Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


eine deutsche Kapitänin mit dem Namen Carola Rackete, 31, die früher auf Eisbrechern durch die Arktis fuhr, nimmt es vor der Insel Lampedusa in diesen Stunden mit Italiens Innenminister Matteo Salvini auf - und macht damit auf die verkorkste Migrationspolitik Europas aufmerksam. Die funktioniert nämlich so, dass man das ganze Elend unsichtbar macht und outsourct: an libysche Milizen und an den italienischen Türsteher Salvini, der Schiffe mit Migranten nicht mehr anlegen lässt.

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Heft 26/2019
Vater, Nachbar, Killer? Der neue Terror von rechts

Im Land wird Salvini "il capitano" genannt. Dass er es nun mit einer richtigen Kapitänin zu tun bekommt, passt Salvini offensichtlich nicht. Er wetterte auf Twitter ausgiebig über die "Gesetzlosen" und forderte Rackete auf, lieber "Kindern in Deutschland zu helfen".

Die Kapitänin aus Hambühren in Niedersachsen hatte am Mittwoch entschieden, die "Sea Watch 3" nach zwei Wochen auf hoher See in Richtung Lampedusa zu steuern, obwohl sie sich damit strafbar machen würde.

Carola Rackete aus Kiel, deutsche Kapitänin der "Sea-Watch 3"
Till M. Egen/ Sea-Watch.org/ DPA

Carola Rackete aus Kiel, deutsche Kapitänin der "Sea-Watch 3"

Sie sagte: "Ich habe beschlossen, in den Hafen von Lampedusa einzufahren. Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit." Es seien Menschen mit Spuren von Folter an Bord. Meinem Kollegen Steffen Lüdke gab sie ausführlich Auskunft.

Das Schiff befindet sich nun in italienischen Hoheitsgewässern, die Behörden haben es gestoppt. Unabhängig davon, ob es Rackete gelingen wird, das Anlegen zu erzwingen, hat sie es geschafft, das weitgehend aus dem Blickfeld geratene Thema der Migranten auf dem Mittelmeer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen.

G20: Trump gegen Xi

AP

Beim G20-Gipfel im japanischen Osaka treffen ab heute US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping aufeinander - die Hauptkontrahenten des Treffens. Zu einem gemeinsamen Mittagessen wollten sich die beiden Männer erst am Samstag treffen. Dass der Handelskonflikt zwischen den beiden Mächten während des Gipfels beigelegt werden kann, gilt als unwahrscheinlich - auch wenn Trump immer wieder davon sprach, dass er sich einen "Deal" wünsche. Ein Fortschritt wäre es schon, wenn die USA und China nach dem Treffen ihre derzeit eingestellten Verhandlungen wieder aufnehmen würden. Eine Eskalation des Streits hätte für die Weltwirtschaft wohl schwere Folgen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist in Osaka. Vor ihrer Abreise hatte sie bei der Vereidigung der neuen Bundesjustizministerin Christine Lamprecht (SPD) einen rätselhaften Zitteranfall erlitten - den zweiten binnen acht Tagen. Regierungssprecher Steffen Seibert beruhigte anschließend: "Alles findet statt wie geplant. Der Bundeskanzlerin geht es gut." Das ist der Bundeskanzlerin zu wünschen. Die beiden Episoden haben aber zumindest unbeantwortete Fragen aufgeworfen - selbst in einem Land, in dem die Gesundheit von Politikern in der Öffentlichkeit ansonsten kaum diskutiert wird, anders als etwa in den USA.

Iran-Krisengipfel in Wien

Majid Asgaripour/REUTERS/ Mehr News Agency

Die Krise zwischen den USA und Iran ist so ernst, dass ein versehentlicher Krieg eine echte Gefahr ist - und eine diplomatische Lösung mit jeder neuen Eskalation im Gefecht der Worte zwischen Iran und Washington schwieriger scheint. In Wien treffen sich die Iraner heute aber im Palais Coburg mit den verbliebenen Partnern des Atomdeals, den die USA vor einem guten Jahr verlassen haben: Top-Diplomaten aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und China wollen unter Vorsitz der EU-Diplomatin Helga Schmid mit iranischen Vertreten beraten. Dabei wird es um die Frage gehen, ob das Abkommen doch noch irgendwie gerettet werden kann.

