Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


warum sind die Jamaikaner nicht einfach mal still? Reden nicht ständig dieses Zeugs. Selten ist der politische Diskurs so schal wie jetzt, in der Endphase der Sondierungsgespräche. Fast alle müssen zeigen, wie frei sie sich fühlen, wie unabhängig. Sie betonen, dass sie diese Koalition gar nicht brauchen, dass die anderen nicht konstruktiv sind und so weiter und so fort. Jürgen Trittin greift die Union an. Ach. Tatsächlich? Wo ist der Sportteil?

Warum reden sie nicht laut und begeistert über ihr Projekt? Es gibt doch eins für Jamaika. Es könnte die passende Koalition für diese Zeit sein. Die großen Aufgaben für die nächste Bundesregierung sind die Digitalisierung und der Kampf gegen den Klimawandel. FDP und Grüne können hier ihre jeweiligen Stärken ausspielen und verknüpfen. Und die Union als Volkspartei sorgt dafür, dass die Modernisierungen bei der Mehrheit Akzeptanz finden, dass sie maßvoll bleiben und sozial ausgewogen sind. Das wären Grundbausteine für eine Rede von Angela Merkel, die all das kleinliche Gerede zunichtemachte: Der grüne Weg in eine digitale Gesellschaft, von der alle profitieren. Kann man bestimmt schöner sagen, aber es wäre ein Anfang.

Heute ist ein großer Jamaika-Tag, viele Gespräche, viele Pressekonferenzen, am Abend treffen sich die Verhandlungsführer der vier Parteien. Vom Zeugs zur Substanz, das wäre ein schönes Ziel für den Tag.

Nahe beim Raketenmann

AFP

Donald Trump wird heute seinen Besuch in Japan beenden und nach Südkorea reisen. Er wird dann ganz nahe sein bei dem Mann, den er den Raketenmann nennt, bei Kim Jong Un aus Nordkorea. Beide hielten in den vergangenen Wochen die Welt in Atem, mit Drohungen, Gegendrohungen, mit dummen Sätzen, deren Hintergrund dummerweise Atomraketen bildeten. Sätze auf dem möglichen Kriegsschauplatz werden eine besondere Wucht haben. Man kann nur hoffen, dass Trump dies bewusst ist. Er sollte den Raketenmann einfach treffen. Eigentlich müssten sie sich ganz gut verstehen, als Freaks der Politik.

Klima ohne Trump

Getty Images

In Bonn beginnt heute eine weitere Weltklimakonferenz. 20.000 Delegierte nehmen teil. Sie werden sich vor allem um Details kümmern, nachdem die großen Fragen schon in Paris geklärt wurden. Dachte man. Bis Trump kam und die USA ins Abseits stellte. Aber es gibt eine Welt ohne Trump. Die macht einfach weiter. Das ist so tröstlich an dieser Bonner Konferenz: dass nicht ein Mann alles zerstören kann (außer eventuell mit Atomraketen).

Zug des wahren Lebens

Gestern Nachmittag, 16 Uhr, Berlin, eine kurze Bahnfahrt von Gneisenauer Straße nach Eisenacher Straße, von Kreuzberg nach Schöneberg, mit der U7, eine Stunde später zurück. Es war wenig los an den Bahnhöfen und im Zug, schlechtes Wetter, eine tote Zeit. Von den Leuten, die ich gesehen habe, hatten 70 Prozent ein Problem. Sie waren furchtbar arm, sie haben getrunken, sie waren zugedröhnt, sie haben offen Drogen gekauft und verkauft, sie stanken, sie nuschelten mir etwas zu.

Es war wie eine Dystopie, in die ich gestolpert war. Oder wie das Erwachen aus einem schönen Traum, und das hier ist die Realität. Diese Menschen sind ja immer da, aber in der Masse des Alltags gehen sie unter. Solange wir den Eindruck haben, ihre Zahl sei klein, sind wir weitgehend unbesorgt. Aber gestern in der U7 war das ihre Welt und ich der Außenseiter. Sozialpolitik bleibt ein großer Auftrag, auch für Jamaika.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinnerin des Tages

AP

Zugehörigkeit ist das größte aller Menschheitsthemen (für die Tierwelt gilt das auch). Wer gehört dazu, wer nicht? Ein Thema für Familien, Freundeskreise, Schulklassen, Volksgruppen, Nationen. Gibt es Streit, gibt es Krieg, geht es oft um Zugehörigkeit. Jede Zuwanderung wirft Fragen der Zugehörigkeit auf.

Das ist Vorrede. Ich hätte mir das sparen können. Ich hätte gleich über Emily Fridlund und ihren Roman "History of Wolves" reden können. Ich habe das ganze Wochenende über diesen Roman nachgedacht, weil ich so begeistert und so verstört bin. Weil hier eine junge Frau mit ihrem Debüt das Thema Zugehörigkeit so genial und aufwühlend behandelt.

