Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Haben Sie auch wieder mit dem Rauchen angefangen?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Hast du mal 'ne Kippe – Warum fangen so viele Jugendlichen mit dem Rauchen an?

  2. Baerbock, Scholz, Lindner – Wer hat eigentlich das Sagen in der Außenpolitik?

  3. Silvesterstimmung – Böllern ja oder nein?

1. Rauchen Sie wieder?

Unter Jugendlichen wurde dieses Jahr wieder viel mehr geraucht. Laut neuen Daten hat sich der Tabakraucher-Anteil unter den 14- bis 17-Jährigen in den vergangenen zwölf Monaten fast verdoppelt: von 8,7 auf 15,9 Prozent. »Hochgerechnet heißt dies, dass es etwa 200.000 mehr minderjährige Raucherinnen und Raucher gibt als 2021«, schreibt mein Kollege Claus Hecking, der die entsprechende DEBRA-Studie (die Abkürzung steht für Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) ausgewertet hat .

Einige der jungen Tabakfreunde sind mir sogar persönlich bekannt. Dabei dürften sie laut dem Jugendschutzgesetz gar keine Tabakprodukte kaufen. Dass es trotzdem insgesamt mehr als 400.000 Minderjährige schaffen, regelmäßig an Drehtabak und Zigaretten heranzukommen, lässt auf eher laxe Kontrollen schließen. Meine Kinder würden sagen: Irgendwann kennt man seine Leute.

Der Leiter der DEBRA-Studie hat meinem Kollegen gesagt, dass sich das Rauchen insgesamt wieder steigender Beliebtheit erfreue. Der Anteil der Raucher an der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren liegt jetzt bei 35,5 Prozent. Vor zwei Jahren waren es noch 26,6 Prozent, also fast neun Punkte weniger. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Lag es am Dauerstress durch Corona? Sind es die vielen Krisen?

Wer glaubte, die E-Zigarette trage insgesamt zur Entwöhnung bei, sieht sich jedenfalls getäuscht. Auch deren Verbreitung nahm zu, aber längst nicht so stark wie herkömmliche Tabakzigaretten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zeigte sich gegenüber meinem Kollegen entsetzt über die neuen Daten und kündigte an, sich »Maßnahmen für einen besseren Jugendschutz« zu überlegen. Tatsächlich gibt es Länder mit deutlich strengeren Anti-Tabak-Gesetzen, von Einheitsverpackungen über Verkaufsverbote bis zu noch höheren Steuern.

Ich bin gespannt, wie Lauterbach hier den Spagat hinbekommen wird zwischen strengeren Nikotin-Gesetzen einerseits und der geplanten Lockerung beim Cannabis andererseits. Rauchen pfui, Kiffen hui: Das dürfte nicht nur kommunikativ eine schwierige Herausforderung werden.

2. Scholz stoppt Baerbock

Wer bestimmt eigentlich die deutsche Außenpolitik? Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock scheint es jedenfalls nicht zu sein. So lautet das Ergebnis einer Recherche unseres Hauptstadtbüros. Wie meine Kolleginnen und Kollegen im neuen SPIEGEL beschreiben , herrscht Streit zwischen Baerbocks Leuten und dem Kanzleramt von Olaf Scholz. Und jetzt hat sich auch noch Finanzminister Christian Lindner eingemischt.

Es geht um die »Nationale Sicherheitsstrategie«. Baerbock hatte sie bereits im März angekündigt, doch das Land wartet bis heute. Nach SPIEGEL-Informationen haben Spitzenbeamte aus Kanzleramt und Finanzministerium fünf Tage vor Weihnachten dafür gesorgt, dass Baerbocks Strategieentwurf so schnell nicht kommen wird.

Sie erklärten ihr Veto mit insgesamt 30 offenen Punkten. Beispiele: Baerbock will einen »Nationalen Sicherheitsrat« – Scholz ist skeptisch. Baerbock will genaue Vorgaben für den Umgang mit China – dem Kanzleramt ist das zu detailliert. Auch Baerbock will internationalen Terrorismus bekämpfen – aber Lindner findet, der Kampf gegen Geldwäsche komme bei ihr zu kurz.

»Vordergründig kreist der Streit um Formulierungen und Termine«, schreibt unser Hauptstadt-Team. In Wahrheit aber gehe es um die Machtfrage: »Wer hat das Sagen in der Außenpolitik: Kanzleramt oder Auswärtiges Amt? Wer dominiert das Außenbild Deutschlands in den nächsten Jahren: der interessengeleitete Scholz oder die werteorientierte Baerbock?«

Und so fehle der Koalition weiterhin ein Kompass, der ihr in Zeiten von Krieg und Energiekrise die Richtung weisen könnte.

