspieler auf. Cosby selbst hatte zwar 2005 unter Eid eingeräumt, Frauen, mit denen er Sex haben wollte, das Beruhigungsmittel Methaqualon gegeben zu haben. Er hätte aber 2018 aus formalen Gründen nicht angeklagt werden dürfen.

Meine Kollegin Nina Rehfeld zitiert eine der mehr als 60 Frauen, die Vorwürfe gegen Cosby erhoben, mit den Worten: »Dies wird Auswirkungen für jede Frau haben, die jemals öffentlich darüber gesprochen hat, was ein Mann ihr angetan hat.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Finanzchef des Trump-Konzerns stellt sich den Behörden: Die Staatsanwaltschaft will heute offenbar Anklage gegen die Trump Organization erheben. Nun hat sich Allen Weisselberg, der Finanzchef des Konzerns, den Behörden gestellt – und könnte bald vor Gericht erscheinen.

  • Sozialdemokrat Löfven könnte alter und neuer Regierungschef werden: Erst vor wenigen Tagen stürzte er über ein Misstrauensvotum – nun bekommt Stefan Löfven eine neue Chance auf den Posten des Ministerpräsidenten. Doch vorher muss er noch Sondierungsgespräche führen.

  • »Jeder trägt die ruhmreiche KP im Herzen«: Allmachtsanspruch, Propaganda, Drohungen - Chinas Staatsführung zelebriert in Peking den 100. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei der Volksrepublik. Ausschnitte des Zeremoniells im Video.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Foto: HO / REUTERS
  • Der ewig Uneinsichtige: Er führte die USA in den Irakkrieg, suchte die Konfrontation mit Europa: Donald Rumsfeld stand für ein Amerika, das sich nach 9/11 übernommen hat – doch er glaubte bis zum Schluss, alles richtig gemacht zu haben .

  • »Ich war wie in Beton gegossen«: Vor seiner Covid-Erkrankung war Thomas Siegmund ein sportlicher Draufgänger ohne Vorerkrankungen. Im künstlichen Koma erlitt er unbemerkt von den Ärzten zwei Schlaganfälle. Jetzt kämpft er sich ins Leben zurück .

  • Das russisch Roulette der Tour de France: Selbst erfahrene Radprofis wie Chris Froome haben noch nie so viele verletzte Fahrer gesehen. Nach den Massencrashs bei der Tour de France steht wieder die große Frage im Raum: Wie wird der Sport sicherer? 

  • Eine Psychologin findet ihren Traumjob – hinter der Theke eines Foodtrucks: Ronja Hemmersbach studiert Psychologie, arbeitet in einer Unternehmensberatung, deckt Dächer, räumt Regale ein. Dann wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit – und kauft sich einen Imbisswagen .

Was heute weniger wichtig ist

Foto: Julia Terjung / Netflix
  • Stasi statt Abi, Abschuss statt Abschluss: Jella Haase, 28, berühmt geworden als Chantal aus der »Fack ju Göhte«-Reihe, bekommt die Hauptrolle in einer neuen Netflix-Actionserie mit dem Titel »Kleo«, in der es um eine DDR-Spionin zur Zeit des Mauerfalls geht, die einen Geschäftsmann liquidiert. Die Dreharbeiten laufen bereits, der Start ist für 2022 angekündigt. Das Autorenteam teilte mit, sie wollten eine Geschichte aus der »aufregenden Zeit des Umbruchs in Berlin Ende der Achtzigerjahre mit einem gewissen Punch erzählen«.

Cartoon des Tages: Fleischkonsum halbieren! Plöger und die kleinen Schritte

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie wieder ins Kino gehen, wirklich! Bundesweit dürfen sie wieder öffnen, nicht weniger als 25 Filmstarts sind für heute angekündigt. Von »Catweazle« mit Otto Waalkes bis »Godzilla vs. Kong« mit Godzilla und King Kong, vom Oscargewinner »Nomadland« bis »Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker«.

Nicht nur Mist auf dem Schirm.
Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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