Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Deutschland in Kaderstimmung

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Neues Bürgergeld – Warum fällt der Abschied von Hartz IV so schwer?

  2. WM-Nominierungen – Wen nimmt Flick mit nach Katar?

  3. Döner für zehn Euro – Bleibt der so teuer?

1. Stirb langsam, Hartz IV

Manchmal drängt sich der Eindruck auf, die SPD will nichts und niemanden so dringend loswerden wie den ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder – die parteiinterne Schiedskommission tagt noch dieses Jahr (hier mehr dazu). Aber Hand aufs Herz, das ist Symbolpolitik. Politisch weitaus folgenreicher wird ein anderer Abschied, den die Sozialdemokraten seit Jahren vorantreiben – und den der Bundestag heute beschlossen hat: der von Hartz IV. Mit den Stimmen der Ampelfraktionen hat das Parlament das Bürgergeld abgesegnet; es soll das Arbeitslosengeld II zum Jahreswechsel ablösen.

»Doch die Hartz IV-Abschiedsparty läuft nicht so, wie sich das manche in der Sozialdemokratie gewünscht hätten«, berichtet mein Kollege Christian Teevs aus unserem Hauptstadtbüro. »Stattdessen attackieren sich Abgeordnete von Regierungs- und Oppositionsfraktionen heftig, die Fronten scheinen verhärtet.« Und ja, es geht ungewohnt emotional und polemisch zu, von »Fake News« ist die Rede, von »schizophrener Argumentation«, von »Hetze«, von »ideologischer Verbohrtheit«. Einig sind sich Ampel und Union, dass der Regelsatz steigen soll, von 449 Euro auf 502 Euro. Uneinigkeit herrscht bei der Frage, wie hoch das sogenannte Schonvermögen sein darf – also wie viel Erspartes jemand haben darf, der das Bürgergeld bekommt. Verkürzt gesagt finden CDU und CSU, vom Prinzip »Fördern und Fordern« bleibe nur der erste Teil.

Bitter für die SPD: Die Union kann die Pläne im Bundesrat blockieren. Die Zeichen stehen auf Vermittlungsausschuss. Könnte knapp werden, den 1. Januar zu schaffen. Lesetipp für Sozialdemokraten: »Der lange Abschied« von Raymond Chandler, erschienen 1953. Dort heißt es: »Es gibt keine Falle, die so tödlich ist wie die Falle, die Sie sich selbst gestellt haben.«

2. Die Torschuss-Planung

Ob wirklich keine WM-Begeisterung aufkommt, weil Katar das Turnier ausrichtet? Oder hängt's bei vielen Fußballguckenden nicht doch einfach davon ab, ob die favorisierte Mannschaft die Vorrunde übersteht? Ein nicht repräsentativer Selbstversuch zeigt jedenfalls: Einigen Hamburger Kiosken scheint es schwer zu fallen, den Nachschub an Panini-Bildern zu organisieren. Vielleicht ist das Angebot knapper als sonst, vielleicht die Nachfrage doch größer als gedacht.

Seit heute steht nicht mehr nur der Panini-Kader fest (die Magazinmacher müssen Monate vor Turnierbeginn ihre Klebebilder drucken und haben nach eigenen Angaben eine Fehlerquote von lediglich zwölf Prozent). Jetzt ist auch klar, welche 26 Profis der Bundestrainer wirklich mitnimmt. Hansi Flick hat unter anderem Mario Götze, Niclas Füllkrug und Youssoufa Moukoko nominiert; Mats Hummels und Marco Reus jedoch verpassen das Turnier (hier alle 26 Spieler im Kurzporträt ).

Flick sagt, das sei ein Kader, »der uns viele Optionen offen lässt und Möglichkeiten gibt, auf unterschiedliche Situationen zu reagieren«. Mein Kollege Peter Ahrens findet: »Vor allem ist es ein Kader, der über diese Weltmeisterschaft hinausblickt.« In zwei Jahren ist schließlich die EM im eigenen Land – deshalb dürfe etwa der junge, unerfahrene Armel Bella-Kotchap mit, Hummels aber nicht. »Die Personalie des Dortmunder Abwehrspielers ist vermutlich die umstrittenste in einem Aufgebot, das ansonsten die Balance zwischen Risiko und Bewährtem wahrt.«

Ich habe meine Kollegen aus unserem Sportressort gefragt, wer fehlt; also welchen Spieler aus früheren Weltmeisterschaften sie nach Katar schicken würden, wenn er noch in Form wäre. Das sind die besten Antworten:

  • »Michael Ballack von 2002, weil Deutschland dann zumindest Zweiter würde.« (Peter Ahrens)

  • »Oliver Kahn von 1998, weil ich, damals acht Jahre alt, ihm im Panini-Album WM eine Brille gemalt habe, damit er die Bälle besser sehen kann. Mit der Nominierung für diese WM möchte ich ihn um Verzeihung bitten.« (Jan Göbel)

  • »Guido Buchwald von 1990, weil Joshua Kimmich kein Sechser ist und irgendwer im Finale Lionel Messi aufs Klo folgen muss.« (Marcus Krämer)

  • »Toni Schumacher von 1986, weil er ein Weltklassetorwart ist, der frei Schnauze und undiplomatisch spricht – das würde dem öffentlichen Diskurs rund um die WM guttun.« (Marvin Rishi Krishan)

  • »Uwe Reinders von 1982, weil dann dank Verletzung beim Tischtennisspielen in Badelatschen wenigstens der Titel für das kurioseste Missgeschick des Turniers an Deutschland ginge.« (Marco Fuchs)

  • »Stan Libuda von 1970, weil er einer ist, dem im Leben wenig und auf dem Platz fast alles gelang. Und den die Fans trotzdem – oder gerade deswegen – geliebt haben.« (Hauke Goos)

Und nun frage ich Sie: Was sind Ihre Vorschläge? Schicken Sie einen Namen, eine Jahreszahl und einen Begründungssatz an lageamabend@spiegel.de . Die besten Einsendungen veröffentliche ich morgen in der »Lage am Abend«. Und wir verlosen drei Zugänge zu SPIEGEL+ (Rechtsweg ausgeschlossen).

