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07. Juli 2018, 07:26 Uhr

Die Lage am Samstag

Liebe Leserin, lieber Leser,

ewige Liebe ist nicht gerade die Überschrift für die Beziehung, die Angela Merkel und Horst Seehofer miteinander pflegen, obwohl es da durchaus eheähnliche Elemente gibt, zum Beispiel Scheidungsgedanken. Trotzdem ist ewige Liebe unser Titelthema in der neuen Ausgabe, die ab heute am Kiosk liegt. Nach Wochen größter politischer Intensität, um es freundlich auszudrücken, setzen wir auf Abwechslung, auf Erholung, zumal die Ferienzeit begonnen hat.

Im Video: Seit fast 61 Jahren sind Ursula und Karl-Heinz Kalina verheiratet. Ihr Zusammenleben finden die Kalinas immer noch genauso schön wie früher - ein Besuch.

Meine Kollegin Maren Keller schreibt über Paare, die lange zusammenbleiben, 40, 50, 60 Jahre. Sie versucht zu ergründen, was deren Geheimnis ist, warum es bei ihnen funktioniert, bei anderen nicht. Zudem hat sie mit Experten für Beziehungen gesprochen. Ihr gelingt ein erhellender, anrührender Text, dessen Lektüre auch für Merkel und Seehofer lohnend ist.

Einer Freundin kein Freund

So ganz ohne dieses Traumpaar kommen wir auch in dieser Woche nicht aus. Unser Hauptstadtbüro hat rekonstruiert, wie diese dramatischen Tage im Einzelnen abgelaufen sind. Horst Seehofer, schreiben sie, war und ist vor allem von einer Angst getrieben: Er könne seine Ämter verlieren. Das klingt abwegig, da er ja mit seinem Rücktritt gespielt hat. Aber mancher Geist geht halt krumme Wege, und das gilt gerade für Horst Seehofer, der jetzt enorm glücklich ist, dass er weiterhin Innenminister sein darf. Aber sind wir das auch?

In einer frühen Fassung zu dieser Geschichte las ich eine wunderbare Überschrift: "Wem der große Wurf gelungen, einer Freundin Freund zu sein". Dies ist, wie Sie selbstverständlich wissen, ein leicht abgeändertes Zitat aus Schillers Ode "An die Freude". Später wurde die Überschrift geändert.

Das Gedicht geht übrigens so weiter (ich musste nachschlagen):

"Wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja - wer auch nur e i n e Seele
s e i n nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!"

Seehofers Tränen? Alles scheint möglich in diesen irren Tagen.

Kapitän und Menschenfreund

Ein Mann sticht in See, weil er helfen will. Er ist beseelt von dem Gedanken, dass er tun muss, was Europa nicht schafft: verhindern, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Claus-Peter Reisch, 57 Jahre alt, aus Landsberg am Lech, Kapitän der "Lifeline", mit der er tagelang Kreise drehte, weil er keinen Hafen fand, der ihn akzeptieren wollte. Denn an Bord war eine Fracht, die in diesen Zeiten als toxisch gilt: Menschen, Flüchtlinge, die Reisch aus ihren Schlauchbooten geholt hatte.

Reporter aus dem Ressort Gesellschaft haben Reisch ausführlich befragt, haben die Logbücher der "Lifeline" eingesehen und Videos von dieser Irrfahrt angeschaut. Sie erzählen die Geschichte eines Menschenfreunds, eines Mannes nach Schillers Geschmack, dem allerdings von Europas Regierungen keine Ode gesungen wird, weil das Helfen noch mehr Menschen anlocke, denen geholfen werden müsste. Nun steht Reisch in Malta vor Gericht.

Ewig, aber zwangsweise

Da die Liebe leider nicht immer ewig ist, muss hin und wieder jemand ausziehen. Einer bleibt, einer geht, so ist es dann eben. Aber so ist es dann nicht immer, weil es so schwer geworden ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden, vor allem in Großstädten wie Berlin, München, Hamburg. Anne Seith erzählt die Geschichten von Verzweifelten, von Leuten, die bleiben müssen, obwohl sie das nicht wollen. Das Paar, das sich nicht mehr ausstehen kann, aber zwangsweise zusammenlebt. Der gar nicht mehr so junge Mann, der es nicht schafft, bei Oma auszuziehen.

Es trifft nicht nur die Armen, es trifft den Mittelstand, die Gutverdiener. Hier fehlt es, wie so oft, an langfristiger, vorausschauender Politik. Mit Anne Seiths Text beginnt eine Serie des Ressorts Wirtschaft über die Wohnungsnot in Deutschland.

Grundfies, aber liebevoll

Ein weiteres Thema dieses Heftes ist die Vagina. Juliane Liebert hat Liv Strömquist getroffen, eine schwedische Comiczeichnerin, die sich gern mit dem weiblichen Genital befasst, mit grundfiesem, entlarvendem Witz. Auszug aus Lieberts Text (Überschrift: "Das Zentralorgan"): "Mit ihrem Comic über die Vagina und die Vulva hat Strömquist alles Wesentliche zur Liebe gesagt. Indem sie liebevoll über den liebevollen Umgang mit Genitalien und von deren Schönheit erzählt, vermittelt Liv Strömquist auch die Vielfalt der Liebe." Ob nun ewig oder nicht.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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