How far would you go to belong? Wie weit würdest du gehen, um dazuzugehören? Diese Frage steht auf dem Cover von Fridlunds Buch. Minnesota, Kälte, viel Schnee, Seen, Einsamkeit. Hier lebt eine 14-Jährige mit ihren Eltern. Sie gehört nie dazu, in ihrer Familie nicht, in der Schule nicht, keine Freundinnen, keine Jungs. Dann bekommt sie eine Chance, dazuzugehören. Eine Familie zieht auf die andere Seite des Sees. Und das Mädchen geht rüber und kümmert sich um den kleinen Sohn. Sie sieht die Katastrophe kommen, aber würde sie einschreiten, würde sie nicht mehr dazugehören. Manchmal musste ich mich daran erinnern, dass man auch beim Lesen atmen sollte. Emily Fridlund ist meine Gewinnerin des Tages.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Woche.

Herzlich,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 5 Beiträge
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erik93_de 06.11.2017
1. Schreiend naiv, todkomisch
"FDP und Grüne können hier ihre jeweiligen Stärken ausspielen und verknüpfen. Und die Union als Volkspartei sorgt dafür, dass die Modernisierungen bei der Mehrheit Akzeptanz finden, dass sie maßvoll bleiben und sozial ausgewogen sind. Das wären Grundbausteine für eine Rede von Angela Merkel, die all das kleinliche Gerede zunichtemachte: Der grüne Weg in eine digitale Gesellschaft, von der alle profitieren." Bruhaha, Kabarett pur. Drei marktradikale Parteien drängen sich am Fleischtopf und posen für die Zielgruppe, um bei der nächsten Wahl nicht abzustürzen. Welche Stärken hat die FDP noch außer Privatisierung und Klientel-Politik? Welche Stärken haben die Grünen noch mit Kretschmar, Cem & Co, außer Bürgerrechte einzuschränken, Kriegseinsätze und soziale Einschnitte abzunicken? Und wie soltten sich diese Parteien zu Bündnisverhandlungen zusammenfinden, wenn wenigstens noch zwei davon Spuren eines Profils hätten? Und welche Drogen nimmt der Autor, wenn er von Merkel ernsthaft eine große Rede erwartet? Oder sie ihr überhaupt zutraut?
kleinsteminderheit 06.11.2017
2. Mit der U7 in die Realität
Mit dem ÖPNV in die soziale Unterwelt. Und plötzlich wird klar, dass es Menschen gibt, die unterhalb unseres gesellschaftlichen Radars in Masse vegetieren, abgehängt und ohne jeden Bezug zu unserer Lebenswelt. Die Fahrt mit der U7 sollte eine verpflichtende Bildungsfahrt werden. Für Politiker, Journalisten und all jene für die Realitäten wie Armut und Hoffnungslosigkeit nur Einzelfall und Statistik ist. Abstrakte Zahlen bekommen in solchen Momenten Augen, Stimmen und Gerüche. Die Armut ist ausgelagert an Sozialämter, caritative Organisationen und mildtätige Idealisten. Dennoch bleibt sie eine Aufgabe für jeden von uns.
roughneckgermany 06.11.2017
3. kleinsteminderheit
Dafür müsste allerdings verstanden werden: Teilen, damit alle profitieren.
StefanZ.. 06.11.2017
4. Gute und gefährliche Bücher
Beim Lesen Ihrer schönen, sehr tief gehenden Gedankengänge zu unserem gesellschaftlichen Zustand und Zusammenleben kamen mir ähnliche Erinnerungen von häufigen U-Bahn Fahrten zu ungewöhnlichen Zeiten in New York. Und was bewegende Bücher betrifft, geriet mir am Wochenende beim Studieren von Pressemitteilung aus Universitäten eines unter die Finger, das schon als gefährlich bezeichnet werden muss. Prof. Stephen Fineman von der University of Bath behauptet doch allen Ernstes, dass Rache nehmen ganz natürlich sei. Da stehen einem die Haare zu Berge. Seine falschen Argumente werden auch den Befürwortern der Todesstrafe gut gefallen. Tatsächlich sind wie ein kluger Mann sagt all die Unwerte Wut, Hass, Jähzorn, Eifersucht und Rache usw. die wahren Zerstörer der inneren Ruhe, der Liebe, des inneren Friedens, der Zuversicht, Zufriedenheit, der Freude, des Glücks, der Ausgeglichenheit sowie der inneren Freiheit und Harmonie. Ich nominiere hiermit Herrn Fineman zum Verlierer des Tages.
th.diebels 06.11.2017
5. Angeblicher Zug des "wahren" Lebens ?!
In vielen Stadtparks sieht man sie - die Gestrandeten und Kleinkriminellen ! Die Politiker vor Ort müssen sich entscheiden: überlassen wir die Parks den "Gestrandeten" oder überlassen wir die Parks wieder dem "normalen" Volk, d.h. Kindern, Familien, älteren Leuten, Joggern, Sonnenanbetern u.a. ! Beides zusammen funktioniert nicht !
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