Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


in Deutschland und Europa läuft die Großfahndung nach Anis Amri, dem mutmaßlichen Attentäter von Berlin. Dank der Dokumente, die der Täter im Sattelschlepper deponierte, gibt es nun einen Verdächtigen. Das ist leider nur auf den ersten Blick ein Erfolg, in Wahrheit könnte dahinter ein furchtbares Versäumnis stehen: Die Sicherheitsbehörden wussten, dass Amri gefährlich war, deshalb hatten sie ihn schon im Sommer abschieben wollen, doch dann verloren sie ihn aus den Augen. Es ist ein schrecklicher Gedanke: Hätte das Attentat verhindert werden können? Zwölf Menschen nicht sterben müssen? Dutzende weitere nicht verletzt werden? Ob die Behörden vermeidbare Fehler machten, ob sie überfordert waren oder die Kapazitäten fehlten, spielt dabei schon fast keine Rolle mehr.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 51/2016
Ausgelieferte Patienten, ausgebeutete Ärzte - Innenansicht eines Klinik-Konzerns

Für Kanzlerin Angela Merkel ist der schlimmste denkbare Fall eingetreten: Ein mutmaßlicher Täter, der im vergangenen Jahr als Flüchtling nach Deutschland kam. Und überforderte Behörden, ein Staat, der womöglich versagt hat. Mehr Angriffsfläche können Merkel und ihre Flüchtlingspolitik nicht bieten. Selbst diejenigen, die ihre Flüchtlingspolitik im Grundsatz richtig fanden, haben das Staatsversagen der Silvesternacht von Köln kritisiert. Und nun ist es offenbar wieder geschehen, nur schrecklicher. Von jetzt an wird es keine Rolle mehr spielen, dass der Terror wohl auch ohne Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wäre, dass die Attentate von Nizza, Paris und Brüssel nicht von Flüchtlingen begangen wurden.

Vielleicht werden wir jetzt eine Debatte über die Grenzen von Solidarität und Mitmenschlichkeit führen - ehrlicher, offener, das könnte eine Hoffnung sein. Zu befürchten ist, dass es dafür schon fast zu spät ist, dass gar nicht mehr diskutiert wird, sondern nur noch geschrien, beschuldigt, gehasst.

Alles zum Attentat und zur Fahndung finden Sie in der Titelgeschichte des neuen SPIEGEL, die Sie heute ab 18 Uhr digital lesen können.

AFP

Abschied vom ermordeten Botschafter

Mit einem offiziellen Gedenkakt nimmt Russland heute Abschied von dem in Ankara erschossenen Botschafter Andrej Karlow. Zur Trauerfeier in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche wird auch Präsident Wladimir Putin erwartet. Anschließend wird der Diplomat auf einem Friedhof der russischen Hauptstadt mit militärischen Ehren beigesetzt. Der Präsident hat Karlow posthum den Ehrentitel "Held Russlands" verliehen. Putins große Jahrespressekonferenz wurde deshalb auf Freitag verschoben.

DPA

25 Jahre Nostalgie

Wladimir Putins Massen-PK findet in diesem Jahr zu einem historisch bedeutsamen Zeitpunkt statt. In diesen Tagen jährt sich zum 25. Mal der Zerfall der Sowjetunion. Ende Dezember 1991 trat Michail Gorbatschow als Präsident zurück, von den Türmen des Kreml wurde die sowjetische Fahne eingeholt und die russische gehisst. Putin hat das bekanntlich als die größte geopolitische Katastrophe des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Noch immer bedauern 56 Prozent der Russen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada den Zerfall des sowjetischen Imperiums. Diese Nostalgie ist eine schwere Hypothek - für die Ukraine, für das Baltikum und für Russland selbst. "Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie sich zurückwünscht, keinen Verstand." Wer das gesagt hat? Putin.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinner des Tages...

... sind alle, die jetzt schon ihre Weihnachtsgeschenke beisammen haben. Leider gehöre ich nicht dazu, weshalb ich mich jetzt schleunigst verabschiede und Ihnen ein angstfreies Fest wünsche.

Herzlich,

Ihre Christiane Hoffmann

Korrektur: In einer früheren Version hieß es, die Jahrespressekonferenz von Putin finde heute statt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
licorne 22.12.2016
1. Ich weise darauf hin,
dass die Attentäter von Paris in Syrien zum Dschihad waren und als 'Flüchtlinge' über Deutschland zurück nach Europa kamen.
felisconcolor 22.12.2016
2. Nur
ein Gedanke. Verkauft mir nicht noch mehr Bürgerüberwachung als Kampfmittel gegen den Terror. Es ist jetzt schon zum x-ten Male bewiesen, es funktioniert nicht. Auch nicht noch mehr Überwachung.
StefanZ.. 22.12.2016
3. Wäre, hätte, Fahrradkette
Wir haben es bestenfalls mit den Folgen, der Folgen der Ursachen zu tun. Die Polizeikräfte sind in etwas das allerletzte Glied der Kette. Dort wo es wichtig ist unterbesetzt und unterbefugt, das ist politisch seit längerer Zeit so gewollt. Dazu die entsprechende Samthandschuhgesetzgebung gegenüber Betrügern und Verbrechern. Lügen, Betrügen und Hintergehen wird nicht mehr als das bezeichnet und behandelt was es ist. Und machen wir uns nichts vor, auch die Anschläge in Brüssel und Paris waren nur möglich, weil Waffen und Nahostreisende Verbrecher ohne Probleme quer durch Europa reisen konnten. Der erste Schritt zur Problemlösung ist es, anzuerkennen, dass wir eines haben, und zwar bereits ein gewaltiges. Wenn diese Tage die polnische Regierung anlässlich der Ermordung eines Bürgers mit Entsetzen und Unverständnis auf die neuen Terrorismus-gehört-jetzt-auch-hier-zum-Alltag Zustände in Deutschland verweist, dann sollte das doch hoffentlich Anstoß genug zum Politikwechsel sein. Sollte man meinen. Spät genug ist es. Es ist kein Naturgesetz, dass Mitmenschlichkeit gefälligst nach Tausenden Kilometern Entfernung von Krieg oder örtlicher Armut stattzufinden hat, zum extra Preis der dort klar voraussehbaren Beschädigung gesellschaftlicher Errungenschaften. Das ist keine nachhaltige menschliche gemeinsam-voran-und-aufwärts-Strategie, das ist eher ein blindes wir-ziehen-uns-gegenseitig-hinab.
qewr 22.12.2016
4. Natürlich...
... hätte der Anschlag etwas verhindert werden können: Alle öffentlichen Ansammlungen (Weihnachtsmärkte, Sportveanstaltungenanstaltungen, Gottesdienstbesuche u.v.m.) verbieten. Betonklötze rund um alle Bahnhöfe, Haltestellen, etc.
ofelas 22.12.2016
5. niemand wird die Konsequenzen ziehen muessen
Anfang der 90er Jahre gelesen, alle Bundeslaender haben unterschiedliche Datenbanksysteme und koennen nicht mit einander kommunizieren. Ergbenis Kriminelle koennen nicht effizient verfolgt und identifiziert werden, Asylanten koennen sich mehrfach anmelden und abkassieren etc etc FwD 2016 Talkshow: alle Bundeslaender haben unterschiedliche Datenbanksysteme und koennen nicht mit einander kommunizieren. Ergbenis Kriminelle koennen nicht effizient verfolgt und identifiziert werden, Asylanten koennen sich mehrfach anmelden und abkassieren etc Dafuer gibt es keine Worte!
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