Iran hatte eigentlich angekündigt, gestern erstmals gegen einen zentralen Eckpfeiler des Deals zu verstoßen und die festgelegte Obergrenze von 300 Kilogramm an niedrig angereichertem Uran zu überschreiten - das hat es aber nicht getan. Offenbar wartet es das Ergebnis des Wiener Gipfels ab: Seit die USA neue Sanktionen gegen Iran verhängt haben, ist das Land in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Europäer konnten daran trotz vieler Zusagen nichts ändern - und es fällt auch schwer, sich vorzustellen, was sie Teheran bei dem heutigen Treffen anbieten können. Zwar hatten die Europäer angekündigt, für den Zahlungsverkehr im Iran-Geschäft eine von Banken unabhängige Gesellschaft namens Instex zu gründen, weil Banken mit Iran wegen der US-Sanktionen keine Geschäfte mehr machen können. Doch Instex scheint bisher wenig mehr zu sein als eine Adresse.

Mit Beschwichtigungen werden sich die Iraner kaum zufriedengeben. Jeder Verstoß gegen das Abkommen gibt wiederum den USA neue Munition. Lesen Sie ab Freitagabend im neuen SPIEGEL auch unseren großen Report zur Krise am Persischen Golf.

100 Jahre Versailler Vertrag - und seine Folgen

DPA

Heute vor 100 Jahren wurde in Versailles ein Vertrag unterzeichnet, der nach dem Ersten Weltkrieg ewigen Frieden schaffen sollte. Doch der Versailler Vertrag und die übrigen Pariser Vorortverträge schufen in vielerlei Hinsicht genau das Gegenteil. Nicht nur spielten sie in Deutschland den Faschisten in die Hände und trugen eine Mitschuld am Aufstieg Hitlers - sie schufen weltweit neue Konfliktlinien, die sich bis heute auswirken. Und zwar in so weit voneinander entfernten Ländern wie Ungarn, Syrien und China. Mein Kollege Dirk Kurbjuweit erklärt diese Zusammenhänge in einem sehr lesenswerten Text, den sie hier finden.

Gewinner des Tages...

REUTERS

... sind jene demokratischen Präsidentschaftskandidaten, die gestärkt aus den beiden TV-Debatten der vergangenen Nächte hervorgegangen sind - kein leichter Job, sich unter 20 Bewerbern zu profilieren. Die erste Debatte entschied laut den meisten US-Medien die Senatorin Elizabeth Warren für sich, doch die spannendere Debatte fand in der Nacht auf heute statt. Hier traten unter anderem auch Joe Biden und Bernie Sanders gegeneinander an, die beide zu den Favoriten zählen. Mit dabei war auch der junge Bürgermeister Pete Buttigieg, der in den Umfragen bisher ebenfalls gut ankam. Die detaillierte Analyse des Schlagabtausches liefern ihnen heute Morgen unsere US-Korrespondenten Roland Nelles und Marc Pitzke.

