Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Trump und der Tölpel vom Dienst

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit den windigen Prognosen für die Präsidentenwahl in den USA. Mit den überraschenden Folgen der Corona-Pandemie für die deutsche Einheit. Und einem FDP-Chef, der ganz aktuell wieder modern wirken will.

Tölpel vom Dienst

Dass Donald Trump die Präsidentschaftswahl verliert, glaube ich erst, wenn er sie tatsächlich verloren hat. Ob er eine mögliche Niederlage auch akzeptiert, ist eine andere, leider sehr berechtigte Frage. Was mich am skeptischsten macht, ist meine Erinnerung an 2016. Damals verfolgte ich den US-Wahlkampf aus der Nähe und fast alle Auskenner waren sich (bis zum Wahltag) sicher, dass Trump keine Chance haben werde. Bei diesem Rückstand in den Umfragen! Und jetzt liegt Trump in den Umfragen sogar weniger weit hinten als vor vier Jahren.

Biden, Trump

Biden, Trump

Foto: JIM WATSON / AFP

Am Dienstag treffen Trump und sein Herausforderer Joe Biden zum ersten Mal in einem TV-Duell aufeinander. Der Demokrat Biden hat leider die fatale Neigung, sich auf offener Bühne Patzer zu leisten. Er hat sich selbst einmal als "gaffe machine" bezeichnet, ein Ausdruck, den man am ehesten mit "Tölpel vom Dienst" übersetzen kann. Mein Kollege René Pfister hat den 77-jährigen Biden in den vergangenen Monaten immer wieder beobachtet. Er beschreibt einen Kandidaten, der es versteht, die Herzen der Amerikaner zu erreichen - und es zugleich immer wieder fertigbringt, über die eigenen Füße zu stolpern.

Biden-Watching, so schreibt Pfister in der neuen SPIEGEL-Titelgeschichte , habe auch immer einen leicht morbiden Reiz, "so ähnlich wie ein Vormittag beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel, wo es jederzeit möglich ist, dass sich der Held den Hals bricht".

Ein zweifelhaftes Mittagessen

Im Juli 2013 lud der damalige Präsident Barack Obama die Richterin Ruth Bader Ginsburg zu einem diskreten Mittagessen in sein privates Esszimmer im Weißen Haus. Die damals 80-Jährige war schon zu diesem Zeitpunkt die älteste Richterin am Obersten Gerichtshof der USA. Zudem war sie zweimal von einer Krebserkrankung heimgesucht worden.

Obama, Ginsburg

Obama, Ginsburg

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/Shutterstock

Wie die "New York Times" nun berichtet, hatte Obama offenbar ein klares Ziel für diesen Lunch-Termin, auch wenn er sich nicht traute, es klar auszusprechen. So drängte er Bader Ginsburg zwar nicht, freiwillig ihr Richteramt aufzugeben. Aber er wies dem Bericht zufolge darauf hin, dass die Mehrheit der Demokraten im US-Senat bald verspielt sei und er dann nicht mehr in der Lage sei, eine junge, liberale Richterin zu berufen. Die Richter des Supreme Court werden in den USA auf Lebenszeit benannt. Doch Bader Ginsburg dachte nicht daran, sich aus diesen strategischen Motiven zurückzuziehen.

In der vergangenen Woche erlag sie mit 87 Jahren einem Krebsleiden. Und Donald Trump ist fest gewillt, eine junge, erzkonservative Nachfolgerin für die liberale Ikone Bader Ginsburg schnell ins Amt zu hieven - und so die konservative Prägung des höchsten Gerichts auf lange Zeit festigen. Am heutigen Samstag will er seine Kandidatin offiziell bekannt geben.

Podcast Cover

Einheit dank Corona

Heute in einer Woche werden die Deutschen ein Jubiläum feiern: 30 Jahre Einheit. Als vergangenes Jahr 30 Jahre Mauerfall mehr vollzogen als gefeiert wurde, war die Stimmung mies. Bei drei ostdeutschen Landtagswahlen war klar geworden, wie viel Frust sich gerade dort angesammelt hatte: Die Wahlen waren indirekt auch eine Abrechnung mit der Bundesregierung. Die aber kann sich jetzt wegen ihres Corona-Managements in West-, aber auch in Ostdeutschland hoher Zustimmungswerte erfreuen. Was ist da passiert? Wie ist die Stimmung jetzt, kurz vor dem neuen Jubiläum?

Meine Kollegin Susanne Beyer ist für eine Reportage im neuen SPIEGEL  erst mit einem Soziologen und dann mit der Politikerin Katrin Göring-Eckardt durch Ostdeutschland gereist, um zu erfahren, was sich durch Corona verändert hat. Sie erlebte Verzweiflung, aber auch erstaunliche Zuversicht. Vor allem gewann sie den Eindruck, dass die Ostdeutschen irgendwie besser mit der Pandemie klarkommen: weil sie schon einmal harte Zeiten und in den ersten Einheitsjahren große Umbrüche erlebt haben. Katrin Göring-Eckardt sagt: "Niemand geht gern zweimal durch eine Krise. Aber beim zweiten Mal macht man weniger Fehler."

Gewinner des Tages ...

 ... ist Christian Lindner. Er hat, nach seiner kurzen Blütezeit im Frühherbst 2017, seit dem Spätherbst 2017 zu Recht viel Kritik einstecken müssen. Nach seinem sexistischen Witzchen beim Abschied auf die von ihm persönlich geschasste Generalsekretärin Linda Teuteberg galt er vielen als Inkarnation eines ca. 130-jährigen weißen Mannes, der seine schönste Zeit in den 1950er-Jahren gehabt haben musste.

Lindner

Lindner

Foto: Christian Spicker / imago images/Christian Spicker

Gestern nun hat Lindner aktiv gegengesteuert. "Respekt an #FridaysForFuture!", twitterte er . "Kinder und Jugendliche haben heute mit Maske und Abstand demonstriert. Ein Vorbild für manche Erwachsene, die in der letzten Zeit in Berlin protestiert haben..." Das klang nun wirklich nicht nach Herrenwitz. Aber Vorsicht! Dieser kurzzeitig progressive Eindruck kann schon morgen wieder von gestern sein. Wegen Lindner. Oder wegen Twitter.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Markus Feldenkirchen

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