3. Böllern Sie noch?

Seit heute können sich Böller-Fans mit Pyrotechnik fürs Silvesterfeuerwerk eindecken. Allerdings nicht unbedingt dort, wo sie es von früher gewohnt sind. Mehrere Bau- und Supermärkte haben einen Böllerstopp verhängt, »aus Gründen des Tier- und Umweltschutzes«, wie es bei Hornbach heißt. Viele Obi-Märkte verkaufen ebenfalls kein Feuerwerk, »der Umwelt und den Tieren zu Liebe«. Eine Regel, die allerdings nur für zentral geführte Läden gilt, einzelne Märkte könnten weiterhin Böller anbieten. Ähnliches gilt offenbar bei Toom, Bauhaus, dem Discount-Baumarkt B1 sowie bei Globus.

Umso besser dürfte das Geschäft in den anderen Ketten laufen. Der Bundesverband Pyrotechnik rechnet mit einer überdurchschnittlich großen Knallerei. »Es zeichnet sich ab, dass die Nachfrage höher denn je ist«, sagte der Verbandsvorsitzende Ingo Schubert im RBB-Inforadio. Nachdem letztes Jahr unter Hinweis auf Corona nicht geböllert werden durfte, besteht offenbar Nachholbedarf.

Mehrere Städte haben indes angekündigt, einzelne Verbotszonen auszuweisen, in Berlin etwa auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor und am Alexanderplatz. Mein Viertel ist davon allerdings nicht betroffen, wie heute zu bemerken war, als in der Nachbarschaft die ersten Probedurchläufe für den 31.12. gestartet wurden.

Wäre ich Hundebesitzer, würde ich mich vielleicht darüber ärgern. So aber freue ich mich aufs Feuerwerk vor meiner Haustür.

Podcast Cover

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

  • Offenbar 69 russische Raketen auf ukrainische Infrastruktur abgefeuert: Auf mehrere ukrainische Städte hat es laut dem Militär »massiven« russischen Raketenbeschuss gegeben. Es ist der wohl größte Angriff auf die Energieversorgung der Ukraine seit zwei Wochen.

  • Der Verräter: Ein Agentenskandal erschüttert den Bundesnachrichtendienst. Ausgerechnet in einer für den Ukrainekrieg extrem wichtigen Abteilung soll ein mutmaßlicher Spion Putins ans Werk gegangen sein. Er hatte Zugang zu brisanten Informationen. Die Rekonstruktion .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Staatsanwaltschaft ermittelt gegen US-Republikaner Santos: Der neugewählte Kongressabgeordnete George Santos hat zugegeben, Teile seines Lebenslaufs erfunden zu haben. An seinem Mandat will der Republikaner festhalten – trotz »schlichtweg atemberaubender Ungereimtheiten«.

  • Deutschland zahlt mehr denn je in EU-Haushalt ein: Durch den Brexit haben sich die Beiträge der EU-Länder für den Haushalt verschoben. Deutschland hat mit 25,1 Milliarden Euro eine Rekordsumme überwiesen. Viel Geld ging an zwei umstrittene Staaten.

  • Neue Netanyahu-Regierung im Parlament vereidigt: Gut ein Jahr nach dem Ende seiner fünften Amtszeit ist Benjamin Netanyahu wieder Ministerpräsident. Das Parlament in Jerusalem hat seine rechts-religiöse Koalition gebilligt.

  • ZDF liegt beim Publikum vorn: Zum elften Mal in Folge war das ZDF der meistgesehene Sender in Deutschland. Das ergab die Auswertung der TV-Quoten für 2022. Besonders ein Sportevent bescherte ARD und ZDF ein Millionenpublikum.

  • Hessen fördert Kinderwunschbehandlungen für lesbische und trans Paare: Die Unterstützung von Kinderwunschbehandlungen war in Hessen bislang heterosexuellen Paaren vorbehalten. Das Land sieht sich nun als Vorreiter in Sachen Diversität.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Was sollte man mit 18 wissen?

Der noch minderjährige Sohn unserer Gastautorin Katrin Wilkens fragte diese kürzlich um einen Rat. Was müsse er wissen, um mit 18 Jahren als gebildet zu gelten? Seine Bitte lautete: »Mama, schreib mir 100 Sachen auf, die ich bis dahin getan haben muss.«

Katrin Wilkens fing an zu überlegen. »Unseren Eltern wäre sofort der klassische Bildungskanon eingefallen, Platon, Goethe, Marx«, schreibt sie. »Aber so einfach ist das heute nicht mehr, finde ich, schließlich tragen wir unseren Brockhaus alle in der Hosentasche.«

Stattdessen stellte sie für ihren Sohn eine Liste mit völlig unterschiedlichen Herausforderungen zusammen , mit Alltagsaufgaben, Mutproben, Grenzerfahrungen. Hier einige Beispiele:

  • Verlauf dich einmal in einer fremden Stadt (ohne auf die Hilfe eines Smartphones zurückgreifen zu können).