3. Brot und Spieße

Ja, vieles wird teurer (in den USA im Herbst aber doch nicht so drastisch wie befürchtet – hier mehr). Mit dem Big-Mac-Index illustriert der »Economist« seit 1986 jedes Jahr internationale Kaufkraftunterschiede, für einen innerdeutschen Ländervergleich böte sich vielleicht ein Döner-Index an. In Frankfurt am Main verlangt ein Lokal jetzt zehn Euro. »An der Frankfurter Börse würde man das wohl einen Höhenflug nennen, im Geburtstagsslang könnte man sagen, der Döner nullt zum ersten Mal«, schreibt mein Kollege Benjamin Maack.

Er hat den Soziologen und Dönerexperten Eberhard Seidel gefragt, ob wir uns an solche Preise gewöhnen müssen. Die Antwort: »In der Vergangenheit war es so, dass der Döner häufig zu billig verkauft wurde. Deshalb wurde er auch so populär.« Ein Zehn-Euro-Döner müsse »natürlich sehr gutes Brot haben, aber vor allem mit gutem Fleisch gemacht werden«.

Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • FDP-Chef Lindner zeigt sich offen für Tempolimit: Er war stets gegen eine feste Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen – doch nun bringt Finanzminister Christian Lindner sie ins Spiel. Im Gegenzug müssten die Grünen aber einen hohen Preis zahlen.

  • Auch ältere Fälle von Impffälschung können strafbar sein: Die Fälschung von Corona-Impfbescheinigungen ist auch nach altem Recht vor einer im November 2021 erfolgten Gesetzesänderung strafbar. Das entschied jetzt der Bundesgerichtshof.

  • Jedes fünfte Mittelstandsunternehmen denkt über Entlassungen nach: Die Gaskrise trifft laut einer Befragung der DZ Bank den deutschen Mittelstand schwer – und ganz besonders die Ernährungsbranche.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Kiews Schutzschild gegen Russlands Luftangriffe wächst: In der Ukraine sind die ersten Einheiten des Nasams-Systems eingetroffen. Dass diese Flugabwehrwaffen langfristig ein Gewinn für Kiew sein könnten, liegt vor allem an der Munition .

  • USA sprechen von 100.000 Toten und Verletzten in russischer Armee: Das US-Militär hat die Verluste beider Kriegsparteien quantifiziert. Angriffsdrohnen wird Washington trotzdem nicht an Kiew liefern. Und: Präsident Selenskyj warnt Russen vor Sprengung von Staudamm. Das ist der Stand am Morgen.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Bundeswehr schafft Störwaffen gegen Drohnen an: Verdächtige Drohnenflüge über Kasernen und dem Wehrressort in Bonn sorgen bei der Bundeswehr für Aufregung. Nach SPIEGEL-Informationen soll die Truppe nun mit Störsystemen gegen die unbemannten Flieger ausgestattet werden .

  • Die riskanten Deals der Gaszocker: Zwei Brüder brachten Hunderte Firmen in Gefahr. Sie hatten Betrieben Lieferverträge für Strom und Gas angedreht – und sich dann verspekuliert. Auch Seniorenheime und Kindergärten sind betroffen. Einblicke in einen entfesselten Markt .

  • Der Schriftsteller und Versöhner, der zum Trump-Versteher wurde: Jahrelang galt J.D. Vance als Anti-Trump und Stimme der Arbeiterklasse. Im Wahlkampf schwenkte er plötzlich um und wurde zum Scharfmacher. Jetzt ist Vance neuer Senator von Ohio. Was ist passiert? 

  • China duckt sich weg: Erstmals verhandeln Staaten darüber, wer für Schäden durch den Klimawandel zahlen soll. Früher stand China auf der Seite der Opfer – inzwischen ist es größter CO₂-Verursacher. Die neue Rolle führt zu Widersprüchen .

Was heute weniger wichtig ist

Hat Karten gesehen: Max Kruse, 34, beim Bundesligisten VfL Wolfsburg suspendierter Fußballprofi, hat bei einem Turnier der »World Series of Poker Europe« im tschechischen Rozvadov wohl rund 134.000 Euro gewonnen. »Eine Achterbahn der Gefühle«, schrieb er bei Instagram und zeigte sich jubelnd vor dem Pokertisch. Dem Portal Sport1 sagte er: »Ich bin überwältigt.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Die Altergrenze für die Rente in Deutschland soll geprüft werden, fordern Arbeitgeber.«

Cartoon des Tages: Klimaprotest

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie anfangen, die neue Staffel »The Crown« zu gucken, es ist die fünfte. Seit gestern ist sie bei Netflix zu streamen. Wieder »wird dramatisch und fiktionalisiert zugespitzt, was die echte Truppe im Buckingham-Palast so verschwenderisch als Vorlage liefert: Kabale und unglückliche Liebe in Brokatdekor«, schreibt meine Kollegin Patricia Dreyer.

»Die neuen Folgen konzentrieren sich auf den fettesten Happen des Dramas in den Neunzigerjahren, den Trennungskrieg zwischen Charles und Diana.« Patricia warnt aber auch: »Glauben Sie nicht alles, was Sie sehen!« (Hier die ganze Rezension. )

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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