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Seite 1
Cascara LF 28.06.2019
1. Öffentlichkeit
Frau Rackete hat es geschafft das Thema wieder an die Öffentlichkeit zu bringen? Es ist die Aufgabe von Journalisten die Öffentlichkeit über solche Dinge zu informieren, nicht von humanitären Helfern Journalisten erst wieder darauf zu stoßen!
Miriam Peterson 28.06.2019
2. Recht?
Diese Frau ist nichts weiter als eine Schlepperin [0]. Wenn es ihr um die Menschen geht, würde Sie diese schon 10 Mal nach Italien, Libyen oder Frankreich gebracht haben. Stattdessen versucht diese "Organisation" durch geplante Manöver dieses Thema in die Zeitungen zu bekommen[1]. Natürlich springt der Spiegel als "Neutrales" Medium darauf voll an. Diese Organisation hat Quoten die diese erfüllen will. Inzwischen gibt es Beweisvideos "Wie" diese mit anderen lokalen Schlepperin arbeiten[2]. Und nochmal ich habe nichts gegen diese Menschen. Man sollte sich aber wirklich gedanken über die den Sinn machen. Der Normale Menschenverstand sagt, "Wenn die Leute in Seenot sind, hilft ihnen und lasst sie wieder möglichst schnell an Land". Stattdessen werden diese mehrere Seemeilen in die EU verschifft. Wenn ich wirklich in Seenot wäre, wäre es mir egal an welchem Land ich wieder rauskomme[0]. Der Normale Menschenverstand sagt doch folgendes, wenn sich jemand in seinem Land verfolgt, unsicher durch Krieg oder sonstwas fühlt, wird er sicher Flüchten (Daraus der Begriff Flüchtling). Wenn diese Person aber eine halbe Weltreise unternimmt, kann man nicht mehr davon Sprechen. Dann ist diese Person ein Wirtschaftsmigrant und sollte auch so behandelt werden[0]. Ich hoffe, dass der Spiegel sei es Offline oder Online sich in Zukunft um die Information und dessen Recherche (Das ist die eigendliche Wertschöpfung) statt um Meinungsbildung kümmert. Ich finde es eine Katastrophe das nun eine Führungsperson vom Spiegel zum Fokus wechselt und (vermutlich) diese denke da durchsetzt[0]. Zum Schluss würde ich mir den Artikel folgendermassen vorstellen: 1. Rechtslage (Ja, Zitieren aus den Gesetzestexten kann man heute) 2. Meinung von Politiker 3. Meinung von Organisation und des Kapitains 4. Keine Meinung von Irgendeinem Author vom Spiegel (Diese interessiert nicht, hat nicht interessiert und wird auch keinen Interessieren. Obendrein hat diese Meinung einfach kein Informationsgehalt). 5. Quellen, was ist mit dem Schiff passiert in den letzten Wochen(Siehe schiffs-radar[1].)? "Angebliche Beweisvideos"? 6. Eine Meinung eines oder am besten mehrerer Wissenschaftler wie man dieses Problem löst. Damit meine ich keine Geisteswissenschaftler (Currywurst-Wissenschaftler, sorry das musste sein) sondern Juristen die sich dazu vielleicht mal Gedanken gemacht haben. Denn die Politik gibt den Juristischen Rahmen vor, die Executive führt diese aus. Soll heissen, macht gescheite Gesetze dann passiert so etwas nicht[0]. Grüße Quelle(n) und Meinungen: [0] Meinung, keine Lust die Arbeit von Spiegel-Redakteuren zu machen. [1] Bewegungen des Schiffes der letzten Wochen (Als würde man es darauf anlegen wollen). schiffs-radar.de [2] Ein Video, für mich als Leie ist dieses Video ziemlich schwer zu faken. https://vid.pr0gramm.com/2019/06/22/399f5e8b1dab0df2.mp4
the_master 28.06.2019
3. Schon wieder
Wieder einmal wollen Deutsche ihren Willen in Europa durchsetzen. Dieser Angriff einer Deutschen auf Italien ist eine Schande und erinnert an die dunkelsten Jahre Deutschlands.
success4us 28.06.2019
4. Migranten?
Na ja - was hier im Artikel als Migranten beschrieben wird sind Illegale Einwanderer. Menschen die illegal, ohne Erlaubnis, ohne Pass in ein Land einreisen wollen sind in mehr als 200 Staaten dieser Welt illegale Migranten oder Einreisende. Vielleicht kann sich Hr von Rohr auch mal an diesen allgemeingültigen Sprachgebrauch halten. Zudem werden Menschen, die diese Einreisen unterstützen oder fördern 'Schlepper' genannt und nicht Kapitän oder sonstwie beschönend
fatherted98 28.06.2019
5. Die Kapitänin...
....sollte sich mal mit Internationalem Seerecht beschäftigen....."der nächste sichere Hafen".....heißt nicht der nächste politisch sichere Hafen...sondern der nächste Hafen in dem man ohne Gefahr für Leib und Leben die Geretteten anlanden kann....insofern verstößt sie genau gegen dieses Seerecht. Zudem macht sie sich zur Helfershelferin von Schleusern, die mit dem Leid der Flüchtlinge Geld verdienen.
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