Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


Donald Trump versucht die Ukraineaffäre mit der gleichen Taktik zu überstehen, die er in seinem Leben immer wieder erfolgreich angewendet hat: Gegenangriff - und die Vorwürfe in Richtung seiner Gegner umdrehen. Nur so lässt sich erklären, warum er vor laufenden Kameras China und die Ukraine aufforderte, gegen Joe Biden und dessen Sohn zu ermitteln - und damit in der Öffentlichkeit das tat, was man ihm vorwirft, im Geheimen getan zu haben: Er versucht damit offensichtlich, sein Verhalten zu normalisieren.

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Heft 41/2019
Vor 500 Jahren: Wie ein spanischer Abenteurer die geheimnisvolle Großmacht vernichtete

"Er hat ein Leben geführt, in dem er - trotz teilweise enorm selbstzerstörerischen Verhaltens - nie für etwas die Konsequenzen tragen musste", sagt Maggie Haberman, die Trump-Expertin der "New York Times". Sie erinnert daran, wie Trump reagierte, als die Aufnahmen bekannt wurden, in denen er damit geprahlt hatte, dass er Frauen überall anfassen könne: Er ließ sich am gleichen Tag von seinen Anhängern feiern und kam zur TV-Debatte am übernächsten Tag in Begleitung von Frauen, die Bill Clinton sexuelle Übergriffe vorwarfen - ein Zeichen dafür, wie brutal Trump werden kann, wenn er angegriffen wird.

Wie es zu dieser verrückten Impeachment-Affäre kommen konnte, lesen Sie in unserer umfassenden Nacherzählung im neuen SPIEGEL. Darin geht es darum, wie Trump sich in zwei Verschwörungstheorien verliebte, deren Wahrhaftigkeit der Präsident und sein Vasall Rudy Giuliani mit aller Macht beweisen wollten - und sich dabei immer tiefer verstrickten.

Angst um Hongkong

Vincent Thian/ DPA

Der Kampf um die Seele Hongkongs ist in eine neue Phase eingetreten: Seit Mitternacht Ortszeit ist ein Gesetz in Kraft, das die Gesichtsverhüllung bei Demonstrationen unter Strafe stellt. Die Regierung aktivierte dafür zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert ein Notstandsgesetz aus der britischen Kolonialzeit - ein Verstoß wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet.

Das Verbot hat neue Massendemonstrationen ausgelöst - und gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein weiterer Demonstrant wurde von einem Polizisten angeschossen. Zu befürchten ist, dass die chinesische Regierung die Proteste in Hongkong tatsächlich gewaltsam beenden könnte - nachdem der 70. Jahrestag der Volksrepublik am Dienstag in Peking gefeiert und von den Hongkonger Protesten überschattet wurde, gibt es für die Zentralregierung noch weniger Grund zur Zurückhaltung.

Der Papst verändert die Kirche

Alessandra Tarantino/ DPA

Papst Franziskus drückt der katholischen Kirche mit aller Macht seinen Stempel auf: An diesem Samstag weiht er im Petersdom 13 neue Kurienkardinäle - jene Männer also, die dereinst seinen Nachfolger wählen dürfen. Damit wird er nach sechs Jahren im Amt bereits mehr als die Hälfte aller wahlberechtigten Kardinäle ernannt haben. Und die meisten dieser Kardinäle vertreten die Kirche, die Franziskus sich wünscht: eine Kirche, die offener ist gegenüber Migranten oder Homosexuellen.

Am nächsten Tag lädt Franziskus zu einer sogenannten Amazonas-Synode. Dort geht es um Fragen der Ökologie, aber auch um eine sehr heiß diskutierte Frage: Ob eine Art "Priesteramt light" eingeführt werden könnte - für ältere verheiratete Männer mit Kindern. Je länger Franziskus Papst ist, desto mehr fürchten seine konservativen Gegner, dass er die Kirche in seinem Sinne verändert.

Gewinner des Tages...

