Roland Nelles

Die Lage am Morgen Präsident auf Steroiden

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus, mit einem Bericht zum Rechtsextremismus bei den Sicherheitsbehörden und mit dem geplanten Treffen zwischen Angela Merkel und Swetlana Tichanowskaja.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Für die Außenwelt mag das, was derzeit in den USA passiert, bizarr oder kurios wirken, vielleicht auch lachhaft. Für viele Menschen, die in dem Land leben, ist die Lage aber schon lange nicht mehr lustig.

Der Umgang von US-Präsident Donald Trump und seiner Entourage im Weißen Haus mit dem Coronavirus nimmt mehr und mehr wahnhafte Züge an. Nach Lage der Dinge hat sich Trump offenbar selbst aus dem Krankenhaus entlassen, weil er der ganzen Welt beweisen will, was er für ein starker Kerl ist und wie harmlos das Virus aus seiner Sicht ist. Bei der Rückkehr in die Machtzentrale posierte er auf dem Balkon des Weißen Hauses für die Fotografen ohne Maske.

Es sind Bilder wie aus einer von Hollywood erdachten Autokraten-Parodie, doch sie sind real. Trump gibt den furchtlosen Kämpfer, um so doch noch die Wahl am 3. November zu gewinnen. Zugleich spielt er die Gefahr, die durch das Virus droht, weiter herunter: "Fürchtet euch nicht vor Covid! Lasst es nicht euer Leben dominieren!", twitterte Trump an seine Landsleute gerichtet. "Ich fühle mich besser als vor 20 Jahren."

Vor allem die Angehörigen der mehr als 200.000 Amerikaner, die in den vergangenen Monaten an der Krankheit gestorben sind, dürften sich mehr denn je fragen, ob ihr Commander in Chief noch alle Tassen im Schrank hat. Die US-Journalistenkollegin Gloria Borger kommentierte: "Wenn jeden Tag 1000 Menschen durch Flugzeugabstürze sterben würden, würde der Präsident dann auch sagen, fürchtet euch nicht vor dem Fliegen?"

Trumps Ärzte haben darauf hingewiesen, dass es dem Präsidenten deutlich besser gehe, er aber noch nicht über den Berg sei. Trump nimmt offenbar laut Krankenhaus Steroide ein, die laut Experten bei manchen Patienten zu extremer Aktivität, Gefühlsschwankungen und Schlafstörungen führen können. Auch Gefühle von Größenwahn sollen schon vorgekommen sein.

Was genau die Behandlung bei Trump auslöst, ist nicht klar. So oder so ist es kein besonders beruhigendes Gefühl zu wissen, dass der mächtigste Mann der Welt unter dem Einfluss von Medikamenten steht, die die genannten Nebenwirkungen haben könnten.

Bericht zu Rechtsextremisten

Zu den typischen Reflexen mancher Innenpolitiker und Innenpolitikerinnen gehörte es bislang, bei rassistischen Ausfällen bei der Polizei von "bedauerlichen Einzelfällen" zu sprechen. Das ist einerseits natürlich nett gemeint, weil sie sich damit schützend vor die Mehrheit der zweifellos anständigen Polizisten stellen. Andererseits ist es aber auch fahrlässig, weil so ein Problem kleingeredet und relativiert wird, das in der Polizei vorhanden ist und das mehr ernsthafte Beachtung durch eben diese Innenpolitiker erfordert.

Die Diskussion über Rassismus bei der Polizei dürfte heute nun neuen Stoff erhalten. Innenminister Horst Seehofer (CSU), der bislang nicht durch allzu viel Tatendrang bei dem Thema aufgefallen ist, will einen Lagebericht zu rechtsextremistischen Verdachtsfällen in den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern vorstellen.

Erstellt wurde der Bericht, der neben den Polizeibehörden auch die Geheimdienste umfasst, vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Seehofer legt den Lagebericht gemeinsam mit Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang vor. Auch die Chefs von Bundeskriminalamt und Bundespolizei, Holger Münch und Dieter Romann, sind mit dabei.

Merkel trifft Tichanowskaja

Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft heute in Berlin eine außergewöhnliche Politikerin: Swetlana Tichanowskaja, 38, war Kandidatin bei der Präsidentschaftswahl in Belarus im August. Nun führt sie die Opposition gegen Machthaber Alexander Lukaschenko aus dem Exil in Litauen. Ursprünglich wollte ihr Ehemann, ein oppositioneller Videoblogger, Lukaschenko bei der Wahl herausfordern. Er wurde allerdings vorher verhaftet.

Das Treffen zwischen der deutschen Kanzlerin mit der Oppositionellen ist ein starkes politisches Signal in Richtung Lukaschenko, aber auch an dessen Verbündeten Wladimir Putin in Moskau. Tichanowskaja und die Oppositionellen, die immer noch in Belarus auf die Straße gehen, dürften sich dadurch ermutigt fühlen, ihren Protest fortzuführen. Zugleich könnte Merkel bei dieser Gelegenheit neue Möglichkeiten ausloten, in dem Konflikt zu vermitteln.

Im Gespräch mit meiner Kollegin Katrin Kuntz hat Tichanowskaja vor einigen Tagen erklärt, wie sie das Treffen mit Merkel sieht: "Dieses Treffen ist extrem wichtig für uns. Kanzlerin Merkel unterstützt unseren Kampf für Freiheit", sagte sie. Und: "Es ist ein sehr gutes Zeichen für die Welt, wenn Deutschland die Absicht erklärt, als Vermittler in Verhandlungen zwischen unseren Machthabern und den Menschen in Belarus zu agieren."

Verlierer des Tages…

 …sind alle Freunde und Freundinnen des Kinos, speziell in den USA. Lange ist es her, dass man dort sorgenfrei einen Film auf der großen Leinwand schauen konnte. Im ganzen Land führt die Coronakrise nun zum großen Kinosterben. Die Zuschauer bleiben aus, ebenso wie große Blockbusterfilme. Viele Hollywoodstudios verschieben den Vorführungsstart ihrer Produktionen.

Alle 536 Häuser der Kinokette Regal Cinemas werden bis auf Weiteres geschlossen. 40.000 Mitarbeiter reihen sich in das Millionenheer von Arbeitslosen ein. Auch mittlere und kleine Kinos um die Ecke leiden. Nach Schätzungen könnten schon bald 70 Prozent dieser Häuser für immer geschlossen werden.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Roland Nelles

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.