  • Höre das Weihnachtsoratorium von Bach.

  • Triff dich mit einem deutlich Reicheren (und einem deutlich Ärmeren)

  • Übernachte eine Nacht in einem Wald – ohne Zelt.

  • Blättere in einem Fremdwörterbuch und lerne jeden Tag drei neue Begriffe. Drei Monate lang.

  • Näh einen Knopf an eine Jacke oder Hose.

  • Lerne ein paar Zeilen Code schreiben.

  • Fass einen Toten an – oder wenigstens anschauen.

  • Mach einen Job, auf den du keine Lust hast.

  • Sei betrunken.

Nun bin ich bin schon älter als 18. Dennoch bin ich in der Liste auf Punkte gestoßen, bei denen ich Nachholbedarf habe. Vielleicht finden auch Sie noch eine interessante Herausforderung, die ihr Wissen und ihr Leben bereichern würde.

Oder fällt Ihnen eine ganz andere Sache ein, die man mit 18 Jahren unbedingt getan haben sollte? Schreiben Sie mir gerne: alexander.neubacher@spiegel.de 

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Der Verräter: Ein Agentenskandal erschüttert den Bundesnachrichtendienst. Ausgerechnet in einer für den Ukrainekrieg extrem wichtigen Abteilung soll ein mutmaßlicher Spion Putins ans Werk gegangen sein. Er hatte Zugang zu brisanten Informationen. Die Rekonstruktion .

  • Ampelpolitiker vorerst gegen Kontrollen für Reisende aus China: In China wütet die Pandemie. Nun verlangen die USA und andere Länder von China-Reisenden einen negativen Test. Gesundheitsexperten von Grünen und FDP geben sich zurückhaltender – sie setzen noch auf andere Maßnahmen .

  • Wie sich der Vatikan auf den Tod von Benedikt vorbereitet: Der letzte emeritierte Papst starb im Jahr 1417. Wie sehen nun die Vorbereitungen auf den Tod von Benedikt XVI. aus? Wie würdigt der Heilige Stuhl das von Skandalen geprägte Pontifikat? Antworten auf die wichtigsten Fragen .

  • »Geiz ist wieder da, aber geil finden die Leute es nicht«: Rewe-Chef Lionel Souque erwartet im kommenden Jahr weiter steigende Butterpreise. Er wirft den Markenherstellern vor, sich an der Krise zu bereichern und erklärt, wie es zum plötzlichen Ausstieg aus dem DFB-Sponsoring kam .

Was heute weniger wichtig ist

  • Pimmelwitz: Greta Thunberg, 19, hat schlagfertig auf eine Provokation des früheren Kickboxers und Reality-TV-Darstellers Andrew Tate reagiert. In einer Twitter-Botschaft hatte dieser mit seiner Autosammlung geprahlt und Thunberg angeboten, ihr eine Liste inklusive der enormen Emissionswerte zu schicken; sie möge ihm nur ihre E-Mail-Adresse mitteilen. Thunberg antwortete darauf: »Bitte kläre mich auf, schreib mir an die E-Mail kleinerpenisenergie@hastdunichtsbessereszutun.com.«

    Beim Twitter-Publikum traf sie offenbar einen Nerv. Mehr als 2,4 Millionen Nutzer markierten den Eintrag mit einem Herzchen. Tates Ursprungstweet hingegen kam nicht einmal auf 200.000.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Die zwanzig Minuten, die er einmal auf einer Mottoparty von Heidi Klum in New York verbacht habe«

Cartoon des Tages: Alle Jahre wieder

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Gemessen am Zuwachs meiner Plattensammlung war 2022 kein besonders gutes Jahr. Dass es dann aber doch einige sehr gute Neuentdeckungen gab, verdanke ich auch meinem Kollegen Andreas Borcholte und seiner wöchentlichen Pop-Kolumne. Ich möchte an dieser Stelle außerdem Werbung machen für das ausgezeichnete neue Album der Kölner Band Kratzen, das ich dieses Jahr oft gehört habe.

Zum Jahresende hat Andreas nun eine Liste seiner Lieblingsplatten 2022 erstellt. Darauf sind unter anderem Big Thief, Wet Leg und Die Nerven, drei Bands, die ich dieses Jahr zu meinem Glück auch live gesehen habe. Es gibt aber auch jede Menge Musik, die ich offenbar übersehen habe. Womöglich wächst die Plattensammlung also noch. Sie können Andreas' Jahres-Charts hier auf Spotify nachhören . Und hier finden Sie die Songs , die mir in den vergangenen zwölf Monaten am besten gefallen haben.


Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

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