Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

es gibt neben Greta Thunberg und den Jugendlichen von "Fridays for Future" eine zweite internationale Protestbewegung, die sich für einen radikalen Klimaschutz einsetzt, die "Extinction Rebellion".

Die Menschen in Berlin werden die Bewegung ab heute besser kennenlernen, wenn sie zum Beispiel nicht pünktlich zur Arbeit kommen oder ihren Flug verpassen. Unter dem Hashtag #berlinblockieren kündigt die Bewegung einen "Aufstand gegen das Aussterben" an. Die Methoden sind die des zivilen Ungehorsams, also Straßenblockaden, Anketten, Flashmobs. Es geht um Störung, um Aufmerksamkeit, um die Forderung, die Treibhausgasemissionen bis 2025 auf null zu senken. Greta auf brachial sozusagen.

Wer nun fürchtet, der berühmte Berliner "1. Mai" finde neuerdings schon im Oktober statt, wer brennende Autos und "Bullenschweine"-Gejohle vor Augen und in den Ohren hat, der sei beruhigt. Bei den Klimaaktivisten handelt es sich um äußerst höfliche Rebellen. Sie entschuldigen sich bei wütenden Autofahrern mit Keksen und Schildern, auf denen steht: "Gleich geht es weiter." Gewaltfreiheit gehört zu ihren höchsten Prinzipien.

"Es ist eine bürgerliche, eigenartig wohlerzogene Rebellion, die nicht auf Zerstörung aus ist, sondern auf Verständigung", schreibt meine Kollegin Dialika Neufeld, die die Aktivisten mehrere Wochen lang begleitet hat. Umso irritierter war ich, als ich zwei Sätze las, die der "Extinction Rebellion"-Mitgründer, der britische Biobauer Roger Hallam, dem SPIEGEL auf die Frage gesagt hat, warum er illegale Methoden bevorzugt: "Weil dieses Thema größer ist als die Demokratie, oder wie auch immer Sie das beschreiben wollen, was derzeit noch davon übrig ist. Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant."

Wer aber bestimmt, welches Problem "größer" als die Demokratie ist und diese irrelevant macht? Und wie wird ein solches Problem dann gelöst, wenn nicht im demokratischen Prozess? Gibt es am Ende eine Diktatur der Guten, der moralisch Darüberstehenden? Ist das ernsthaft die Idee hinter diesen zwei Sätzen?

Schwarz-grün in Sinsheim

Foto: Tim Brakemeier/ dpa

Um 10.30 Uhr kommt es in Baden-Württemberg heute zu einer hochkarätigen schwarz-grünen Zusammenkunft, auch hierbei geht es ums Klima. In Sinsheim treffen sich Kanzlerin Angela Merkel und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, um gemeinsam die "Klima Arena" zu eröffnen, gesponsert von Dietmar Hopp, SAP-Mitgründer und Mäzen des TSG 1899 Hoffenheim, wie der Name des Projekts bereits verrät und auch die Adresse (Dietmar-Hopp-Straße 6). Im Mittelpunkt des "innovativen Erlebnisortes" für vor allem junge Entdecker steht ein nachempfundener Gletscher.

Nun könnte man viel Symbolik in dieses Treffen legen: Die Kanzlerin, die für viele in ihrer Partei längst nicht mehr schwarz ist, trifft sich mit dem vielleicht schwärzesten Grünen der Republik, um über das Metathema unserer Zeit zu reden - ist es das Präludium einer neuen politischen Liebe? Ist es ein Zeichen dafür, dass das, was im Ländle seit 2016 praktiziert wird, auch bald im Bund Realität ist, eine schwarz-grüne Koalition, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern?

Einen Haken hat dieses Gedankenspiel allerdings: Angela Merkel hat nicht mehr viel über künftige Bündnisse zu entscheiden. Den CDU-Vorsitz hat sie abgegeben - und Kanzlerin will sie in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr sein. Über neue Farbenspiele entscheiden andere.

  • Oder doch lieber gelb-grün? Die Annäherung von grün und liberal in Baden-Württemberg

Whistleblower 002

Foto: Andrew CABALLERO-REYNOLDS/ AFP

In der Dramaturgie der möglichen Amtsenthebung von Donald Trump steuern wir auf einen Akt der Ausgewogenheit zu. Ein zweiter Whistleblower hat sich an den Generalinspekteur für die US-Geheimdienste gewandt. Er verfügt angeblich über Informationen aus erster Hand zu Trumps Umgang mit der Ukraine und der Frage, ob er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einem Telefonat am 25. Juli gedrängt hat, gegen Hunter Biden zu ermitteln, den Sohn des demokratischen Präsidentschaftskandidaten und ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden. Das klingt einerseits nach neuem Sprengstoff. Andererseits hat sich nun auch Wolodymyr Selenskyj zu Wort gemeldet und gesagt: "Ich wurde nie unter Druck gesetzt."

Vorläufig steht es 1:1.

Gewinner des Tages...

Foto: Herrenknecht AG/ DPA

...ist Martin Herrenknecht, der weltgrößte Hersteller von Tunnelbohrmaschinen ("We are working legally in the underground"). Er genießt die besondere Aufmerksamkeit der Kanzlerin, seit er im vergangenen Jahr angedroht hatte, aus Frust über die Flüchtlings-, Außen-, vor allem aber Wirtschaftspolitik der Regierung seine CDU-Mitgliedschaft ruhen zu lassen und seine Spenden für die Partei einzuschränken.

Angela Merkel rief ihn daraufhin persönlich an, später traf man sich im Kanzleramt zur Aussprache. Vor wenigen Wochen begleitete der Firmenchef die Kanzlerin nach Peking, heute Nachmittag besucht sie sein Werk in Schwanau (Baden-Württemberg). Nur wenige Wirtschaftsbosse genießen eine solch intensive Zuwendung der Kanzlerin.

Reiner Zufall dürfte sein, dass beide auch ein ähnliches Schicksal teilen: Die Herrenknecht AG stand laut der Unterlagen des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowden auf einer Überwachungsliste der NSA. Der Geheimdienst hatte sich ja bekanntermaßen auch für das Handy der Bundeskanzlerin interessiert.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.

Ihr Martin Knobbe

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