Khaled Nasraoui/ DPA

... sind die Bürger Tunesiens, die an diesem Sonntag zum wiederholten Mal frei ihr Parlament wählen dürfen (und am kommenden Sonntag ihren Präsidenten). Fast neun Jahre nach dem Arabischen Frühling ist Tunesien das einzige Revolutionsland, das eine einigermaßen gefestigte Demokratie geworden ist.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Trump habe am Tag nach der Veröffentlichung der Tonbandaufnahme mit seinen Prahlereien an einer TV-Debatte teilgenommen. Tatsächlich fand die Veranstaltung zwei Tage später statt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
kleinsteminderheit 05.10.2019
1. Extrem gefährlich
Trump unterscheidet nicht zwischen seinem Wohl und dem Wohl der Nation. Er würde wohl eher seine Anhänger zu den Waffen rufen, als dass er jemals den Stuhl räumt. Sein Wohlergehen ist für ihn der Gradmesser für das Wohl der Nation. "L'etat c'est moi" wird zum "Ich bin Amerika". Folgerichtig sieht Trump Gerichtsverfahren, unliebsame Presse oder gar politische Alternativen nicht als persönliche Herausforderungen, sondern als Feinde der USA. Er würde wohl eher einen Bürgerkrieg riskieren, als dass er aufgrund von Gerichtsbeschlüssen, impeachment etc. Seinen Posten räumt. Er wird auch keine Wahlniederlage akzeptieren und im Zweifelsfall eine dritte Präsidentschaft anstreben - natürlich zum Wohle der Nation.
haresu 05.10.2019
2. Aha!
Das eine ist also eine "verrückte Impeachment- Affaire" und das andere der "Kampf um die Seele Honkongs"? Nicht vielleicht doch ein wichtiger und notwendiger Selbstreinigungsprozess in einem demokratischen Land einerseits und ein zum Scheitern verurteilter Aufstand in einer Diktatur? Oder die offene Frage, ob die USA entgültig zu einem mörderischen Operettenstaat werden und die gar nicht offene Frage, ob Hongkong seine letzten Reste von Autonomie verlieren wird? Mir scheint hier mal wieder eine spezielle journalistische Wahrnehmung am Werke, die sich vielleicht selber zu viel glaubt, vor allem aber dazu neigt die Wshrnehmung über das Wahrgenommene zu stellen. Wenn wir hier das Impeachment mit einem achselzuckenden "das wird doch eh nichts" abtun oder als eine Art besonders schmutzigen Sports schildern und gleichzeitig den tapferen Helden in Hongkong die Daumen drücken obwohl wir wissen, dass sie verlieren werden, dann hat das reichlich ipsistischen Charakter.
butzibart13 05.10.2019
3. drei Probleme
Bei der Vermummung tuen sich die Leute aus Hongkong keinen Gefallen und können sich nicht auf andere Länder berufen wie ihr oft angesprochenes Deutschland, denn hier gilt auch das entsprechende Verbot. Bei Trump trifft das Verhalten des angeschossenen Bärs zu, je mehr verletzt, um so aggressiver wird er. Und die Kirche muss vorsichtig sein, dass sie nicht zu sehr muslimische Migranten hofiert und Homosexuelle zu offen behandelt, das wird ihr negativ ausgelegt. Besser sie behandelt die Missbrauchsskandale offensiver.
klimaterium 05.10.2019
4. Seele
"Der Kampf um die Seele Hongkongs ist in eine neue Phase eingetreten:". Die Seele wurde doch von den Briten verkauft. Jeder weiss, dass der Kampf sinnlos ist und nur von Misserfolg gekrönt sein kann. In ca. 30 Jahren ist das heutige Hongkong Geschichte.
ulrich-lr. 06.10.2019
5. Selbstreinigung
Zitat von haresuDas eine ist also eine "verrückte Impeachment- Affaire" und das andere der "Kampf um die Seele Honkongs"? Nicht vielleicht doch ein wichtiger und notwendiger Selbstreinigungsprozess in einem demokratischen Land einerseits und ein zum Scheitern verurteilter Aufstand in einer Diktatur? Oder die offene Frage, ob die USA entgültig zu einem mörderischen Operettenstaat werden und die gar nicht offene Frage, ob Hongkong seine letzten Reste von Autonomie verlieren wird? Mir scheint hier mal wieder eine spezielle journalistische Wahrnehmung am Werke, die sich vielleicht selber zu viel glaubt, vor allem aber dazu neigt die Wshrnehmung über das Wahrgenommene zu stellen. Wenn wir hier das Impeachment mit einem achselzuckenden "das wird doch eh nichts" abtun oder als eine Art besonders schmutzigen Sports schildern und gleichzeitig den tapferen Helden in Hongkong die Daumen drücken obwohl wir wissen, dass sie verlieren werden, dann hat das reichlich ipsistischen Charakter.
Selbstreinigung durch Impeachment? Tut mir leid: Die "das wird doch eh nichts"-Fraktion wird wohl recht behalten. Das typische Szenario hat Pitzke treffend in der Einleitung auf den Punkt gebracht. Für eine (Selbst-)Reinigung braucht es saubere Hände. Und die fehlen leider auch bei den Demokraten. Dann: Immer das Ende bedenken. So wie der im Artikel beschriebene Schuss nach hinten losgehen musste, wird es auch diesmal sein. Wut ist eben ein schlechter Ratgeber. Schlechtes Timing, heikle Grundlage (bei der man ja nicht wirklich sicher sein kann, ob da nicht auch eigene schmutzige Wäsche hochschwimmt) und dann auch noch die praktische Aussichtslosigkeit des Verfahrens. - Und dieser ganze Dilettantismus in einem hochentwickelten bevölkerungsreichen Land, dem es an politischen Talenten nicht mangeln dürfte! Irgendwie beinahe schon wieder sympathisch
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