Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Der Denunziant: ein fieser Möpp

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der späten Eröffnung eines Regionalflughafens. Der Selbstkritik von Wolfgang Schäuble. Und einem besonders unangenehmen Zeitgenossen: dem Denunzianten.

Berlin eröffnet einen Flughafen – exklusiv für Berlin und Brandenburg

Vor zwei Tagen bin ich noch einmal in Berlin-Tegel gelandet. Es war ein seltsames Gefühl, ein Hauch von Abschiedsschmerz. Denn bei allen Nachteilen, die er hatte, mochte ich diesen Flughafen. Er war irgendwie knuffig. Tegel verströmte den Charme des Unzeitgemäßen. Längst im Flughafenrentenalter musste er neun Jahre auf seine Ablöse warten.

Heute wird der Pannenflughafen BER nun endlich eröffnet. Aber hält er auch, was sich viele von ihm versprochen haben? 

Mit dem neuen Berliner Flughafen war stets der Traum verbunden, er könne die Hauptstadt endlich an die große weite Welt anbinden. Interkontinentalflüge gab es von Tegel nämlich kaum. Der BER sollte eine weitere deutsche Drehscheibe werden, neben Frankfurt und München. Doch daraus dürfte nichts werden, analysieren meine Kollegen Dinah Deckstein, Claus Hecking und Martin U. Müller. Es gibt zum Start genau eine Langstreckenverbindung – und die ist genau genommen gar keine. Das Gate für den Airbus A380 hat man ohnehin umsonst gebaut. Airbus hat längst erklärt, die Produktion des Megajets einzustellen. "Der BER wird ein Flughafen für Berlin und Brandenburg sein", glaubt Müller. "Mehr nicht."

Klimarettung oder Freiheit?

Mein Kollege Jonas Schaible und ich haben uns mit der Aktivistin Luisa Neubauer und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zum Gespräch getroffen, um über die Klimakrise zu diskutieren: Welche Schuld trägt die Generation Schäuble? Übertreibt es die Generation Neubauer?

Schäuble, das muss man ihm lassen, zeigte sich äußerst selbstkritisch. "Wir haben es mit dem Kapitalismus übertrieben", gab er beispielsweise zu.

Am spannendsten fand ich die Aussagen der beiden zu dem Problem, dass demokratische Prozesse oft mühsam und langsam sind, zu langsam womöglich, um den Klimawandel zu stoppen. "Wenn ich vor der Alternative stehe, etwas schnell oder langsam durchzusetzen, bin ich eher für langsam", sagte Schäuble. "Denn der Preis für schnelles Handeln ist der Verlust der Freiheit."

Neubauer widersprach heftig: "Der Preis für langsames Handeln ist eine eskalierende Klimakrise. Und nichts wird uns mehr Freiheiten rauben als diese Krise. Je langsamer wir sind, desto größer die Zerstörung, desto größer am Ende die Freiheitseinschränkung." Das Fatale ist: Beide haben in gewisser Hinsicht recht.

DER SPIEGEL 45/2020
Foto:

Illustration: Miriam Migliazzi / Mart Klein / DER SPIEGEL

Trumps Amerika

Was von ihm bleibt - selbst wenn er gehen muss

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Der den Tiger reitet

Seit zwei Jahren regiert ein Mann in Islamabad, den die Welt eigentlich als Sport-Ass und Cricket-Weltmeister kennt, eine Art Franz Beckenbauer des Subkontinents: Imran Khan. Irgendwann hatte der Oxford-Zögling vom Playboy-Leben in London genug. Er ging in die Politik, um die Pakistaner von Armut und Korruption zu befreien. Das ist 24 Jahre her. Jetzt ist der Khan ganz oben angekommen. 

Meine Kollegin Susanne Koelbl traf in Islamabad einen angestrengten Premierminister, der dort mit allerlei Dämonen gleichzeitig ringt: Mit den mächtigen Armee-Generälen, die ihr eigenes finsteres Spiel mit ihm treiben und das Land fest im Griff halten. Mit der Opposition, die sich gegen ihn verschworen hat, seit Khan droht, ihre Anführer wegen krankhafter Kleptokratie hinter Gitter zu bringen. Außerdem ist der Atomstaat mit seinen 220 Millionen Einwohnern eigentlich pleite. Und dann gibt es noch den Nachbarn und Erzfeind Indien, ein Land, für das Khan im Interview drastische Worte findet: "Indien hat die extremste, rassistischste Regierung auf dem Subkontinent und ist eine Bedrohung für seine Nachbarn, selbst für China." Es sei "ein faschistischer Staat, inspiriert von den Nazis in den Zwanziger- und Dreißigerjahren".

Pakistan zu regieren, heißt es, sei, wie einen Tiger zu reiten. Kahn macht gerade diese Erfahrung. Aber er ist fest gewillt, sich noch länger oben zu halten.  

Verlierer des Tages...

...sind alle Denunzianten in Deutschland. Heute meine ich vor allem jenen unangenehmen Zeitgenossen, der vor ein paar Tagen schräg hinter Armin Laschet in einem Flugzeug von Köln nach Berlin saß. (Nein, es war nicht Friedrich Merz). Heimlich fotografierte er Laschet, dessen Maske im Moment der Aufnahme nur an seinem linken Ohr baumelte. Später schickte er die Aufnahme an die "Bild"-Zeitung.

Wie muss man charakterlich drauf sein, um so etwas zu tun? Im Rheinland gibt es für solche Typen einen schönen Begriff: fieser Möpp. Dass die "Bild"-Zeitung, die sich sonst gern scharf über Denunzianten beklagt, das Foto auf ihrer Titelseite präsentierte, machte die Angelegenheit nicht besser.

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